13. bis 15. August 2021Deutsche Botschaft KabulPerspektive des Geschäftsträgers
In der Botschaft Kabul
Du leitest die Deutsche Botschaft in Kabul als Geschäftsträger. Der designierte Botschafter ist noch nicht in Kabul. Am Freitag, dem 13. August, hat der Krisenstab in Berlin getagt. Du warst per Telefon zugeschaltet.
Du siehst nur, was der Geschäftsträger laut Untersuchungsausschuss damals wusste. In vier Schritten triffst du Entscheidungen. Nach jeder Wahl siehst du, was in der Botschaft tatsächlich geschah, mit der Originalstelle aus dem Bericht.
Alle Angaben stammen aus dem Abschlussbericht des 1. Untersuchungsausschusses (Drs. 20/14700). Der Bericht gibt dort auch E-Mails der Botschaft und Aussagen von Zeuginnen und Zeugen wieder. Personen nennen wir nur mit ihrer Funktion. Ortskräfte nennen wir nie mit Namen.
Was du am Freitagnachmittag weißt
Das liegt dir nach der Sitzung des Krisenstabs vor. Jede Karte nennt ihre Fundstelle.
Beschluss aus Berlin
Krisenstufe 3b, aber noch keine Evakuierung
Der Krisenstab hebt die Krisenstufe für Kabul auf 3b an. Er beschließt einen „konkreten Einstieg in die Vorbereitung einer möglichen Evakuierung“. Eine sofortige Evakuierung der Botschaft beschließt er nicht.
Originalstelle„1. Anhebung der Krisenstufe auf 3b 2. Ausdünnung auf Grundlage Vorschlag der Botschaft durch Abt. 1 3. Konkreter Einstieg in die Vorbereitung einer …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„1. Anhebung der Krisenstufe auf 3b 2. Ausdünnung auf Grundlage Vorschlag der Botschaft durch Abt. 1 3. Konkreter Einstieg in die Vorbereitung einer möglichen Evakuierung 4. Entsendung eines KUT [Krisenunterstützungsteam] (AA/BMVg) … 5. Planung und Vorbereitung (im Inland) zur möglichen Entsendung weiterer militärischer Kräfte“
Du hast dem Krisenstab berichtet: Die USA sichern die Green Zone, in der die Botschaft liegt, nur bis zum 31. August. Sie wollen die Deutschen bis dahin „raus haben“.
Originalstelle
„Kurz und Klein : Max. bis zum 31.08.21 … – USA wollen uns bis 31.08. raus haben, bis dahin werden sie ihre Angebote aus MoU [Memorandum of Understanding] umsetzen Airlift zum Airport und aus dem Land.“
Am 12. August hast du nach Berlin gemeldet: Großbritannien verlässt sein Botschaftsgelände und zieht an den Flughafen. Pläne für einen US-Abzug in sieben bis 14 Tagen machen die Runde.
Originalstelle
„Liebe Kolleginnen, wir arbeiten uns in die Rottöne voran; ;-) … bei aller meiner Altersmilde muss ich doch meinem Bedauern Ausdruck verleihen, dass den dringenden Appellen der Botschaft über längere Zeit erst in dieser Woche Abhilfe geschaffen wird.“
Der Landweg gilt seit Langem als ausgeschlossen, weil die Taliban das Land kontrollieren. Der Flughafen Kabul ist die „absolute Schlüsselstelle“ für jede Evakuierung. Mit einer Vereinbarung vom April darf die Botschaft im Notfall US-Hubschrauber zum Flughafen nutzen, je nachdem, was verfügbar ist.
