Originalstelle„Der Ausschuss hat im Rahmen einer Sachverständigenanhörung am 22. September 2022 insgesamt zwölf Sachverständige in zwei Panels zur Lage in …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Der Ausschuss hat im Rahmen einer Sachverständigenanhörung am 22. September 2022 insgesamt zwölf Sachverständige in zwei Panels zur Lage in Afghanistan zur Zeit des Doha-Abkommens angehört. Das erste Panel hatte die Lage der Zivilgesellschaft zum Gegenstand, das zweite Panel hat sich mit der militärischen Lage in Afghanistan im Untersuchungszeitraum befasst.“
Der Ausschuss hörte am 22.09.2022 zwölf Sachverständige in zwei Panels an: Panel 1 Zivilgesellschaft und Stabilität (u. a. Dube, Mielke, Petersmann, Schetter, Safi, Zeino); Panel 2 Sicherheitslage und militärische Lage (u. a. Domröse, Gailani, Jalil, Kaim, Marty, Zerbin). Die schriftlichen Stellungnahmen sind in `daten/stellungnahmen/` einzeln erfasst. Die folgenden Claims `ab-t2k1-012` bis `ab-t2k1-018` fassen die zentralen Befunde aus der Ausschuss-Sicht.
Originalstelle„Für den Zusammenbruch der afghanischen Regierung werden in der Stellungnahme folgende Faktoren genannt: 1. Die afghanische Regierung glaubte nicht …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Für den Zusammenbruch der afghanischen Regierung werden in der Stellungnahme folgende Faktoren genannt: 1. Die afghanische Regierung glaubte nicht, dass die USA tatsächlich abziehen würden … 2. Die afghanische Regierung wurde durch den Ausschluss von den Gesprächen zwischen den USA und den Taliban geschwächt und unterminiert. … Die dargelegten Thesen zum Zusammenbruch der afghanischen Sicherheitskräfte lauten folgendermaßen: 1. Das Abkommen zwischen den USA und den Taliban und der anschließende Abzug der amerikanischen Streitkräfte und Vertragsnehmer zerstörten die Moral der ANDSF. …“
Sopko und Young (SIGAR) fassten in ihrer Stellungnahme jeweils sechs Faktoren zusammen. Regierungszusammenbruch: (1) Regierung glaubte nicht an US-Abzug; (2) Schwächung durch Ausschluss aus US-Taliban-Gesprächen; (3) Beharren auf Taliban-Integration; (4) Taliban nicht kompromissbereit; (5) Ghani regierte mit engem Loyalistenkreis; (6) starke Zentralisierung, Legitimitätsringen, endemische Korruption. ANDSF-Zusammenbruch: (1) Abkommen zerstörte ANDSF-Moral; (2) Streichung US-Luftschläge; (3) ANDSF nie selbsterhaltend; (4) Politisierung und häufiger Austausch der Sicherheitschefs; (5) kein nationaler Sicherheitsplan; (6) Taliban nutzten ANDSF-Schwächen effektiv aus.
Originalstelle„Im Nachgang zur Machtübergabe in Kabul gab es innerhalb einiger Ressorts und Behörden einen strukturierten Lessons-learned-Prozess. Insbesondere BMVg …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Im Nachgang zur Machtübergabe in Kabul gab es innerhalb einiger Ressorts und Behörden einen strukturierten Lessons-learned-Prozess. Insbesondere BMVg und BND betrieben dies gezielt und mit großem Aufwand. Dem AA fehlte jedoch laut dem damaligen Außenminister Maas während seiner Amtszeit „schlicht die Zeit“ für einen solchen Prozess der Aufarbeitung.“
Im Nachgang zur Machtübergabe gab es in einigen Ressorts strukturierte Lessons-learned-Prozesse, gezielt und mit großem Aufwand v.a. bei BMVg und BND. Im AA fehlte laut Maas während seiner Amtszeit „schlicht die Zeit“ für eine solche Aufarbeitung.
Originalstelle„Die einzelnen Rückmeldungen wurden in die Kategorien „Gut war“, „Schlecht war“ und „Besser wär‘ gewesen“ untergliedert. Zudem erfolgte eine zeitliche …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die einzelnen Rückmeldungen wurden in die Kategorien „Gut war“, „Schlecht war“ und „Besser wär‘ gewesen“ untergliedert. Zudem erfolgte eine zeitliche Unterteilung in die Abschnitte „Vor dem Fall Kabuls - die Ereignisse bis 15.08.2021“, „Akute Krise, inklusive Evakuierung von Bo Kabul, und militärische Evakuierung bis 31.08.2021“ und „[s]eit September 2021“. Die Ergebnisse wurden durch die Zeugin Dr. H. an verschiedene Referate im AA, insbesondere das Länderreferat und das Krisenreaktionszentrum, sowie an den damaligen Sonderbeauftragten Potzel verschickt. Über den weiteren Umgang mit dieser Initiative der Arbeitsebene liegen keine Informationen vor.“
Das Personal der Botschaft Kabul führte unter Leitung der Referentin Dr. H. eine anonyme Feedbackrunde durch (Kategorien „Gut war“, „Schlecht war“, „Besser wär' gewesen“). Unter „Besser wär' gewesen“ für den Zeitabschnitt vor dem Fall Kabuls wurden u. a. notiert: „Realistischeres Lagebild in Berlin“ und „effektivere Einbindung der Botschaft in Entscheidungsprozesse in Berlin“. Über den weiteren Umgang mit der Initiative der Arbeitsebene lägen dem Ausschuss keine Informationen vor. Die Ergebnisse wurden u. a. an Länderreferat, Krisenreaktionszentrum und Sonderbeauftragten Potzel verschickt.
„Weitergabe von Kontaktdaten von am Flughafen Aktiven an AfghanInnen - Ungefiltertes Durchtreten unabgestimmter Listen und persönlichen Evakuierungswünschen von allen Seiten; dadurch im Ergebnis wirkungslose Überlastung des Systems in Taschkent und Kabul.“
Unter „Schlecht war“ für die akute Krise (bis 31.08.2021) wurde in der Feedbackrunde der Botschaft Kabul festgehalten: ungefilterte Weitergabe von Kontaktdaten von Flughafen-Aktiven an Afghaninnen und Afghanen sowie ungefiltertes Durchtreten unabgestimmter Listen und persönlicher Evakuierungswünsche „von allen Seiten“. Folge war eine wirkungslose Überlastung des Systems in Taschkent und Kabul. Dr. H. berichtete von enormer E-Mail-Flut, vielen Einzelfällen aus dem Haus und über Abgeordnete sowie von Frustration im Team.
Originalstelle„Der Zeuge Dr. Jokisch, Leiter des Krisenreaktionszentrums im AA, hat in seiner Vernehmung erklärt, dass man für eine Evakuierung von einer so großen …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Der Zeuge Dr. Jokisch, Leiter des Krisenreaktionszentrums im AA, hat in seiner Vernehmung erklärt, dass man für eine Evakuierung von einer so großen Anzahl an Personen „nicht aufgestellt“ gewesen sei. Im Hinblick auf das Krisenreaktionszentrum sei im Nachgang der Evakuierungsoperation ein „umfassende[r] Erneuerungsprozess“ angestoßen worden. Dabei habe es Verbesserungen sowohl auf „technischer“ als auch auf „personeller“ Ebene gegeben.“
Dr. Jokisch (Leiter Krisenreaktionszentrum) erklärte, das KRZ sei für eine Evakuierung dieser Größe „nicht aufgestellt“ gewesen; angestoßen worden sei ein „umfassende[r] Erneuerungsprozess“ auf technischer und personeller Ebene. Staatssekretärin Leendertse forderte als Lessons learned: man müsse „autonom“ werden, „für Sicherheit“ und „Krisensituationen“ Geld vorhalten; auf Expertenebene mehr Sitzungen zu Krisen- und Evakuierungsfragen; der KRZ-Leiter dürfe „nur Krisen machen“ (Entlastung von Corona); Personalauswahl für Krisenstandorte systematisieren: „Krisenerfahrung“ und „Spezialausbildung“ statt „Naturtalent“.
Originalstelle„Ich finde, eine wichtige Lehre ist, dass man früher auch Worst-Case-Szenarien ernsthaft durchspielen muss und auch sich in der Handlung darauf …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Ich finde, eine wichtige Lehre ist, dass man früher auch Worst-Case-Szenarien ernsthaft durchspielen muss und auch sich in der Handlung darauf einstellen muss. Wir haben diese Szenarien durchdacht. […] Aber ich glaube, wir sind nicht gut genug gewesen, uns zu zwingen, auch die schlimmste Entwicklung in all ihren Konsequenzen uns vor Augen zu führen und dafür handlungsleitende Antworten zu entwickeln.“
Sicherheitsbeauftragte Bellmann (AA) zog als Lehre, dass „Worst-Case-Szenarien ernsthaft“ früher durchgespielt werden müssen; vieles sei in die Überlegungen zu einer nationalen Sicherheitsstrategie eingeflossen. Geschäftsträger van Thiel attestierte dem AA ein „eklatantes Defizit in der sicherheitspolitischen und militärpolitischen Ausbildung“. Sicherheitspolitik werde dort überwiegend institutionell und prozesshaft und zu wenig lageanalytisch-prognostisch gedacht.
Originalstelle„Ich hatte eher den Eindruck, dass das Problem eher kulturell war […] als die deutsche Politik sehr statisch auf die Grundinteressen schaute. […] Und …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Ich hatte eher den Eindruck, dass das Problem eher kulturell war […] als die deutsche Politik sehr statisch auf die Grundinteressen schaute. […] Und die Amerikaner waren da gar nicht anderer Auffassung. Sie hatten nur […] sich vorbereitet auf eine Situation, die sie nicht wollten, aber die sie in der Hinterhand haben mussten. […] das konnte die deutsche Politik weniger gut aushalten. Ich glaube, in einer solchen Situation, kulturell, wie gesagt, ist eine gewisse Ambiguitätstoleranz nötig.“
Botschafterin Dr. Haber (Washington) resümierte, das Problem sei „eher kulturell“ gewesen: Die deutsche Politik habe statisch auf das Grundziel geschaut (Erhalt der Errungenschaften in Afghanistan), während die USA gleichzeitig, mit „konstruktiver Ambiguitätstoleranz“, auf ein Szenario B vorbereitet gewesen seien. Diese Doppelorientierung habe die deutsche Politik „weniger gut aushalten“ können; nötig sei ein Mindset-Wandel zu mehr Ambiguitätstoleranz.
„Das zeigt einfach, dass das alles andere als ein normaler Einsatz war und dass er tiefe Spuren und Narben bei den Soldatinnen und Soldaten hinterlassen hat.“
Im selben Jahr wurden „Einsatznachbereitungsseminare“ durchgeführt; erste Gespräche mit Arzt und Truppenpsychologen bereits „nach der Landung“. Teilnahme war verpflichtend (Oberstleutnant „Tobias“, Hauptmann H.). Bei Ankunft seien praktisch „alle“ krank gewesen (aggressive Darmparasiten, schwere Bronchitis). Die psychologische Betreuung habe wegen „sehr schlimme[r] Bilder“ bei einigen zu Therapien geführt; manche seien „auch heute noch“ in Behandlung. Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer berichtete von posttraumatischen Belastungsstörungen; der Einsatz habe „tiefe Spuren und Narben“ hinterlassen. General Arlt: „mit einem Einsatznachbereitungsseminar [...] nicht getan“.
Originalstelle„Für mich die zentrale Schwäche bei dieser Evakuierung war der Mangel, das Defizit an Führungsmitteln, an Führungsmitteln vor Ort und an …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Für mich die zentrale Schwäche bei dieser Evakuierung war der Mangel, das Defizit an Führungsmitteln, an Führungsmitteln vor Ort und an Führungsmitteln vom Einsatzverband ins Einsatzführungskommando, weil die Führungsmittel, die Sie dafür brauchen, waren im Grunde nur rudimentär vorhanden, also Datenkommunikation war nur rudimentär möglich, gesicherte Kommunikation war nur sehr begrenzt möglich.“
Im BMVg gab es eine taktische Evaluierung. Oberstleutnant i. G. Gonter bewertete die Planungen zur ersten robusten Operation als „zum größten Teil“ tragfähig; nur „Kleinigkeiten“ hätten Anpassungsbedarf. Generalleutnant Pfeffer sah die „zentrale Schwäche“ im Mangel an Führungsmitteln vor Ort und ins Einsatzführungskommando; Datenkommunikation und gesicherte Kommunikation seien nur rudimentär möglich gewesen. General a. D. Zorn ergänzte: Kommunikationsmodule der Division Schnelle Kräfte seien zur Schonung der Logistik nicht mitgenommen worden (stattdessen Satellitentelefone); als notwendig identifiziert wurden Kleindrohnen-Aufklärung und „oversized-Cargo“-Lufttransport-Kapazitäten.
Originalstelle„Wir sind im Alltag zu sehr Getriebene von anderen Ereignissen und haben selten Gelegenheit, einen Schritt zurückzutreten und zu sagen: Ist es …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Wir sind im Alltag zu sehr Getriebene von anderen Ereignissen und haben selten Gelegenheit, einen Schritt zurückzutreten und zu sagen: Ist es eigentlich noch richtig, was wir machen? Wie ist eigentlich die Strategie? Was wollen wir eigentlich als Ziel erreichen, und mit welchen Mitteln machen wir das, und sind wir da noch auf dem richtigen Weg?“
BMI-Staatssekretär Engelke zog als Lessons learned, man komme im Alltag zu schnell in einen „Abarbeitungsmodus“ und sollte einen „Schritt zurücktreten“ und Strategie, Ziele und Mittel hinterfragen. Während der Corona-Pandemie seien einige „echt alleine mit den Entscheidungen“ gewesen. Danach habe man über Afghanistan reden müssen und sich „zu schnell zufrieden“ mit guten und nachvollziehbaren Antworten gegeben; rückblickend „hättest du da doch mal besser nachgefragt“.
Nach Ende des 20-jährigen Afghanistan-Engagements führte die Bundesregierung eine umfangreiche, unabhängige externe Evaluierung des zivilen Engagements durch, die auch strategische und strukturelle Gesichtspunkte betrachtete. Der Evaluationsbericht (MAT C BReg 1.01–1.05) wurde dem Ausschuss zur Verfügung gestellt.
„Strategische Orientierung und Geduld sowie politische Durchhaltefähigkeit sind notwendige Grundvoraussetzungen für die erfolgreiche Durchführung von (internationalen) Einsätzen zur Stabilisierung und Krisenbewältigung.“
Begründende Feststellung der Kommission: Erfolgreiches IKM braucht strategische Orientierung, Geduld und politische Durchhaltefähigkeit sowie eine ziel- und wirkungsorientierte Strategieentwicklung, die effektive Steuerung, Umsteuerung und flexible Justierung von Exitkriterien auf Grundlage von Wirkungskontrollen ermöglicht.
Originalstelle„Die Erfahrungen aus dem Afghanistan-Einsatz haben gezeigt, dass Ziele, Interessen und Erwartungen wie auch Lagebilder nicht ausreichend klar …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die Erfahrungen aus dem Afghanistan-Einsatz haben gezeigt, dass Ziele, Interessen und Erwartungen wie auch Lagebilder nicht ausreichend klar formuliert und abgeglichen wurden, Ressourcen und Prozesse nicht immer effizient aufeinander abgestimmt waren, Fähigkeiten und Lastenverteilung sich teils in einer Schieflage befanden, Informations- und Fürsorgepflichten unter Partnern nicht immer ausreichend geachtet wurden und das internationale Engagement nicht überall und in ausreichendem Maße auf lokale Akzeptanz stieß.“
Feststellung als Begründung der Empfehlung 5: Im Afghanistan-Einsatz war die internationale Koordinierung in Zielen und Lagebildern, Ressourcen, Lastenverteilung, Informationspflichten und lokaler Akzeptanz mangelhaft.
Originalstelle„Während des Afghanistan-Einsatzes sprachen deutsche ISAF-Mandate noch vom Auftrag der Friedensbewahrung, als Frieden in Teilen des eigenen …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Während des Afghanistan-Einsatzes sprachen deutsche ISAF-Mandate noch vom Auftrag der Friedensbewahrung, als Frieden in Teilen des eigenen Verantwortungsbereichs verloren war und Frieden erzwungen werden musste. Wo bei Mandatsdebatten Rechtfertigungsdiskurse dominierten, wurden des Öfteren ehrliche Bestandsaufnahmen und Chancen zu rechtzeitiger Kurskorrektur verpasst.“
Feststellung als Begründung der Empfehlung 26: Deutsche ISAF-Mandate sprachen weiter von Friedensbewahrung, als der Auftrag faktisch Friedenserzwingung war. Bei Mandatsdebatten dominierten Rechtfertigungsdiskurse und ehrliche Bestandsaufnahmen wurden verpasst.
„Durch Ressortzugehörigkeit und individuelle Entscheidungsbefugnis verengte Sichtweisen werden dadurch verringert, ebenso wie auch die im Afghanistan-Einsatz erkannten Neigungen zur Schönfärberei im Berichtswesen und bei der Erfolgsmessung.“
Feststellung der Enquete-Kommission zur Begründung der Empfehlung 45: Im Afghanistan-Einsatz wurden „Neigungen zur Schönfärberei” im Berichtswesen und bei der Erfolgsmessung erkannt. Daraus folgt die Notwendigkeit unabhängiger Evaluationen.
Originalstelle„In Afghanistan arbeiteten verschiedene Geber- und Partnerländer sowie internationale Organisationen und Nichtregierungsorganisationen oftmals …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„In Afghanistan arbeiteten verschiedene Geber- und Partnerländer sowie internationale Organisationen und Nichtregierungsorganisationen oftmals parallel zueinander. Die ungewollten Folgen waren Geber-Nehmer-Abhängigkeiten, Fehlallokationen von Mitteln sowie Mittelzweckentfremdung und Korruption.“
Feststellung der Kommission zur Begründung der Empfehlung 49: Paralleles Arbeiten von Gebern in Afghanistan führte zu Geber-Nehmer-Abhängigkeiten, Fehlallokationen, Mittelzweckentfremdung und Korruption. Aufgrund unzulänglicher Koordinierung von Interessen und Kapazitäten.
Originalstelle„Die Auswirkungen von Korruption, Klientelismus und Patronage in Afghanistan waren enorm und behinderten den Wiederaufbau des Landes immens. In hohem …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die Auswirkungen von Korruption, Klientelismus und Patronage in Afghanistan waren enorm und behinderten den Wiederaufbau des Landes immens. In hohem Umfang zur Verfügung gestellte Mittel beförderten das Rentierverhalten des afghanischen Staates und staatlicher wie nichtstaatlicher Akteure. Klientelistische Strukturen wurden alimentiert.“
Feststellung der Kommission zur Begründung der Empfehlung 53: Korruption, Klientelismus und Patronage hatten enorme negative Auswirkungen in Afghanistan und behinderten den Wiederaufbau immens. Die zur Verfügung gestellten Mittel beförderten Rentierverhalten und klientelistische Strukturen.
Originalstelle„Dazu gehört aber auch die Erkenntnis eines durchgehend eklatanten Ungleichgewichts in der Teamzusammensetzung zwischen militärischen und zivilen …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Dazu gehört aber auch die Erkenntnis eines durchgehend eklatanten Ungleichgewichts in der Teamzusammensetzung zwischen militärischen und zivilen Einsatzkräften zulasten letzterer. Dieses Defizit wurde aus Sicht der PRT-Kommandeure wiederholt angezeigt. Aufgehoben wurde es nicht, und die Folgen dessen traten offen zutage: Zivile Mangelfähigkeiten führten u. a. zu einer Überdehnung des Aufgabenspektrums der vor Ort stationierten militärischen Führungskräfte.“
Feststellung der Kommission zur Begründung der Empfehlung 60: In den deutschen Provincial Reconstruction Teams (PRTs) bestand ein eklatantes zivil-militärisches Ungleichgewicht zulasten der zivilen Kräfte. PRT-Kommandeure zeigten dies wiederholt an, ohne Abhilfe; die Folge waren Überdehnung der militärischen Führung und ziviles Mangelpersonal.
Originalstelle„In Afghanistan wurden Ausrüstung und Fähigkeiten der Bundeswehr in Teilen nicht dynamisch genug an die Entwicklung der Bedrohungslage angepasst …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„In Afghanistan wurden Ausrüstung und Fähigkeiten der Bundeswehr in Teilen nicht dynamisch genug an die Entwicklung der Bedrohungslage angepasst: Speziell zu Beginn des Einsatzes war die Bundeswehr nur unzureichend für den Auftrag ausgestattet: Nicht – oder nicht ausreichend – zur Verfügung standen etwa bewaffnete Drohnen, Luftfahrzeuge, Abwehrfähigkeiten gegen Granat- und Raketenbeschuss, anfänglich auch eigene Artillerie zum Schutz der Lager.“
Feststellung als Begründung der Empfehlung 62: Zu Beginn des Afghanistan-Einsatzes fehlten der Bundeswehr bewaffnete Drohnen, Luftfahrzeuge, Abwehrfähigkeiten gegen Granat- und Raketenbeschuss und Artillerie zum Lagerschutz; das deutsche Kontingent war auf Unterstützung anderer Nationen angewiesen.
„Die Kombination von projektbasierter Kurzatmigkeit, linearer Ergebniserwartung, Positivberichterstattung und fehlender Strategiekohärenz begünstigte in Afghanistan ein zunehmendes Wirksamkeitsdefizit des vernetzten Engagements.“
Feststellung als Begründung der Empfehlung 66: Die Kombination aus projektbasierter Kurzatmigkeit, linearer Ergebniserwartung, Positivberichterstattung und fehlender Strategiekohärenz begünstigte in Afghanistan ein zunehmendes Wirksamkeitsdefizit des vernetzten Engagements.
Originalstelle„Mangelndes Wissen über die tatsächliche Lage in Afghanistan ließ eine Lücke zwischen politisch-strategischer und operativer Ebene entstehen. Ein …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Mangelndes Wissen über die tatsächliche Lage in Afghanistan ließ eine Lücke zwischen politisch-strategischer und operativer Ebene entstehen. Ein realitätsnahes Bild politisch-strategischer Zielerreichung zu generieren, blieb über die Dauer des Einsatzes hinweg schwierig. So war es auf beiden Ebenen kaum möglich, die Wirkungen jenseits der Output-Ebene kenntlich zu machen. Teilweise gab es in den Ressorts auch keine Wirkungsanalysen im eigentlichen Sinne. Unzureichend war deshalb bekannt, ob bzw. wieweit man den gesteckten Zielen nähergekommen war. Potenzielle und nicht-intendierte negative Wirkungen wurden somit kaum erkannt, ein möglicher Umgang mit ihnen verpasst.“
Zentrale Feststellung der Kommission: Mangelndes Wissen über die tatsächliche Lage in Afghanistan erzeugte über die gesamte Einsatzdauer eine Lücke zwischen politisch-strategischer und operativer Ebene; Wirkungen jenseits der Output-Ebene waren kaum erkennbar; in den Ressorts gab es teils keine Wirkungsanalysen im eigentlichen Sinne; nicht-intendierte negative Wirkungen wurden kaum erkannt.
Originalstelle„Nichtregierungsorganisationen bewerteten im Afghanistan-Einsatz den Anspruch auf vernetzte Sicherheit oft kritisch, da aus ihrer Perspektive die …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Nichtregierungsorganisationen bewerteten im Afghanistan-Einsatz den Anspruch auf vernetzte Sicherheit oft kritisch, da aus ihrer Perspektive die eigene Arbeit nicht klar von militärischen Aktivitäten abgegrenzt werden konnte. Der Eindruck wurde dadurch verstärkt, dass das Militär teils Aufgaben übernahm, die nicht zu seinem üblichen Portfolio gehörten (z. B. Bau von Brunnen und Schulen).“
Feststellung als Begründung der Empfehlung 65: NGOs sahen in Afghanistan eine unklare Abgrenzung zwischen ziviler und militärischer Arbeit. Verstärkt wurde dies dadurch, dass das Militär atypische Aufgaben (Brunnen- und Schulbau) übernahm.
Originalstelle„Die Enquete-Kommission hat in elf öffentlichen Sitzungen 35 externe Sachverständige angehört, die während des internationalen Einsatzes zwischen 2001 …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die Enquete-Kommission hat in elf öffentlichen Sitzungen 35 externe Sachverständige angehört, die während des internationalen Einsatzes zwischen 2001 und 2021 verantwortliche Positionen inner- und außerhalb Afghanistans innehatten. … Die Kommission macht sich die Bewertungen der Gäste ausdrücklich nicht zu eigen.“
Die Enquete-Kommission hörte in 11 öffentlichen Sitzungen 35 externe Sachverständige an, darunter ehemalige afghanische Ministerinnen, VN-Sonderbeauftragte, Bundeswehr-Führungskräfte, deutsche Diplomaten, eine Ministerin und zwei Minister sowie einen BND-Präsidenten. Die Kommission stellt ausdrücklich klar, dass sie sich die Bewertungen der Gäste nicht zu eigen macht.
Originalstelle„Zwei Themen, die eine positive gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung in Afghanistan behinderten, wird die Kommission laut …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Zwei Themen, die eine positive gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung in Afghanistan behinderten, wird die Kommission laut Einsetzungsbeschluss des Bundestages in ihrer Arbeit noch zusätzlich behandeln: Korruption und Drogenwirtschaft. Die Kommission hat beschlossen, zu diesen Themen jeweils ein Gutachten zu beauftragen.“
Die Kommission hat zusätzlich zu den drei Projektgruppen die Themen Korruption und Drogenwirtschaft aufgenommen, weil sie eine positive gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung Afghanistans behinderten. Zu beiden Themen wurde jeweils ein externes Gutachten beauftragt.
Originalstelle„Analysen und Bewertungen wurden im Detail in drei thematisch aufgestellten Projektgruppen (Sicherheit und Stabilisierung; Ziviler Aufbau und …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Analysen und Bewertungen wurden im Detail in drei thematisch aufgestellten Projektgruppen (Sicherheit und Stabilisierung; Ziviler Aufbau und Friedensförderung; Staats- und Regierungsaufbau) vorgenommen. Deren Arbeitsergebnisse werden anhand der folgenden vier Themen, die sich in allen Projektgruppen als zentral und verbesserungswürdig herausstellten, präsentiert: 1. Wissen, Kontext und Analyse 2. Motive, Ziele und Strategien 3. Umsetzung, Fähigkeiten, Wirkungen, Nachhaltigkeit 4. Kontrolle, Monitoring und Evaluierung“
Die Kommission strukturiert ihre Bewertungen und Lehren entlang von vier Querschnittsthemen, die sich in allen drei Projektgruppen als zentral und verbesserungswürdig herausstellten: (1) Wissen, Kontext und Analyse, (2) Motive, Ziele und Strategien, (3) Umsetzung, Fähigkeiten, Wirkungen und Nachhaltigkeit, (4) Kontrolle, Monitoring und Evaluierung.
Originalstelle„Im Auswärtigen Amt wurde etwa die Abteilung S „Krisenprävention, Stabilisierung, Friedensförderung und Humanitäre Hilfe“ aufgebaut. Das BMZ führte …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Im Auswärtigen Amt wurde etwa die Abteilung S „Krisenprävention, Stabilisierung, Friedensförderung und Humanitäre Hilfe“ aufgebaut. Das BMZ führte Monitoring und Evaluationen für Projekte und einzelne Programme ein. Die GIZ wurde weiter ausgebaut. Die Bundeswehr hat sich strukturell und kulturell zu einer Einsatzarmee entwickelt. Auch die Einsatzversorgung für Soldatinnen und Soldaten wurde verbessert. Regelmäßige Staatssekretärsrunden der Afghanistan-Ressorts wurden als zentrale Koordinierungsstellen eingeführt. Die zivile Krisenprävention für internationale Engagements hat sich mit den Leitlinien und dem Beirat der Bundesregierung „Zivile Krisenprävention und Friedensförderung“ besser etabliert.“
Während des Einsatzes haben sich außen- und sicherheitspolitische Institutionen weiterentwickelt: im AA wurde die Abteilung S aufgebaut, das BMZ führte Monitoring und Evaluationen ein, die GIZ wurde ausgebaut, die Bundeswehr entwickelte sich strukturell und kulturell zur Einsatzarmee, die Einsatzversorgung wurde verbessert, regelmäßige Staatssekretärsrunden wurden eingeführt und die zivile Krisenprävention wurde mit Leitlinien und Beirat der Bundesregierung etabliert.
Originalstelle„Die KSK-Soldaten wurden der „Task Force K-Bar“ als Teil der Combined Joint Special Operations Task Force South in Kandahar zugeordnet. Aufgabe der in …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die KSK-Soldaten wurden der „Task Force K-Bar“ als Teil der Combined Joint Special Operations Task Force South in Kandahar zugeordnet. Aufgabe der in dieser Task Force zusammengefassten internationalen Spezialkräfte war die Verfolgung von Terroristen, „zu denen die Taliban, Al-Qaida-Angehörige und ausländische Kämpfer unterschiedslos gerechnet wurden.“ Im Mittelpunkt standen Sensitive Site Exploitations (Durchsuchung von Gebäuden, Abriegelung und Durchkämmen von Geländeabschnitten). Die Informationsbeschaffung war jedoch hauptsächlich Aufgabe von US-Einheiten, die Ziele in Afghanistan mithilfe technischer Aufklärungsmittel identifizierten.“
Bundeskanzler und Bundesregierung legten für die Afghanistan-Komponente von OEF einen Einsatz von nur 100 KSK-Soldaten fest. Der Einsatz deutscher Bodentruppen wurde als politisch und militärisch nicht verantwortbar eingeschätzt. Das KSK wurde der „Task Force K-Bar“ in Kandahar zugeordnet. Hauptaufgaben waren Sensitive Site Exploitations und Durchsuchungen; technische Aufklärung galt als ausreichend.
Originalstelle„Al-Qaida wurde zwar geschwächt, doch Terrornetzwerke, aus denen schnell wieder internationale Bedrohungen aufwachsen konnten, und ihre Nährböden …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Al-Qaida wurde zwar geschwächt, doch Terrornetzwerke, aus denen schnell wieder internationale Bedrohungen aufwachsen konnten, und ihre Nährböden wurden nicht nachhaltig genug geschwächt. 2019 entfielen 41 Prozent aller Terrortoten weltweit auf Afghanistan. Die Sonderbeauftragte des VN-Generalsekretärs für Afghanistan, Deborah Lyons, berichtete dem VN - Sicherheitsrat am 17. November 2021, dass der afghanische IS-Ableger, der in den Vorjahren in nur wenigen Provinzen und in Kabul aktiv war, inzwischen zunehmend in den meisten Provinzen operiere. Die IS-Angriffe nahmen 2020 bis 2021 von 60 auf 334 zu.“
Trotz Operation Anaconda und langjährigem OEF-Einsatz wurden Terrornetzwerke nicht nachhaltig genug geschwächt. 2019 entfielen 41 Prozent aller Terrortoten weltweit auf Afghanistan. VN-Sondergesandte Deborah Lyons berichtete dem VN-Sicherheitsrat am 17.11.2021, der afghanische IS-Ableger operiere inzwischen in den meisten Provinzen; IS-Angriffe nahmen 2020 auf 2021 von 60 auf 334 zu.