Originalstelle„Frühzeitig, schon Ende 2020, im Rahmen unserer Vorbereitung auf ein Post-RS-Szenario war klar: Der Flughafen ist die absolute Schlüsselstelle, wenn …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Frühzeitig, schon Ende 2020, im Rahmen unserer Vorbereitung auf ein Post-RS-Szenario war klar: Der Flughafen ist die absolute Schlüsselstelle, wenn es darum geht, in einem Krisenfall Menschen außer Landes zu bringen. Der Landweg konnte de facto quasi ausgeschlossen werden, besonders aufgrund der Kontrolle der Taliban in der Fläche. Andere Flughäfen haben sich dann spätestens mit der Aufgabe von Bagram [am 2. Juli 2021] von amerikanischer Seite erübrigt. Das heißt, dieser eine Flughafen war die absolute Schlüsselstelle für unsere eigene Evakuierungsmöglichkeit, aber auch die Evakuierung deutscher Staatsangehöriger oder eben anderer Schutzbedürftiger, wie zum Beispiel den Ortskräften.“
Originalstelle„Es wurde am 29. April 2021 durch den deutschen Botschafter in Kabul Zeidler unterzeichnet. Laut Aussage des Botschafters sei vereinbart worden, dass …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Es wurde am 29. April 2021 durch den deutschen Botschafter in Kabul Zeidler unterzeichnet. Laut Aussage des Botschafters sei vereinbart worden, dass die Deutsche Botschaft Kabul „im Ernstfall auf die Hubschrauber der amerikanischen Kollegen nach Verfügbarkeit“ zurückgreifen könne, „um den kritischen Teil des Transports im Falle einer notwendigen Evakuierung von unserer Botschaft zum Flughafen durchführen zu können“.“
Die Vereinbarung mit den USA gilt nur für das aus Deutschland entsandte Personal. In der Evakuierungsplanung der Botschaft sind die Ortskräfte und ihre Familien bei den Hubschrauberplätzen nicht eingerechnet.
Originalstelle„Es wurde am 29. April 2021 durch den deutschen Botschafter in Kabul Zeidler unterzeichnet. Laut Aussage des Botschafters sei vereinbart worden, dass …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Es wurde am 29. April 2021 durch den deutschen Botschafter in Kabul Zeidler unterzeichnet. Laut Aussage des Botschafters sei vereinbart worden, dass die Deutsche Botschaft Kabul „im Ernstfall auf die Hubschrauber der amerikanischen Kollegen nach Verfügbarkeit“ zurückgreifen könne, „um den kritischen Teil des Transports im Falle einer notwendigen Evakuierung von unserer Botschaft zum Flughafen durchführen zu können“.“
„Daraus ist auch abzusehen, dass bei den Kalkulationen der Hubschrauberkapazitäten in der Tat Evakuierungen von Ortskräften für den Transport zum Flughafen nicht einkalkuliert wurden.“
Seit dem 6. August erobern die Taliban Provinzhauptstädte. Am 12. August fällt Ghazni. Der BND hält eine Einnahme Kabuls vor dem 11. September weiter für „eher unwahrscheinlich“.
Originalstelle„Ab dem 6. August 2021 nahmen die Taliban mit der Hauptstadt der Provinz Nimruz erstmals Provinzhauptstädte ein und übten am 10. August 2021 bereits …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Ab dem 6. August 2021 nahmen die Taliban mit der Hauptstadt der Provinz Nimruz erstmals Provinzhauptstädte ein und übten am 10. August 2021 bereits die Kontrolle über acht von 34 Provinzhauptstädten aus. … Mit der Stadt Ghazni sind innerhalb weniger als einer Woche zehn Provinzhauptstädte an die Islamisten gefallen.“
Originalstelle„Lagevortrag: TLB-Führung derzeit kein Interesse an mil. Einnahme Kabuls, aber Einfluss auf mil. Operationsführung der TLB nicht uneingeschränkt …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Lagevortrag: TLB-Führung derzeit kein Interesse an mil. Einnahme Kabuls, aber Einfluss auf mil. Operationsführung der TLB nicht uneingeschränkt gegeben; Übernahme Kabuls durch TLB vor 11.9. eher unwahrscheinlich. Vollständiger mil. Abzug der IG, diplom. Absetzbewegungen oder Ausreise der AFG Eliten würden Prozess beschleunigen.“
Bereitest du die Botschaft schon jetzt auf die Abreise vor?
Berlin hat keine Evakuierung beschlossen. Die Nachbarbotschaften packen. In der Botschaft liegen Akten, Datenträger und Geräte, die nicht in fremde Hände fallen dürfen.
Was der Krisenstab beschlossen hat
Krisenstufe 3b bedeutet: Die Botschaft wird weiter verkleinert, sie bleibt aber geöffnet. Stufe 4 wäre die Schließung. Eine feste Regel, ab wann eine Botschaft schließt, gibt es nicht.
Originalstelle„Im Untersuchungszeitraum galt für die Botschaft die Krisenstufe 3a, die in der Krisenstabssitzung am 13. August 2021 auf die Stufe 3b angehoben …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Im Untersuchungszeitraum galt für die Botschaft die Krisenstufe 3a, die in der Krisenstabssitzung am 13. August 2021 auf die Stufe 3b angehoben wurde. Der Zeuge Dr. Jokisch hat erklärt, dass das Botschaftspersonal im gesamten Untersuchungszeitraum bereits „sehr stark reduziert“ gewesen und „nur noch wenige Entsandte im Rotationsmodus vor Ort“ in Kabul gewesen seien.“
„Aufgrund der besonderen Bedeutung der DEU AV KABUL und den zahlreichen Faktoren, die die Lageentwicklung beeinflussen werden (Prognoseelement), werden Trigger oder Automatismen kaum zu entwickeln sein.“
Die Botschaft aus eigenem Entschluss vorbereiten: Unterlagen vernichten, die Abreise planen
Berlin bitten, die Botschaft sofort zu schließen
Was der Geschäftsträger tat
Befund · Bericht · 13. August 2021
Die Botschaft aus eigenem Entschluss vorbereiten: Unterlagen vernichten, die Abreise planen
Der Geschäftsträger entscheidet am 13. August selbst, die Botschaft auf eine Evakuierung vorzubereiten. Grund sind die Ankündigungen der USA und Großbritanniens. Am 13. und 14. August wird Material geschreddert und verbrannt. Auch der Leiter der BND-Residentur löst am 13. August die „Evakuierungsstufe 1“ aus.
Originalstelle: der Geschäftsträger als Zeuge vor dem Ausschuss
„Berlin wollte die ja nicht zu dem Zeitpunkt treffen, wo ich die treffen wollte. Das ist ein objektiver Tatbestand. … Wir müssen jetzt handeln. Wir müssen das Ding jetzt vorbereiten.“
Was nicht mehr in den Schredder passt, wird in großen Tonnen verbrannt. Die Tonnen brennen den ganzen Freitag und Samstag.
Originalstelle
„Da haben wir am Anfang noch geschreddert. Wir haben aber später große Tonnen gehabt und da diese ganzen Dinge reingeworfen und verbrannt. Und diese Tonnen brannten auch den ganzen Freitag und den ganzen Samstag, also durchgehend.“
Er erlebte das Ergebnis der Krisenstabssitzung als Tiefpunkt. Die Botschaft habe mit der Vernichtung der Unterlagen schon Maßnahmen der Krisenstufe 4 umgesetzt.
Originalstelle: der Geschäftsträger als Zeuge vor dem Ausschuss
„Wir sind auf uns selbst gestellt, wir sind allein.“
Schritt 2 von 4 · Bleiben oder verlegen · Samstag, 14. August
Soll die Botschaft an den Flughafen?
Am Samstag kommen neue Hinweise. Die US-Botschaft will ihr Visa-Programm sofort einstellen und die Green Zone verlassen. Erst heißt es: in 72 Stunden. Am Nachmittag heißt es: in 48 Stunden. Der Sicherheitsberater der Botschaft sieht fast viertelstündlich US-Hubschrauber zum Flughafen fliegen.