Originalstelle„Kurz vorher hatte in der ARD der Fernsehfilm „Willkommen zu Hause“ erstmalig große Aufmerksamkeit für das Schicksal psychisch verwundeter …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Kurz vorher hatte in der ARD der Fernsehfilm „Willkommen zu Hause“ erstmalig große Aufmerksamkeit für das Schicksal psychisch verwundeter Afghanistan-Rückkehrer geschaffen. Erst Ende 2011 gelang eine Novellierung des Einsatzversorgungsgesetzes von 2004. Der Friedens- und Konfliktforscher Berthold Meyer beurteilte die ersten sieben Jahre des parlamentarischen Umgangs mit Posttraumatischen Belastungsstörungen von Einsatzkräften, davon inzwischen der weit größte Teil aus Afghanistan, als „chronique scandaleuse“.“
2007 ließen sich 130 ISAF-Rückkehrer wegen einsatzbedingter PTBS-Erkrankung in einem Bundeswehr-Krankenhaus behandeln, mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Erst Ende 2011 gelang eine Novellierung des Einsatzversorgungsgesetzes von 2004. Der Friedens- und Konfliktforscher Berthold Meyer beurteilte die ersten sieben Jahre des parlamentarischen Umgangs mit PTBS als „chronique scandaleuse“.
Originalstelle„Die Konzentration von Entwicklungszusammenarbeit und Humanitärer Hilfe in besonders konfliktbehafteten Regionen im Rahmen von so genannten …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die Konzentration von Entwicklungszusammenarbeit und Humanitärer Hilfe in besonders konfliktbehafteten Regionen im Rahmen von so genannten Quick-Impact-Projekten durch die USA hat falsche Anreizstrukturen gesetzt und signalisiert, dass Unsicherheit und Gewalt belohnt werden 788, während vergleichsweise friedliche Regionen mit hohen Armutsraten weniger oder keine internationalen Mittel bekamen. Die Durchführung von Projekten in von Taliban und Regierung umkämpften Gebieten hat potenziell mehr Gewalt verursacht, da Projekte entweder aufgrund von Gewaltandrohungen durch die Taliban beendet wurden oder durch die Taliban besteuert wurden.“
Die Konzentration von EZ und Humanitärer Hilfe in besonders konfliktbehafteten Regionen im Rahmen von Quick-Impact-Projekten der USA setzte falsche Anreizstrukturen und signalisierte, dass Unsicherheit und Gewalt belohnt werden. Friedliche Regionen mit hohen Armutsraten bekamen weniger Mittel. Projekte in umkämpften Gebieten wurden teils durch Taliban besteuert, was deren Legitimität in der Bevölkerung erhöhte.
Originalstelle„Aufgrund von Unklarheiten der Auszählung der ersten Wahlrunde forderte die VN-geführte Electoral Complaints Commission (ECC) eine Neuauszählung. …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Aufgrund von Unklarheiten der Auszählung der ersten Wahlrunde forderte die VN-geführte Electoral Complaints Commission (ECC) eine Neuauszählung. Hieraus folgend erklärte sie das durch die IEC veröffentlichte Ergebnis (welches eine absolute Mehrheit für Hamid Karzai verkündete) für ungültig, was eine Stichwahl erforderlich machte. Bevor diese durchgeführt werden konnte, trat der Herausforderer Abdullah Abdullah zurück, wodurch Karzai am 2. November 2009 ohne zweite Wahlrunde zum Sieger erklärt wurde. Als Konsequenz für das politische System ging Präsident Karzai mit gestärkter Position aus der Wahl heraus, allerdings auf Basis seines persönlichen Patronatssystems.“
Die Präsidentschaftswahl 2009 stellte einen Rückschritt gegenüber 2004 dar: Die Wahlbeteiligung sank von ca. 84 % auf 39 %. Die Wahl war von umfassenden Irregularitäten begleitet. Die VN-geführte Electoral Complaints Commission forderte eine Neuauszählung und erklärte das veröffentlichte Ergebnis für ungültig. Vor der Stichwahl trat Herausforderer Abdullah Abdullah zurück; Karzai wurde am 02.11.2009 zum Sieger erklärt.
Originalstelle„Die Wahlbeteiligung lag mit circa 39 Prozent im niedrigen Trend der vorherigen Wahlen. Erstmals kam es zur Durchführung einer Stichwahl zwischen den …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die Wahlbeteiligung lag mit circa 39 Prozent im niedrigen Trend der vorherigen Wahlen. Erstmals kam es zur Durchführung einer Stichwahl zwischen den Kandidaten Abdullah Abdullah und Ashraf Ghani Ahmadzai. Aufgrund der Drohung des zweitplatzierten Abdullah, das Ergebnis nicht anzuerkennen, vermittelte Präsident Karzai letztlich ein Government of National Unity mit Ghani als Präsident und Abdullah als Chief Executive. Diese irreguläre Vermittlungslösung verdeutlicht nochmals die damalige Schwäche demokratischer Institutionen: „Afghanistan’s 2014 presidential election led to a peaceful transfer of power to a new president, but not through a democratic process.”“
Bei der ersten Stichwahl zwischen Ashraf Ghani und Abdullah Abdullah drohte Abdullah, das Ergebnis nicht anzuerkennen. Präsident Karzai vermittelte ein Government of National Unity mit Ghani als Präsident und Abdullah als Chief Executive. Diese irreguläre Vermittlungslösung verdeutlichte die Schwäche demokratischer Institutionen: Es gab eine friedliche Machtübergabe, aber nicht durch einen demokratischen Prozess. Die Präsidentschaftswahl 2019 erreichte nur ca. 19 % Wahlbeteiligung.
Quelle 10 ist die englische Originalfassung des mündlichen Statements von John F. Sopko und David H. Young vor dem 1. Untersuchungsausschuss am 02.03.2023. Inhaltlich entspricht sie der in Quelle 11 (Ausschussdrucksache 20(27)196) übersetzten schriftlichen Fassung; substanzielle Claims sind dort vollständig erfasst (Claims `stn-sopkoyoung-001` bis `stn-sopkoyoung-025`). Eine separate Q&A-Session ist im Dokument nicht enthalten; sie wird ggf. in den Stenografischen Protokollen zu finden sein.
Originalstelle„Eine Quantifizierung ist schwierig, doch geht aus unseren veröffentlichten Berichten und abgeschlossenen Untersuchungen hervor, dass es vor dem …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Eine Quantifizierung ist schwierig, doch geht aus unseren veröffentlichten Berichten und abgeschlossenen Untersuchungen hervor, dass es vor dem Zusammenbruch der Republik zu Verschwendung, Betrug und Missbrauch im Wert von etwa 19 Milliarden Dollar kam. Die Vereinigten Staaten bemühten sich, stabile, demokratische, repräsentative, geschlechtersensible und rechenschaftspflichtige afghanische Regierungsinstitutionen aufzubauen. Das ist ihnen nicht gelungen. Die Taliban fügten der afghanischen Regierung eine entscheidende politische Niederlage zu, obwohl die USA dieser Haushaltsmittel in Höhe von rund 146 Milliarden Dollar zur Verfügung stellten, davon mehr als 36 Milliarden Dollar zur Unterstützung der Staatsführung und der wirtschaftlichen Entwicklung und mehr als 90 Milliarden Dollar für Hilfe im Sicherheitsbereich.“
SIGAR-Bilanz vor dem Kollaps: rund 19 Mrd. $ Verschwendung, Betrug und Missbrauch dokumentiert. Insgesamt hätten die USA 146 Mrd. $ bereitgestellt: >36 Mrd. $ für Staatsführung und Wirtschaft, >90 Mrd. $ für Sicherheitshilfe. Das US-Ziel, stabile, demokratische, repräsentative, geschlechtersensible und rechenschaftspflichtige Institutionen aufzubauen, sei gescheitert.
Originalstelle„Es fehlte der internationalen Gemeinschaft an einer langfristigen und mit den vorhandenen Fähigkeiten und Ressourcen realistisch umsetzbaren …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Es fehlte der internationalen Gemeinschaft an einer langfristigen und mit den vorhandenen Fähigkeiten und Ressourcen realistisch umsetzbaren kohärenten Strategie zur Förderung eines stabilen Afghanistans mit selbsttragender Sicherheit, verlässlicher Staatlichkeit und wirtschaftlichen und sozialen Zukunftsperspektiven. Eine fortlaufende, selbstkritische Bestandsaufnahme hinsichtlich der sehr hoch gesetzten Ziele, deren Realisierbarkeit und dem dafür notwendigen Ressourceneinsatz, hat nicht ausreichend stattgefunden.“
Der internationalen Gemeinschaft fehlte nach Bewertung der Kommission eine langfristige, mit vorhandenen Fähigkeiten und Ressourcen realistisch umsetzbare kohärente Strategie für ein stabiles Afghanistan mit selbsttragender Sicherheit, verlässlicher Staatlichkeit und wirtschaftlichen und sozialen Perspektiven. Eine fortlaufende selbstkritische Bestandsaufnahme der hochgesteckten Ziele und ihrer Realisierbarkeit habe nicht ausreichend stattgefunden.
Originalstelle„Die Auseinandersetzung mit der Kultur, Geschichte und den Traditionen Afghanistans hat auch von deutscher Seite nicht im notwendigen Maße …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die Auseinandersetzung mit der Kultur, Geschichte und den Traditionen Afghanistans hat auch von deutscher Seite nicht im notwendigen Maße stattgefunden. Vorhandene landeskundliche Kenntnisse wurden insbesondere zu Beginn kaum berücksichtigt. … Der neugegründeten afghanischen Republik fehlte es zunehmend an Legitimation und der Möglichkeit, in die Breite des Landes zu wirken. Gleichzeitig wurde der zunehmende Einfluss der Taliban und ihr Rückhalt in Teilen der afghanischen Gesellschaft unterschätzt und eine politische Konfliktlösung zu spät und nicht ausreichend konsequent angegangen.“
Deutsche Akteure hätten sich mit Kultur, Geschichte und Traditionen Afghanistans nicht im notwendigen Maße auseinandergesetzt; vorhandene landeskundliche Kenntnisse seien insbesondere zu Beginn kaum berücksichtigt worden. Der afghanischen Republik habe es zunehmend an Legitimation und Breitenwirkung gefehlt, während der wachsende Einfluss der Taliban unterschätzt und eine politische Konfliktlösung zu spät und unzureichend konsequent angegangen worden sei.
Originalstelle„Afghanistans kulturelle Gegebenheiten, traditionelle Hierarchien, fragmentierte Sozialstrukturen und politische Machtverhältnisse sowie die vielfach …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Afghanistans kulturelle Gegebenheiten, traditionelle Hierarchien, fragmentierte Sozialstrukturen und politische Machtverhältnisse sowie die vielfach sich überlagernden Interessenskonflikte … wurden von deutscher Seite bei Entscheidungen, insbesondere zum Staatsaufbau, aber auch in der operativen Umsetzung, nicht ausreichend berücksichtigt. … Afghaninnen und Afghanen sehen sich eher ihren Familien, Stämmen, ethnischen oder religiösen Gruppen verbunden und verpflichtet, als gegenüber einem Gesamtstaat, dem nur begrenzte Verantwortungsbereiche zugebilligt werden. In Afghanistan gab es stets mehrere Machtzentren mit regionalen Besonderheiten und indirekter Herrschaft durch Patronage-Systeme.“
Deutsche Entscheidungen, insbesondere zum Staatsaufbau, hätten Afghanistans Kultur, traditionelle Hierarchien, fragmentierte Sozialstrukturen und Machtverhältnisse nicht ausreichend berücksichtigt. Die Funktionsweise der Gesellschaft werde weniger durch Institutionen als durch Beziehungen, Familien-, Stammes- und religiöse Bindungen sowie Patronage-Systeme geprägt; westliche Vorstellungen vom Zentralstaat seien davon stark abgewichen.
Originalstelle„Der Willensbildungsprozess war beim deutschen Afghanistan-Engagement durch mehrere Faktoren gekennzeichnet: 1. Der geringe zeitliche Vorlauf für den …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Der Willensbildungsprozess war beim deutschen Afghanistan-Engagement durch mehrere Faktoren gekennzeichnet: 1. Der geringe zeitliche Vorlauf für den Einsatz stellte die Bundesregierung und das Parlament vor große Herausforderungen. In der Rückschau erwiesen sich die Vorstellungen darüber, was man erreichen könnte, zunehmend als überhöht und überfrachtet. 2. Deutschland agierte ab August 2003 maßgeblich als Teil der NATO … Stabilisierung bildete hierbei einen Rahmenbegriff, der aber unterschiedlich verstanden und von den Ressorts unterschiedlich umgesetzt wurde. … 3. Bei der Durchsetzung der Ziele war Deutschland, vor allem aufgrund eingeschränkter operativer Fähigkeiten und Ressourcen, aber auch bedingt durch selbst auferlegter Limitierungen, von den Partnerstaaten (insbesondere den USA) abhängig. 4. Der Vernetzte Ansatz reflektierte Abhängigkeiten zwischen den Zielsetzungen der nationalen Ressorts, die einander bedingten …“
Vier Faktoren hätten den deutschen Willensbildungsprozess geprägt: (1) geringer zeitlicher Vorlauf und in der Rückschau überhöhte Erwartungen; (2) NATO-Eingebundenheit ab 08/2003 und divergierende Stabilisierungsdefinitionen; (3) Abhängigkeit insbesondere von den USA wegen begrenzter operativer Fähigkeiten und selbst auferlegter Limitierungen; (4) der Vernetzte Ansatz reflektierte Abhängigkeiten zwischen Ressortzielen („ohne Sicherheit keine Entwicklung und ohne Entwicklung keine Sicherheit“).
Originalstelle„Stabilisierung bildete hierbei einen Rahmenbegriff, der aber unterschiedlich verstanden und von den Ressorts unterschiedlich umgesetzt wurde. Das …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Stabilisierung bildete hierbei einen Rahmenbegriff, der aber unterschiedlich verstanden und von den Ressorts unterschiedlich umgesetzt wurde. Das Konzept wurde erst 2016 im Weißbuch und 2017 in den Leitlinien der Bundesregierung zur Krisenprävention („Krisen verhindern, Konflikte bewältigen, Frieden fördern“) weiter ausgeführt.“
Der Rahmenbegriff der Stabilisierung sei von den Ressorts unterschiedlich verstanden und umgesetzt worden; das Konzept sei erst 2016 im Weißbuch und 2017 in den Leitlinien der Bundesregierung zur Krisenprävention („Krisen verhindern, Konflikte bewältigen, Frieden fördern“) näher ausgeführt worden, also erst in der Spätphase des Afghanistan-Einsatzes.
Originalstelle„In Deutschland wurden die militärischen Mandate und zivilen Gesamtaufträge nicht auf konkrete und überprüfbare Zwischenziele heruntergebrochen, an …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„In Deutschland wurden die militärischen Mandate und zivilen Gesamtaufträge nicht auf konkrete und überprüfbare Zwischenziele heruntergebrochen, an denen der Grad der Auftragserfüllung hätte gemessen werden können. Es fehlte eine effektive und effiziente ressortübergreifende Koordination auch auf der operativen Ebene. In der Folge mangelte es im Einsatz an einer Abstimmung der Zwischenziele zwischen den Ressorts.“
Die militärischen Mandate und zivilen Gesamtaufträge seien in Deutschland nicht auf konkrete und überprüfbare Zwischenziele heruntergebrochen worden, an denen der Auftragsfortschritt hätte gemessen werden können. Es fehlte eine effektive ressortübergreifende Koordination auch auf der operativen Ebene; in der Folge fehlte auch die Abstimmung der Zwischenziele zwischen den Ressorts.
Originalstelle„Die von Deutschland für Sicherheit, Aufbau und Entwicklung, einschließlich für den politischen Prozess, zur Verfügung gestellten personellen …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die von Deutschland für Sicherheit, Aufbau und Entwicklung, einschließlich für den politischen Prozess, zur Verfügung gestellten personellen Ressourcen waren für die ambitionierten Ziele zu gering. Die Einsatzkonzeption, der Kräfteansatz und die Fähigkeiten der Bundeswehr wurden zu lange nicht der anwachsenden Bedrohung angepasst. Dies betraf die diplomatischen, entwicklungspolitischen und polizeilichen Komponenten des Einsatzes insgesamt. Unzureichend war zum Beispiel die Verfügbarkeit interkulturell ausgebildeter Fachkräfte mit landessprachlichen Kenntnissen, Erfahrungen in konfliktsensiblen Kontexten sowie mit Zugängen zu den lokalen Akteuren. Längere Aufenthalte des zivilen Personals und weniger kurze Rotationszeiträume hätten besser dazu beitragen können, langfristig vertrauensvolle Beziehungen zu lokalen Akteuren aufzubauen.“
Die personellen Ressourcen seien für die ambitionierten Ziele zu gering gewesen, über alle Komponenten hinweg (diplomatisch, entwicklungspolitisch, polizeilich, militärisch). Einsatzkonzeption, Kräfteansatz und Fähigkeiten der Bundeswehr seien zu lange nicht an die anwachsende Bedrohung angepasst worden. Interkulturell ausgebildete Fachkräfte mit Landessprachen, Konfliktsensibilität und lokalen Zugängen seien zu wenig verfügbar gewesen; längere Aufenthalte des zivilen Personals hätten bessere Beziehungen zu lokalen Akteuren ermöglicht.
Originalstelle„Die Frage nach der Wirksamkeit der militärischen Terrorbekämpfung im Rahmen der Operation Enduring Freedom (OEF) wurde von keiner Bundesregierung …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die Frage nach der Wirksamkeit der militärischen Terrorbekämpfung im Rahmen der Operation Enduring Freedom (OEF) wurde von keiner Bundesregierung beantwortet. Jahrelang wurde ignoriert, dass die Realität von OEF dem Stabilisierungsansatz von ISAF widersprach und teilweise Hass und Gewalt mehr schürte als eindämmte. Wie Akteure von Terrornetzwerken wirksam bekämpft werden konnten, wurde von deutscher Seite kaum thematisiert.“
Die Frage nach der Wirksamkeit der militärischen Terrorbekämpfung im Rahmen der OEF wurde von keiner Bundesregierung beantwortet. Jahrelang sei ignoriert worden, dass die Realität von OEF dem ISAF-Stabilisierungsansatz widersprach und teilweise Hass und Gewalt mehr schürte als eindämmte. Wie Akteure von Terrornetzwerken wirksam bekämpft werden konnten, sei von deutscher Seite kaum thematisiert worden.
Hinweis: Zu dieser Aussage liegt ein Sondervotum der Sachverständigen Masala, Ramms und Vollmer vor (vgl. ek-zb-032); Replik der Sachverständigen Nachtwei, Mielke und Schröder (vgl. ek-zb-033).
Originalstelle„Trotz aller Anstrengungen und Opfer des Einsatzes wurden die übergreifenden internationalen Ziele, in Afghanistan ein sicheres Umfeld zu schaffen …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Trotz aller Anstrengungen und Opfer des Einsatzes wurden die übergreifenden internationalen Ziele, in Afghanistan ein sicheres Umfeld zu schaffen sowie eine legitime und effiziente Armee und Polizei aufzubauen, nicht erreicht. Besonders in den Anfangsjahren sind partiell Fortschritte in der Infrastruktur und im Gesundheits- und Bildungswesen erzielt worden. Im Vergleich zur Zeit vor dem internationalen Einsatz 2001 hatten sich die Lebensbedingungen zumindest während der Jahre des internationalen Engagements in vielerlei Hinsicht verbessert, insbesondere für Frauen und Mädchen. Umfassende Ziele im Bereich der Rechtsstaatlichkeit, Demokratie oder Geschlechtergerechtigkeit wurden nicht im angestrebten Maße erreicht.“
Trotz aller Anstrengungen seien die übergreifenden internationalen Ziele (sicheres Umfeld, legitime und effiziente Armee und Polizei) nicht erreicht worden. Besonders in den Anfangsjahren habe es partielle Fortschritte in Infrastruktur sowie Gesundheits- und Bildungswesen gegeben, und die Lebensbedingungen hätten sich gegenüber 2001 in vielerlei Hinsicht verbessert, insbesondere für Frauen und Mädchen. Umfassende Ziele im Bereich Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Geschlechtergerechtigkeit seien nicht im angestrebten Maße erreicht worden.
Originalstelle„Die Nachhaltigkeit der Projekte der Bundesregierung war begrenzt. … Dies veranlasste die Geber zu kurzfristigen Lösungen wie der Aufstockung von …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die Nachhaltigkeit der Projekte der Bundesregierung war begrenzt. … Dies veranlasste die Geber zu kurzfristigen Lösungen wie der Aufstockung von Truppen, Geld und Ressourcen – oft ohne die Kapazitäten und Fähigkeiten sowie Eigenverantwortung der afghanischen Regierung oder den Nutzen dieser Projekte für die Bevölkerung angemessen zu berücksichtigen. Deutsche Akteure unterschätzten den Zeit- und Ressourcenbedarf in Afghanistan. Mangelnde strategische Geduld, Durchhaltefähigkeit wie auch Eigenverantwortung und Rechenschaftspflicht der lokalen Regierung verhinderten das Gelingen des Vernetzten Ansatzes. Die Konzentration auf konfliktbehaftete Regionen in Afghanistan untergrub die Bemühungen für einen erfolgreichen Wiederaufbau. Sie schaffte unbeabsichtigt falsche Anreizstrukturen, förderte Instabilität und Korruption.“
Die Nachhaltigkeit der Bundesregierungs-Projekte sei begrenzt gewesen: Druck zu schnellen Fortschritten habe zu kurzfristigen Lösungen (Aufstockung von Truppen, Geld, Ressourcen) ohne ausreichende Berücksichtigung der afghanischen Kapazitäten und Eigenverantwortung geführt. Deutsche Akteure hätten Zeit- und Ressourcenbedarf unterschätzt; mangelnde strategische Geduld habe das Gelingen des Vernetzten Ansatzes verhindert. Die Konzentration auf konfliktbehaftete Regionen habe Wiederaufbau-Bemühungen untergraben, falsche Anreizstrukturen geschaffen sowie Instabilität und Korruption gefördert.
Originalstelle„Die Bundesministerien bewerteten die Lage oft zu positiv (im Stil von Fortschrittsberichten), was die Bedeutung von unabhängigen Monitorings und …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die Bundesministerien bewerteten die Lage oft zu positiv (im Stil von Fortschrittsberichten), was die Bedeutung von unabhängigen Monitorings und Evaluierungen unterstreicht. In allen Bereichen des deutschen Engagements fehlte es an systematischen Wirkungsanalysen und an regelmäßigen strategischen Evaluierungen des Einsatzes. Dies hat das rechtzeitige Lernen aus Fehlentwicklungen verhindert. Ein Einsatz muss frühzeitig, regelmäßig und unabhängig evaluiert werden, um Fehlentwicklungen rechtzeitig zu erkennen und entgegenzusteuern sowie unerwünschte Wirkungen zu minimieren.“
Die Bundesministerien hätten die Lage oft zu positiv (im Stil von Fortschrittsberichten) bewertet. Das unterstreiche die Bedeutung unabhängiger Monitorings und Evaluierungen. In allen Bereichen des deutschen Engagements hätten systematische Wirkungsanalysen und regelmäßige strategische Evaluierungen gefehlt; das habe rechtzeitiges Lernen aus Fehlentwicklungen verhindert. Lehre: Einsätze müssen frühzeitig, regelmäßig und unabhängig evaluiert werden.
„Die Präzisierung von ‚Bekämpfung‘ durch die Formulierung ‚kill or capture‘ in der US-Befehlssprache entsprach schon zum damaligen Zeitpunkt nicht den Vorstellungen der deutschen politischen Leitung und militärischen Führung.“
Der „Kampf“ wurde im Wesentlichen auf die Ausschaltung von Terroristen reduziert. Die unterschiedlichen Orientierungen von Taliban (lokal, religiös-politisch) und Al-Qaida (transnational) wurden zunächst nicht wahrgenommen. Die militärische Konfliktbeschreibung beschränkte sich auf Symptome und ignorierte die zugrundeliegende Konfliktdynamik.
Originalstelle„So benennen Jones & Libicki im Jahr 2009 vier historisch beobachtbare Gründe für das Ende von Terrorgruppen: Polizeiarbeit, militärische Mittel …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„So benennen Jones & Libicki im Jahr 2009 vier historisch beobachtbare Gründe für das Ende von Terrorgruppen: Polizeiarbeit, militärische Mittel, Integration in politische Prozesse oder den „Erfolg" der Terrororganisationen. Eine erfolgreiche Überführung in legale politische Systeme ist der wahrscheinlichste Grund für das Ende von Terrorgruppen – Beispiele dafür sind der ANC, die FARC und Sinn Fein. Der zweitwahrscheinlichste Grund ist das Agieren von (lokaler) Polizei und Ermittlungsbehörden. Diese machten rund 40 Prozent aller erfolgreichen Anti-Terror-Operationen aus, wohingegen Einsätze mit militärischen Mittel für nur 7 Prozent verantwortlich seien.“
Die Kommission stellt fest: Internationaler und transnationaler Terrorismus kann mit militärischen Mitteln allein nur unzureichend bekämpft werden. Laut Jones & Libicki (2009) ist die Überführung in legale politische Systeme der wahrscheinlichste Grund für das Ende von Terrorgruppen; lokales Polizeihandeln macht rund 40 Prozent aller erfolgreichen Anti-Terror-Operationen aus, militärische Mittel nur 7 Prozent. Die „Decapitation“-Taktik hilft nur in etwa 17 Prozent der Fälle.
Hinweis: Für diesen Abschnitt liegt ein Sondervotum der Sachverständigen Prof. Dr. Masala, Egon Ramms und Jörg Vollmer vor (siehe Kap. 4.1.7).
Originalstelle„Dass die Wiederherstellung dauerhafter Institutionen von oben nach unten in einer von Personen und ihren Beziehungen und von …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Dass die Wiederherstellung dauerhafter Institutionen von oben nach unten in einer von Personen und ihren Beziehungen und von bottom-up-Entscheidungsprozessen geprägten Gesellschaft ein höchst problematisches Vorhaben war, war mangels Landeskenntnis und Konfliktverständnis sehr vielen Auftraggebern des internationalen Afghanistan-Einsatzes nicht bewusst. Vor diesem Hintergrund wurde die Umsetzung des Auftrags Stabilisierung eine Aufgabe, die offen war für sehr verschiedene Interpretationen, Akzentuierungen und Machbarkeitsillusionen – letztlich für Inkohärenz von Anfang an.“
Mangels Landeskenntnis und Konfliktverständnis war sehr vielen Auftraggebern des internationalen Einsatzes nicht bewusst, dass die Wiederherstellung dauerhafter Institutionen „von oben nach unten“ in einer von Personen und bottom-up-Entscheidungsprozessen geprägten Gesellschaft ein höchst problematisches Vorhaben war. Die Umsetzung des Auftrags Stabilisierung blieb offen für sehr verschiedene Interpretationen, Akzentuierungen und Machbarkeitsillusionen und letztlich für Inkohärenz von Anfang an.
Originalstelle„Nichtsdestoweniger endete der größte, teuerste, opferreichste Kriseneinsatz der – vor allem westlichen – Staatengemeinschaft mit einem strategischen …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Nichtsdestoweniger endete der größte, teuerste, opferreichste Kriseneinsatz der – vor allem westlichen – Staatengemeinschaft mit einem strategischen Scheitern. Der strategische Auftrag von ISAF und Resolute Support, Afghanistan bei der Herstellung eines sicheren Umfeldes für Regierung, Aufbau und Entwicklung zu unterstützen, wurde trotz aller Anstrengungen unter enormen Kosten und menschlichen Opfern verfehlt. Dieses Scheitern war ein gemeinschaftliches, zu dem nicht zuletzt die afghanischen Regierungsverhältnisse und deren Führungskräfte durch Korruption und schlechte Regierungsführung sowie die Rolle des Nachbarlandes Pakistan beigetragen haben.“
In den fast 20 Jahren waren rund 93.000 Bundeswehrsoldat:innen am NATO-geführten Einsatz beteiligt. Der größte, teuerste, opferreichste Kriseneinsatz der vor allem westlichen Staatengemeinschaft endete mit einem strategischen Scheitern. Das Scheitern war ein gemeinschaftliches, zu dem auch afghanische Regierungsverhältnisse durch Korruption und schlechte Regierungsführung sowie die Rolle Pakistans beigetragen haben.
Originalstelle„Damit war über den gesamten Zeitraum des Engagements keine einheitliche ressortgemeinsame Linie zu erkennen, was zwangsläufig auch zu …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Damit war über den gesamten Zeitraum des Engagements keine einheitliche ressortgemeinsame Linie zu erkennen, was zwangsläufig auch zu Abstimmungsproblemen auf allen Ebenen führen musste. • Auf der politisch -strategischen Ebene war eine einheitlich interne und externe Kommunikation nicht erkennbar, sodass eine Vermischung von Peacemaking, Peace enforcement und Peacekeeping auf der Umsetzungsebene deutlich wurde und die übergreifende politische Zielsetzung von „ nation building“ oder „state building“ nicht erkennbar war. • Entgegen den taktischen und operativen Wirkungsanalysen und lessons learned wurde die ressortübergreifende und systematische Evaluierung vernachlässigt.“
Landeskenntnis, historisch-kulturelles Konfliktverständnis oder vertiefte Wahrnehmung des Gastlandes war nicht vorhanden, wissenschaftliche Beratung wurde nicht ausreichend hinzugezogen. Der Begriff „Stabilisierung“ wurde durch die beteiligten Ressorts unterschiedlich ausgelegt. Damit war über den gesamten Zeitraum keine einheitliche ressortgemeinsame Linie zu erkennen. Eine Vermischung von Peacemaking, Peace enforcement und Peacekeeping wurde auf der Umsetzungsebene deutlich.