Originalstelle
„[D]ass die US-Botschaft ab sofort ihr Special Immigration Visa (SIV) Programm einstell[en] [werde] und die US-Botschaft innerhalb der nächsten 72 Stunden verlassen werde.“
Er schreibt dir am Samstag: Bleibt in der Botschaft. Die Taliban seien „nicht feindlich gesinnt“. Er wolle am Montag mit Soldaten des KSK nachkommen. Du und der Sicherheitsberater widersprecht: Ihr haltet diese Einschätzung für Spekulation.
Originalstelle
„[E]r hat mir … das Szenario beschrieben, dass die Taliban uns nicht feindlich gesinnt sind … und hat gesagt, dass die Pläne, zum Flughafen zu verlegen, nicht angezeigt sind … und dafür würde er mir eine gewisse Anzahl von KSK-Soldaten zur Verfügung stellen.“
Die deutsche Botschaft in Washington erfährt dort etwas anderes: Die US-Botschaft in Kabul werde nur „runtergefahren“, ein Kern bleibe. An den Flughafen ziehe sie erst Ende des Monats. Kabul, Washington und Berlin haben an diesem Tag kein gemeinsames Bild.
Originalstelle
„Im Moment geht einiges durcheinander.[…]. Wir haben klare Rückmeldung aus Washington dass USA weiterhin die Sicherung der Green Zone übernehmen.“
Weiter in der Botschaft arbeiten, wie es der designierte Botschafter vorschlägt
Berlin dringend um eine Entscheidung bitten, ob die Botschaft bleibt
Ohne Weisung mit dem Personal an den Flughafen ziehen
Was der Geschäftsträger tat
Befund · Bericht · 14. August 2021
Berlin dringend um eine Entscheidung bitten, ob die Botschaft bleibt
Der Geschäftsträger bittet das Auswärtige Amt per E-Mail dringend um eine Entscheidung über den Verbleib der Botschaft. Er schreibt, die Botschaft mache sich schon seit mehreren Tagen startklar.
Originalstelle: E-Mail des Geschäftsträgers nach Berlin, 14. August 2021
„MOA/MOU heißt, wir MÜSSEN JETZT FARBE BEKENNEN UND ENTSCHEIDEN.“
In einer Telefonschalte im Auswärtigen Amt unter Leitung einer Staatssekretärin fällt die Entscheidung: Die Botschaft soll zum frühestmöglichen Zeitpunkt an den Flughafen ziehen. Der Außenminister billigt das.
Originalstelle
„Wir haben beschlossen, dass, wenn ihr alle voll arbeitsfähig am Flughafen sein könnt, dann alle in die dort bereitstehenden Container umziehen können.“
Der Leiter des Krisenreaktionszentrums ruft an. Die Botschaft soll umziehen, aber am Flughafen „voll arbeitsfähig“ bleiben. Der Geschäftsträger hält das nicht für machbar. Container gibt es am Flughafen nicht.
Originalstelle: Leiter des Krisenreaktionszentrums, wiedergegeben vom Geschäftsträger
„Wir haben beschlossen, dass, wenn ihr alle voll arbeitsfähig am Flughafen sein könnt, dann alle in die dort bereitstehenden Container umziehen können.“
Nach einem weiteren Telefonat mit Kabul meldet der Leiter des Krisenreaktionszentrums in Berlin: Die USA haben ihre Botschaft geschlossen. Die Green Zone ist damit nicht mehr gesichert. Die Botschaft bittet um schnellstmögliche Evakuierung.
Originalstelle
„Weitere allerjüngste Lageverschärfung: USA haben ihre Botschaft bereits – jetzt – geschlossen. GZ [Green Zone] damit nicht mehr gesichert. Petitum der Botschaft für schnellstmögliche Evakuierung.“
Für die Botschaft arbeiten afghanische Ortskräfte. Die Pläne für eine Evakuierung der Botschaft sehen sie nicht vor. Für sie gibt es das Ortskräfteverfahren, also einen Antrag auf Aufnahme in Deutschland.
Originalstelle
„Daraus ist auch abzusehen, dass bei den Kalkulationen der Hubschrauberkapazitäten in der Tat Evakuierungen von Ortskräften für den Transport zum Flughafen nicht einkalkuliert wurden.“
Themen der Sitzung waren die Sicherheit der Botschaft, das Ortskräfteverfahren und Charterflüge. Ein Charterflug für Ortskräfte war für Montag, den 16. August, organisiert.
Originalstelle„[Jokisch:] Noch in der Krisenstabssitzung vom 13. August 2021 sei laut Aussage des Zeugen Dr. Jokisch geplant gewesen, zivile Charterflüge in den …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„[Jokisch:] Noch in der Krisenstabssitzung vom 13. August 2021 sei laut Aussage des Zeugen Dr. Jokisch geplant gewesen, zivile Charterflüge in den folgenden Tagen einzusetzen. Auch das Lagebild habe sich am Freitag, den 13. August 2021, noch so dargestellt, „dass man das [am] Montag“ auf dem Flughafen in Kabul hätte umsetzen können. … Am Wochenende hätten sich die Ereignisse dann „aber eben sehr stark beschleunigt“.“
„Ausweislich des Protokolls wurden in der Krisenstabssitzung die Themen „Sicherheit der AV [Auslandsvertretung], Lageentwicklung“ und „Ortskräfteverfahren, Charterflüge“ thematisiert.“
Sie weiter normal arbeiten lassen und nichts ankündigen
Ihre Anträge im Ortskräfteverfahren vorbereiten
Sie nach Hause schicken, damit sie nicht in der Green Zone festsitzen
Versuchen, sie bei der eigenen Abreise mitzunehmen
Was der Bericht dazu festhält
Befund · Bericht · 12. bis 15. August 2021
Anträge vorbereitet, am Sonntag nach Hause geschickt
Für diese Tage schildert der Bericht vor allem, was mit den Ortskräften der BND-Residentur geschah. Die Residentur war in die Botschaft eingebunden. Ihr Leiter sagte als Zeuge: Anfang August oder am 12. August habe man die Lokalbeschäftigten zusammen mit der Botschaft ins Ortskräfteverfahren überführt.
Am Sonntagvormittag, gegen 11 Uhr, werden die Ortskräfte der Residentur nach Hause geschickt. Sie sollen sich dort verborgen halten. Im Konvoi der Botschaft fahren sie nicht mit.
Originalstelle: Leiter der BND-Residentur als Zeuge (nichtöffentliche Vernehmung)
„wir als Partikel des BND, der in die Botschaft integriert ist, haben zusammen mit der Botschaft unsere Lokalbeschäftigten ins Ortskräfteverfahren überführt und dazu die Papiere ausgefüllt.“
Quelle:Drs. 20/14700, S. 962 (PDF) ↗ · Sten. Protokoll 20/60 II, S. 4; Wortlaut veröffentlicht im Sondervotum der FDP-Fraktion
Originalstelle„In Bezug auf die Ortskräfte des BND hat der Zeuge T. G. ausgesagt, dass für sie am 15. August noch der reguläre Dienst bis 12.00 Uhr vorgesehen …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„In Bezug auf die Ortskräfte des BND hat der Zeuge T. G. ausgesagt, dass für sie am 15. August noch der reguläre Dienst bis 12.00 Uhr vorgesehen gewesen sei. Gegen 11.00 Uhr sei klar geworden, dass die Lage möglicherweise kippen werde. Die Ortskräfte seien daraufhin nach Hause geschickt worden, sodass sie im Ergebnis nicht Teil des Evakuierungskonvois zur Liegenschaft der Deutschen Botschaft Kabul in der Green Zone gewesen seien. Die Ortskräfte seien an den Tagen zuvor auf die Evakuierung vorbereitet worden.“
Der Krisenstab entscheidet, auch Ortskräfte und andere schutzbedürftige Menschen zu evakuieren. Der Kreis der Menschen wächst damit an einem Tag von 300 bis 400 auf 10.000 bis 20.000.
Originalstelle: Leiter des Krisenreaktionszentrums als Zeuge
„Damit wurden in einem Tag aus 300 bis 400 Personen 10 000 bis 20 000 Personen.“
Der für Montag geplante Charterflug für Ortskräfte findet nicht mehr statt. Die Ereignisse haben ihn überholt.