Originalstelle„Diese Aufgabe wurde von Deutschland bei der Übernahme der Verantwortung bei der Petersberger Konferenz unterschätzt. Die vereinbarte Arbeitsteilung …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Diese Aufgabe wurde von Deutschland bei der Übernahme der Verantwortung bei der Petersberger Konferenz unterschätzt. Die vereinbarte Arbeitsteilung wurde durch unterschiedliche nationale Interessen und Polizeikulturen, unterschiedliche Wahrnehmungen der Bedrohungslage und fehlende strategische Geduld relativ rasch ausgehebelt. Eine internationale Koordination fand in Ansätzen statt, wirkte sich aber aufgrund fehlender Verbindlichkeit nicht aus. Der Polizeiaufbau beruhte nicht auf den Gegebenheiten vor Ort und war nicht darauf ausgelegt, afghanische Eigenverantwortung zu stärken.“
Es fehlte ein Gesamtkonzept zum Aufbau der afghanischen Polizei. Die Aufgabe wurde von Deutschland bei Übernahme der Verantwortung in Petersberg unterschätzt. Die vereinbarte Arbeitsteilung wurde durch unterschiedliche nationale Interessen und fehlende strategische Geduld relativ rasch ausgehebelt. Der Polizeiaufbau beruhte nicht auf den Gegebenheiten vor Ort und war nicht darauf ausgelegt, afghanische Eigenverantwortung zu stärken.
Originalstelle„Die deutschen Soldatinnen und Soldaten und Polizistinnen und Polizisten haben im Rahmen ihres Auftrages unter hohem Einsatz und teilweise mit …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die deutschen Soldatinnen und Soldaten und Polizistinnen und Polizisten haben im Rahmen ihres Auftrages unter hohem Einsatz und teilweise mit erheblichen Einsatzrisiken wichtige Beiträge zur Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte geleistet, dafür verdienen sie Anerkennung und Wertschätzung von Politik und Gesellschaft, deren Interessen sie in Afghanistan vertreten haben. Das übergreifende Ziel, eine legitime und effiziente Armee und Polizei aufzubauen, wurde aber nicht erreicht. Streitkräfteaufbau, Ausrüstung und Ausbildung brauchen einen langfristigen Plan mit definierten Zwischenzielen, die ständig evaluiert werden müssen.“
Die deutschen Soldat:innen und Polizist:innen haben wichtige Beiträge zur Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte geleistet und verdienen Anerkennung. Das übergreifende Ziel, eine legitime und effiziente Armee und Polizei aufzubauen, wurde aber nicht erreicht. Streitkräfteaufbau, Ausrüstung und Ausbildung brauchen einen langfristigen Plan mit definierten Zwischenzielen, „condition based“, nicht „time based“.
Originalstelle„Afghanistan war ein großes, fernes, armes, hartes, von Stammesrealitäten beherrschtes Land, das durch Jahrzehnte Schrecken und Gewalt traumatisiert …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Afghanistan war ein großes, fernes, armes, hartes, von Stammesrealitäten beherrschtes Land, das durch Jahrzehnte Schrecken und Gewalt traumatisiert war. Der Grundfehler war die Illusion, und ich würde sogar sagen, die selbstgerechte Hybris, man könne von außen in Afghanistan in kurzer Zeit den Grundstein für eine demokratische Gesellschaft nach unseren westlichen Vorstellungen legen.“
Botschafter a. D. Michael Steiner konstatierte einen „Grundfehler“: die „selbstgerechte Hybris“, dass man von außen in Afghanistan in kurzer Zeit eine demokratische Gesellschaft nach westlichen Vorstellungen aufbauen könne. Nicht bewusst war im Parlament, wie die afghanische Gesellschaft mit ihrem extremen Partikularismus strukturiert war und dass sie nicht von Institutionen, sondern von Personen und informellen Machtstrukturen geprägt war.
Originalstelle„Wo es an Verständnis für Wirkungsmöglichkeiten in dem sehr komplexen afghanischen Umfeld mangelte, griffen auch dann Machbarkeitsillusionen um sich …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Wo es an Verständnis für Wirkungsmöglichkeiten in dem sehr komplexen afghanischen Umfeld mangelte, griffen auch dann Machbarkeitsillusionen um sich, wo ausdrücklich ein überstülpender state building-Export abgelehnt wurde. In Bundestagsdebatten dominierte oft ein Rechtfertigungsdiskurs um das Für und Wider der Fortsetzung des Einsatzes. Fragen der Klarheit und Erfüllbarkeit von Aufträgen und Zwischenzielen, der Kohärenz der staatlichen Akteure, der (Un -)Ausgewogenheit der Mittel und einer systematischen Wirksamkeitskontrolle des Einsatzes kamen im Bundestag kaum zur Sprache.“
In Bundestagsdebatten dominierte ein Rechtfertigungsdiskurs um das Für und Wider der Fortsetzung. Fragen der Klarheit und Erfüllbarkeit von Aufträgen, der Kohärenz der Akteure und einer systematischen Wirksamkeitskontrolle kamen kaum zur Sprache. Erst neun Jahre nach Einsatzbeginn veranstaltete der Auswärtige Ausschuss eine öffentliche Anhörung zu Bewertungskriterien. Eine unabhängige und ressortübergreifende Wirkungsevaluierung wurde ab 2004 gefordert, bis 2021 aber von wechselnden Koalitionsmehrheiten abgelehnt.
Originalstelle„Die selbstgesteckten Ziele der Bundesregierung, die Lebensbedingungen der afghanischen Bevölkerung zu verbessern und investitionsfördernde …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die selbstgesteckten Ziele der Bundesregierung, die Lebensbedingungen der afghanischen Bevölkerung zu verbessern und investitionsfördernde wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu schaffen, um den Wirtschaftssektor aufzubauen, wurden nur punktuell erreicht. Wie die oben angeführten Zahlen des HDI belegen, sind die Wirkungen des zwanzigjährigen internationalen und deutschen Engagements überaus bescheiden und systemische Effekte auf gesellschaftlicher Ebene blieben aus.“
Die selbstgesteckten Ziele der Bundesregierung, Lebensbedingungen zu verbessern und einen aufgebauten Wirtschaftssektor zu schaffen, wurden nur punktuell erreicht. Die Wirkungen des zwanzigjährigen Engagements sind „überaus bescheiden”. Punktuelle Erfolge zeigen sich in Basisversorgung (Wasser, Grundbildung, Gesundheit), Infrastruktur (u. a. Flughafen Mazar-e Sharif) sowie bei individuellen Kompetenzzuwächsen hunderttausender Afghaninnen und Afghanen.
Originalstelle„Angesichts des volatilen Sicherheitsumfelds, in dem die Regierung mit der Aufstandsbewegung um territoriale Kontrolle und die „Herzen und Köpfe“ der …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Angesichts des volatilen Sicherheitsumfelds, in dem die Regierung mit der Aufstandsbewegung um territoriale Kontrolle und die „Herzen und Köpfe“ der Bevölkerung konkurrierte, konnte Entwicklungszusammenarbeit kaum stabilisierende Effekte hervorbringen. EZ-Maßnahmen wirkten nur dort stabilisierend, wo grundlegende Sicherheit herrschte und die Regierung Kontrolle ausübte. Wo die Sicherheitslage volatil war, konnte Entwicklungszusammenarbeit in der Regel keinen Beitrag zu Stabilisierung leisten und barg – ähnlich wie im Wirtschaftsaufbau – stattdessen das Potenzial, Korruption und bestehende Konflikte zu vergrößern.“
Entwicklungszusammenarbeit hat in Afghanistan kaum zu Stabilisierungszielen (Verringerung von Gewalt, verbesserte Regierungsführung) beigetragen. EZ-Maßnahmen wirkten nur dort stabilisierend, wo grundlegende Sicherheit herrschte und die Regierung Kontrolle ausübte. Wo die Sicherheitslage volatil war, barg EZ, ähnlich wie der Wirtschaftsaufbau, das Potenzial, Korruption und Konflikte zu vergrößern.
Originalstelle„Inder Entwicklungszusammenarbeit erwiesen sich kleine, lokal eingebettete Projekte zur Basisversorgung der Bevölkerung als effektiver, resistenter …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Inder Entwicklungszusammenarbeit erwiesen sich kleine, lokal eingebettete Projekte zur Basisversorgung der Bevölkerung als effektiver, resistenter und nachhaltiger als Projekte, die umfangreiche Investitionen beinhalteten oder auf strukturellen Wandel und Verhaltensänderungen abzielten.“
In der Entwicklungszusammenarbeit erwiesen sich kleine, lokal eingebettete Projekte zur Basisversorgung als effektiver, resistenter und nachhaltiger als Projekte mit umfangreichen Investitionen oder strukturellem Wandel als Ziel. Großflächige Programme wie das National Solidarity Programme (NSP) konnten zwar Infrastruktur ausweiten, schufen aber keine Beschäftigungsstrukturen oder förderten die Privatwirtschaft. Ehrgeizigere Ziele wurden meist verfehlt.
Im Kontext der London-Konferenz 2010 wählte die Bundesregierung im Bereich Demokratieförderung einen zunehmend minimalistischen Ansatz. Bundeskanzlerin Angela Merkel: „Wir haben keine Illusionen hinsichtlich bestimmter Demokratievorstellungen nach unseren Kriterien.” Außenminister Westerwelle erklärte in seiner Regierungserklärung im Dezember 2010, man müsse sich realistischerweise mit „good enough governance” abfinden.
„Das, was es an Wissensbeständen gab, wurde also nicht einbezogen, und eigentlich hat man sich bis heute nie bemüht, gezielt Wissensbestände zu Afghanistan aufzubauen.“
Eine Kernschwäche des deutschen Engagements bestand in der Unterschätzung des eigenen Informationsbedarfs. Wissen wurde bedarfsmäßig, jedoch kaum systematisch und aus nur begrenzten Quellen bezogen. Dies führte zu Unkenntnis über „Land und Leute” und zu einem mangelnden Bewusstsein für diese Unkenntnis. Vorangegangene Versuche hin zu einer Demokratie wurden nicht tiefgehend genug analysiert.
Originalstelle„Der Fokus des frühen Demokratisierungsprozesses lag auf der Durchführung von Wahlen, nicht zuletzt aufgrund deren leichterer Wahrnehmbarkeit und …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Der Fokus des frühen Demokratisierungsprozesses lag auf der Durchführung von Wahlen, nicht zuletzt aufgrund deren leichterer Wahrnehmbarkeit und Vorzeigbarkeit. Entsprechend wurden insbesondere die ersten Parlamentswahlen 2005 als großer Erfolg betrachtet. Über die vereinfachte „logistische Übung von Wahlen 983 “ wurden jedoch andere Legitimationsquellen einer jungen Demokratie nicht ausreichend berücksichtigt. Die Schwächen dieses Konzeptes zeigten sich spätestens in der Präsidentschaftswahl 2009. Sowohl die gesunkene Wahlbeteiligung als auch die qualitativen Mängel der Wahl (siehe Abschnitt 4.3.2.2.2) unterminierten die Legitimität der neuen Regierung.“
Der Fokus des frühen Demokratisierungsprozesses lag auf der Durchführung von Wahlen, nicht zuletzt wegen deren leichterer Vorzeigbarkeit. Über die „logistische Übung von Wahlen” wurden andere Legitimationsquellen einer jungen Demokratie nicht ausreichend berücksichtigt. Die Schwächen dieses Konzeptes zeigten sich spätestens in der Präsidentschaftswahl 2009 mit gesunkener Beteiligung und qualitativen Mängeln, die die Legitimität der neuen Regierung unterminierten.
Originalstelle„Die monetäre Unterstützung von afghanischen Stakeholdern durch ausländische Akteure erlaubte es Eliten, sich dem Demokratisierungsprozess zu …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die monetäre Unterstützung von afghanischen Stakeholdern durch ausländische Akteure erlaubte es Eliten, sich dem Demokratisierungsprozess zu entziehen. Durch die eigene finanzielle Basis bestanden keine Notwendigkeit zur Kooperation mit der afghanischen Zentralregierung und kein Anreiz zum Aufbau rechtsstaatlicher und demokratischer Institutionen. Anstatt der gewählten Vorgehensweise hätte die finanzielle Unterstützung stärker an die Bedingung einer Integration in das demokratische System erfolgen müssen. Dies ordnet sich ein in ein Gesamtbild, wonach Finanzmittel schlichtweg zu unsystematisch und „ohne Prüfung gewährt“ wurden.“
Die monetäre Unterstützung von afghanischen Stakeholdern durch ausländische Akteure erlaubte es Eliten, sich dem Demokratisierungsprozess zu entziehen. Durch die eigene finanzielle Basis bestand keine Notwendigkeit zur Kooperation mit der Zentralregierung und kein Anreiz zum Aufbau demokratischer Institutionen. Finanzmittel wurden zu unsystematisch und „ohne Prüfung gewährt”. So blieb das System die demokratische Fassade eines Systems der Patronage.
Originalstelle„Das Wahlgesetz, insbesondere das System des single non-transferable vote, untergrub Parteien ebenso, da es hierdurch für Kandidierende keinerlei …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Das Wahlgesetz, insbesondere das System des single non-transferable vote, untergrub Parteien ebenso, da es hierdurch für Kandidierende keinerlei strukturellen Anreiz gab, sich in solchen zu organisieren, während die Festlegung auf eine Parteilinie die Kandidierenden im Nachgang der Wahl in ihrer politischen Handlungsfreiheit beschränkte.“
Bei den Parlamentswahlen 2005 wurde gegen den Rat der Europäer ein System der faktischen Mehrheits- und Direktwahl (single non-transferable vote) eingeführt, das der Bildung von Parteien und Fraktionen vorbeugte und eine Zersplitterung des Parlaments bedingte. Die afghanische Wahlaufsichtsbehörde verbot zudem die Verwendung von Parteinamen und -symbolen. Es entstand keine nachhaltige Parteienlandschaft.
Originalstelle„Der Kriseneinsatz in Afghanistan vermochte es nicht, den Spielregeln von KKP andere Spielregeln (v.a. Gute Regierungsführung) entgegenzusetzen. …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Der Kriseneinsatz in Afghanistan vermochte es nicht, den Spielregeln von KKP andere Spielregeln (v.a. Gute Regierungsführung) entgegenzusetzen. Gegenmaßnahmen vermochten zwar, den Einfluss von KKP auf internationale Organisationen zu begrenzen, aber kaum nachhaltige Verhaltensänderungen im afghanischen Staats- und Verwaltungsapparat zu erwirken. Dennoch war das hohe Maß an KKP eher Symptom als Ursache für das Scheitern des Kriseneinsatzes.“
Der Kriseneinsatz habe es nicht geschafft, KKP-Logiken durch andere Spielregeln (v.a. Gute Regierungsführung) zu ersetzen. Gegenmaßnahmen begrenzten KKP innerhalb internationaler Organisationen, erwirkten aber kaum Verhaltensänderungen im afghanischen Staatsapparat. KKP sei aber eher Symptom als Ursache für das Scheitern des Einsatzes gewesen.
Originalstelle„Die Bereitstellung von zu vielen finanziellen Ressourcen bei zu wenig vorhandenen Absorptionskapazitäten auf afghanischer Seite bedingte die Zunahme …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die Bereitstellung von zu vielen finanziellen Ressourcen bei zu wenig vorhandenen Absorptionskapazitäten auf afghanischer Seite bedingte die Zunahme „großer Korruption“ (grand corruption), die vor allem in den Treuhandfonds auftrat. Die größten finanziellen Verluste entstanden allerdings durch Ressourcenineffizienz (u.a. schlecht geplante oder schlecht durchgeführte Projekte, Ketten von Unterauftragsvergaben, überhöhte Preise sowie Geldrückflüsse in die Geberländer).“
Zu viele Finanzressourcen bei zu geringer afghanischer Absorptionskapazität hätten die „große Korruption” v.a. in den Treuhandfonds befördert. Die größten finanziellen Verluste seien jedoch durch Ressourcenineffizienz entstanden: schlecht geplante oder durchgeführte Projekte, Unterauftragsketten, überhöhte Preise, Geldrückflüsse in die Geberländer.
Originalstelle„Die großzügige Bereitschaft der Geber, den Wiederaufbau zu fördern, bedingte das Gegenteil, nämlich das Aussetzen der Transition hin zu einem …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die großzügige Bereitschaft der Geber, den Wiederaufbau zu fördern, bedingte das Gegenteil, nämlich das Aussetzen der Transition hin zu einem modernen, demokratischen Staat (Murtazashvili & Shapoval, 2022). Internationale Patronage, massive Hilfsgelder und Militärausgaben nahmen die Motivationen der afghanischen Eliten und der breiten Bevölkerung für eine Veränderung, weshalb Suhrke (2011) schlussfolgerte „more is less.““
Die internationale Geldschwemme bewirkte das Gegenteil ihrer Absicht: Statt die Transition zu einem demokratischen Staat zu fördern, nahm sie den afghanischen Eliten und der Bevölkerung die Veränderungsmotivation. Astri Suhrke (2011) prägte hierfür die Formel „more is less”. Interviewpartner:innen bestätigten dies: „je weniger Geld, desto besser für so ein Land”. Wechselkursverzerrung („Dutch Disease”) zog sogar Gastarbeiter aus Usbekistan an.
Originalstelle„In den ersten Jahren des Wiederaufbaus in Afghanistan war die Korruptionsbekämpfung keine Priorität der Geber. … „Ich würde sagen, es gab wirklich …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„In den ersten Jahren des Wiederaufbaus in Afghanistan war die Korruptionsbekämpfung keine Priorität der Geber. … „Ich würde sagen, es gab wirklich eine Lücke, als wir 2006, 2007 anfingen. Am Anfang war Korruption überhaupt kein Thema. Sie wurde nicht als Problem gesehen. Ich würde sagen, dass es erst 2010, 2011 zu einem Problem wurde. Nicht früher. Es hat also fünf, sechs Jahre gedauert, bis man anfing, Korruption damit in Verbindung zu bringen, dass sie eine Form von Legitimität für regierungsfeindliche Bewegungen schafft“ (internationale:r Expert:in 5, 15.04.2024).“
In den ersten 5–10 Jahren des Wiederaufbaus war Korruptionsbekämpfung keine Priorität der Geber; kurzfristige Erfolge wurden über langfristige institutionelle Reformen gestellt. Erst 2010/11 wurde KKP als Problem erkannt, das Aufständischen Legitimität verschaffte. Ein deutscher Beamter sagte schon 2004/05, alle überwiesenen Polizeiaufbau-Mittel seien „bereits abgeschrieben”, es gehe darum, vor den USA gut dazustehen, „nicht um Wirkung”.
Originalstelle„Der Mittelabflussdruck war enorm. Die Geber, die Erfolgsgeschichten sehen wollten, hatten kein Interesse daran, dass Gelder nicht abgerufen oder …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Der Mittelabflussdruck war enorm. Die Geber, die Erfolgsgeschichten sehen wollten, hatten kein Interesse daran, dass Gelder nicht abgerufen oder ausgegeben wurden. Das heißt, dass Projektleiter daran gemessen wurden, ihre Gelder zu verausgaben. … Bei einigen DO schlugen sich zudem zu wenig ausgegebene Mittel negativ in der jährlichen Performance-Bewertung nieder und bedingten einen Abzug von Boni. Das heißt, dass das Bewertungssystem sich nicht daran ausrichtet, Steuergelder möglichst effektiv und effizient einzusetzen, sondern einfach möglichst nach Plan auszugeben.“
Der Mittelabflussdruck war enorm: Geber wollten Erfolgsgeschichten, Projektleiter:innen wurden an verausgabten Geldern gemessen. Bei einigen DO bedingten zu wenig ausgegebene Mittel negative Performance-Bewertung und Boni-Abzug. Das Bewertungssystem belohnte nicht effiziente Verwendung, sondern Plan-Auszahlung. Ein US-Oberstleutnant schenkte sogar einer deutschen DO 300.000 US-Dollar ohne Quittung („Ich darf keine Quittung bringen, ich weiß nicht, wem ich das Geld noch geben soll”).
Originalstelle„Wie in nahezu allen internationalen Organisationen gab es auch in den deutschen kaum internationale Mitarbeitende, die über …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Wie in nahezu allen internationalen Organisationen gab es auch in den deutschen kaum internationale Mitarbeitende, die über Dari-/Paschtu-Sprachkenntnisse verfügten. Dies bedingte, dass viele administrative Prozesse wie auch die Kontrollprozesse in der Hand der afghanischen Mitarbeitenden lagen und deren Kontrolle nur sehr begrenzt möglich war. … Da die Quittungen in der Regel auf Dari und in arabischer Schrift ausgestellt wurden, waren die Kontrollmöglichkeiten aufgrund der nicht-vorhandenen Sprachkenntnisse der internationalen Expert:innen sehr eingeschränkt.“
Wenige internationale Mitarbeitende verfügten über Dari- und Paschtu-Sprachkenntnisse; administrative Prozesse und Kontrolle lagen weitgehend in der Hand afghanischer Mitarbeitender. Abrechnungen (Quittungen auf Dari und in arabischer Schrift) konnten kaum überprüft werden und waren das wichtigste Einfallstor für „kleine Korruption”. Wo entsandte Mitarbeitende Sprachkenntnisse hatten, nahm KKP rapide ab. Englischsprachige afghanische Buchhalter:innen waren rar und verfügten über privilegierte Stellungen.
Originalstelle„Im Falle Afghanistans schätzt Waldmann (2008), dass etwa 15 bis 20 Prozent Gemeinkosten pro Subunternehmer und bis zu 50 Prozent der Gesamtkosten …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Im Falle Afghanistans schätzt Waldmann (2008), dass etwa 15 bis 20 Prozent Gemeinkosten pro Subunternehmer und bis zu 50 Prozent der Gesamtkosten durch Kettenverträge entstehen. Mit anderen Worten, für jede ausgegebenen 100 US-Dollar und bei drei Unterauftragnehmern in einer Kette (20 Prozent), blieben 51,20 US-Dollar übrig, um Leistungen zu bezahlen.“
Unterauftragsketten verschlangen einen Großteil der Gelder: 15–20 % Gemeinkosten pro Subunternehmer, bis zu 50 % der Gesamtkosten. Bei 100 US-Dollar und drei Sub-Auftragnehmern blieben nur 51,20 US-Dollar für tatsächliche Leistungen. Folgen: minderwertige Materialien, ungelernte Arbeiter, Verzögerungen. Ein Extremfall: BMZ→DO→deutsche Firma→türkische Baufirma→Großfirma Kabul→Baufirma Kundus→Tagelöhner, wobei jede Stufe nahm ~10 %. Bei deutschen Projekten dürften 20–40 % Gemeinkosten pro Projekt anfallen.
Originalstelle„So kam es zu moralischen Entkopplungsmechanismen, bei denen sich Mitarbeiter:innen von den ethischen Implikationen ihres Handelns distanzierten und …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„So kam es zu moralischen Entkopplungsmechanismen, bei denen sich Mitarbeiter:innen von den ethischen Implikationen ihres Handelns distanzierten und ungewollt korruptes Verhalten ermöglichten. Daher kam es nur vergleichsweise selten zur Anzeige von Korruption oder zu Sanktionen. Dies hätte eher einen Mehraufwand verursacht und widersprach dem Anreizsystem der DO. An dieser Stellte setzten die DO die falschen Anreize.“
Viele Entscheidungsträger:innen und Praktiker:innen rationalisierten KKP in ihrem Umfeld, um kognitive Dissonanz zu reduzieren. Beliebte Narrative: individuelles Ahnden ändert nichts oder schadet. Es kam zu „moralischen Entkopplungsmechanismen”: Mitarbeitende distanzierten sich von ethischen Implikationen und ermöglichten ungewollt korruptes Verhalten. Anzeigen oder Sanktionen waren selten, da sie Mehraufwand bedeuteten und dem Anreizsystem widersprachen; die DO setzten falsche Anreize.
Originalstelle„Bei KKP handelt es sich um miteinander eng verflochtene und sich gegenseitig bedingende Handlungslogiken, die die gesamte Gesellschaft und …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Bei KKP handelt es sich um miteinander eng verflochtene und sich gegenseitig bedingende Handlungslogiken, die die gesamte Gesellschaft und Staatlichkeit auf allen Ebenen durchzieht und tief in den politischen, sozialen und wirtschaftlichen Strukturen verwurzelt ist. Daher stellt KKP eine systemische Herausforderung dar, die nicht durch einzelne Reformen, Kontroll- und Monitoringmechanismen oder den Austausch von politischen Entscheidungsträger:innen in den Griff zu bekommen ist, sondern die einer gesamtgesellschaftlichen Transformation bedarf. … Zudem besteht seit der sog. Zeitenwende und der damit verbundenen Priorisierung auf Bündnis- und Landesverteidigung ein Zielkonflikt zwischen internationalen Kriseneinsätzen mit ressourcenbedingten Exit-Perspektiven und einer notwendigen Langfristigkeit bei der Unterstützung von beabsichtigtem gesellschaftlichen Wandel.“
KKP sei systemische Herausforderung, die nicht durch einzelne Reformen oder Personalaustausch zu lösen sei, sondern eine gesamtgesellschaftliche Transformation erfordere. Entscheider müssten zu Beginn eines Kriseneinsatzes klären, ob diese Transformation angegangen wird. Seit der „Zeitenwende” und der Priorisierung auf Bündnis- und Landesverteidigung bestehe ein Zielkonflikt zwischen Kriseneinsätzen mit ressourcenbedingten Exit-Perspektiven und der notwendigen Langfristigkeit für gesellschaftlichen Wandel.
Originalstelle„Allerdings gibt es Gründe, warum dieses Argument so stark geworden sein könnte: Erstens funktionierte es, um die Taliban zu dämonisieren; zweitens …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Allerdings gibt es Gründe, warum dieses Argument so stark geworden sein könnte: Erstens funktionierte es, um die Taliban zu dämonisieren; zweitens lenkte es von der Frage ab, über welche Finanzierung die Taliban (und, im weiteren Sinne der Annahmen, beide seien letztlich identisch, Al-Qaida) stattdessen verfügten (etwa aus den Golfstaaten, durch Abschöpfen von Transportgebühren auch von Gütertransporten der USA aus Pakistan, Besteuerung und Spenden). Drittens erlaubte es, die Welt einzuteilen in Feinde und Kooperationspartner, während die Wirklichkeit unvergleichlich komplexer und die Profitstrukturen erheblich verschachtelter waren.“
Das US-Narrativ, die Taliban erzielten einen erheblichen Anteil ihrer Finanzierung aus Opium, sei trotz schwacher Datenlage stark geworden, weil es die Taliban dämonisiert, von anderen Finanzierungsquellen abgelenkt und ein einfaches Feindbild ermöglicht habe. Dabei sei die Wirklichkeit ‚unvergleichlich komplexer‘ gewesen.
Originalstelle„Regionale Fragmentierung der Ansätze, Vermischung entwicklungs- und sicherheitspolitischer Logiken, makroökonomische Störeffekte wie …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Regionale Fragmentierung der Ansätze, Vermischung entwicklungs- und sicherheitspolitischer Logiken, makroökonomische Störeffekte wie Rentenabhängigkeit und Dutch disease sowie eine zu starke Fokussierung auf den Zentralstaat haben also verhindert, dass der Opiumanbau reduziert werden konnte.“
Regionale Fragmentierung, Vermischung entwicklungs- und sicherheitspolitischer Logiken, Rentenabhängigkeit, Dutch-Disease-Effekte und zu starke Zentralstaatfixierung hätten eine Reduktion des Opiumanbaus verhindert; Hilfsgelder und Drogenrente hätten die Rentenstrukturen zusätzlich verstärkt.
Originalstelle„In den Interviews wurde stets betont, dass wissenschaftlichen Experten wie etwa David Mansfield, der damals die britische Regierung beriet, klar war …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„In den Interviews wurde stets betont, dass wissenschaftlichen Experten wie etwa David Mansfield, der damals die britische Regierung beriet, klar war, dass eine Transformation der Drogenwirtschaft in eine weite Teile der Bevölkerung ernährende legale Produktionswirtschaft eine Generationenaufgabe ist. Vorgaben wie die des britischen Premiers Tony Blair Anfang 2002, Afghanistan solle binnen zehn Jahren opiumfrei sein, stellten deshalb nicht nur eine unrealistische Zielvorgabe für die staatlichen Institutionen dar. Sie waren auch kontraproduktiv insofern, dass sie Fehlallokationen zur Folge hatten, die entwicklungspolitische und sicherheitspolitische Ziele gegeneinander in Stellung brachten.“
Tony Blairs Vorgabe Anfang 2002, Afghanistan solle binnen zehn Jahren opiumfrei sein, sei unrealistisch und kontraproduktiv gewesen; sie habe zu Fehlallokationen geführt und entwicklungs- gegen sicherheitspolitische Ziele in Stellung gebracht. Wissenschaftliche Experten hätten Transformation als Generationenaufgabe verstanden.
Originalstelle„Berry beschreibt überzeugend, wie die heimische Zielsetzung, gegen die hohen Heroinkonsumentenzahlen in Großbritannien vorzugehen, die Entscheidung …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Berry beschreibt überzeugend, wie die heimische Zielsetzung, gegen die hohen Heroinkonsumentenzahlen in Großbritannien vorzugehen, die Entscheidung beeinflusste, Lead Nation für Anti-Drogenpolitik zu werden. In Tony Blairs Perspektive hatte sich die heimischen Drogen-Reduktionsmaßnahmen als schwierig erwiesen, und so bot die Intervention in Afghanistan eine Gelegenheit, die Drogenproblematik an ihrer Quelle zu adressieren.“
Die Entscheidung Tony Blairs, Lead Nation für Anti-Drogenpolitik zu werden, sei wesentlich von der britischen Innenpolitik zum Heroinkonsum motiviert gewesen; das übersehe, dass der Konsum in Großbritannien ursächlich nicht mit Afghanistan zusammenhing und Angebotsdefizite global anderswo gedeckt worden wären.
Originalstelle„Andererseits wurden die Herausforderungen (sic!) in Afghanistan operativ voneinander entkoppelt, d.h. wenn der strategische Imperativ, die …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Andererseits wurden die Herausforderungen (sic!) in Afghanistan operativ voneinander entkoppelt, d.h. wenn der strategische Imperativ, die Aufstandsbewegung von ihren (vermuteten) Geldquellen abzuschneiden, dominant wurde, wurden entwicklungspolitische Ziele hintangestellt; umgekehrt wurden entwicklungspolitische Zielsetzungen nicht mit ihren sicherheitspolitischen Folgen ins Verhältnis gesetzt. Objektiv falsche Annahmen, wie etwa dass Taliban und al-Qaida eng miteinander kooperierten, oder dass die Opiumökonomie die Taliban direkt finanziere, führten zu fehlgeleiteter Priorisierung.“
Sicherheits- und entwicklungspolitische Zielsetzungen seien einander systematisch in die Quere gekommen und nie austariert worden; objektiv falsche Annahmen, etwa eine enge Kooperation von Taliban und al-Qaida oder eine direkte Talibanfinanzierung durch Opium, hätten zu fehlgeleiteter Priorisierung geführt.
Originalstelle„Um Zusammenstößen, etwa bei Patrouillen mit Drogenkurieren, aus dem Weg zu gehen, erwies sich das ‚Partnering‘ mit lokalen Akteuren oft als …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Um Zusammenstößen, etwa bei Patrouillen mit Drogenkurieren, aus dem Weg zu gehen, erwies sich das ‚Partnering‘ mit lokalen Akteuren oft als hilfreich: Beim ‚Partnering‘ sind „afghanische Soldaten in enger Abstimmung mit ISAF-Soldaten unterwegs“, was dazu führte, „dass Händler von Patrouillen kaum mehr überrascht werden. Die Informationen [fanden] nun ihren Weg zu den Händlern, so dass sich Militär und Transporteure aus dem Weg gehen“ konnten. Die Bundeswehr, die sich auf Stabilisierungsmission sah, wollte nicht in Gefechte um Drogenhandel verwickelt werden und war deshalb nicht undankbar dafür, dass sich ISAF-Truppen und Drogenhändler wechselseitig meiden konnten.“
Beim ‚Partnering' mit afghanischen Sicherheitskräften seien Informationen über Patrouillen zu Händlern geflossen, sodass Militär und Transporteure einander ausweichen konnten. Die Bundeswehr wollte nicht in Drogengefechte verwickelt werden und sei dadurch ‚zur Komplizin der lokalen Arrangements' geworden.
Originalstelle„Im noch schlechteren Fall ließ sich Deutschland mit Hilfsgeldern und Entwicklungsprojekten, Sicherheitskooperation und Intelligence Sharing (in …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Im noch schlechteren Fall ließ sich Deutschland mit Hilfsgeldern und Entwicklungsprojekten, Sicherheitskooperation und Intelligence Sharing (in begrenztem Ausmaß) von den lokalen Machthabern instrumentalisieren und trug dazu bei, durch Empowerment der ‚Provinzkönige‘ den Zentralstaat zu schwächen.“
Insbesondere in Balkh und Badakhshan hätten komplexe Herrschaftsarrangements bestanden, die für die Deutschen nicht zu durchdringen waren. Im schlechtesten Fall habe sich Deutschland mit Hilfsgeldern und Sicherheitskooperation von lokalen Machthabern instrumentalisieren lassen und durch deren Empowerment den Zentralstaat geschwächt.
„Allerdings hätte es der Bundesrepublik gut zu Gesicht gestanden, das europäische Profil zu schärfen, in dem die militärische Schwäche (Caveats!) durch diplomatische Führung zur Koordination wenigstens der europäischen Partner kompensiert worden wäre.“
Es hätte der Bundesrepublik gut zu Gesicht gestanden, das europäische Profil zu schärfen, indem militärische Schwäche (Caveats) durch diplomatische Führung zur Koordination wenigstens der europäischen Partner kompensiert worden wäre.
Originalstelle„Angesichts der Tatsache, dass Afghanistan als Agrarland bekannt war, in dem weit über 4/5 der Bevölkerung von der Landwirtschaft lebten (ob als …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Angesichts der Tatsache, dass Afghanistan als Agrarland bekannt war, in dem weit über 4/5 der Bevölkerung von der Landwirtschaft lebten (ob als Marktproduzenten oder in Subsistenzwirtschaft), ist indes erstaunlich, dass in der ‚internationalen Gemeinschaft‘75 keine Diskussion aufkam, eine umfassende Agrarstrategie für Afghanistan international abzustimmen und zu finanzieren. So blieben die im Agrarbereich praktizierten, regionalen Projekte oft unverbundenes Stückwerk, die obendrein bei Kontingentwechsel neu, und oft anders, konzipiert wurden.“
Obwohl 4/5 der Bevölkerung von der Landwirtschaft lebten, sei in der ‚internationalen Gemeinschaft' keine Diskussion einer umfassenden, abgestimmten und finanzierten Agrarstrategie aufgekommen; regionale Projekte blieben unverbundenes Stückwerk und wurden bei Kontingentwechsel neu konzipiert.
„„Die Gegenmaßnahmen waren nicht erfolgreich – soviel kann zusammengefasst werden. […] Dass das Lead Nation-Konzept die Verantwortung kompartmentalisierte, war dabei sicher keine Hilfe, weil die Staaten einander gegenseitig die Verantwortung zuschoben.“
Insgesamt seien die Gegenmaßnahmen gegen die Drogenökonomie nicht erfolgreich gewesen; die Drogenökonomie sei wegen ihrer Illegalität flexibel und kapitalstark. Das Lead-Nation-Konzept habe die Verantwortung kompartmentalisiert und das gegenseitige Zuschieben begünstigt.
Originalstelle„(Rn.19-20) ➢ Einer Institution „Nationaler Sicherheitsberater“ können Aufgaben zu Herstellung politisch-strategischer Kohärenz rechtlich …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„(Rn.19-20) ➢ Einer Institution „Nationaler Sicherheitsberater“ können Aufgaben zu Herstellung politisch-strategischer Kohärenz rechtlich unproblematisch zugewiesen werden, sofern dadurch bisher bestehende Kompetenzlücken gefüllt werden. Eine solche Aufgabenzuweisung vermeidet Dopplungen und Redundanzen. Langfristig, strategisch angelegte Aufgaben (Erstellung von Strategiedokumenten, strategische Vorausschau zur Politikberatung, Zusammenführung von Lagebildern als „Meta-Auswertung“, Krisenfrüherkennung etc.) erzeugen dabei erheblich geringeren Regelungsbedarf als kurzfristig angelegte Aufgaben, wie eine tagesaktuelle Lagebilderstellung und die Funktion als Krisenreaktionsstab.“
Zwei verbundene Institutionen könnten per Organisationserlass und Kabinettsbeschluss geschaffen werden. Der Unterbau könne nicht ressortfrei sein, sondern maximal begrenzt „ministerialfrei”. Für den „Nationalen Sicherheitsberater” empfehle sich eine Verortung analog zum Presse- und Informationsamt (oberste Bundesbehörde, politischer Beamter). Der NSR als Kabinettsausschuss könne aus dem informellen „Sicherheitskabinett” hervorgehen. Langfristige, strategische Aufgaben (Strategiedokumente, Vorausschau, Meta-Auswertung, Krisenfrüherkennung) seien rechtlich erheblich einfacher zuzuweisen als tagesaktuelle Lagebilderstellung und Krisenreaktionsstab-Funktionen.
„Wie fast immer seit 2001 wurden fundamentale Entscheidungen über Afghanistan aus den innenpolitischen Motivationen der intervenierenden Mächte heraus getroffen.“
Fast durchgängig seit 2001 seien fundamentale Afghanistan-Entscheidungen aus innenpolitischen Motiven der intervenierenden Mächte heraus getroffen worden, nicht primär aus afghanischer Realität.
Originalstelle„Als die USA am 7. Oktober 2001 den Einmarsch in Afghanistan mit massiven Luftangriffen begannen, ergriffen die intervenierenden Staaten in einem bis …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Als die USA am 7. Oktober 2001 den Einmarsch in Afghanistan mit massiven Luftangriffen begannen, ergriffen die intervenierenden Staaten in einem bis heute ungelösten Bürgerkrieg für die sogenannte Nordallianz Partei. Bei diesem Konflikt geht es auch wesentlich um die politische Rolle des Islam. Die Feinde der Taliban, darunter Schlächter und Menschenrechtsverächter, wurden unverzichtbare Partner des Westens.“
Beim US-Einmarsch ab 7. Oktober 2001 hätten die Intervenierenden in einem bis heute ungelösten Bürgerkrieg für die Nordallianz Partei ergriffen; bei diesem Konflikt gehe es auch wesentlich um die politische Rolle des Islam. Die Feinde der Taliban (darunter „Schlächter und Menschenrechtsverächter”) seien unverzichtbare Partner des Westens geworden.
Originalstelle„Das war eine schwere Bürde für den versuchten Aufbau eines neuen Staates – zumal es zu keinem Zeitpunkt eine klare Vision zum afghanischen „nation …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Das war eine schwere Bürde für den versuchten Aufbau eines neuen Staates – zumal es zu keinem Zeitpunkt eine klare Vision zum afghanischen „nation buildung” gab – weder innerhalb der USA noch unter den europäischen Partnern. Es gab viele Ideen, viele Stakeholder und ständig wechselndes internationales Personal vor Ort.“
Eine klare Vision für ein afghanisches „Nation Building” habe es zu keinem Zeitpunkt gegeben, weder in den USA noch unter den europäischen Partnern; stattdessen viele Ideen, viele Stakeholder und ständig wechselndes internationales Personal vor Ort.
Originalstelle„Die militärische Intervention in Afghanistan war ohne klare politische Zielvorgabe und messbare Kriterien für die Evaluierung und den Abzug zum …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die militärische Intervention in Afghanistan war ohne klare politische Zielvorgabe und messbare Kriterien für die Evaluierung und den Abzug zum Scheitern verurteilt. Soldatinnen und Soldaten können keinen Staat aufbauen. Dass der Krieg militärisch nicht zu gewinnen war, wurde spätestens nach Obamas' surge (+30.000 zusätzliche Kampftruppen für eine kurze Zeit; 2009/2010) von niemandem mehr bezweifelt. Dass die Taliban an der Macht in Afghanistan beteiligt werden müssen, ließ sich allerspätestens hier (2010) nicht mehr ignorieren.“
Die militärische Intervention ohne klare politische Zielvorgabe sei zum Scheitern verurteilt gewesen, denn Soldaten könnten keinen Staat aufbauen; spätestens nach Obamas Surge (+30.000 Truppen, 2009/2010) habe niemand mehr bezweifelt, dass der Krieg militärisch nicht zu gewinnen ist und die Taliban an der Macht beteiligt werden müssen.
Originalstelle„Seitens der intervenierenden Staaten, hier vor allem der USA; wurde Geld vor allem dort investiert, wo es der sogenannte Anti-Terror-Kampf bzw. die …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Seitens der intervenierenden Staaten, hier vor allem der USA; wurde Geld vor allem dort investiert, wo es der sogenannte Anti-Terror-Kampf bzw. die Aufstandsbekämpfung verlangte – und im Machtzentrum Kabul. Die Militarisierung der humanitären Hilfe und der Entwicklungshilfe gilt es aus meiner Sicht sehr kritisch aufzuarbeiten und zu hinterfragen. Die Afghanistan-Mission der vergangenen zwei Jahrzehnte hatte einen überwältigenden military footprint, keinen civilian footprint. Die UNAMA war außen vor, wenn die US-Armee counter-insurgency-Entscheidungen traf. Es hat sich gezeigt, dass Staatsaufbau bei gleichzeitigem Rachefeldzug gegen Taliban/Al-Qaida ein Rezept für ein dramatisches Interventions-Desaster ist.“
Die intervenierenden Staaten, vor allem die USA, hätten Mittel dorthin gelenkt, wo Anti-Terror-Kampf bzw. Aufstandsbekämpfung sie verlangten, sowie ins Machtzentrum Kabul; die Militarisierung von humanitärer Hilfe und EZ sei kritisch aufzuarbeiten. Die Mission habe einen überwältigenden military, aber keinen civilian footprint gehabt, UNAMA sei bei counter-insurgency-Entscheidungen außen vor gewesen; Staatsaufbau bei gleichzeitigem Rachefeldzug sei ein Rezept für Interventions-Desaster.
Originalstelle„Viele der hier aufgeführten Fragen suggerieren ein schwarz-weiß-Bild, dass ich in Afghanistan so nie erlebt habe. Die Guten waren nie nur die Guten …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Viele der hier aufgeführten Fragen suggerieren ein schwarz-weiß-Bild, dass ich in Afghanistan so nie erlebt habe. Die Guten waren nie nur die Guten, und die Bösen waren nie nur die Bösen. Die Grenzen waren fließend, genauso wie Allianzen, Loyalitäten und das Vertrauen bzw. Misstrauen. Nach vier Jahrzehnten Krieg ist Afghanistan ein Land von Grautönen und komplizierten Schattierungen.“
Viele Leitfragen suggerierten ein Schwarz-weiß-Bild, das in Afghanistan so nicht existiere; nach vier Jahrzehnten Krieg sei das Land von Grautönen und komplizierten Schattierungen geprägt, Allianzen und Loyalitäten seien fluide.
Originalstelle„Von Deutschland aufgebaute und finanzierte Frauensender gibt es heute nicht mehr. Der von Deutschland aufgebaute Flughafen und das ehemalige deutsche …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Von Deutschland aufgebaute und finanzierte Frauensender gibt es heute nicht mehr. Der von Deutschland aufgebaute Flughafen und das ehemalige deutsche Feldlager sind in einem jämmerlichen Zustand. Viele junge, hochgebildete Menschen sind aus der Region geflohen – nach Kabul oder Mazar und ins Ausland. Eine Zukunft in Kunduz können sie sich nicht vorstellen. Das zeichnet für mich ein bedenkenswertes Bild über Erfolg und Misserfolg einer militarisierten Entwicklungszusammenarbeit.“
Von Deutschland aufgebaute Frauensender gebe es heute nicht mehr; Flughafen und Feldlager seien in jämmerlichem Zustand, viele junge, hochgebildete Menschen seien nach Kabul, Mazar oder ins Ausland geflohen. Das ergebe ein bedenkenswertes Bild zu Erfolg und Misserfolg militarisierter EZ.
Originalstelle„Trotz des katastrophalen und beschämenden Endes der Intervention haben die vergangenen zwei Jahrzehnte auch dank des deutschen Engagements dafür …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Trotz des katastrophalen und beschämenden Endes der Intervention haben die vergangenen zwei Jahrzehnte auch dank des deutschen Engagements dafür gesorgt, ein komplett isoliertes, vergessenes, bettelarmes, nach dem Ende des Kalten Krieges fatalerweise ignoriertes Land wieder mit der Welt in Kontakt zu bringen. Internet und Smartphone gehören heute für Millionen Afghaninnen und Afghanen zum Alltag.“
Trotz katastrophalem Ende der Intervention habe das deutsche Engagement (mit) dazu beigetragen, ein nach dem Kalten Krieg „ignoriertes” Land wieder mit der Welt zu verbinden; Internet und Smartphone gehörten heute für Millionen Afghan:innen zum Alltag.
Originalstelle„Als zentraler Fehler der Etablierung demokratischer Strukturen in Afghanistan identifizierten viele afghanische Intellektuelle, dass in Afghanistan …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Als zentraler Fehler der Etablierung demokratischer Strukturen in Afghanistan identifizierten viele afghanische Intellektuelle, dass in Afghanistan keine politischen Parteien zu Wahlen zugelassen wurden, sondern stets nur Einzelpersonen. Diese Politik, die auf die konstitutionelle Monarchie Afghanistans in den 1960er Jahren zurückgeht, hatte die internationale Gemeinschaft in der Verfassung von 2003 verankert. Hierdurch wurden klientilistische Netzwerke in Afghanistan gestärkt und nicht überwunden. So blieb politische Willensbildung in den letzten 20 Jahren stets auf persönliche Netzwerke beschränkt. Gleichzeitig fand in den letzten 20 Jahren eine zunehmende Entkopplung der Eliten des Landes von ihrer Gefolgschaft statt. … Diesbezüglich stellten die Taliban einen Gegenpol dar, da sie sich erfolgreich als die „Bewegung des kleinen Mannes” generierten, bis auf die lokale Ebene einen Ressourcenfluss sicherstellten und damit weit stärker in der Lage waren, Anhänger zu mobilisieren.“
Viele afghanische Intellektuelle identifizierten als zentralen Fehler, dass in Afghanistan keine politischen Parteien, sondern nur Einzelpersonen zur Wahl zugelassen waren. Diese Regelung stamme aus der konstitutionellen Monarchie der 1960er, die internationale Gemeinschaft habe sie 2003 in der Verfassung verankert; dadurch seien klientilistische Netzwerke gestärkt statt überwunden worden, politische Willensbildung blieb auf persönliche Netzwerke beschränkt. Die Taliban hätten sich erfolgreich als „Bewegung des kleinen Mannes” inszeniert, bis lokal Ressourcen sichergestellt und besser mobilisiert.
Originalstelle„Auch die Bundesregierung konstatiert 2018 ernüchtert: „Weiterhin sei die Verwaltung nicht effektiv, gebe es Korruption, Flucht und Arbeitslosigkeit. …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Auch die Bundesregierung konstatiert 2018 ernüchtert: „Weiterhin sei die Verwaltung nicht effektiv, gebe es Korruption, Flucht und Arbeitslosigkeit. Die erreichten Erfolge seien unzureichend und „brüchig” (mit anderen Worten: nicht nachhaltig) und bedürften noch länger andauernder externer Unterstützung, um Rückschritte zu verhindern.”“
Bereits die Bundesregierung selbst habe 2018 ernüchtert festgestellt: die Verwaltung sei nicht effektiv, es gebe Korruption, Flucht und Arbeitslosigkeit, die Erfolge seien unzureichend und „brüchig” (also nicht nachhaltig) und bedürften noch länger andauernder externer Unterstützung.
Originalstelle„Bestes Beispiel: Mohn – und Drogenanbau. WIR, die NATO, sahen es, schritten aber nicht ein: Das wäre als Überschreitung des Mandats - mission creep …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Bestes Beispiel: Mohn – und Drogenanbau. WIR, die NATO, sahen es, schritten aber nicht ein: Das wäre als Überschreitung des Mandats - mission creep - verstanden worden. Der „Dorfpolizist” schritt nicht ein, weil es sein Leben gekostet hätte und so weiter. Man konnte sich auch einen Grenzposten oder Check-Point „mieten” – der örtliche afghanische Führer besserte so sein Konto auf. Ismael Khan, DER Herrscher im Raum HERAT, soll das gefördert haben. Auch Gouverneur Atta im Norden sagte man ähnliche Geschäfte nach. Schließlich Benzin & Öl. Das war faktisch die wichtigste Währung und alle Afghanen und Nachbarländer machten da mit.“
Beim Mohn- und Drogenanbau habe die NATO nicht eingegriffen, weil dies als „mission creep” gegolten hätte; lokale Polizisten hätten dies aus Lebensgefahr nicht getan. Check-Points und Grenzposten habe man „mieten” können; namentlich Ismael Khan im Raum Herat und Gouverneur Atta im Norden hätten solche Geschäfte gefördert. Benzin und Öl seien faktisch die wichtigste Währung gewesen, an der alle (Afghan:innen und Nachbarländer) mitverdienten.
Originalstelle„Der Versuch des „Nation Building” scheiterte im ethnisch fragmentierten Afghanistan, weil es dort traditionell kein Nationalbewusstsein gab und …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Der Versuch des „Nation Building” scheiterte im ethnisch fragmentierten Afghanistan, weil es dort traditionell kein Nationalbewusstsein gab und dieses auch nicht aufgebaut werden konnte. Der kulturelle, ethnische und religiöse „Klebstoff” des traditionellen Afghanistans war stärker.“
Der Versuch eines „Nation Building” sei im ethnisch fragmentierten Afghanistan gescheitert, weil dort traditionell kein Nationalbewusstsein bestand und keines aufgebaut werden konnte; der kulturelle, ethnische und religiöse Zusammenhalt des traditionellen Afghanistans sei stärker gewesen.
Originalstelle„Auf der taktischen Ebene ist es plausibel, dass man sich mit lokalen Machthabern eingelassen hat. Strategisch war es wahrscheinlich jedoch ein …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Auf der taktischen Ebene ist es plausibel, dass man sich mit lokalen Machthabern eingelassen hat. Strategisch war es wahrscheinlich jedoch ein signifikanter Fehler, da man dadurch einen Neuanfang nicht leisten konnte und langfristig das Vertrauen der einfachen afghanischen Bevölkerung verwirkte.“
Sich taktisch mit Warlords einzulassen, sei plausibel gewesen, strategisch sei es wahrscheinlich ein signifikanter Fehler gewesen, weil dadurch ein Neuanfang verhindert und langfristig das Vertrauen der Bevölkerung verspielt wurde.
Originalstelle„1. Die amerikanische Regierung hatte stets große Schwierigkeiten, eine kohärente Strategie zur Erreichung der erhofften Ergebnisse zu erarbeiten und …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„1. Die amerikanische Regierung hatte stets große Schwierigkeiten, eine kohärente Strategie zur Erreichung der erhofften Ergebnisse zu erarbeiten und umzusetzen. 2. Die amerikanische Regierung unterschätzte immer wieder die für den Wiederaufbau Afghanistans nötige Zeit, setzte unrealistische Fristen und hatte unrealistische Erwartungen, die schnelle Ausgaben begünstigten. Dies erhöhte die Korruption und reduzierte die Effektivität der Programme. 3. Viele der von den Vereinigten Staaten geschaffenen Institutionen und Infrastrukturprojekte waren nicht tragfähig. 4. Eine kontraproduktive zivile und militärische Personalpolitik und —Praxis behinderte die Bemühungen. 5. Die anhaltende Unsicherheit untergrub die Wiederaufbaubemühungen erheblich. 6. Die amerikanische Regierung verstand den afghanischen Kontext nicht und versäumte es, ihre Bemühungen entsprechend auszurichten. 7. Die amerikanischen Behörden führten Monitoring und Evaluationen nur selten in einem Maße durch, dass ausgereicht hätte, die Auswirkungen ihrer Anstrengungen zu verstehen.“
Aus 20 Jahren Wiederaufbau identifiziert SIGAR sieben zentrale Lehren: (1) chronische Schwierigkeiten, eine kohärente Strategie zu erarbeiten und umzusetzen; (2) systematische Unterschätzung der Zeit, unrealistische Fristen, schnelle Ausgaben förderten Korruption und reduzierten Effektivität; (3) viele Institutionen und Infrastrukturprojekte waren nicht tragfähig; (4) kontraproduktive zivile und militärische Personalpolitik; (5) anhaltende Unsicherheit untergrub Wiederaufbau; (6) US-Regierung verstand den afghanischen Kontext nicht; (7) Monitoring und Evaluation reichten selten aus, um Wirkungen zu verstehen.
Originalstelle„Der Auftrag des Bundestages an die Enquete-Kommission war, das Afghanistan-Engagement aufzuarbeiten und Lehren für Deutschlands künftiges vernetztes …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Der Auftrag des Bundestages an die Enquete-Kommission war, das Afghanistan-Engagement aufzuarbeiten und Lehren für Deutschlands künftiges vernetztes Engagement zu formulieren. Zum Auftrag gehörte nicht, Lehren für eine künftige deutsche Afghanistanpolitik zu formulieren.“
Die Einreichenden betonen, dass der Auftrag der Kommission auf Lehren für künftiges vernetztes Engagement begrenzt war und nicht die künftige Afghanistanpolitik selbst umfasste. Diese müsse die kommende Legislatur klären, unter Bindung an Völkerrecht und Menschenrechte sowie in Anerkennung der deutschen Mitverantwortung für das strategisch gescheiterte 20-jährige Engagement.
Hinweis: Sondervotum getragen von Sachverständigen Winfried Nachtwei und Egon Ramms, den Abgeordneten Philip Krämer und Merle Spellerberg (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) sowie der Sachverständigen Dr. Katja Mielke.
Originalstelle„Es wäre notwendig gewesen, auch die grundsätzliche Frage zu stellen, ob Nation-Building in kulturfremden Räumen, mit dem Ziel von außen ein anderes …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Es wäre notwendig gewesen, auch die grundsätzliche Frage zu stellen, ob Nation-Building in kulturfremden Räumen, mit dem Ziel von außen ein anderes politisches System mit demokratischen, westlichen Standards zu implementieren, sowie Traditionen, Bräuche und Werte zu ersetzen, überhaupt eine realistische Ambition ist.“
Die AfD kritisiert, dass der Einsetzungsauftrag zu stark auf einzelne „Stellschrauben“ abgezielt habe. Die grundsätzliche Frage nach der Realisierbarkeit von Nation-Building in kulturfremden Räumen hätte gestellt werden müssen; die Erkenntnisse des Zwischenberichts zeigten, dass dies nicht realistisch sei. Auf diesen Anspruch künftig zu verzichten hätte aus Sicht der AfD die Haupterkenntnis der Kommission sein müssen.
Hinweis: Sondervotum der Abgeordneten Jan Nolte und Joachim Wundrak (AfD) sowie des Sachverständigen Reiner Haunreiter.
Originalstelle„Die deutsche Politik hat in der Vergangenheit versucht, dies auszublenden und die Bundeswehrsoldaten eher als eine Art bewaffnetes THW darzustellen …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die deutsche Politik hat in der Vergangenheit versucht, dies auszublenden und die Bundeswehrsoldaten eher als eine Art bewaffnetes THW darzustellen versucht. Dabei braucht es Männer und Frauen, die bereit sind, deutsche Sicherheit und deutsche Interessen letztlich auch mit militärischen Mitteln zu verteidigen. Wir können unseren Soldaten für ihren Dienst dankbar sein. Die Befähigung zur Landes- und Bündnisverteidigung und damit eine vollumfänglich einsatzbereite Aufstellung sowie Ausstattung der Bundeswehr muss die höchste Priorität genießen.“
Die AfD fordert, dass deutsche Sicherheitspolitik sich in erster Linie an den Interessen des deutschen Volkes orientiert; Interessen Verbündeter müssten nachgeordnet bleiben. Die Bundeswehr brauche eine vollumfänglich einsatzbereite Aufstellung und Ausstattung; Landes- und Bündnisverteidigung sei höchste Priorität. Das Verhältnis zur Bundeswehr müsse sich verbessern. Soldaten dürften nicht als „bewaffnetes THW“ dargestellt werden.
Originalstelle„Der Wiederaufbau in Konflikt- und Postkonfliktkontexten sollte im Rahmen eines ganzheitlichen Konzepts erfolgen, das die vielfältigen Bedürfnisse der …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Der Wiederaufbau in Konflikt- und Postkonfliktkontexten sollte im Rahmen eines ganzheitlichen Konzepts erfolgen, das die vielfältigen Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung und den regionalen Kontext berücksichtigt. Der Wiederaufbauprozess sollte partnerschaftlich, nachhaltig, dezentral und inklusiv gestaltet werden, um sicherzustellen, dass alle gesellschaftlichen Gruppen aktiv eingebunden werden. Der wirtschaftliche Wiederaufbau ist ein zentraler Bestandteil der Gesamtstrategie.“
Wiederaufbau in Konflikt- und Postkonfliktkontexten solle im Rahmen eines ganzheitlichen Konzepts erfolgen, das vielfältige Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung und den regionalen Kontext berücksichtigt. Der Prozess solle partnerschaftlich, nachhaltig, dezentral und inklusiv gestaltet werden, mit aktiver Einbindung aller gesellschaftlichen Gruppen. Wirtschaftlicher Wiederaufbau sei zentraler Bestandteil; Förderung lokaler Wirtschaftsstrukturen, traditioneller Wirtschaftsweisen, kleiner und mittelständischer Unternehmen sowie lokaler Landwirtschaft seien entscheidend. Auch private Investoren könnten beitragen.
Hinweis: Sondervotum der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Sachverständigen Winfried Nachtwei und Dr. Katja Mielke.
Originalstelle„4.8 Sondervotum der CDU/CSU-Fraktion (siehe Seite 47) Zu Empfehlung 55: Obgleich wir dem Tenor der Empfehlung zustimmen, sind wir der Auffassung …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„4.8 Sondervotum der CDU/CSU-Fraktion (siehe Seite 47) Zu Empfehlung 55: Obgleich wir dem Tenor der Empfehlung zustimmen, sind wir der Auffassung, dass EZ-Projekte in der ersten Entwicklungsphase des Wirtschaftsaufbaus zwar maßgeblich, aber nicht unbedingt allein tragend für den Wirtschaftsaufbau sein sollten. Auch in dieser Phase des wirtschaftlichen Aufbaus sprechen wir uns für die Möglichkeit, Maßnahmen der deutschen Außenwirtschaftsförderung mit denen der Entwicklungszusammenarbeit den Umständen und Zielen entsprechend zusammenzudenken, aus.“
Die CDU/CSU stimmt dem Tenor der Empfehlung 55 zu, hält EZ-Projekte in der ersten Phase des Wirtschaftsaufbaus aber für maßgeblich, nicht allein tragend. Maßnahmen der deutschen Außenwirtschaftsförderung sollten bereits in frühen Phasen mit Entwicklungszusammenarbeit zusammengedacht werden, insbesondere wenn deutsches privatwirtschaftliches Investitionsinteresse besteht. Begründung: privatwirtschaftliche Effizienz, beidseitige Profitabilität und absehbare Begrenzung staatlicher EZ-Mittel.
Hinweis: Sondervotum der CDU/CSU-Fraktion zu Empfehlungen 55, 56 und 57 des Abschlussberichts.
Originalstelle„Zu Empfehlung 56: Obgleich wir dem Tenor der Empfehlung ausdrücklich zustimmen, gilt es, die Rolle, die die Instrumente der Außenwirtschaftsförderung …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Zu Empfehlung 56: Obgleich wir dem Tenor der Empfehlung ausdrücklich zustimmen, gilt es, die Rolle, die die Instrumente der Außenwirtschaftsförderung beim Wiederaufbau einnehmen sollen, stärker herauszustellen. Neben den erwähnten Umsetzungsmaßnahmen sollte der Bund den wirtschaftlichen Schutz durch Investitionsgarantien für Direktinvestitionen, die im Sinne des nachhaltigen Aufbaus des jeweiligen Wirtschaftskontexts konzipiert sind, gewähren. Dies ist bei vielen Auslandsinvestitionen im Rahmen der Außenwirtschaftsförderung schon gängige Praxis, sollte aber verstärkt auf Konflikt- und Postkonfliktkontexte ausgeweitet werden.“
Die CDU/CSU stimmt Empfehlung 56 zu, betont aber die Rolle der Außenwirtschaftsförderung beim Wiederaufbau stärker. Der Bund solle wirtschaftlichen Schutz durch Investitionsgarantien für Direktinvestitionen gewähren, die im Sinne nachhaltigen Aufbaus konzipiert sind. Diese gängige Praxis bei Auslandsinvestitionen solle verstärkt auf Konflikt- und Postkonfliktkontexte ausgeweitet werden.