Originalstelle„[Jokisch:] Noch in der Krisenstabssitzung vom 13. August 2021 sei laut Aussage des Zeugen Dr. Jokisch geplant gewesen, zivile Charterflüge in den …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„[Jokisch:] Noch in der Krisenstabssitzung vom 13. August 2021 sei laut Aussage des Zeugen Dr. Jokisch geplant gewesen, zivile Charterflüge in den folgenden Tagen einzusetzen. Auch das Lagebild habe sich am Freitag, den 13. August 2021, noch so dargestellt, „dass man das [am] Montag“ auf dem Flughafen in Kabul hätte umsetzen können. … Am Wochenende hätten sich die Ereignisse dann „aber eben sehr stark beschleunigt“.“
Am Sonntagmorgen zeigt sich: Die US-Sicherheitskräfte haben die Green Zone in der Nacht geräumt. Großbritannien hat seine Botschaft schon in der Nacht evakuiert. Der Sicherheitsberater der Botschaft ruft seinen US-Kollegen an. Der letzte US-Flug gehe gegen 16 oder 17 Uhr. Auf die Frage nach Hilfe für etwa 80 Menschen antwortet er: „Come now or never“.
Originalstelle„Und hier in Kabul hat eine Person – wir wissen nicht, wer – entschieden, die Green Zone zu räumen. Das hat für die Sicherheitskräfte in Kabul, für …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Und hier in Kabul hat eine Person – wir wissen nicht, wer – entschieden, die Green Zone zu räumen. Das hat für die Sicherheitskräfte in Kabul, für Ghani, für ganz Afghanistan das Signal gegeben: Die internationale Gemeinschaft gibt uns auf. Und das war letztendlich der Knackpunkt, warum Kabul gefallen ist.“
„Und da hat er mich gefragt, von wie vielen Leuten spreche ich denn. Ich habe ein bisschen höher gegriffen als die tatsächliche Zahl. Ich habe, glaube ich, 80 gesagt oder so was. Und dann sagte er zu mir: Come now or never.“
Auf der Straße ist kein Durchkommen. Die Zufahrten sind verstopft. Ein Konvoi aus 27 Fahrzeugen der Botschaft wäre zu auffällig. Die US-Botschaft fordert dazu auf, sofort zum früheren Hauptquartier der NATO-Mission Resolute Support zu kommen. Von dort fliegen Hubschrauber.
Originalstelle
„Und da hat er mich gefragt, von wie vielen Leuten spreche ich denn. Ich habe ein bisschen höher gegriffen als die tatsächliche Zahl. Ich habe, glaube ich, 80 gesagt oder so was. Und dann sagte er zu mir: Come now or never.“
Originalstelle„– Landverlegung zum HKIA leider weiterhin nicht möglich, angeblich erste Auseinandersetzungen nicht mit TLB sondern afgh. Ausreisewillige …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„– Landverlegung zum HKIA leider weiterhin nicht möglich, angeblich erste Auseinandersetzungen nicht mit TLB sondern afgh. Ausreisewillige untereinander. Ausschreitungen am Aiport Circle. – US Botschaft fordert zur sofortigen Verlegung zum alten HQ RS auf. – Wir machen uns abmarschbereit! HABEN WIR GRÜNES LICHT?!“
Für eigenständige Entscheidungen ist der Geschäftsträger nach eigener Aussage am Samstag kritisiert worden.
Originalstelle„– Landverlegung zum HKIA leider weiterhin nicht möglich, angeblich erste Auseinandersetzungen nicht mit TLB sondern afgh. Ausreisewillige …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„– Landverlegung zum HKIA leider weiterhin nicht möglich, angeblich erste Auseinandersetzungen nicht mit TLB sondern afgh. Ausreisewillige untereinander. Ausschreitungen am Aiport Circle. – US Botschaft fordert zur sofortigen Verlegung zum alten HQ RS auf. – Wir machen uns abmarschbereit! HABEN WIR GRÜNES LICHT?!“
Berlin um Freigabe bitten und dabei schon alles für die Abreise vorbereiten
Sofort zu den US-Hubschraubern aufbrechen, ohne Rückfrage
Was der Geschäftsträger tat
Befund · Bericht · 15. August 2021
Berlin um Freigabe bitten und dabei schon alles für die Abreise vorbereiten
Der Geschäftsträger bittet das Krisenreaktionszentrum per E-Mail um „grünes Licht“ für die Evakuierung mit den USA. Eine Minute später kommt die Antwort: „Haben Sie!“ Er wollte eine Entscheidung aus Berlin, weil er am Vortag für eigenständiges Handeln kritisiert worden sei.
Originalstelle: E-Mail des Geschäftsträgers nach Berlin, 15. August 2021
„Landverlegung zum HKIA leider weiterhin nicht möglich … US Botschaft fordert zur sofortigen Verlegung zum alten HQ RS auf. – Wir machen uns abmarschbereit! HABEN WIR GRÜNES LICHT?!“
Die Festplatten der Botschaft werden mit dem Hammer zerschlagen. Eine letzte E-Mail meldet: Die Botschaft ist nur noch per Telefon erreichbar.
Originalstelle„Und dann habe ich: „Okay, wir zerstören jetzt die IT - - Die standen schon mit einem Hammer und einem Ding da. Die Platten wurden ja physisch …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Und dann habe ich: „Okay, wir zerstören jetzt die IT - - Die standen schon mit einem Hammer und einem Ding da. Die Platten wurden ja physisch zerschlagen. Der stand schon bei mir vor der Tür und wartete, weil ich halt gesagt habe: Nö, nö, ich bleibe hier, bis Berlin grünes Licht gibt. - Und dann habe ich diese letzte Mail gemacht, die auch irgendjemand geleakt hat - die war in irgendeiner Zeitung-, dass wir jetzt die IT zerschlagen und nur noch per Telefon zu erreichen sind. „Schönen Sonntag noch; Ende Gelände“.“
Der Konvoi verlässt die Botschaft. Vom früheren Hauptquartier Resolute Support fliegen US-Hubschrauber das Personal der Botschaft und des BND in den militärischen Teil des Flughafens.
Originalstelle: Leiter der BND-Residentur als Zeuge
„Es hat eher einer Flucht geglichen als einer kontrollierten Evakuierung.“
Der Krisenstab beschließt, wegen „Gefahr in Verzug“ sofort eine militärische Evakuierungsoperation zu beginnen.
Originalstelle„Im Krisenstab wurde entschieden, aufgrund der Dringlichkeit der Lageentwicklung in Afghanistan unverzüglich eine militärische Evakuierungsoperation …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Im Krisenstab wurde entschieden, aufgrund der Dringlichkeit der Lageentwicklung in Afghanistan unverzüglich eine militärische Evakuierungsoperation zu beginnen. Wegen Gefahr in Verzug ist es im vorliegenden Fall der Bundesregierung nicht möglich, die Zustimmung des Bundestages zu diesem Einsatz vor Beginn einzuholen.“
Hier steht deine Wahl neben dem, was damals geschah. Deine Wahl wird nicht bewertet. Du kanntest die Lage so, wie sie der Botschaft vorlag. Wie schnell sich alles am Sonntag ändern würde, wusste niemand in der Botschaft.