Originalstelle„Zu Empfehlung 57: Obgleich wir dem Tenor der Empfehlung zustimmen, möchten wir betonen, dass die Notwendigkeit der Integration privatwirtschaftlicher …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Zu Empfehlung 57: Obgleich wir dem Tenor der Empfehlung zustimmen, möchten wir betonen, dass die Notwendigkeit der Integration privatwirtschaftlicher Akteure in die internationale Koordination der Wirtschaftsförderungsmaßnahmen abnimmt, sofern der Anteil privatwirtschaftlicher Investitionen steigt und Märkte sukzessive geöffnet werden. Zur Förderung des Wettbewerbs sollten staatliche Kontrollinstrumente bei anlaufender wirtschaftlicher Aktivität sukzessive reduziert werden. In diesem Sinne handelt es sich bei der internationalen Koordination der Wirtschaftsförderung nicht um einen Selbstzweck, sondern um ein Mittel, einen Wirtschaftskontext zu Beginn effizient anzuregen.“
Die CDU/CSU stimmt Empfehlung 57 zu, betont aber: Die Notwendigkeit der Integration privatwirtschaftlicher Akteure in die internationale Koordination der Wirtschaftsförderung nehme ab, sofern der Anteil privatwirtschaftlicher Investitionen steige und Märkte sukzessive geöffnet würden. Staatliche Kontrollinstrumente sollten bei anlaufender wirtschaftlicher Aktivität sukzessive reduziert werden; die internationale Koordination sei kein Selbstzweck, sondern Mittel zur effizienten Anregung eines Wirtschaftskontextes.
Originalstelle„Die Bundeswehr, die sich auf Stabilisierungsmission sah, wollte nicht in Gefechte um Drogenhandel verwickelt werden und war deshalb nicht undankbar …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die Bundeswehr, die sich auf Stabilisierungsmission sah, wollte nicht in Gefechte um Drogenhandel verwickelt werden und war deshalb nicht undankbar dafür, dass sich ISAF-Truppen und Drogenhändler wechselseitig meiden konnten. Sie wurde dadurch aber zur Komplizin der lokalen Arrangements“
Die Kommission habe sich die Empfehlungen der von ihr beauftragten Gutachten zur „Drogenökonomie in Afghanistan“ (DRA) sowie zu „Korruption, Patronage und Klientelismus“ (KKP) ausdrücklich nicht zu eigen gemacht. Mehrere Feststellungen belegten aber sehr anschaulich die Dilemmata vernetzter Einsätze in kulturfremden Räumen. Auch deutsche Organisationen hätten sich teils der „kleinen Korruption“ bedient. Die Bundeswehr sei auf Stabilisierungsmission gewesen und habe Gefechte um Drogenhandel vermeiden wollen; dadurch sei sie nach Einschätzung des Drogenökonomie-Gutachtens zur „Komplizin der lokalen Arrangements“ geworden.
Hinweis: Sondervotum des Sachverständigen Reiner Haunreiter. Zitiert wird das Gutachten „Drogenökonomie in Afghanistan“ (DRA, S. 41).
Originalstelle„In zukünftigen Interventionen müssen also die Befunde für die politische Entscheidung höher gewichtet werden als die Beschreibung des im Idealfall zu …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„In zukünftigen Interventionen müssen also die Befunde für die politische Entscheidung höher gewichtet werden als die Beschreibung des im Idealfall zu erreichenden Ziels“ (DRA, S. 47). − „In zukünftigen Kriseneinsätzen sollten die involvierten Ressorts ´Korruption, Patronage und Klientelismus´ als zentrale Herausforderung adressieren und als Querschnittsthema behandeln. Zudem sollte es ein kohärentes, zwischen den Ressorts abgestimmtes Verständnis im Umgang (damit) geben.““
Haunreiter hebt Folgerungen aus den Gutachten als diskussionswürdig hervor: In zukünftigen Kriseneinsätzen müssten Ressorts Korruption, Patronage und Klientelismus als zentrale Querschnittsherausforderung adressieren und ein kohärentes, abgestimmtes Verständnis im Umgang damit entwickeln. Bereits vor Einsatzbeginn müsse Einigkeit bestehen, wie mit Patronage und „kleiner Korruption“ umgegangen wird. Empfohlen wird die Einrichtung einer eigenständigen Aufsichtsinstitution (etwa als Ombudsstelle), die unabhängig von Bundesregierung und internationalen Gebern alle Vorhaben prüfen und Empfehlungen aussprechen kann. Solche Befunde verdienten bei der Entscheidung für oder gegen künftige Einsätze mehr Aufmerksamkeit als sie in den Empfehlungen der Enquete erhalten hätten.
Hinweis: Sondervotum Haunreiter. Bezieht sich auf die Gutachten KKP (S. 6, 98, 100) und DRA (S. 47).
Originalstelle„Wir widersprechen der aktuellen Darstellung des Verhältnisses zwischen OEF und ISAF in Abschnitt 3.3, Wirkungen. Die Behauptung, dass die OEF Hass …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Wir widersprechen der aktuellen Darstellung des Verhältnisses zwischen OEF und ISAF in Abschnitt 3.3, Wirkungen. Die Behauptung, dass die OEF Hass und Gewalt schürte und dadurch die Mission der ISAF erschwerte, scheint eine zu vereinfachte Sichtweise zu sein. … doch lässt sich schwerlich empirisch belegen, dass die OEF direkt Hass und Gewalt gegenüber der ISAF schürte. Eine differenziertere Betrachtung, die anerkennt, dass die Aktionen der OEF die ISAF-Operationen unbeabsichtigt erschwerten, wäre angebrachter als eine direkte Kausalität von Hass und Gewalt.“
Die Sachverständigen Masala, Ramms und Vollmer widersprechen der Darstellung in Abschnitt 3.3 zu OEF und ISAF: Die Behauptung, OEF habe Hass und Gewalt geschürt, sei zu vereinfacht. Eine direkte Kausalität sei empirisch schwerlich belegbar; angemessener sei die Aussage, dass OEF-Aktionen ISAF-Operationen unbeabsichtigt erschwerten.
Hinweis: Sondervotum; keine gemeinsame Position der Kommission.
Originalstelle„Für Bundestagsabgeordnete, die mehrfach dem OEF-Mandat zugestimmt hatten, verdichteten sich bei Vor-Ort-Begegnungen mit deutschen ISAF-Offizieren …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Für Bundestagsabgeordnete, die mehrfach dem OEF-Mandat zugestimmt hatten, verdichteten sich bei Vor-Ort-Begegnungen mit deutschen ISAF-Offizieren, zivilen Afghanistan-Experten und afghanischen Parlamentariern über die Jahre Hinweise, dass OEF durch die Art des Auftretens gegenüber der Zivilbevölkerung (mangelnder Respekt vor einheimischen Werten) und die Art und Weise der Operationsführung (oft exzessiver Waffeneinsatz und weniger Rücksicht auf Zivilopfer) die Aufstandsbewegung teilweise mehr beförderte als eindämmte. … Dass sich die genannten kontraproduktive Wirkungen von OEF-Operationen trotz vieler Berichte von Einsatzkräften „schwerlich empirisch belegen“ ließen, wurde dadurch befördert, dass verschiedene Bundesregierungen dazu jede Aussage verweigerten und das Thema in großen Teilen der Politik tabuisiert wurde.“
Die Sachverständigen Nachtwei, Mielke und Schröder erwidern: Über Jahre hätten sich aus Vor-Ort-Begegnungen Hinweise verdichtet, dass OEF durch mangelnden Respekt vor einheimischen Werten und exzessiven Waffeneinsatz die Aufstandsbewegung teilweise mehr beförderte als eindämmte. Auch US-General McChrystal habe 2009 unter „COIN Mathematics“ das Risiko thematisiert, dass Kill-Operationen mehr Aufständische produzieren. Die fehlende empirische Belegbarkeit sei dadurch befördert worden, dass Bundesregierungen jede Aussage verweigerten und das Thema in der Politik tabuisiert wurde.
Hinweis: Replik auf Sondervotum; keine gemeinsame Position der Kommission.
„Ohne die verdeckte Ausbildung und Ausstattung durch den pakistanischen Geheimdienst ISI, ohne seine politische und öffentlichkeitswirksame Rückendeckung seit den 1990er-Jahren wäre die Machtübernahme der Taliban 2021 nicht möglich gewesen.“
Das Sondervotum AfD (Nolte, Wundrak, Haunreiter) wirft der Kommission vor, der Auftrag des Einsetzungsbeschlusses sei nicht umfassend genug nachgekommen: Die Einflussnahme regionaler Staaten (Pakistan, Indien, Iran, China, Russland) sei zu wenig betrachtet worden. Besonders Pakistan habe ab 2001 als Rückzugsgebiet der Taliban fungiert; ohne den ISI wäre die Machtübernahme 2021 nicht möglich gewesen.
Hinweis: Fraktionsposition AfD; kein gemeinsamer Befund der Kommission.
Originalstelle„Der komplexe Einsatz und langwierige Kampf gegen den Terrorismus in Afghanistan war somit ein Erfolg. 4.1.7.1 Replik der Sachverständigen Winfried …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Der komplexe Einsatz und langwierige Kampf gegen den Terrorismus in Afghanistan war somit ein Erfolg. 4.1.7.1 Replik der Sachverständigen Winfried Nachtwei, Prof. Dr. Anna Geis, Dr. Katja Mielke, Prof. Dr. Ursula Schröder sowie der Abgeordneten Schahina Gambir, MdB (Bündnis 90/Die Grünen) und des Abgeordneten Philip Krämer, MdB (Bündnis 90/Die Grünen) zum Sondervotum der Sachverständigen Prof. Dr. Carlo-Antonio Masala, Egon Ramms und Jörg Vollmer zu Abschnitt 4.1.1.8353 Dass Al Qaida durch die Terrorismusbekämpfung in Afghanistan in seiner Fähigkeit zu komplexen Anschlägen deutlich geschwächt wurde, soll nicht bestritten werden.“
Das Sondervotum der Sachverständigen Prof. Dr. Carlo-Antonio Masala, Egon Ramms und Jörg Vollmer fordert eine „ausgewogenere Perspektive“: Die deutliche Schwächung von Al-Qaidas Fähigkeit komplexer Anschläge (u. a. Tötung Bin Ladens 2011) sei ein „unbestreitbarer Erfolg“. Die nach dem 11. September 2001 erfolgten Anschläge hätten nicht mehr die Komplexität früherer Anschläge gehabt. „Der komplexe Einsatz und langwierige Kampf gegen den Terrorismus in Afghanistan war somit ein Erfolg.“
Hinweis: Position einzelner Sachverständiger; kein gemeinsamer Befund der Kommission.
Originalstelle„Ziel der internationalen Antiterror-Koalition in Afghanistan war über die Bekämpfung von Al Qaida hinaus die Bekämpfung aller Formen des Terrorismus …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Ziel der internationalen Antiterror-Koalition in Afghanistan war über die Bekämpfung von Al Qaida hinaus die Bekämpfung aller Formen des Terrorismus und ihrer Nährböden. Das gelang nicht, im Gegenteil. Laut Bericht des US-Verteidigungsministeriums an den Kongress im Juni 2017 gab es mit 20 Aufständischen- und Terrorgruppen in der Region Afghanistan-Pakistan die höchste Konzentration von extremistischen und Terrorgruppen weltweit.“
Die Replik der Sachverständigen Nachtwei, Geis, Mielke, Schröder sowie Abg. Gambir und Krämer (Bündnis 90/Die Grünen) widerspricht: Ziel der Antiterror-Koalition war die Bekämpfung aller Formen des Terrorismus und ihrer Nährböden. Das gelang nicht. Laut US-Verteidigungsministerium 2017 gab es in der Region Afghanistan-Pakistan die höchste Konzentration extremistischer Gruppen weltweit. Laut Global Terrorism Index war Afghanistan 2017–2021 das Land mit den bei weitem meisten Terrortoten. „Der ‚War on Terror‘ scheiterte in Afghanistan strategisch.“
Hinweis: Replik einzelner Sachverständiger und Abgeordneter; kein gemeinsamer Befund der Kommission.
Originalstelle„„Was der BND da präsentiert hat – war sehr realitätsnah, kam mir sehr plausibel vor. […] Ich hatte den Eindruck, dass der BND sich, also dass die …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„„Was der BND da präsentiert hat – war sehr realitätsnah, kam mir sehr plausibel vor. […] Ich hatte den Eindruck, dass der BND sich, also dass die Experten sich da auch nicht wirklich frei gefühlt haben in dieser Frage. […] Zwischen den Zeilen hatte ich den Eindruck, dass sie selber mit diesem Taliban 2.0 es nicht ganz so einfach hatten im Berliner Betrieb.“
Im November 2020 stellte der BND einer Staatssekretärsrunde eine Szenarienanalyse vor, nach der die totale Taliban-Machtübernahme („Emirat 2.0”) bis 2022 das wahrscheinlichste Zukunftsszenario sei. Feindaufklärer im BMVg hielten den Eintritt für sogar noch wahrscheinlicher. Die Bundesregierung informierte den Bundestag im Mandatsverlängerungsantrag Frühjahr 2021 darüber nicht. Van Thiel sagte vor dem Ausschuss: Der BND habe sich in Berlin unter Druck gesehen.
Originalstelle„Das Doha-Abkommen, das zwischen den USA und den Taliban Ende Februar 2020 geschlossen wurde, veränderte die bis dahin vorherrschende Logik für den …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Das Doha-Abkommen, das zwischen den USA und den Taliban Ende Februar 2020 geschlossen wurde, veränderte die bis dahin vorherrschende Logik für den Militäreinsatz in Afghanistan. Aus einer zeitoffenen und lageabhängigen Reduzierung der NATO-Truppen wurde eine klare Abzugsperspektive, die mit Ende April 2021 ein Zieldatum hatte.“
Erste der sieben CDU/CSU-Kernerkenntnisse: Das Doha-Abkommen veränderte die Logik des Militäreinsatzes. Die Bundesregierung hatte keinen Einfluss auf das Abkommen, setzte auf nachträgliche Konditionierung. Das Risiko des Untergangs der Republik durch sichtbare Vorbereitungen für ein Ende wurde als zu groß bewertet.
Originalstelle„Als problematisch erwies sich, dass das AA die eigentlich diplomatische Kernaufgabe der aktiven Unterstützung der Friedensgespräche im Kern an die …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Als problematisch erwies sich, dass das AA die eigentlich diplomatische Kernaufgabe der aktiven Unterstützung der Friedensgespräche im Kern an die Berghof-Stiftung und damit an einen privaten Projektnehmer auslagerte. […] Insbesondere die Erkenntnisse der Berghof-Stiftung zur Planung einer Machtübergabe an die Taliban in Kabul wäre von erheblicher Bedeutung für die deutsche Afghanistanpolitik im August 2021 gewesen.“
Dritte Kernerkenntnis CDU/CSU: AA habe die diplomatische Kernaufgabe an die Berghof-Stiftung ausgelagert; diese habe sich nicht strategisch steuern lassen, und entscheidende Informationen, insbesondere zur Machtübergabe-Planung in Kabul, erreichten das AA nicht.
Originalstelle„Demgegenüber hatten AA und BMZ über lange Zeit kein Interesse daran, Ausreisemöglichkeiten für Ortskräfte aus den humanitären Hilfsprojekten und …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Demgegenüber hatten AA und BMZ über lange Zeit kein Interesse daran, Ausreisemöglichkeiten für Ortskräfte aus den humanitären Hilfsprojekten und Projekten der Entwicklungszusammenarbeit zu forcieren, weil sie früh die Grundsatzentscheidung getroffen hatten, das zivile Engagement im Sinne der Menschen vor Ort fortzusetzen. Dieses hehre Ziel hatte allerdings die Kehrseite, dass das AA und das BMZ bis Sommer 2021 nicht gezwungen waren, aktiv und konkret zu planen, wie und wann ihren gefährdeten Ortskräften eine Ausreise ermöglicht werden kann.“
Fünfte CDU/CSU-Kernerkenntnis: AA und BMZ hatten lange kein Interesse an Ausreisemöglichkeiten für Ortskräfte ihres Bereiches, weil sie das zivile Engagement fortsetzen wollten. Folge: Bis Sommer 2021 keine aktive Planung; Pull-Effekt befürchtet; entsprechende Planungen erst angesichts der Lageverschlechterung im August 2021, also „deutlich zu spät”.
Originalstelle„Auf Beschluss des Krisenstabes am 15. August 2021 wurde diese Planung um die Mitnahme tausender Ortskräfte und anderer afghanischer Berechtigter …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Auf Beschluss des Krisenstabes am 15. August 2021 wurde diese Planung um die Mitnahme tausender Ortskräfte und anderer afghanischer Berechtigter erweitert. Gleichzeitig kollabierte mit der Räumung der Botschaft Kabul und damit dem Wegfall des Sammelpunktes für deutsche Staatsbürger am 15. August 2021 die gesamte Krisenplanung des AA.“
Sechste CDU/CSU-Kernerkenntnis: Bundeswehr hatte auf Basis AA-Planungsgröße von 300 Berechtigten geplant; am 15.08. wurde dies auf tausende Ortskräfte erweitert. Gleichzeitig kollabierte die AA-Krisenplanung mit der Räumung der Botschaft. Durch beispiellosen Einsatz konnten >5.000 evakuiert werden.
Originalstelle„Im Hinblick auf die Erwartungen für den August 2021 ergaben die Befragungen ein sehr einheitliches Bild: Alle Zeugen sahen eine hohe Dynamik, aber …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Im Hinblick auf die Erwartungen für den August 2021 ergaben die Befragungen ein sehr einheitliches Bild: Alle Zeugen sahen eine hohe Dynamik, aber niemand erwartete das Ende der afghanischen Republik für den 15. August 2021 – inklusive Taliban und afghanischer Regierung. […] Die CDU-CSU-Bundestagsfraktion sieht es als gesichert, dass die Räumung der US-Botschaft und der Green Zone sowie die Flucht des afghanischen Präsidenten Dr. Ghani die notwendigen Auslöser für die Entwicklungen des 15. August 2021 waren.“
Siebte CDU/CSU-Kernerkenntnis: Niemand, auch nicht Taliban oder afghanische Regierung, erwartete das Ende der Republik am 15.08.2021. Auslöser: Räumung US-Botschaft und Green Zone sowie Flucht Ghanis. Deutschland hatte ein gutes, aber zeitlich falsches Lagebild, eine „historische Realität”.
Originalstelle„Deshalb muss es eine klarere Trennung von außenpolitischem Gestaltungswillen einerseits und strategischer Lagebildbeschreibung andererseits geben …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Deshalb muss es eine klarere Trennung von außenpolitischem Gestaltungswillen einerseits und strategischer Lagebildbeschreibung andererseits geben, damit die Einschätzung der tatsächlichen Lageentwicklung nicht von dem Wunsch, politische Zielsetzungen zu erreichen, unbeabsichtigt überschrieben wird.“
Zentrale Lehre der CDU/CSU (mit Verweis auf Botschafterin Haber): Der deutschen Afghanistanpolitik 2020/2021 fehlte „Ambiguitätstoleranz”. Empfehlung: Klare Trennung von außenpolitischem Gestaltungswillen und strategischer Lagebildbeschreibung; Plan B für Worst Case unabdingbar, auch wenn dies „falsche Signale” senden könnte.
Originalstelle„Eine solche Bereitschaft, besser in der Lage zu sein, die notwendigen Ambiguitäten der internationalen Politik auszuhalten, muss sich zukünftig in …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Eine solche Bereitschaft, besser in der Lage zu sein, die notwendigen Ambiguitäten der internationalen Politik auszuhalten, muss sich zukünftig in der Nationalen Sicherheitsstrategie widerspiegeln. Auch die Einrichtung eines Nationalen Sicherheitsrates würde zu einer Verbesserung der strategischen Diskussion unter den Ressorts zu diesen Fragen beitragen und die Effizienz und Schnelligkeit der ressortübergreifenden Entscheidungsfindung steigern.“
Politische Hauptforderung der CDU/CSU: Die Nationale Sicherheitsstrategie muss Ambiguitätstoleranz widerspiegeln; ein Nationaler Sicherheitsrat soll die ressortübergreifende strategische Diskussion und Entscheidungsfindung verbessern. Andere Staaten (USA Special-Visa-Programm, Operation Allies Refuge) hätten sich rechtzeitig vorbereitet; die deutsche Außenpolitik muss dies künftig „von Anfang an” tun.
Originalstelle„Die Anpassungen im Ortskräfteverfahren ab Frühjahr 2021, die vor allem auf die Initiative des BMVg und den von der Verteidigungsministerin erzeugten …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die Anpassungen im Ortskräfteverfahren ab Frühjahr 2021, die vor allem auf die Initiative des BMVg und den von der Verteidigungsministerin erzeugten politischen Druck zurückgingen, waren dazu geeignet, einen Großteil der damals bei der Bundeswehr beschäftigten Ortskräfte mit einer Aufnahmezusage und einem Visum für Deutschland auszustatten und Ausreisen zu ermöglichen.“
Vierte CDU/CSU-Kernerkenntnis: Die wesentlichen Anpassungen am Ortskräfteverfahren (Listenverfahren, Ausweitung der Zweijahresfrist) kamen erst durch das BMVg und den politischen Druck der CDU-Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer zustande. Flaschenhals blieb lange die AA-Visavergabe.
Hinweis: Stellt die CDU-Verteidigungsministerin als Treiberin gegenüber SPD-geführten Ressorts dar.
Originalstelle„Der Fall Afghanistan zeigt exemplarisch, dass Deutschland umgehend und zwingend notwendig einen Nationalen Sicherheitsrat einrichten muss, der zu …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Der Fall Afghanistan zeigt exemplarisch, dass Deutschland umgehend und zwingend notwendig einen Nationalen Sicherheitsrat einrichten muss, der zu koordinierten Beobachtungen, koordinierten Aktionen und Reaktionen zwingt. Deutschland braucht ein funktionierendes strategisches Frühwarnsystem und darin eingebettet Prozesse, die notwendigerweise zu ressortabgestimmtem Verhalten führen.“
Die FDP-Fraktion fordert die umgehende Einrichtung eines Nationalen Sicherheitsrats. Der Fall Afghanistan zeige exemplarisch, dass Deutschland ein funktionierendes strategisches Frühwarnsystem und Prozesse für ressortabgestimmtes Verhalten benötige.
Hinweis: Fraktionsposition und Empfehlung der FDP.
Originalstelle„Angesichts der durch die Ausschussarbeit offengelegten Schwächen im Bereich der strategischen Vorausschau, der trotz Handlungsdruck trägen …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Angesichts der durch die Ausschussarbeit offengelegten Schwächen im Bereich der strategischen Vorausschau, der trotz Handlungsdruck trägen Entscheidungsprozesse und der mangelnden Zusammenführung von verschiedenen Lagebildern innerhalb der Bundesregierung, spricht sich die Fraktion der Freien Demokraten im Deutschen Bundestag ausdrücklich für die Einrichtung eines beim BKAmt angesiedelten Nationalen Sicherheitsrats inklusive der Schaffung des Amts eines Nationalen Sicherheitsberaters aus.“
Empfehlung der FDP-Fraktion: Einrichtung eines beim BKAmt angesiedelten Nationalen Sicherheitsrats inklusive Nationalen Sicherheitsberaters, mit Entscheidungsstruktur auf Ebene der Staatssekretäre und Minister und ressortübergreifender operativer Einheit (Sekretariat + Analyseeinheit) für Gesamtlagebild und Strategische Vorausschau.
Originalstelle„Aus Sicht der FDP-Fraktion ist es mindestens erforderlich, für jeden Auslandseinsatz der Bundeswehr und jede internationale Polizeimission eine …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Aus Sicht der FDP-Fraktion ist es mindestens erforderlich, für jeden Auslandseinsatz der Bundeswehr und jede internationale Polizeimission eine Exit-Strategie vorzuhalten, um auf kurzfristige und radikale Lageveränderungen vorbereitet zu sein. Der Deutsche Bundestag sollte die Mandatierung solcher Einsätze auch von der Existenz einer entsprechenden Exit-Strategie abhängig machen.“
Empfehlung der FDP-Fraktion: Für jeden Auslandseinsatz der Bundeswehr und jede internationale Polizeimission soll eine Exit-Strategie vorgehalten werden; der Bundestag soll die Mandatierung von deren Existenz abhängig machen. Szenarien gegen den eigenen politischen Willen müssen frühzeitig durchgeplant werden.
Originalstelle„Die aktuellen geopolitischen Spannungen – etwa durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine, die sicherheitspolitische Instabilität im Nahen …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die aktuellen geopolitischen Spannungen – etwa durch den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine, die sicherheitspolitische Instabilität im Nahen Osten oder die Bedrohung durch hybride Kriegsführung und Cyberangriffe – sowie die wachsende systemische Rivalität zeigen, dass Deutschland eine umfassende, vorausschauende Sicherheitsstrategie benötigt, die auch mit Leben gefüllt werden muss.“
Schlussbetrachtung der FDP-Fraktion: Angesichts der zunehmenden geopolitischen Spannungen (Ukraine, Naher Osten, hybride Kriegsführung) benötige Deutschland eine umfassende, vorausschauende Sicherheitsstrategie mit besserer Koordinierung der sicherheitspolitischen Akteure, klaren Verantwortlichkeiten und effizienterer Entscheidungsfindung.
Hinweis: Fraktionsposition und Schlussbetrachtung der FDP.
Originalstelle„Die Ergebnisse des Untersuchungsausschusses haben aufgezeigt, dass sich die Bundesregierung besser auf akute Krisensituationen vorbereiten und …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die Ergebnisse des Untersuchungsausschusses haben aufgezeigt, dass sich die Bundesregierung besser auf akute Krisensituationen vorbereiten und Vorkehrungen für Worst-Case-Szenarien von Beginn an in ihre Krisenvorsorge integrieren muss. Eine ressortübergreifende Krisenreaktion für Großkrisenlagen ist unerlässlich. Lokal Beschäftigte sind in die Krisenreaktion einzubeziehen und im Sinne der Humanität bei Gefährdung unbürokratisch zu schützen.“
Die SPD-Fraktion fordert in ihrer Schlussbemerkung: bessere Vorbereitung auf akute Krisen, Integration von Worst-Case-Szenarien in die Krisenvorsorge, ressortübergreifende Krisenreaktion, Einbeziehung lokal Beschäftigter und unbürokratischer Schutz bei Gefährdung, im Sinne der Humanität.
Originalstelle„„Erst wenn ich weiß, was ich vor Ort erreichen will, wie die Mittel dafür zusammenwirken sollen, weiß ich auch, was ich dafür wissen muss. […] Alle …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„„Erst wenn ich weiß, was ich vor Ort erreichen will, wie die Mittel dafür zusammenwirken sollen, weiß ich auch, was ich dafür wissen muss. […] Alle […] Investitionen in Analyse und Wissen und Evaluierung und in die einzelnen Details der Implementierungsinstrumente werden nur so viel Wirkung entfalten, wie es das Fundament der strategischen politischen Gestaltung trägt.”“
Philipp Rotmann (Global Public Policy Institute, Berlin) erklärte in der Anhörung am 19.02.2024: Integrierte Strategien benötigten zwei sich ergänzende Elemente: eine systematische länderspezifische Politik („gezielter Einsatz aller relevanten Mittel zum Erreichen eines konkreten Ziels im Einsatzland”) und einen daraus abgeleiteten Strom kontextspezifischer Analysen. Investitionen in Analyse und Evaluierung würden nur dann Wirkung entfalten, wenn ein strategisches politisches Fundament getragen werde.
Originalstelle„Der Vernetzte Ansatz müsse daher in erster Linie Wege finden, das Verhalten von Gewaltakteuren gezielt zu ändern und politische Konfliktlösungen zu …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Der Vernetzte Ansatz müsse daher in erster Linie Wege finden, das Verhalten von Gewaltakteuren gezielt zu ändern und politische Konfliktlösungen zu unterstützen. Auch dann, wenn diese Konfliktlösungen nicht „unseren Idealvorstellungen“ entsprächen. Stabilisierung versuche, mittels maßgeschneiderter Projekte auf den Krisenkontext einzuwirken und Gewalt zu reduzieren und sei jenes Bindeglied zwischen Sicherheit und Entwicklungszusammenarbeit, das in Afghanistan oft fehlte“. Internationale Sicherheitskräfte könnten „bestenfalls temporär und räumlich begrenzt ein sicheres Umfeld schaffen“.“
Schroeder erläuterte, der Vernetzte Ansatz müsse in erster Linie Wege finden, das Verhalten von Gewaltakteuren („Powerbroker und deren bewaffnete Helfer”) gezielt zu ändern und politische Konfliktlösungen zu unterstützen, auch wenn diese nicht den eigenen Idealvorstellungen entsprächen. Stabilisierung wirke mittels maßgeschneiderter Projekte auf den Krisenkontext ein und sei „jenes Bindeglied zwischen Sicherheit und Entwicklungszusammenarbeit, das in Afghanistan oft fehlte”. Internationale Sicherheitskräfte könnten nur temporär und räumlich begrenzt ein sicheres Umfeld schaffen; entscheidend seien die lokalen Sicherheitskräfte.
Originalstelle„Nach dem Krieg zwischen Russland und Georgien 2008 seien „Warnungen aus mittel- und osteuropäischen Staaten vor der revisionistischen und aggressiven …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Nach dem Krieg zwischen Russland und Georgien 2008 seien „Warnungen aus mittel- und osteuropäischen Staaten vor der revisionistischen und aggressiven Politik Russlands gerade auf der politischen Leitungsebene weitestgehend ignoriert“ worden, so sein Befund. Deutsche Analysten hätten 2013 zwar erkannt, dass Russland die Annäherung der Ukraine an den Westen und die EU abgelehnt habe, diese Ablehnung allerdings unterschätzt. Man habe auch nicht damit gerechnet, dass Russland bereit sein würde, internationales Recht „auf derart eklatante Weise durch eine gewaltsame Annexion zu brechen“.“
Christoph Meyer (King's College London) gab in der Anhörung am 22.04.2024 eine Einschätzung zu Schwächen deutscher Krisenfrüherkennung am Beispiel der Ukraine 2013/2014: Nach dem Krieg zwischen Russland und Georgien 2008 seien „Warnungen aus mittel- und osteuropäischen Staaten vor der revisionistischen und aggressiven Politik Russlands gerade auf der politischen Leitungsebene weitestgehend ignoriert” worden. Deutsche Analysten hätten 2013 die russische Ablehnung der EU-Annäherung der Ukraine unterschätzt und nicht damit gerechnet, dass Russland internationales Recht „auf derart eklatante Weise durch eine gewaltsame Annexion” brechen würde.