Schritt 1: Vorbereitung
Deine Wahl
Noch nicht entschieden
Was damals geschah
Vorbereitung aus eigenem Entschluss, Material wird vernichtet
Was danach folgte
Tonnen mit Akten brennen am Freitag und Samstag
Schritt 2: Bleiben oder verlegen
Deine Wahl
Noch nicht entschieden
Was damals geschah
Dringende Bitte um Entscheidung nach Berlin
Was danach folgte
Am Abend: Berlin entscheidet die Verlegung an den Flughafen
Schritt 3: Ortskräfte
Deine Wahl
Noch nicht entschieden
Was damals geschah
Anträge vorbereitet, am Sonntag nach Hause geschickt
Was danach folgte
Am 15. August beschließt Berlin, auch Ortskräfte zu evakuieren
Schritt 4: Sonntag
Deine Wahl
Noch nicht entschieden
Was damals geschah
Bitte um „grünes Licht“, eine Minute später die Freigabe
Was danach folgte
Evakuierung mit US-Hubschraubern an den Flughafen
Was die Gremien daraus ableiten
Der Untersuchungsausschuss und die Enquete-Kommission haben aus diesen Tagen Schlüsse gezogen. Die Enquete-Kommission hat gemeinsame Empfehlungen beschlossen. Der Untersuchungsausschuss hat keine gemeinsamen Empfehlungen; die Fraktionen haben eigene formuliert.
Votum · Originalstelle„Man muss dabei aber einen klaren Plan B für den Worst Case haben und darf nicht den richtigen Zeitpunkt für die Vorbereitung des Krisenfalls …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Man muss dabei aber einen klaren Plan B für den Worst Case haben und darf nicht den richtigen Zeitpunkt für die Vorbereitung des Krisenfalls verpassen aus Sorge, dass solche Maßnahmen die falschen Signale aussenden. Diese Handlungsempfehlung betrifft – wie die Einzelkapitel dieser Bewertung zeigen – alle wesentlichen Themenbereiche des Untersuchungsauftrags.“
Die politische Spitze entscheidet, wann der Krisenmodus beginnt
Votum · Originalstelle„Es ist die Politik, die aus diesen Einschätzungen Handlungen ableiten muss, nicht die Verwaltung allein. Hausleitungen sollten an der Definition von …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Es ist die Politik, die aus diesen Einschätzungen Handlungen ableiten muss, nicht die Verwaltung allein. Hausleitungen sollten an der Definition von möglichen Kipppunkten in Einsätzen maßgeblich mitwirken und politisch entscheiden, ab wann in einen Krisenmodus gewechselt wird.“
Ortskräfte in Evakuierungsplänen berücksichtigen und die Bundeswehr frühzeitig informieren
Votum · Originalstelle„Wir regen an, dass alle Ministerien ebensolche Schutzkonzepte entwickeln und diese den Ortskräften frühzeitig kommunizieren. Die Bundeswehr muss …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Wir regen an, dass alle Ministerien ebensolche Schutzkonzepte entwickeln und diese den Ortskräften frühzeitig kommunizieren. Die Bundeswehr muss unabhängig davon, ob sie zur Amtshilfe im Rahmen einer Luftabholung oder mit eigenem Kommando im Rahmen einer militärischen Evakuierungsoperation hinzugezogen werden könnte, regelmäßig von den anderen Ressorts darüber in Kenntnis gesetzt werden, mit wie vielen Ausreisenden im Falle einer spontanen Evakuierung/Abholung maximal zu rechnen wäre.“
Die Zahl der möglichen Evakuierten realistischer berechnen
Votum · Originalstelle
„Falls noch nicht geschehen, sollte hier dringend die Berechnungsgrundlage für die rechnerische Erweiterung der ELEFAND-Liste auf eine andere Formelgrundlage gestellt werden.“
Votum · Originalstelle„Daher muss in allen sicherheitsrelevanten Ministerien und Behörden die Analysefähigkeit auch an Wochenenden und Feiertagen sichergestellt sein. …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Daher muss in allen sicherheitsrelevanten Ministerien und Behörden die Analysefähigkeit auch an Wochenenden und Feiertagen sichergestellt sein. Hierfür ist es zwingend erforderlich, dass auch zu diesen Zeiten tiefergehende Analysefähigkeiten im Dienst sind. Dies ist belegschaftsschonend umzusetzen.“
Das Votum enthält keinen Empfehlungsteil und keine Empfehlung zu Krisenvorsorge, Evakuierung oder Ortskräften. Die einzige sachpolitische Aussage betrifft Auslandseinsätze allgemein.