Originalstelle„Als tiefere Ursache für diese Fehleinschätzungen nannte Meyer unter anderem, dass die Beziehungen zu Russland generell als zu positiv eingeschätzt …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Als tiefere Ursache für diese Fehleinschätzungen nannte Meyer unter anderem, dass die Beziehungen zu Russland generell als zu positiv eingeschätzt worden seien. Es habe darüber hinaus an einem Verständnis für geopolitische Risiken und die Verwundbarkeit durch Wirtschafts-, Handels- und vor allem Energiepolitik gemangelt. Auch habe er eine „kulturelle Aversion der deutschen Außenpolitik gegen das Durchdenken von Worst-Case-Szenarien“ sowie eine „Dominanz von Überoptimismus in der Außenpolitik“ beobachtet. Die sicherheits- und verteidigungspolitische Expertise im Bereich Strategic Studies sei in Deutschland zudem unterentwickelt.“
Als tiefere Ursachen für Fehleinschätzungen nannte Meyer u. a., dass die Beziehungen zu Russland generell als zu positiv eingeschätzt worden seien. Es habe an Verständnis für geopolitische Risiken und die Verwundbarkeit durch Wirtschafts-, Handels- und vor allem Energiepolitik gemangelt. Er habe zudem eine „kulturelle Aversion der deutschen Außenpolitik gegen das Durchdenken von Worst-Case-Szenarien” sowie eine „Dominanz von Überoptimismus in der Außenpolitik” beobachtet. Die sicherheits- und verteidigungspolitische Expertise im Bereich Strategic Studies sei in Deutschland unterentwickelt.
„„[Eine Strategie der „Integrierten Sicherheit”] muss Anwendung finden nicht nur in den Aufgaben des Internationalen Krisenmanagements, sondern gleichermaßen bei der Landes- und Bündnisverteidigung, wo es gerade jetzt von besonderer Wichtigkeit ist.”“
Brigadegeneral a. D. Armin Staigis (ehemaliger Vizepräsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik, BAKS) erklärte am 13.05.2024: In der Nationalen Sicherheitsstrategie fehlten die Folgerungen, wie die erklärten Ziele erreicht werden könnten. Es bedürfe einer Strategie der „integrierten Sicherheit” für jede Krise und jeden Konflikt, in der Ziele, Instrumente und Ressourcen aufeinander abgestimmt würden, „unter Berücksichtigung der Verankerung deutscher Sicherheitspolitik in den multinationalen Rahmen”. Er verwende statt „Vernetzter Ansatz” den Begriff „Integrierte Sicherheit”.
Originalstelle„Er antwortete, dass es in Deutschland unterschiedliche Auffassungen gebe, wie eine solche Strategie aussehen solle. Die Nationale …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Er antwortete, dass es in Deutschland unterschiedliche Auffassungen gebe, wie eine solche Strategie aussehen solle. Die Nationale Sicherheitsstrategie habe eine klare Zielbeschreibung; was ihr fehle, sei, wie man dorthin komme. Bezüglich der kollektiven Sicherheit merkte Staigis an, dass Deutschland sich nur gemeinschaftlich verteidigen und deshalb seine Werte und Interessen auch nur gemeinschaftlich in der Welt umsetzen könne.“
Staigis antwortete auf Nachfrage, in Deutschland gebe es unterschiedliche Auffassungen über die Form einer Strategie. Die Nationale Sicherheitsstrategie habe eine klare Zielbeschreibung; was fehle, sei, „wie man dorthin komme”. Deutschland könne sich nur gemeinschaftlich verteidigen und seine Werte und Interessen nur gemeinschaftlich in der Welt umsetzen. Auf die Frage nach mehr Wirkungsorientierung verwies Staigis auf Evaluierung, die jedoch schon während des laufenden Prozesses stattfinden müsse. Dazu gehöre, auch auf politisch-strategischer Ebene Fehler benennen zu dürfen.
Originalstelle„„Grundsätzlich […] bin ich überzeugt, dass es in den kommenden Jahrzehnten nicht erneut zu international breit angelegten und militärisch …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„„Grundsätzlich […] bin ich überzeugt, dass es in den kommenden Jahrzehnten nicht erneut zu international breit angelegten und militärisch abgesicherten Krisenstabilisierungseinsätzen kommen wird […]. Infolge des russischen Vernichtungskrieges gegen die Ukraine sowie seiner neoimperialen Grundausrichtung […] werden wir unsere Sicherheits- und Verteidigungspolitik strikt auf Abschreckung und Bündnisverteidigung ausrichten müssen.”“
Erdmann ging nicht davon aus, dass komplexe Einsätze in der Größenordnung von Afghanistan oder Mali in absehbarer Zukunft erneut durchgeführt würden. Infolge des russischen Krieges gegen die Ukraine und Russlands neoimperialer Grundausrichtung müsse Deutschland seine Sicherheits- und Verteidigungspolitik strikt auf Abschreckung und Bündnisverteidigung ausrichten.
Florian Laudi (Beauftragter für die Vereinten Nationen und für Terrorismusbekämpfung im Auswärtigen Amt) erklärte, das Internationale Krisenmanagement bleibe „ein wichtiger Pfeiler der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik”. Ressourcen und Fähigkeiten müssten sogar verbessert werden, ohne Landes- und Bündnisverteidigung zu vernachlässigen. Engagements würden zukünftig aber „weniger umfangreich” als in Afghanistan oder Mali ausfallen und dem Ansatz „ganzheitlicher” Krisenprävention folgen. Deutschland werde 2025 den Vorsitz der Peacebuilding-Kommission der VN übernehmen.
Originalstelle„„Im Zusammenspiel zwischen Exekutive und Legislative muss es […] vor allem […] darum gehen, die Bundeswehr zu befähigen, beidem gerecht zu werden …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„„Im Zusammenspiel zwischen Exekutive und Legislative muss es […] vor allem […] darum gehen, die Bundeswehr zu befähigen, beidem gerecht zu werden: ihrem Kernauftrag der Landes- und Bündnisverteidigung, wie auch ihrem Auftrag, weiterhin zum internationalen Krisenmanagement beizutragen.”“
Dominik Mutter (Beauftragter für Sicherheitspolitik im Auswärtigen Amt) betonte, die Bundeswehr werde laut Nationaler Sicherheitsstrategie auch künftig im Internationalen Krisenmanagement einen wichtigen Beitrag leisten. Zugleich müssten Schlüsse aus der „klaren Priorität von Landes- und Bündnisverteidigung” gezogen werden. Die Bundesregierung nehme eine Evaluierung aller laufenden mandatierten Auslandseinsätze vor. Künftig sollten realistischere Ziele definiert werden. Die „überambitionierten Transformationsziele” würden der Realität selten gerecht, und „die Ära umfangreicher, langjähriger, landgestützter Einsätze außerhalb Europas” scheine zumindest vorerst vorüber zu sein.
Originalstelle„Internationale Mandate stellen hohe Anforderungen an Diplomatie und zivile Instrumente Astrid Irrgang verwies zu Beginn ihrer Ausführungen auf den …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Internationale Mandate stellen hohe Anforderungen an Diplomatie und zivile Instrumente Astrid Irrgang verwies zu Beginn ihrer Ausführungen auf den besonderen Charakter internationaler Mandate: Sie seien „das Ergebnis einer politischen Willensbildung, mit einem immer sehr hohen Grad an Kompromissen und limitierenden Faktoren“. Damit gemeint seien beispielsweise die „Hinterlegung mit Ressourcen und [die] […] Sicherstellung des politischen Willens in den Hauptstädten, auch über Regierungswechsel hinweg“. Etwaige Erfolge würden durch die „Existenz von externen oder internen Akteuren, die ein großes Interesse am Erhalt eines Konfliktes haben können“ zusätzlich erschwert.“
Dr. Astrid Irrgang (Geschäftsführerin Zentrum für Internationale Friedenseinsätze, ZIF) erklärte in der Anhörung am 01.07.2024: Internationale Mandate seien „das Ergebnis einer politischen Willensbildung, mit einem immer sehr hohen Grad an Kompromissen und limitierenden Faktoren”. Dazu gehörten Ressourcenhinterlegung und Sicherstellung des politischen Willens über Regierungswechsel hinweg. Etwaige Erfolge würden durch externe oder interne Akteure mit Interesse am Konflikterhalt sowie durch internationale Akteure, die keine „Äquidistanz zu allen Konfliktparteien” hielten und so ihre Rolle als „ehrlicher Makler” untergraben würden, erschwert.
Originalstelle„„Es gibt nicht den einen optimalen integrierten Ansatz. Es ist deshalb auch möglich, gut vernetzt zu handeln, aber trotzdem zu scheitern, weil die …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„„Es gibt nicht den einen optimalen integrierten Ansatz. Es ist deshalb auch möglich, gut vernetzt zu handeln, aber trotzdem zu scheitern, weil die eigene Strategie und die gewählten Maßnahmen zu ihrer Umsetzung nicht wirksam waren. Das ist insbesondere bei einer Bewertung des Afghanistan-Engagements zu berücksichtigen. Die Nationale Sicherheitsstrategie ist aus meiner Sicht ein wertvoller Schritt, die Kohäsion von Handeln zu fördern. Deutschland ist hier insgesamt besser geworden.”“
Der integrierte Ansatz ziele darauf, das Handeln verschiedener Akteure der Konfliktbearbeitung auf ein gemeinsames Ziel auszurichten; die Spannbreite reiche von Informationsaustausch über Koordination und Kooperation bis zu integriertem Handeln. Es gebe nicht den einen optimalen integrierten Ansatz. Man könne auch gut vernetzt handeln und trotzdem scheitern, wenn Strategie und Maßnahmen nicht wirksam seien (relevant für Bewertung Afghanistans). Local Ownership sei „ein Schlüssel für nachhaltiges Peacebuilding”. Irrgang kritisierte, dass sich die Umsetzung häufig auf Regierungsstrukturen beschränke und zivilgesellschaftliche Akteure außen vor lasse.
Originalstelle„Regierungsdirektor Norbert Hausmann, Rechtsberater im Einsatzführungskommando der Bundeswehr Hausmann warnte davor, die Kräfte mit Aufgaben zu …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Regierungsdirektor Norbert Hausmann, Rechtsberater im Einsatzführungskommando der Bundeswehr Hausmann warnte davor, die Kräfte mit Aufgaben zu überfordern. Streitkräfte handelten in erster Linie militärisch, so der Rechtsberater, und sollten deshalb „für humanitäre oder polizeiliche Aufgaben nicht das Mittel der Wahl sein“. Hinzu sei gekommen, dass die zur Verfügung stehenden Kräfte begrenzt gewesen seien und sich eine Art Amtshilfe, selbst wenn Mandate und Rechtsrahmen es zuließen, aufgrund knapper Mittel nicht habe realisieren lassen.“
Hausmann warnte davor, die Kräfte mit Aufgaben zu überfordern: Streitkräfte handelten in erster Linie militärisch und sollten „für humanitäre oder polizeiliche Aufgaben nicht das Mittel der Wahl sein”. Knappe Mittel hätten zudem Amtshilfe oft verhindert. Zu Rules of Engagement: Er verwende den Begriff militärisch, als Einsatzregeln im militärischen Planungsprozess. Auf die Frage nach gemeinsamen ressortübergreifenden Rules of Engagement antwortete er zurückhaltend: „der Versuch einer ressortübergreifenden Harmonisierung [dürfte] schnell an Grenzen stoßen”, da Einsatzregeln auf Rechtsrahmen, Auftrag und politischen Vorgaben der jeweiligen Kräfte basierten. Operative Rechtsberatung habe seit Afghanistan an Bedeutung gewonnen.
Originalstelle„Zwar bestehe auch hier Verbesserungsbedarf, die Handlungsempfehlungen der AG KFE würden sich zum Beispiel zu selten auf konkrete Anpassungen …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Zwar bestehe auch hier Verbesserungsbedarf, die Handlungsempfehlungen der AG KFE würden sich zum Beispiel zu selten auf konkrete Anpassungen deutscher Politik in Krisenkontexten beziehen, es mangele jedoch insgesamt nicht an guten Analysen. Das Hauptproblem sei vielmehr, dass gute „hochwertige und strukturierte Analysen […] im Entscheidungsprozess auf weniger fundierte Analysen und Meinungen [träfen]“ und „Anreizstrukturen für strategisches Verhalten in bürokratischen Systemen sowie politische Erwägungen“ Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger dazu bringen würden, „selbst die besten Analysen zu ignorieren.““
Die ressortübergreifende Arbeitsgruppe Krisenfrüherkennung (AG KFE), die vorausschauende Analysen über künftige Konflikte aus mehreren Ressorts zusammenführen und Handlungsempfehlungen erarbeiten solle, sei eine wichtige Neuerung. Es mangele insgesamt nicht an guten Analysen; Hauptproblem sei, dass „hochwertige und strukturierte Analysen […] im Entscheidungsprozess auf weniger fundierte Analysen und Meinungen [träfen]” und „Anreizstrukturen für strategisches Verhalten in bürokratischen Systemen sowie politische Erwägungen” dazu führten, „selbst die besten Analysen zu ignorieren”. Nötig sei politische Führung, die wissenschaftliche Analysen stärker einbeziehe, und Handlungsdruck z. B. durch Berichtspflichten an den Bundestag.
Originalstelle„Aber einige generelle Trends seien bereits erkennbar – wie die strategischen Ziele der Gegner demokratischer Staaten und deren eingesetzte Mittel, um …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Aber einige generelle Trends seien bereits erkennbar – wie die strategischen Ziele der Gegner demokratischer Staaten und deren eingesetzte Mittel, um demokratische Gesellschaften zu unterminieren. Darüber hinaus würden früher eher getrennte Aspekte innerer und äußerer Sicherheit immer stärker ineinander übergehen (Sarah Bressan nannte das Stichwort „hybride“ Bedrohungen). Und die Bewältigung dieser Gefahren würden immer wichtiger. An solchen Schnittstellen lägen, so Bressan weiter, „die großen Schwachstellen in der Ressort-Koordinierung“.“
Bressan analysierte: Die Lehren aus Afghanistan seien auch unter veränderten geopolitischen Rahmenbedingungen zukunftsweisend. Bei der Unterstützung der Ukraine kämen größtenteils die gleichen Stabilisierungsinstrumente zum Einsatz wie in vergangenen Krisenkontexten. Zukünftige Krisen seien in den genauen Kontexten kaum prognostizierbar, aber erkennbare Trends: strategische Ziele der Gegner demokratischer Staaten, Mittel zur Unterminierung demokratischer Gesellschaften; frühere getrennte Aspekte innerer und äußerer Sicherheit gingen immer stärker ineinander über (hybride Bedrohungen). An solchen Schnittstellen lägen „die großen Schwachstellen in der Ressort-Koordinierung”. Eine dringend notwendige Verbesserung mittels neuer institutioneller Antworten hob die Sachverständige besonders hervor.
Originalstelle„Allerdings habe es 2002 die Fehleinschätzung gegeben, „Afghanistan sei militärisch gelaufen“. Die USA hätten sich zu dieser Zeit dem Irak und Saddam …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Allerdings habe es 2002 die Fehleinschätzung gegeben, „Afghanistan sei militärisch gelaufen“. Die USA hätten sich zu dieser Zeit dem Irak und Saddam Hussein zugewendet. Das habe die Aufmerksamkeit weg von Afghanistan hin zum Irak verschoben. Die USA seien aber politisch, finanziell und militärisch „der mit Abstand größte Faktor“ in Afghanistan gewesen, erläuterte Steiner.“
Steiner hob hervor, dass es 2002 die Fehleinschätzung gegeben habe, Afghanistan sei militärisch erledigt. Die USA hätten sich dem Irak zugewendet. Als „mit Abstand größter Faktor“ in Afghanistan habe das die internationale Aufmerksamkeit massiv reduziert. Deutschland habe damals eine „relativ schmale außenpolitische Achse“ gehabt und sei mit internationalem Terrorismus und Afghanistan völlig unvorbereitet konfrontiert worden.
Originalstelle„So dampfte die internationale Gemeinschaft die Vergangenheit des Landes immer wieder auf recht grobe Konfliktlinien ein […]. Dabei gab es wenig …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„So dampfte die internationale Gemeinschaft die Vergangenheit des Landes immer wieder auf recht grobe Konfliktlinien ein […]. Dabei gab es wenig Bemühen, ein historisches Kontextverständnis zu entwickeln. Frappierend ist vor allem, in wie vielen Politikfeldern – etwa Sicherheitssektor oder Bildung – die Interventen die gleiche Politik wie die sowjetischen Besatzer in den 1980er-Jahren verfolgten, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein.“
Prof. Conrad Schetter (BICC) kritisierte: Die kulturelle und ethnische Vielfalt Afghanistans sowie das Stadt-Land-Gefälle seien in der Einsatzvorbereitung zu wenig berücksichtigt worden. Konstante Konflikte um Ressourcen (Wasser, Land, Weiden) seien unterschätzt, die Idee westlicher Staatlichkeit habe für die Mehrheit der Bevölkerung keine Rolle gespielt. Frappierend sei, dass Interventen in vielen Politikfeldern (Sicherheit, Bildung) die gleiche Politik wie die sowjetischen Besatzer der 1980er verfolgt hätten, ohne sich dessen bewusst zu sein. Vorhandene Expertise sei wenig abgefragt worden.
Originalstelle„Auf Nachfrage erklärte Brahimi, Förderung der Demokratie habe zu Beginn des internationalen Einsatzes in Afghanistan für die Vereinten Nationen keine …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Auf Nachfrage erklärte Brahimi, Förderung der Demokratie habe zu Beginn des internationalen Einsatzes in Afghanistan für die Vereinten Nationen keine Priorität gehabt. Es sei vielmehr vorrangig darum gegangen, einen funktionierenden Staat zu schaffen. Der brauche vor allem eine Polizei und ein Justizsystem, die beide effizient und nicht korrupt sein dürften. In beiden Punkten habe man nach seiner Einschätzung nicht gut abgeschnitten.“
Brahimi erläuterte: Demokratieförderung sei zu Beginn keine VN-Priorität gewesen, vielmehr ein funktionierender Staat mit effizienter, nicht-korrupter Polizei und Justiz. In beiden Punkten habe man nicht gut abgeschnitten. Wieland-Karimi (Friedrich-Ebert-Stiftung Kabul) bestätigte: Zunächst sei es um Stabilität gegangen, nicht um Demokratisierung. Sie kritisierte das Präsidialsystem und das Wahlsystem ohne Parteienzulassung als Fehler.
Originalstelle„Investitionen im Allgemeinen sind risikobehaftet, so auch in einem fragilen, nicht funktionierenden Staat. Dennoch herrschte die Logik vor, dass …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Investitionen im Allgemeinen sind risikobehaftet, so auch in einem fragilen, nicht funktionierenden Staat. Dennoch herrschte die Logik vor, dass jedes Projekt – ob von der zivilen, der polizeilichen, der militärischen oder der entwicklungspolitischen Seite – ein Erfolg sein müsse. Es gab keine Misserfolge, und es existierte keine richtige Fehlerkultur. Das hat sicherlich auch zu der späteren Schönfärberei in der Berichterstattung geführt, weil alles immer nur Erfolge waren.“
Dr. Almut Wieland-Karimi (Friedrich-Ebert-Stiftung Kabul 2002–2005) kritisierte die Logik, dass jedes Projekt (zivil, polizeilich, militärisch oder entwicklungspolitisch) ein Erfolg sein müsse. Es habe keine richtige Fehlerkultur gegeben, was zur späteren Schönfärberei in der Berichterstattung beigetragen habe. Eine systematische Evaluierung sei nie erfolgt. Der Umfang fließender Mittel habe „sicherlich zur Korruption beigetragen“.
Originalstelle„Über allem sollte aus meiner Sicht die Erkenntnis stehen, dass ein Einsatz militärischer Kräfte grundsätzlich nur eine temporäre Stabilisierung der …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Über allem sollte aus meiner Sicht die Erkenntnis stehen, dass ein Einsatz militärischer Kräfte grundsätzlich nur eine temporäre Stabilisierung der Sicherheitslage ermöglicht. Die eigentliche Lösung eines Konflikts kann nur durch Politik und Diplomatie sowie durch die Gesellschaft des Krisenlandes im Verbund mit entsprechend geförderter, sichtbarer Entwicklung erfolgen.“
Generalleutnant Bernd Schütt, 2006 Kommandeur des PRT in Faizabad, fasste zusammen: Ein militärischer Einsatz ermögliche grundsätzlich nur eine temporäre Stabilisierung; die eigentliche Konfliktlösung könne nur durch Politik, Diplomatie und die Gesellschaft des Krisenlandes erfolgen. Kräfte vor Ort müssten der Lage angemessen ausgestattet sein; Ziele und Fähigkeiten, nicht Obergrenzen, sollten die Ausstattung der Mandate bestimmen.
Originalstelle„Ohne die Notwendigkeit eines solchen schnelleren Aufbaus bestreiten zu wollen, habe das seines Erachtens die Abkehr von einer qualifizierten …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Ohne die Notwendigkeit eines solchen schnelleren Aufbaus bestreiten zu wollen, habe das seines Erachtens die Abkehr von einer qualifizierten Zivilpolizei zugunsten der quantitativen Erhöhung der Ressourcen für eine kurzfristige Stabilisierung bedeutet, erläuterte Jördening.“
Peter Jördening, 2020–2021 Leiter des Deutschen Polizeiprojektteams in Kabul, erläuterte: Deutschland habe 2002 als „lead nation“ den Polizeiaufbau übernommen. Ziel war eine zivile Polizei. Mit den US-geführten achtwöchigen Schnellkursen ab 2003 für Streifenpolizisten sei eine Abkehr von qualifizierter Zivilpolizei zugunsten quantitativer Aufstockung erfolgt. Ein zu breites Versprechen sei wegen vieler nicht beeinflussbarer Faktoren nicht haltbar; kleinere, bescheidenere Ziele seien wesentlich erfolgversprechender.
Originalstelle„Das vermutlich mit Abstand größte Problem sei aber die Korruption gewesen. Die Weltbank habe für 2010 geschätzt, dass etwa 30 Prozent der …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Das vermutlich mit Abstand größte Problem sei aber die Korruption gewesen. Die Weltbank habe für 2010 geschätzt, dass etwa 30 Prozent der Finanzhilfen dadurch verloren gingen. … Besonders im ländlichen Raum hätten viele Menschen weiter traditionelle Ältestenräte und zunehmend auch mobile Gerichte der Taliban aufgesucht, die der staatlichen Gerichtsbarkeit Konkurrenz gemacht hätten. Die Entscheidungen der Taliban-Richter … seien als gerecht empfunden worden.“
Dr. Tilmann J. Röder (Just Peace) berichtete: Zwischen 2009 und 2014 seien 22–26 % des afghanischen Staatshaushaltes in den Sicherheitssektor geflossen. Das größte Problem sei aber die Korruption gewesen (Weltbank-Schätzung 2010: ~30 % der Finanzhilfen seien verloren gegangen). Mobile Taliban-Gerichte hätten Staatsgerichten Konkurrenz gemacht und seien als gerecht empfunden worden, ein zentrales Element der Taliban-Strategie. Empfehlung: Friedensprozess vor Staatsaufbau, mehrere Generationen Zeit einplanen.
Originalstelle„Wie lange hätte es wohl gedauert? Das weiß ich nicht, das kann man nicht vorhersagen. (…) Aber zu sagen, dass es sich um mehrere Jahrzehnte handelt …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Wie lange hätte es wohl gedauert? Das weiß ich nicht, das kann man nicht vorhersagen. (…) Aber zu sagen, dass es sich um mehrere Jahrzehnte handelt, oder um Generationen, das wäre vielleicht zutreffender, denke ich. Man muss nur die Geduld dazu haben. (…) Das ist der größte strategische Fehler, denn das ist alles andere als einfach. Offen gesagt, haben wir die Lehren vergessen, die wir in der Vergangenheit in Ländern wie Vietnam auf die harte Tour gelernt haben.“
US-General a. D. David H. Petraeus, Kommandeur USCENTCOM (2008–2010) und ISAF (2010–2011), wertete: Die deutsche Militärseite habe „sehr kompetent“ agiert. Aber der übergeordnete strategische Ansatz, die wiederholte Suche nach einem Ausweg, habe das militärische Vorgehen untergraben. Größter Fehler sei fehlende „strategische Geduld“ gewesen. Man habe in Afghanistan in Generationen denken müssen, nicht in Jahren. Lehren aus Vietnam seien vergessen worden. Doha sei ein „schreckliches diplomatisches Abkommen“ gewesen.
Originalstelle„Jedoch konnten diese Fortschritte, die in den 20 Jahren Afghanistanengagement erreicht wurden, nicht wettmachen, was militärisch und politisch nicht …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Jedoch konnten diese Fortschritte, die in den 20 Jahren Afghanistanengagement erreicht wurden, nicht wettmachen, was militärisch und politisch nicht möglich war und auch nicht erreichen, wofür Entwicklungspolitik keine Zuständigkeit hatte. Nämlich Staatlichkeit und das Gewaltmonopol durchsetzen und eine politische Einigung auf Machtteilung im Rahmen eines Friedensprozesses sowie einen inklusiven und gerechten Gesellschaftsvertrag herbeiführen.“
Dr. Ulrike Hopp-Nishanka, ehemalige stellv. Leiterin des Referats Afghanistan und Pakistan im BMZ, berichtete: Das entwicklungspolitische Engagement sei nachhaltig und wirksam gewesen (BMZ-Verbesserungen bei Lebenserwartung, Schulbesuch, Kindersterblichkeit, Impfraten, Wasserversorgung). EZ könne aber nicht das ersetzen, was militärisch und politisch nicht erreicht wurde. Afghanistan sei ein Generationenprojekt, das strategische Geduld erfordere. Ressortgemeinsames Arbeiten der Bundesregierung sei bis heute von Afghanistan-Erfahrungen geprägt.
Originalstelle„Nicht erfolgreich seien jedoch die Projekte gewesen, die auf gute Regierungsführung, die Förderung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, die …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Nicht erfolgreich seien jedoch die Projekte gewesen, die auf gute Regierungsführung, die Förderung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, die Bekämpfung von Korruption, die Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung, die Gleichstellung der Geschlechter und Stabilisierung abzielten.“
Prof. Christoph Zürcher (University of Ottawa) legte seine Meta-Studie zu 148 Evaluierungen vor: Erhebliche Erfolge bei Grundschulbildung, medizinischer Grundversorgung und Verbesserung ländlicher Lebensbedingungen, nicht erfolgreich bei guter Regierungsführung, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, Korruptionsbekämpfung, Wirtschaftsförderung, Geschlechtergleichstellung und Stabilisierung. Man werde Taliban „nicht davon überzeugen, friedlicher zu werden, wenn wir Brunnen und Schulen bauen“. Das AA-Stabilisierungskonzept 2022 berücksichtige weder wissenschaftliche Befunde noch Afghanistan-Erfahrungen.
Originalstelle„Seit 2020 hatten wir bisher vier öffentliche und unabhängige Evaluationen. Davor haben wir sie selbst durchgeführt. Und das ist, als würde der …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Seit 2020 hatten wir bisher vier öffentliche und unabhängige Evaluationen. Davor haben wir sie selbst durchgeführt. Und das ist, als würde der Metzger die Qualität seines eigenen Fleisches bewerten. Daher denke ich, dass es eine sehr gute Idee ist, externe Evaluationen durchführen zu lassen, die einen kritischen Blick auf die tatsächliche Arbeit der Regierung werfen und darauf, ob die von der Politik festgelegten Ziele auch die gewünschten Ergebnisse gebracht haben.“
Botschafter Bjørn Tore Godal (Vorsitzender der norwegischen Afghanistan-Kommission „A Good Ally“ 2016) und Joost Flamand (Außenministerium Niederlande) bestätigten übereinstimmend: Auslandseinsätze führten zu „geschönten Berichten“; die Kommunikation sei „zu positiv“. Flamand: Externe Evaluierungen seien wie der Metzger, der nicht sein eigenes Fleisch bewerten dürfe. Bündnissolidarität (Art. 5 NATO-Vertrag) sei das primäre Ziel gewesen; der Staatsaufbau in Afghanistan sei „gänzlich gescheitert“.
Originalstelle„eine rudimentäre Polizei mit einem katastrophalen Ausrüstungs- und Ausbildungszustand, sofern überhaupt vorhanden, und mit einem im Drogenschmuggel …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„eine rudimentäre Polizei mit einem katastrophalen Ausrüstungs- und Ausbildungszustand, sofern überhaupt vorhanden, und mit einem im Drogenschmuggel involvierten Polizeichef, der sich zur Hälfte meiner Einsatzzeit mit mehreren Säcken Opium und Heroin im wahrsten Sinn des Wortes über Nacht aus dem Staub machte.“
Generalleutnant Bernd Schütt schilderte am Beispiel Faizabad 2006: rudimentäre Polizei mit katastrophalem Ausrüstungszustand; der Polizeichef sei im Drogenschmuggel involviert gewesen und habe sich mit mehreren Säcken Opium und Heroin abgesetzt. Bundeswehr-Weisung: „keine aktive Beteiligung und auch keine Weitergabe von Koordinaten von Drogenfeldern“. Sima Samar berichtete: Alle bewaffneten Gruppen seien an Opiumproduktion und -schmuggel beteiligt gewesen: „Karzai war eine Geisel dieser mächtigen Leute“.
Prof. Christoph Zürcher resümierte: Verfahren gegen „kleine Korruption“ (Deutschland habe sehr sorgfältig gearbeitet) hätten wenig Wirkung gegen die strukturelle Korruption gehabt. Große Geldströme in ein korruptes Land würden „von diesem Land, diesen korrupten Systemen verwertet“. Das stelle die „do-no-harm“-Frage. Man habe gewusst, dass Korruption durch die Geldströme unbeabsichtigt befördert werde.
Originalstelle„Die wiederholten Bemühungen der USA, das Land zu verlassen, hatten negative Auswirkungen, weil sie den Afghanen Kurzsichtigkeit einimpften, der …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die wiederholten Bemühungen der USA, das Land zu verlassen, hatten negative Auswirkungen, weil sie den Afghanen Kurzsichtigkeit einimpften, der Korruption Vorschub leisteten und Anreize für Einzelne schufen, das zu nehmen, was sie kriegen konnten, wenn sie es kriegen konnten, anstatt einen längerfristigen Ansatz zu verfolgen.“
US-General a. D. David H. Petraeus wertete: Die wiederholten US-Abzugsbemühungen hätten den Afghanen Kurzsichtigkeit eingeimpft, der Korruption Vorschub geleistet und Anreize geschaffen, kurzfristig zu nehmen, was zu nehmen war. Trotz Task Forces zur Korruptions- und Drogenbekämpfung seien die Programme auf Dauer nicht nachhaltig gewesen. Tom Koenigs (Leiter UNAMA 2006–2007) ergänzte: „Auf die Frage, ob eigentlich die Taliban oder die Regierung korrupter sind, hat jeder Afghane geantwortet: die Regierung.“
Originalstelle„Wie wir am Beispiel Afghanistan verdeutlichen, dominieren KKP-Logiken in fragilen Staaten, die durch (Bürger-)Kriege, konfliktive, ethno-religiöse …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Wie wir am Beispiel Afghanistan verdeutlichen, dominieren KKP-Logiken in fragilen Staaten, die durch (Bürger-)Kriege, konfliktive, ethno-religiöse Identitäten, einen nicht-vorhandenen Staatsbezug in der Bevölkerung sowie das Fehlen verlässlicher staatlicher Institutionen (v.a. Rechtstaatlichkeit) geprägt sind. Politische Eliten kontrollieren über KKP Ressourcen und sichern hierüber ihre Macht. Gleichzeitig untergräbt KKP das Vertrauen der Bevölkerung in den Staat und führt zu weiterer Instabilität.“
Korruption, Klientelismus und Patronage (KKP) seien in allen Gesellschaften vorhanden, dominierten aber besonders in fragilen Staaten mit Bürgerkriegserfahrung, ethno-religiösen Konflikten und schwachen Institutionen. Eliten nutzen KKP zur Machtsicherung. Gleichzeitig untergräbt KKP das Vertrauen in den Staat und führt zu weiterer Instabilität.
Originalstelle„Das „Große Spiel“ (Great Game) zwischen Britisch Indien und Russland führte seit dem späten 19. Jahrhundert zur Schaffung eines „Rentierstaates“, in …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Das „Große Spiel“ (Great Game) zwischen Britisch Indien und Russland führte seit dem späten 19. Jahrhundert zur Schaffung eines „Rentierstaates“, in dem ausländische Hilfe den afghanischen Staat in hohem Maße subventionierte. … Zwischen 1956 und 1973 machten ausländische Zuschüsse und Kredite 80 Prozent der afghanischen Investitions- und Entwicklungsausgaben aus (Rubin, 2002, S. 65).“
Afghanistan sei seit dem späten 19. Jh. ein Rentierstaat, dessen Machthaber sich auf externe Einnahmequellen verließen. Zwischen 1956 und 1973 hätten ausländische Zuschüsse und Kredite 80 % der afghanischen Investitions- und Entwicklungsausgaben ausgemacht (Rubin 2002). Die Patronagestrukturen verfestigten sich im Krieg ab 1979, als Sowjets die Kommunisten und westliche und regionale Akteure (Pakistan, Iran, Saudi-Arabien) verschiedene dschihadistische Gruppen förderten.
Originalstelle„Zwischen 2001 und 2021 gab die internationale Gemeinschaft 95 Milliarden US-Dollar ODA-Gelder für den zivilen Wiederaufbau in Afghanistan aus … Nach …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Zwischen 2001 und 2021 gab die internationale Gemeinschaft 95 Milliarden US-Dollar ODA-Gelder für den zivilen Wiederaufbau in Afghanistan aus … Nach Angaben der OECD gaben die USA 38,826 Milliarden US-Dollar aus, gefolgt von Deutschland an zweiter Stelle (7,775 Mrd. US-Dollar) der Geberländer. … Zum Vergleich zu den zivilen Wiederaufbaumitteln gaben die USA für den Aufbau des afghanischen Sicherheitssektors und die Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte zwischen 2002 und 2019 insgesamt 86,38 Milliarden US-Dollar – also weit über das Doppelte aus“
Zwischen 2001 und 2021 flossen ca. 95 Mrd. US-Dollar ODA-Gelder in den zivilen Wiederaufbau Afghanistans; die USA waren mit 38,8 Mrd. mit Abstand größter Geber, Deutschland zweitgrößter Geber (7,775 Mrd. US-Dollar). Die USA gaben zusätzlich 86,4 Mrd. US-Dollar (2002–2019) für den Aufbau der afghanischen Sicherheitskräfte aus, also über das Doppelte der zivilen Mittel. Höchste Ausgaben in den COIN-Jahren 2009–2012.
Originalstelle„Im Jahr 2001 flossen zunächst nur sieben Prozent der Mittel in den Militäreinsatz, während 93 Prozent für humanitäre Hilfe und …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Im Jahr 2001 flossen zunächst nur sieben Prozent der Mittel in den Militäreinsatz, während 93 Prozent für humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit aufgewendet wurden. Ab 2002 stiegen die Mittel für den Militäreinsatz stark an und erreichten 2003 mit 85 Prozent ihren Höchststand. … Im Jahr 2013 dominierte die Entwicklungshilfe mit einem Anteil von 45 Prozent und steigerte sich weiter auf einen Höchstwert von 60 Prozent im Jahr 2017. … Insgesamt gab Deutschland in 20 Jahren 18,674 Milliarden Euro in Afghanistan aus (inflationsbereinigt, auf Preisniveau von 2020).“
Deutschland gab insgesamt 18,674 Mrd. Euro (2020-Preise) zwischen 2001 und 2020 in Afghanistan aus. Ausgabenverteilung: 2001 nur 7 % Militär, 93 % humanitäre Hilfe und EZ. Ab 2002 stiegen die Militärausgaben rasant (2003 Höchststand bei 85 %), ab 2007 wieder Anstieg der EZ-Anteile bis 2017 (60 % EZ-Anteil). Humanitäre Hilfe blieb konstant unter 5 %.
Originalstelle„SIGAR identifizierte Ressourcenineffizienz als den Bereich, der finanziell den größten Anteil der US-Budgets betraf. SIGAR kam zu dem Ergebnis, dass …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„SIGAR identifizierte Ressourcenineffizienz als den Bereich, der finanziell den größten Anteil der US-Budgets betraf. SIGAR kam zu dem Ergebnis, dass zwischen 2018 und 2019 57 bis 82 Prozent der Projektbudgets bei US-Vorhaben von Ineffizienz betroffen waren (SIGAR 21-05-SP, 2020). … in der eine Auswahl von 60 US-finanzierten Investitionen mit einem Gesamtvolumen von 792 Millionen US-Dollar evaluiert wurde. Davon entfielen 724 Millionen US-Dollar bzw. 91 Prozent der Gesamtkosten auf Vermögenswerte, die entweder nicht genutzt wurden, aufgegeben wurden, nicht wie geplant funktionierten, verfielen, zerstört wurden“
SIGAR identifizierte Ressourcenineffizienz als finanziell größten Verlustbereich der US-Budgets: 2018–2019 waren 57–82 % der US-Projektbudgets von Ineffizienz betroffen. Bei einer Stichprobe von 60 US-Investitionen (792 Mio. US-Dollar) entfielen 91 % (724 Mio.) auf Vermögenswerte, die nicht genutzt, aufgegeben oder zerstört wurden. Auch deutsche Vorhaben dürften betroffen gewesen sein. Beispiele: extravagante Schule in Ishkamish ohne Heizung und Kühlung (zweimal gebaut, nie bezogen); fehlende Koordination zwischen deutschen DO (Straßen ohne Anbindung an Schulen und Krankenhäuser).
Originalstelle„Die großen Geber, darunter die USA, Deutschland und das Vereinigte Königreich, leiteten einen Großteil ihrer Gelder an Auftragnehmer aus ihren …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die großen Geber, darunter die USA, Deutschland und das Vereinigte Königreich, leiteten einen Großteil ihrer Gelder an Auftragnehmer aus ihren eigenen Ländern weiter, so dass ein beträchtlicher Teil der Gelder in die Wirtschaft der Geberländer zurückfloss, anstatt Afghanistan spürbar zu helfen. … Allein in den ersten sieben Jahren sollen ca. 40 Prozent der von der internationalen Gemeinschaft zur Verfügung gestellten Hilfsgelder in die Geberländer zurückgeflossen sein – über Gemeinkosten, Gehälter, Consultants etc. (Waldman, 2008).“
Die Hauptgeber (USA, Deutschland, UK) leiteten Aufträge bevorzugt an Auftragnehmer aus ihren eigenen Ländern. Allein in den ersten sieben Jahren sollen ~40 % der internationalen Hilfsgelder in die Geberländer zurückgeflossen sein, über Gemeinkosten, Gehälter, Consultants etc. Ausschreibungen fanden überwiegend außerhalb Afghanistans statt; afghanische Unternehmen waren wegen Sprache, Verfahren und mangelnder internationaler Erfahrung benachteiligt.
Originalstelle„„Für den Wiederaufbau braucht man eine Menge Zement. (…) Und wir haben mit der Weltbank, der EU und Deutschland darüber gesprochen. Die haben gesagt …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„„Für den Wiederaufbau braucht man eine Menge Zement. (…) Und wir haben mit der Weltbank, der EU und Deutschland darüber gesprochen. Die haben gesagt: ‚Die [afghanischen] Fabriken verwenden veraltete Technologie. Wir fahren besser damit, wenn wir den Zement importieren. So gingen vier Milliarden US-Dollar nach Pakistan, von denen fast die gesamte Summe Afghanistan hätte zugute kommen können“ … „Diese Hunde [zur Minenbeseitigung] kosten 15.000 bis 25.000 US-Dollar pro Stück. (...) Aber warum importiert man sie aus Thailand, wenn man Hunde in Afghanistan ausbilden kann?““
Geber verzichteten oft auf lokale Beschaffung: Zementimporte aus Pakistan (~4 Mrd. US-Dollar) statt afghanische Fabriken zu nutzen; Halo Trust importierte Minensuchhunde (15.000–25.000 US-Dollar pro Stück) aus Thailand statt sie in Afghanistan auszubilden. Eine deutsche DO bestellte das gesamte Mobiliar bei Ikea ein und flog es ein. Das war viel teurer als lokale Handwerker und ungeeignet für afghanische Witterung. US-Armee importierte bis 2010 sogar Trinkwasser aus Nachbarländern.
Originalstelle„Etwas später, im Mai 2021, identifizierte die EU mithilfe des SIGAR 6.541 Geistersoldat:innen (Bamada, 2021). Die EU schätzte die Verluste durch …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Etwas später, im Mai 2021, identifizierte die EU mithilfe des SIGAR 6.541 Geistersoldat:innen (Bamada, 2021). Die EU schätzte die Verluste durch Geistersoldat:innen auf mehr als 70 Milliarden CFA-Francs (rund 106 Millionen Euro). … Im Gegensatz zu Afghanistan, wo Konditionen zwar immer wieder angekündigt, aber – aufgrund der prekären Sicherheitslage – kaum in die Praxis umgesetzt wurden.“
Die Vergleichsstudie Mali (deutsches Engagement: AA 226 Mio. Euro, BMZ 574 Mio. Euro, BMVg 1,8 Mrd. Euro 2013–2021) zeigt: KKP ist auch in Mali grundlegendes Problem. EU identifizierte 2021 6.541 Geistersoldat:innen mit Verlusten von ~106 Mio. Euro. Während Afghanistan-Konditionalisierung nicht durchgesetzt wurde, zahlte sich die EU-Konditionalisierung im malischen Sicherheitssektor (Sold-Digitalisierung als Antikorruptionsmaßnahme) aus. Die Bundeswehr hatte, wie die PRTs in Afghanistan, wenig direkte Korruptionskonfrontation in MINUSMA.
Originalstelle„„Deutschlands Rolle gegenüber der Drogenökonomie war sehr zurückhaltend. Indem Reformaufgaben am Anfang der Intervention in Afghanistan Lead Nations …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„„Deutschlands Rolle gegenüber der Drogenökonomie war sehr zurückhaltend. Indem Reformaufgaben am Anfang der Intervention in Afghanistan Lead Nations zugeordnet wurden, zog sich die Bundesrepublik im Bündnis auf die Haltung zurück, dass dafür das Vereinigte Königreich bzw. die Regierung Afghanistans zuständig wäre.“
Deutschland habe sich gegenüber der Drogenökonomie sehr zurückhaltend verhalten und sich darauf zurückgezogen, dass dafür im Lead-Nation-Konzept das Vereinigte Königreich bzw. die afghanische Regierung zuständig seien.
„„Gleichwohl begünstigten die durch die Intervention verursachten wirtschaftlichen Verwerfungen den Aufbau solider staatlicher Rentiersstrukturen, die von den illegalen Drogenrentiersstrukturen gespiegelt wurden.“
Die wirtschaftlichen Verwerfungen der Intervention hätten den Aufbau staatlicher Rentiersstrukturen begünstigt, die von illegalen Drogenrentiersstrukturen gespiegelt worden seien.
„„Die Drogen-, aber insbesondere die Opiumökonomie ist nicht durch die westliche Intervention nach 2001 verursacht; gleichwohl hat die Interventionspolitik Bedingungen beeinflusst, die die Drogenökonomie oft begünstigten.“
Die Opiumökonomie sei nicht durch die Intervention ab 2001 verursacht, aber die Interventionspolitik habe Bedingungen geschaffen, die sie häufig begünstigt hätten; günstige Bedingungen reichten bis vor 1979 zurück.
Thema: Lehren für die Zukunftvor 1973 bis 2021enquete_gutachten\kuehn-drogenoekonomie.json
„„Der weitaus größte Teil der Wertsteigerung bleibt also in der Transportkette hängen – bei den Bauern selbst kommt nur ein Bruchteil von 1-2% des Straßenverkaufswerts an.“
Der weitaus größte Teil der Wertsteigerung des Opiums entstehe auf dem Transportweg und im Konsumland; bei den afghanischen Bauern kämen nur 1–2 Prozent des Straßenverkaufswerts an.
Originalstelle„Wenn etwa der in Afghanistan realisierte Wert (aus Produktion und Handel) in Spitzenjahren wie 2007 (hier gemessen im afghanischen Jahr März …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Wenn etwa der in Afghanistan realisierte Wert (aus Produktion und Handel) in Spitzenjahren wie 2007 (hier gemessen im afghanischen Jahr März 2006-März 2007) mit ca. 4 Mrd. US-$ etwa 53% des Bruttonationalprodukts ausmachte, handelt es sich dabei um den Exportwert. Etwa ein Viertel davon bleibt bei den Bauern (25%, entspricht 1 Mrd. US-$ für Afghanistan).“
Im Spitzenjahr 2007 habe der in Afghanistan realisierte Opium-Exportwert ca. 4 Mrd. US-Dollar betragen, etwa 53 Prozent des Bruttonationalprodukts; etwa ein Viertel davon (rund 1 Mrd. US-Dollar) sei bei den Bauern verblieben.
„„Zwischen 2002, dem ersten Anbaujahr unter der Bedingung der internationalen Intervention, und 2017, als der bisherige Spitzenwert erreicht wurde, hat sich der Opiumanbau fast verdreifacht (von 3.400t auf 9.000t).“
Zwischen 2002 (3.400 t) und dem Rekordjahr 2017 (9.000 t) habe sich der Opiumanbau in Afghanistan unter den Bedingungen der internationalen Intervention fast verdreifacht.
Originalstelle„„Die strategische Zielsetzung während der Intervention blieb dominant sicherheitspolitisch; die Drogenwirtschaft wurde nur insofern berücksichtigt …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„„Die strategische Zielsetzung während der Intervention blieb dominant sicherheitspolitisch; die Drogenwirtschaft wurde nur insofern berücksichtigt, als die durch sie hervorgerufenen wirtschaftlichen Verwerfungen sicherheitspolitische Aufmerksamkeit auf sich zogen.“
Die strategische Zielsetzung der Intervention sei dominant sicherheitspolitisch geblieben; die Drogenwirtschaft sei nur insoweit berücksichtigt worden, als sie sicherheitspolitisch relevant wurde (Finanzierung der Taliban, Korruption afghanischer Eliten).
Originalstelle„Obwohl die Stabilisierungsmission erst 2014 endete, lässt sich die Intervention in zwei etwa gleich lange Phasen teilen. Inder ersten Phase bis etwa …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Obwohl die Stabilisierungsmission erst 2014 endete, lässt sich die Intervention in zwei etwa gleich lange Phasen teilen. Inder ersten Phase bis etwa 2011/12 wurden die Policy- Ziele noch mit einem echten Veränderungswillen formuliert; die westlichen Akteure verbanden ihre Allianzziele mit konkreten, zu verändernden Zusammenhängen in Afghanistan und versuchten, diese mittels Policy zu adressieren. Als die Ernüchterung eintrat und damit der Wille, Resourcen und Menschenleben in Afghanistan einzusetzen, wobei der sicherheitspolitische Nutzen unbelegt blieb, glitt die Intervention in eine Phase des ‚Verwaltens‘ über.“
Die Intervention lasse sich in zwei etwa gleich lange Phasen teilen: In der ersten (bis 2011/12) seien Policy-Ziele noch mit echtem Veränderungswillen verfolgt worden; danach sei sie in eine Phase des ‚Verwaltens' übergegangen, in der vor allem auf einen ‚glimpflichen Exit' hingearbeitet worden sei.
„„Phasenweise wurde während der 2000er und 2010er Jahre dort mehr als 2/3 des Opiums angebaut – so dass es beinah irreführend ist, von afghanischem Opium zu sprechen.“
Phasenweise hätten Helmand und Kandahar zusammen mehr als zwei Drittel des afghanischen Opiums produziert; die Produktion sei stark regional konzentriert gewesen.
Thema: Lehren für die Zukunft2000er–2010er Jahreenquete_gutachten\kuehn-drogenoekonomie.json
Sachverständige:r2 Entwicklung der DrogenökonomieS. 15
Originalstelle„In Afghanistan wurde in den letzten Jahren (etwa seit Mitte der 2010er Jahre) ein Anstieg der Methamphetamin-Produktion festgestellt. Neben …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„In Afghanistan wurde in den letzten Jahren (etwa seit Mitte der 2010er Jahre) ein Anstieg der Methamphetamin-Produktion festgestellt. Neben industriegefertigten Chemikalien wird die Meerträubel-Pflanze (Ephedra) gesammelt und zu deren Herstellung verwendet. Es ist unklar, ob sich der Handel mit diesen synthetischen Drogen entlang der Vertriebswege des Opiums entwickelt hat, oder ob Kapital aus dem Opiumhandel als Diversifikationsstrategie in die chemische Herstellung synthetischer Aufputschmittel geflossen ist. Die Abnahmemärkte sind jedenfalls eher in Asien zu finden.“
Seit Mitte der 2010er Jahre sei in Afghanistan ein Anstieg der Methamphetamin-Produktion festgestellt worden (auch aus der Meerträubel-Pflanze Ephedra); die Abnahmemärkte lägen eher in Asien.
Thema: Lehren für die ZukunftMitte 2010er bis 2021enquete_gutachten\kuehn-drogenoekonomie.json
Sachverständige:r2.1 Entwicklung und TrendsS. 15–17
Originalstelle„Die Drogenökonomie während der beiden Interventionsdekaden lässt sich in drei wesentliche Phasen unterteilen. Die erste Phase betrifft die Jahre …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die Drogenökonomie während der beiden Interventionsdekaden lässt sich in drei wesentliche Phasen unterteilen. Die erste Phase betrifft die Jahre 2002-2005/06. In diesen Jahren kehrten die Opiumproduktion ebenso wie die Anbaufläche in etwa auf das Niveau vor dem Verbot der Taliban zurück, das 2001 zu einem Einbruch der Produktionszahlen geführt hatte. Gleichzeitig steigt der Marktwert des Opiums wegen des vorangegangenen Verbots erheblich; zusätzlich dynamisiert sich der Markt, weil viele Bauern, die sich verschuldet hatten, wegen des Verbots ihre Schulden aber nicht zurückzahlen konnten, den Anbau intensivieren mussten.“
Die Drogenökonomie 2001–2021 lasse sich in drei Phasen teilen: 2002–2005/06 Rückkehr auf Vorverbotsniveau und Konsolidierung der Strukturen; 2006–2014 ansteigender Talibanwiderstand mit Anbau-Hoch und späteren Vernichtungsmaßnahmen; ab 2014/15 westliche Distanz und schrittweise Profitabschöpfung durch die Taliban.
Originalstelle„Das United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC) indes arbeitet mit niedrigeren Zahlen, wobei der Farmgate-Wert des Opiums im einstelligen …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Das United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC) indes arbeitet mit niedrigeren Zahlen, wobei der Farmgate-Wert des Opiums im einstelligen Bereich bleibt (etwa 4% des landesweiten BIP im Jahr 2013). Diese Zahlen verschleiern allerdings den wirklichen volkswirtschaftlichen Wert, der sich ja auch in Wertsteigerungen entlang der Handelskette bis zum Grenzübertritt, genannten Spill-over- Effekten wie etwa der Verfügbarkeit von Kapitel für die Bauindustrie oder den Konsum ausdrückt.“
Beim Grenzübertritt repräsentierten die Profite aus Opiaten etwa 10–15 Prozent des BIP; UNODC arbeite mit niedrigeren Farmgate-Zahlen (etwa 4 Prozent für 2013). Mit Spill-over-Effekten auf legale Sektoren sei Drogengeld für ein Drittel bis die Hälfte der Wirtschaftsproduktion maßgeblich gewesen.
„„Die Literatur, die sich wesentlich mit der Funktionsweise der Drogen- insbesondere der Opiumökonomie auseinandersetzt, kommt zu dem Ergebnis, dass die Taliban keine nennenswerte, oder zumindest keine entscheidende Finanzierungsquelle im Opium haben.“
Die Literatur zur Funktionsweise der Opiumökonomie komme zu dem Ergebnis, dass die Taliban keine entscheidende Finanzierungsquelle im Opium hatten; im Verlauf der Intervention seien Beziehungen zwischen Provinzgouverneuren und Zentralregierung ausschlaggebend für die Praxis gegenüber dem Anbau gewesen.
Originalstelle„Die USA, so der SIGAR-Bericht hätten zwischen 2002 und 2017 8,6 Mrd. US-$ für direkt (7.2 Mrd.) oder indirekt (1,3 Mrd.) auf Opiumverhinderung (in …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die USA, so der SIGAR-Bericht hätten zwischen 2002 und 2017 8,6 Mrd. US-$ für direkt (7.2 Mrd.) oder indirekt (1,3 Mrd.) auf Opiumverhinderung (in allen Facetten, das heißt von chemischem Sprayen und anderen Vernichtungsarten bis hin zu Anreizen für alternativen Anbau) ausgerichteten Programmen ausgegeben. In derselben Zeitspanne hat sich die Produktion von 3.400t (2002) auf 9.000t (2017) fast verdreifacht.“
Laut SIGAR-Bericht 2018 hätten die USA zwischen 2002 und 2017 8,6 Mrd. US-Dollar direkt (7,2 Mrd.) und indirekt (1,3 Mrd.) für Opiumverhinderung ausgegeben; im selben Zeitraum habe sich die Produktion von 3.400 t (2002) auf 9.000 t (2017) fast verdreifacht.
Originalstelle„Als Ursachen gibt der Bericht an: Dauerhafte Unsicherheit, Korruption, schwache Rechtsstaatlichkeit, mangelnder Konsens der maßgeblichen Policymaker …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Als Ursachen gibt der Bericht an: Dauerhafte Unsicherheit, Korruption, schwache Rechtsstaatlichkeit, mangelnder Konsens der maßgeblichen Policymaker, ständig wechselnde Strategien und Priorisierung, ungleiche Koordination zwischen staatlichen Agenturen, den Alliierten und der afghanischen Regierung, selektiver Fokus auf die Probleme, kurzzeitige Kennzahlen, die längerfristige Effekte nicht erfassen konnten, nicht reliable Daten zu Finanzierungsplänen, Programmergebnissen und Bedingungen vor Ort. Generell sei kaum Verständnis für den politischen und sozioökonomischen Kontext vorhanden gewesen.“
Als Ursachen des Scheiterns nenne der SIGAR-Bericht: dauerhafte Unsicherheit, Korruption, schwache Rechtsstaatlichkeit, fehlenden Konsens, ständig wechselnde Strategien, mangelnde Koordination, selektiven Fokus, kurzfristige Kennzahlen, unzuverlässige Daten und insgesamt wenig Verständnis für den politischen und sozioökonomischen Kontext.
Originalstelle„Speziell der politische Druck, durch Sprayen Ernten zu vernichten habe starken Widerstand bei Alliierten (insbesondere dem Vereinigten Königreich …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Speziell der politische Druck, durch Sprayen Ernten zu vernichten habe starken Widerstand bei Alliierten (insbesondere dem Vereinigten Königreich, vgl. Kapitel 5.1.3) und der afghanischen Regierung ausgelöst und damit mehr politischen Schaden angerichtet als operativ der Nutzen gewesen sei; Erntevernichtung sei nicht mit Ersatzprogrammen koordiniert worden, so dass Produzenten, deren Ernten vernichtet wurden, keine Möglichkeiten alternativer Einkommen gehabt hätten. Programme zur alternativen Entwicklung hätten zur Verdrängung von Lohnarbeitern in der Opiumagrarsparte geführt und auch den Anbau in Regionen verschoben, wo solche Programme nicht bestanden.“
Politischer Druck zum Sprayen habe besonders bei Briten und der afghanischen Regierung Widerstand ausgelöst; Erntevernichtung sei nicht mit Ersatzprogrammen koordiniert worden, alternative Entwicklungsprogramme hätten den Anbau in andere Regionen verschoben, und Bewässerungsprogramme hätten ungewollt zur Verbreitung des Opiumanbaus beigetragen.
Originalstelle„Die Provinzen mit den höchsten Produktionszahlen waren nicht die ärmsten; dies widerlegt die Annahme, dass Armut den Anbau begünstigt. Im Gegenteil …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die Provinzen mit den höchsten Produktionszahlen waren nicht die ärmsten; dies widerlegt die Annahme, dass Armut den Anbau begünstigt. Im Gegenteil wirkten sich Verfügbarkeit von Bewässerung auf den Anbau begünstigend aus, während das Opiumgeld in den betroffenen Provinzen auch ‚Spill over‘-Effekte hatte, die die lokale Wirtschaft eher ankurbelten.“
Die Provinzen mit den höchsten Produktionszahlen seien nicht die ärmsten gewesen; das widerlege die Annahme, Armut begünstige den Anbau. Tatsächlich seien Bewässerungsverfügbarkeit und Spill-over-Effekte für die regionale Konzentration der Opiumproduktion entscheidender gewesen.
Originalstelle„Der ab 2008 nach dem desaströsen Aufwuchs britischer Truppen in Helmand ab 2006, der die Taliban nach Helmand brachte, implementierte Plan der …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Der ab 2008 nach dem desaströsen Aufwuchs britischer Truppen in Helmand ab 2006, der die Taliban nach Helmand brachte, implementierte Plan der Helmand Food Zone sah subventionierten Anbau legaler Feldfrüchte (Weizen) vor. Dabei wurde Saatgut und Dünger verteilt und die Bauern angehalten, sich im Gegenzug schriftlich zu verpflichten, auf den Opiumanbau zu verzichten. Im Fall des Zuwiderhandelns sollte die Ernte vernichtet werden. Freilich konnte dies nicht flächendeckend umgesetzt werden, was die Sinn der Vereinbarungen aushebelte.“
Der ab 2008 in Helmand implementierte Plan einer ‚Helmand Food Zone' (subventioniertes Saatgut und Dünger gegen Verzicht auf Opium, sonst Vernichtung) sei nicht flächendeckend umsetzbar gewesen; sharecropper hätten in vormals unbebaute Gebiete ausweichen können, Korruption und schlechtes Saatgut diskreditierten das Programm.
Originalstelle„Die Aufwendungen für das militärische Vorgehen, nicht nur in der Kampfmission OEF durch die USA, sondern auch in der ISAF unter deutschem …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die Aufwendungen für das militärische Vorgehen, nicht nur in der Kampfmission OEF durch die USA, sondern auch in der ISAF unter deutschem Regionalkommando in Nordafghanistan, überstiegen die im weitesten Sinne entwicklungspolitischen Investitionen um ein Vielfaches. Zurecht wird zwar bezweifelt, dass Afghanistan noch mehr davon hätte absorbieren können. Gleichwohl verdeutlicht diese unproportionale Kostenstruktur die falsche Policyakzentuierung.“
Die Aufwendungen für das militärische Vorgehen, auch in der ISAF unter deutschem Regionalkommando, hätten die entwicklungspolitischen Investitionen um ein Vielfaches überstiegen; das verdeutliche eine ‚falsche Policyakzentuierung'.
Originalstelle„Rubin weist darauf hin, dass Afghanistan spätestens seit den 1950er Jahren von externen Zuschüssen abhängig war und staatliche Modernisierung immer …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Rubin weist darauf hin, dass Afghanistan spätestens seit den 1950er Jahren von externen Zuschüssen abhängig war und staatliche Modernisierung immer von außen finanziert war. Die politischen Eliten waren schon damals gut darin, insbesondere im Kalten Krieg, verschiedene Seiten für Geldflüsse gegeneinander auszuspielen. Die Folge davon ist ein dauerhaft niedriges Demokratisierungs- und Kooperationsniveau: Eine politische Elite, die nicht durch Steuern finanziert wird, hat vor allem Anreiz, die Beziehungen zu den Gebern zu manipulieren. Ihre Responsivität gegenüber der Bevölkerung ist begrenzt, zumal diese keine Mitsprache einfordern kann.“
Afghanistan sei spätestens seit den 1950er Jahren von externen Zuschüssen abhängig gewesen; eine politische Elite, die nicht durch Steuern finanziert werde, habe wenig Anreiz zur Responsivität gegenüber der Bevölkerung. Das Demokratisierungs- und Kooperationsniveau bleibe dauerhaft niedrig.
Originalstelle„Im Durchschnitt machte die Drogenökonomie im Verlauf der internationalen Intervention etwa ein Fünftel des Bruttoinlandsprodukts aus. Die hohen …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Im Durchschnitt machte die Drogenökonomie im Verlauf der internationalen Intervention etwa ein Fünftel des Bruttoinlandsprodukts aus. Die hohen Exporterlöse funktionieren dabei strukturell äquivalent zu den politischen Renten: Eine Gruppe erlöst erheblich mehr als sie investieren muss, um an das betreffende Gut zu kommen.“
Im Durchschnitt habe die Drogenökonomie im Verlauf der Intervention etwa ein Fünftel des Bruttoinlandsprodukts ausgemacht; Exporterlöse hätten strukturell wie politische Renten gewirkt: Überprofite konnten ins Ausland abfließen oder in ‚gute Beziehungen' investiert werden.
Originalstelle„Abbildung 16: Opferzahlen in Afghanistan im Verhältnis zum Opiumanbau Die Abbildungen 16 und 17 zeigen jedoch, dass sich ein solcher quantitativer …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Abbildung 16: Opferzahlen in Afghanistan im Verhältnis zum Opiumanbau Die Abbildungen 16 und 17 zeigen jedoch, dass sich ein solcher quantitativer Zusammenhang nicht belegen lässt. Die Bezugszahlen sind vor allem die eigenen, d.h. westlichen Todes- und Verletztenzahlen, die, sofern sie anstiegen, Sorgen über die Finanzierung des Aufstandes hervorriefen. Die Sicherheitslage insgesamt in Afghanistan, wobei die Opferzahlen der ANA und im weiteren Kriegsverlauf auch der ANP diejenigen der westlichen Truppen weit überstiegen und über die Jahre beinah linear anstiegen, spielte keine Rolle.“
Trotz politischer Annahmen ließe sich quantitativ kein Zusammenhang zwischen Anstieg der Gewalt ab 2006 und Konjunkturen der Drogenökonomie belegen; relevant für Policy-Konsequenzen waren vor allem westliche Opferzahlen, nicht jene der ANA und ANP oder der Zivilbevölkerung.
Originalstelle„„Die Fokussierung auf sogenannte ‚evidenzbasierte‘ Policyideen, wie sie für Afghanistan jahrelang propagiert wurden, erweist sich auf dieser Basis …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„„Die Fokussierung auf sogenannte ‚evidenzbasierte‘ Policyideen, wie sie für Afghanistan jahrelang propagiert wurden, erweist sich auf dieser Basis als Irrweg, denn die Kennzahlen sind selbst so ungenau, dass von Evidenz, also von selbsterklärender Geltung, keine Rede sein kann.“
Die ‚evidenzbasierte' Policy in Afghanistan sei wegen ungenauer Kennzahlen ein Irrweg gewesen; wesentliche Probleme seien falsche Metriken (Anbaufläche statt Wert), Datenunschärfe und mangelnde Reliabilität. UNODC habe Methodik durch Befragungen abzusichern versucht, aber unter Finanzierungsengpässen gelitten.
Originalstelle„Die Arbeitshypothese für diese Untersuchung war, dass sich Wendepunkte isolieren lassen, die den Verlauf der internationalen Intervention …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die Arbeitshypothese für diese Untersuchung war, dass sich Wendepunkte isolieren lassen, die den Verlauf der internationalen Intervention entscheidend beeinflusst bzw. ihren Verlauf verändert haben. Ein wesentliches Ergebnis dieses Berichts ist, dass sich diese Hypothese nicht bestätigen ließ. Der Einsatz in Afghanistan, in der Gesamtschau wie auch bezogen auf die Drogenökonomie, veränderte sich graduell, um auf unterschiedlich hoch priorisierte Entwicklungen zu reagieren. Kausale Zusammenhänge sind für einzelne, aber nicht generell für alle Entwicklungen identifizierbar, d.h. bei manchen Entscheidungen sind Ursache und Wirkung nicht klar voneinander zu trennen.“
Die Arbeitshypothese isolierbarer Wendepunkte habe sich nicht bestätigt: Der Einsatz in Afghanistan habe sich, auch bezogen auf die Drogenökonomie, nur graduell verändert; kausale Zusammenhänge seien nicht generell, sondern nur für einzelne Entwicklungen identifizierbar.
Originalstelle„Weder aus Unterlagen noch Gesprächen ließ sich erhärten, dass bei der Entscheidung, im Norden Verantwortung zu übernehmen, die geringe Virulenz von …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Weder aus Unterlagen noch Gesprächen ließ sich erhärten, dass bei der Entscheidung, im Norden Verantwortung zu übernehmen, die geringe Virulenz von Opium eine Rolle gespielt hätte. Eher scheint Deutschland entschieden zu haben, in einer Region tätig sein zu wollen, die geographisch vom Krieg gegen den Terrorismus wenig betroffen war.“
Weder aus Unterlagen noch Gesprächen lasse sich erhärten, dass die geringe Virulenz von Opium bei der Entscheidung Deutschlands, Verantwortung im Norden zu übernehmen, eine Rolle gespielt habe; eher habe Deutschland eine Region wählen wollen, die vom ‚Krieg gegen den Terrorismus' wenig betroffen war.
Originalstelle„Aber auch dort wurde sehr deutlich das Sprayen, mit Verweis auf eventuelle langfristige Umwelt- und persönliche Schäden durch Pestizide, abgelehnt. …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Aber auch dort wurde sehr deutlich das Sprayen, mit Verweis auf eventuelle langfristige Umwelt- und persönliche Schäden durch Pestizide, abgelehnt. Nicht zuletzt, dass betroffene Produzenten von der Regierung und dem Staatsaufbauprojekt entfremdet würden, galt als Risiko jeder Eradication-Maßnahme. Sprayen schließlich wurde war schon wegen der erwarteten (und erwartbaren) öffentlichen Reaktion als nicht akzeptabel verstanden, denn in Europa war der Spraying- Einsatz von Agent Orange aus Flugzeugen im Vietnam-Krieg ikonographisch noch sehr verankert und würde massive Proteste zur Folge haben.“
Erntevernichtungsmaßnahmen, insbesondere Spraying mit Glyphosat (in den USA von Rumsfeld und Bush befürwortet), seien von Deutschland abgelehnt worden; in Europa sei das Sprayen schon wegen der Erinnerung an Agent Orange im Vietnamkrieg nicht akzeptabel gewesen.
Originalstelle„Das ist wegen der Gefahr, dass etwas ‚abgezweigt‘ wird, notwendig und auch, weil verlässliche Wirkstoffgehalte für medizinische Verwendungen …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Das ist wegen der Gefahr, dass etwas ‚abgezweigt‘ wird, notwendig und auch, weil verlässliche Wirkstoffgehalte für medizinische Verwendungen entscheidend sind. Hinzu kommt das entwicklungspolitische Problem, dass in Afghanistan die Preise bei einer Legalisierung komplett eingebrochen wären, mit entsprechenden verheerenden sozialen Folgen für die mehreren Millionen Menschen, deren Auskommen (und Überleben) von diesen Einnahmen abhing. Schließlich wäre die Governance einer solchen Legalisierung und in der Folge notwendigen Lizenzierung kaum umzusetzen gewesen.“
Die Idee einer Legalisierung des afghanischen Opiums (Senlis Council, 2005) sei unter anderem an der schwierigen Kontrolle medizinischer Opiate, dem zu erwartenden Preisverfall mit verheerenden sozialen Folgen für Millionen Menschen und der schwer umsetzbaren Lizenzierungs-Governance gescheitert.
Originalstelle„Möglich ist aber ein Zusammenführen bestehender Evaluationsergebnisse zur wertenden Gesamtschau, wie bestehenden Bericht en zum Monitoring und …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Möglich ist aber ein Zusammenführen bestehender Evaluationsergebnisse zur wertenden Gesamtschau, wie bestehenden Bericht en zum Monitoring und Evaluationen für Projekte im BMZ 82 und zur Krisenprävention, Stabilisierung und Friedensförderung im AA. Ziel dieser Aufgabenzuweisung wäre letztlich die Herbeiführung einer ressortübergreifenden Koordination durch den „Nationalen Sicherheitsrat“ zur Herstellung politisch-strategischer Kohärenz. komplexe Regelungslage und die Vielfalt an Krisenarten, denen begegnet werden müsste.“
Eine ressortübergreifende Evaluations- und Lernstruktur könne dem Sicherheitsberater zugewiesen werden. Möglich sei die Zusammenführung bestehender Evaluationsergebnisse zur wertenden Gesamtschau, z. B. der Berichte zum Monitoring und zur Evaluation für BMZ-Projekte sowie der Krisenprävention, Stabilisierung und Friedensförderung des AA. Ziel sei die ressortübergreifende Koordination zur Herstellung politisch-strategischer Kohärenz.
Originalstelle„Insbesondere die unabhängige Evaluation durch Dritte trifft auf Probleme, weil ihr militärische Geheimhaltung entgegensteht oder weil von außen bzw. …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Insbesondere die unabhängige Evaluation durch Dritte trifft auf Probleme, weil ihr militärische Geheimhaltung entgegensteht oder weil von außen bzw. aus anderen Ländern kommende Evaluationsagenturen auf Misstrauen stoßen. Außerdem macht es die Internationalität von Einsätzen schwierig ‚lessons learned‘ zu verstetigen … Dieses Problem trifft Ad-hoc-Koalitionen stärker als Einsätze, die von einer Organisation verantwortet werden.“
Die unabhängige Evaluation internationaler Einsätze sei durch militärische Geheimhaltung und Misstrauen gegenüber externen Evaluatoren erschwert; auch die Verstetigung von „lessons learned“ sei schwierig, und Ad-hoc-Koalitionen trifft das stärker als organisationsgetragene Einsätze.
„Ich lege Wert auf die Feststellung, dass ich hier nicht im Auftrage des BMVg, des BMZ und/oder der GIZ agiere! Ich gebe hier ausschließlich meine private Einschätzung, die auf jahrzehntelange Erfahrungen in der Region beruht, wieder.“
Dube stellt ausdrücklich klar, dass er nicht im Auftrag von BMVg, BMZ oder GIZ spricht, sondern eine private, auf jahrzehntelanger Regionalerfahrung beruhende Einschätzung gibt.
„Ich wage die These, dass sich die Staatengemeinschaft ohne den grauenhaften Terroranschlag in den USA nicht für die Zustände in Afghanistan interessiert hätte.“
Dube vertritt die These, dass ohne die Anschläge des 11. September 2001 in den USA die Staatengemeinschaft sich nicht für Afghanistan interessiert hätte.
„Die „Taliban” waren schnell besiegt – allerdings nicht verschwunden – und die Staatengemeinschaft nahm in Afghanistan ihre Arbeit auf, ohne wirklich einen Plan zu haben, oder zu wissen, was eigentlich erreicht werden sollte.“
Die Taliban seien militärisch schnell besiegt, aber nicht verschwunden gewesen; die Staatengemeinschaft habe ihre Arbeit in Afghanistan ohne wirklichen Plan und ohne klares Ziel begonnen.
„Als Verantwortlicher seitens der GIZ für das von der Weltbank finanzierte und von GIZ-International Services implementierte „National Solidarity Program” haben wir nahezu alle Dörfer Afghanistans erreicht.“
Über das von der Weltbank finanzierte und durch GIZ-International Services umgesetzte „National Solidarity Program” sei nahezu jedes Dorf Afghanistans erreicht worden.
Originalstelle„In Absprache mit den Dorfältesten konnten wir weitgehend problemlos im gesamten Land arbeiten. Eine große Anzahl unserer Gesprächspartner war …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„In Absprache mit den Dorfältesten konnten wir weitgehend problemlos im gesamten Land arbeiten. Eine große Anzahl unserer Gesprächspartner war sicherlich den Taliban zuzuordnen. Alle getroffenen Absprachen wurden aber eingehalten. Unsere weiblichen Mitarbeiterinnen hatten in der Regel die Möglichkeit, mit den Frauen eines Dorfes zu sprechen, um von denen zu hören, wie wir helfen konnten, damit sich das Dorf sinnvoll entwickeln kann. Auch hier wurden getroffene Absprachen immer eingehalten.“
In Absprache mit Dorfältesten habe man weitgehend problemlos im ganzen Land arbeiten können; viele Gesprächspartner seien den Taliban zuzuordnen gewesen, hätten aber alle Absprachen eingehalten. Auch der Zugang weiblicher Mitarbeiterinnen zu den Frauen des Dorfes sei abgesichert worden.
Originalstelle„Über ein von den Vereinten Nationen finanziertes Vorhaben konnten wir Tausende von ehemaligen Kämpfern beruflich im gesamten Land rehabilitieren und …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Über ein von den Vereinten Nationen finanziertes Vorhaben konnten wir Tausende von ehemaligen Kämpfern beruflich im gesamten Land rehabilitieren und reintegrieren. Unsere afghanischen Mastertrainer zogen dafür in die Dörfer und bildeten dort Männer (aber auch Frauen) in den unterschiedlichsten Berufen aus, die im ländlichen Afghanistan gebraucht werden.“
Über ein VN-finanziertes Vorhaben seien tausende ehemalige Kämpfer landesweit beruflich rehabilitiert und reintegriert worden; afghanische Mastertrainer hätten in den Dörfern Männer und Frauen in dorfrelevanten Berufen ausgebildet.
Originalstelle„Nicht zuletzt durch die GTZ/GIZ wurde der großartige Ruf, den Deutschland immer noch in Afghanistan hat, begründet. Auch jetzt, nach dem Abzug der …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Nicht zuletzt durch die GTZ/GIZ wurde der großartige Ruf, den Deutschland immer noch in Afghanistan hat, begründet. Auch jetzt, nach dem Abzug der internationalen Staatengemeinschaft, genießt Deutschland bei allen Bevölkerungsgruppen ein sehr hohes Ansehen. Die Hoffnung bei den Menschen ist sehr groß, dass die deutschen EZ möglichst bald mit ihrer Arbeit wieder beginnt.“
Wesentlich durch die Arbeit von GTZ und GIZ genieße Deutschland in Afghanistan auch nach dem Abzug der internationalen Staatengemeinschaft bei allen Bevölkerungsgruppen sehr hohes Ansehen; die Hoffnung auf eine baldige Wiederaufnahme der deutschen EZ sei groß.
„Mein Dank geht besonders an die lokalen Mitarbeiter der GIZ, die in Kabul und Mazar e Sharif tapfer die Strukturen der deutschen EZ auf kleinster Stufe aufrecht erhalten.“
Originalstelle„Die beiden Fragen 11 und 12 können von der Gutachterin zu diesem Zeitpunkt nicht beantwortet werden. Sie sind Gegenstand der ressortübergreifenden …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die beiden Fragen 11 und 12 können von der Gutachterin zu diesem Zeitpunkt nicht beantwortet werden. Sie sind Gegenstand der ressortübergreifenden Evaluierung des zivilen Engagements der Bundesrepublik in Afghanistan von 2013-21, konkret der Untersuchung des DEval, das mit der Evaluierung des BMZ-Engagements betraut ist.“
Mielke beantwortet die Fragen 11 (deutsche EZ) und 12 (langfristige Wirkung) nicht, da diese Gegenstand der ressortübergreifenden DEval-Evaluierung des zivilen Engagements der Bundesrepublik 2013–21 (BMZ-Engagement) seien.
Originalstelle„Nehmen wir den Raum Kunduz: Dort waren deutsche Truppen zwischen 2003 und 2013 stationiert. Hier haben die meisten deutschen Soldaten ihr Leben …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Nehmen wir den Raum Kunduz: Dort waren deutsche Truppen zwischen 2003 und 2013 stationiert. Hier haben die meisten deutschen Soldaten ihr Leben verloren. … Zwischen 2003 und 2013 ist enorm viel Geld in die Stadt und in die gleichnamige Provinz geflossen – in Straßen und Brücken, in den Flughafen, in das Gesundheitswesen, in Bildungseinrichtungen und Bildungsprogramme, in Versorgungsleitungen, in die Verwaltung, in Projekte, die dafür sorgen sollten, dass die Bauern der Region Rosen oder Safran anbauen anstatt Mohn für die Opiumgewinnung. Es gab in dieser Zeit unbestreitbar sichtbare Fortschritte. Doch wie fragil die Strukturen waren, zeigte sich unmittelbar nach dem Abzug der deutschen Truppen: Kundus war Ende September 2015 die erste afghanische Provinzhauptstadt, die den Taliban kurzzeitig in die Hände fiel. … 2016 gelang es den Taliban erneut, Kundus kurzfristig einzunehmen. … Am 8. August 2021 gelang schließlich die endgültige Eroberung der Stadt.“
In Kunduz waren deutsche Truppen 2003–2013 stationiert (mit den meisten gefallenen deutschen Soldaten); enorme deutsche Investitionen in Infrastruktur, Gesundheit, Bildung und Mohn-Substitution brachten sichtbare Fortschritte. Doch unmittelbar nach dem Abzug fiel Kunduz Ende September 2015 als erste afghanische Provinzhauptstadt kurzzeitig an die Taliban; 2016 erneut, am 8. August 2021 endgültig.
Originalstelle„Die institutionelle Reichweite der deutschen EZ in Afghanistan blieb von Beginn an begrenzt, da der deutsche finanzielle Beitrag am gesamten …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die institutionelle Reichweite der deutschen EZ in Afghanistan blieb von Beginn an begrenzt, da der deutsche finanzielle Beitrag am gesamten Wiederaufbau zwischen 5% und 10% lag; das Gros der Finanzierung für die Entwicklungszusammenarbeit stammte aus den USA, die daher weit stärker an ihrem Impact gemessen werden müssen, als dies bei der deutschen EZ der Fall sein kann. Zudem stand das Gros des internationalen EZ-Engagements in direktem oder indirektem Bezug zur Aufstandsbekämpfung. Die Chapeau-Analyse von Christoph Zürcher et al (2020) verdeutlichte, dass sich EZ-Maßnahmen in Verbindung mit militärischem Vorgehen als kontraproduktiv erwiesen. Hier stellte die deutsche EZ eine Ausnahme dar. Sie schlug überwiegend einen anderen Weg ein, indem sie von militärischen Überlegungen losgekoppelt war. Dies bedingte die innerdeutsche Kritik, dass sich das BMZ nicht genügend an dem „vernetzten Ansatz” der Bundesregierung beteiligen würde.“
Der deutsche Anteil am Wiederaufbau lag bei 5–10 %, das Gros kam aus den USA; das internationale EZ-Engagement stand meist in direktem oder indirektem Bezug zur Aufstandsbekämpfung, was sich laut der Zürcher-Studie 2020 als kontraproduktiv erwies. Die deutsche EZ sei eine Ausnahme gewesen, überwiegend von militärischen Überlegungen losgekoppelt; das wiederum begründete die innerdeutsche Kritik, dass das BMZ sich nicht genügend am „vernetzten Ansatz” der Bundesregierung beteiligte.
Originalstelle„Insgesamt waren sämtliche Wiederaufbaumaßnahmen zunehmend durch die verschlechterte Sicherheitslage eingeschränkt, was letztlich zu einer remote …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Insgesamt waren sämtliche Wiederaufbaumaßnahmen zunehmend durch die verschlechterte Sicherheitslage eingeschränkt, was letztlich zu einer remote control und zu einer Entfremdung von den betroffenen Bevölkerungsgruppen führte, da viele Projekte gar nicht mehr besucht werden konnten. So befand sich die EZ sukzessive seit ca. 2008 in einem Rückbau und in einem Rückzug aus der Fläche. Der Anschlag auf das Green Village im Osten Kabuls im Januar 2019, in dem sich u. a. das GIZ-Büro befand, bedingte etwa, dass die GIZ weitgehend nur noch aus Dubai heraus in Afghanistan operierte. Regional war die deutsche EZ in den Nullerjahren in Nordostafghanistan (v. a. Kundus, Takhar) stark präsent gewesen … Aufgrund des weitgehenden Abzugs der Bundeswehr seit 2013, der drastischen Verschlechterung der Sicherheitslage sowie der zeitweisen Übernahme der Stadt Kundus durch die Taliban konnte die Nachhaltigkeit der durchgeführten Projekte kaum überprüft werden. Die Vermutung ist, dass vieles von dem, was die deutsche EZ aufgebaut hat, in den letzten Jahren wieder zerstört wurde.“
Die Sicherheitslage habe die Wiederaufbaumaßnahmen zunehmend eingeschränkt („remote control” und Entfremdung); die EZ habe sich seit ca. 2008 schrittweise zurückgezogen, der Anschlag auf das Green Village im Januar 2019 habe die GIZ weitgehend nach Dubai gedrängt. Regional sei die deutsche EZ in den Nullerjahren in Nordostafghanistan (Kunduz, Takhar) stark präsent gewesen. Nach BW-Abzug ab 2013, drastischer Sicherheitsverschlechterung und zeitweiser Taliban-Übernahme Kundus' sei die Nachhaltigkeit kaum überprüfbar; vermutlich sei vieles wieder zerstört.
„In der Entwicklungszusammenarbeit bestand die Herausforderung, lokal verwurzelte und glaubwürdige Reformpartner zu finden, da oftmals der kulturelle Zugang fehlte oder die Sicherheits- und Gefährdungslage den Austausch erschwerte.“
Die Entwicklungszusammenarbeit habe Schwierigkeiten gehabt, lokal verwurzelte und glaubwürdige Reformpartner zu finden, wegen fehlenden kulturellen Zugangs und der Sicherheitslage.
Originalstelle„Große Entwicklungsbudgets hatten mitunter Strukturen der Selbsterhaltung oder gar Selbstbereicherung gefördert und die Gesellschaft gespalten …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Große Entwicklungsbudgets hatten mitunter Strukturen der Selbsterhaltung oder gar Selbstbereicherung gefördert und die Gesellschaft gespalten zwischen jenen, die Zugang zu Geldern hatten, und jenen, die vom Wiederaufbau ausgeschlossen blieben. Lokale Partner riskierten ihre Glaubwürdigkeit, wenn eine finanzielle oder politische Nähe zu ausländischen Geldgebern offensichtlich wurde.“
Große Entwicklungsbudgets hätten teils Strukturen der Selbsterhaltung und Selbstbereicherung gefördert und die Gesellschaft gespalten zwischen Geldzugang und Ausschluss; lokale Partner hätten ihre Glaubwürdigkeit riskiert, wenn ihre Nähe zu ausländischen Geldgebern sichtbar wurde.
Originalstelle„In der Zukunft werden sich womöglich jene Initiativen als überlebensfähig erweisen, die aus eigenem Antrieb und mit eigener Kraft von lokal …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„In der Zukunft werden sich womöglich jene Initiativen als überlebensfähig erweisen, die aus eigenem Antrieb und mit eigener Kraft von lokal verankerten Menschen verantwortet werden. Im afghanischen Kontext umfasst Zivilgesellschaft im weiteren Sinne zudem auch Stammesältere, lokale Gemeindevorsteher sowie Imame von Moscheen. Die Interessen und Vertreter eines friedlichen, traditionellen und teils auch sehr konservativen Islam hätten ein Gegengewicht gegenüber radikal-religiösen Ideologien und islamistischen Fremdeinfluss durch Salafismus oder Jihadismus einnehmen können.“
Künftig dürften vor allem aus eigenem Antrieb getragene, lokal verankerte Initiativen tragfähig sein; Zivilgesellschaft im weiteren Sinne umfasse in Afghanistan auch Stammesältesten, Gemeindevorsteher und Moschee-Imame. Ein friedlich-konservativer Islam hätte ein Gegengewicht zu Salafismus und Jihadismus bilden können.
Originalstelle„Die Taliban als eine Art islamischer „Orden mit Schwert” war nicht ein Fremdkörper sondern Bestandteil der afghanischen Kultur. Die westliche …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die Taliban als eine Art islamischer „Orden mit Schwert” war nicht ein Fremdkörper sondern Bestandteil der afghanischen Kultur. Die westliche Einteilung in „Islam” und „Islamismus” ist in Afghanistan und anderen islamischen Ländern nicht existent. Die aus westlicher Sicht „Radikalen” sind dort diejenigen, die es besonders „ernst meinen”.“
Die Taliban seien als „islamischer Orden mit Schwert” nicht Fremdkörper, sondern Bestandteil der afghanischen Kultur; die westliche Unterscheidung von „Islam” und „Islamismus” existiere in Afghanistan und anderen islamischen Ländern nicht. „Radikale” seien dort jene, die ihre Religion besonders ernst nehmen.
Originalstelle„Zukünftige Auslandsengagements der Bundesregierung (ob integriert oder ressortspezifisch) bedürfen einer klaren, ausformulierten Strategie, die neben …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Zukünftige Auslandsengagements der Bundesregierung (ob integriert oder ressortspezifisch) bedürfen einer klaren, ausformulierten Strategie, die neben einem inhaltlich abgesteckten Ziel auch die beabsichtigten Wirkungen definiert, die im angestrebten Zielzustand eingetreten sein sollen.“
Künftige deutsche Auslandsengagements brauchen eine klar ausformulierte Strategie, die nicht nur das Ziel benennt, sondern auch die im Zielzustand erwarteten Wirkungen. Sie dient als Grundlage für Wirkungskontrolle, Anpassung und Exit-Kriterien. Ziele müssen ressortgemeinsam abgestimmt sein; ziviles Engagement ist von Anfang an integraler Bestandteil.
Hinweis: Zu diesem Abschnitt liegt ein Sondervotum der CDU/CSU-Fraktion und der Sachverständigen Prof. Dr. Carlo-Antonio Masala, Jörg Vollmer und Dr. Ellinor Zeino vor.
Originalstelle„Die Vorbereitung komplexer vernetzter Einsätze und deutschen Engagements verlangt strategische Vorausschau mit Hilfe kontinuierlicher Beobachtung und …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die Vorbereitung komplexer vernetzter Einsätze und deutschen Engagements verlangt strategische Vorausschau mit Hilfe kontinuierlicher Beobachtung und Bewertung der weltweiten sicherheitspolitischen Lage. Sie sollte konfliktsensibel gemäß den lokalen Gegebenheiten erfolgen.“
Komplexe vernetzte Einsätze brauchen kontinuierliches Monitoring der Sicherheitslage, ein realistisches politisch-militärisches Lagebild, Wirkungs- und Risikoabschätzung und Identifikation möglicher Partner. Dies soll konfliktsensibel und unter Einbeziehung von AA, BND, BMZ, BMI, BMWK und Verbündeten.
Internationale Koordinierung braucht kontinuierliche Abstimmung zu Kohärenz, Effizienz, Solidarität (burden sharing) und Akzeptanz. Aus Afghanistan ist gelernt: Ziele und Lagebilder waren nicht ausreichend abgeglichen, Ressourcen nicht effizient abgestimmt, Lastenverteilung schief, lokale Akzeptanz mangelhaft. Bewertungsparameter: Kohärenz, Bündnissolidarität, Effizienz, gesellschaftliche Akzeptanz.
„Deutschland sollte die Reformbemühungen des VN-Generalsekretärs dahingehend unterstützen, dass die Vereinten Nationen in komplexen und vernetzten Einsätzen ihre zentrale Rolle in der internationalen Abstimmung künftig besser wahrnehmen können.“
Vergangenen Einsätzen fehlte eine einheitliche Führungs- und Weisungsstruktur. Die Kommission begrüßt das Reformvorhaben von Generalsekretär Guterres (New Agenda for Peace, Aktion 8, Juli 2023); die Position von VN-Sonderbeauftragten sollte mit Befugnissen, Personalstab und Lagebild gestärkt werden.
„Deutschland sollte seine verlässliche Unterstützung als einer der größten Beitragszahler in den VN beibehalten und gleichzeitig seine Wirkungsmacht mit seinen internationalen Partnern strategisch bündeln.“
Deutschland ist viertgrößter Pflichtbeitragszahler und zweitgrößter Zahler freiwilliger Beiträge der VN (AA, Dezember 2024). Höherer Anteil nicht projektgebundener freiwilliger Beiträge ist zentral. Wirkungsmacht soll über Freundesgruppen, internationale Kontaktgruppen und strategische Personalpolitik in VN-Unterorganisationen gebündelt werden.
Originalstelle„Krisenprävention und vorbeugende Diplomatie sollten durch weiterhin verlässliche Unterstützung des Department of Political and Peacebuilding Affairs …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Krisenprävention und vorbeugende Diplomatie sollten durch weiterhin verlässliche Unterstützung des Department of Political and Peacebuilding Affairs (DPPA) und des VN-Entwicklungsprogramms (UNDP) auf den Feldern der operativen und strukturellen Krisenprävention gestärkt werden.“
Krisenprävention ist seit Guterres 2017 Schlüsselthema (New Agenda for Peace; VN-Zukunftspakt Aktion 16). Operative Prävention (Friedens- und Entwicklungsberater, Entminung, Special Political Missions, Mediation Support Unit) und strukturelle Prävention (Menschenrechte, Bildung) sollen verlässlich gefördert werden, unter Berücksichtigung unterschiedlicher Sicherheitsbedürfnisse, insbesondere von Frauen und Mädchen.
Originalstelle„Zur Stärkung der VN-Friedenssicherung sollte sich Deutschland politisch für realistische, eindeutige, mit Prioritäten versehene und mit hinreichenden …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Zur Stärkung der VN-Friedenssicherung sollte sich Deutschland politisch für realistische, eindeutige, mit Prioritäten versehene und mit hinreichenden Ressourcen ausgestattete Mandate einsetzen. Glaubwürdig kann das nur geschehen, wenn VN-Friedensmissionen von Deutschland relevante materielle und personelle Unterstützung erfahren.“
Empfehlungen des Brahimi-Reports 2000 wurden nur unzureichend berücksichtigt. Die personelle Unterstützung deutscherseits ist nach Ende von MINUSMA rückläufig. Mit der Beteiligung an VN-Missionen auf Zypern und in Südsudan inkl. Polizei-Führungsfunktionen gewinnt der deutsche Beitrag wieder etwas Gewicht. Ein nationales Anspruchsniveau mit Kapazitätszielen ist zu definieren.
Originalstelle„Deutschland und die EU sollten weiterhin und verstärkt die sicherheits- und friedenspolitische Zusammenarbeit zwischen VN und regionalen …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Deutschland und die EU sollten weiterhin und verstärkt die sicherheits- und friedenspolitische Zusammenarbeit zwischen VN und regionalen Organisationen wie der Afrikanischen Union (AU), insbesondere bei Friedensmissionen und dem Aufbau von Kapazitäten und Fähigkeiten im Rahmen regionaler Friedens- und Sicherheitsarchitektur fördern.“
Mit Resolution 2719 vom 21.12.2023 wurde beschlossen, dass AU- und subregionale afrikanische Missionen aus dem VN-Peacekeeping-Budget mitfinanziert werden können. Ein VN-Mandat wie für Afghanistan erscheint heute unwahrscheinlich; regionale Friedensarchitektur wird wichtiger. Die Zusammenarbeit des VN-Ausbildungszentrums der Bundeswehr in Hammelburg mit afrikanischen Peacekeeping-Netzwerken ist besonders wertvoll.
Originalstelle„Die EU benötigt eine deutlich gesteigerte Handlungsfähigkeit zum Krisenmanagement. Deutschland sollte sich für langfristige Krisenprävention und …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die EU benötigt eine deutlich gesteigerte Handlungsfähigkeit zum Krisenmanagement. Deutschland sollte sich für langfristige Krisenprävention und Stabilisierung noch enger mit seinen EU-Partnerländern abstimmen, um die gemeinsame Verhandlungsmacht zu stärken sowie gegenüber dem Einsatzland als Partner auf Augenhöhe aufzutreten.“
Krisenhaftigkeit in Europas Nachbarschaft (Westafrika, Russland-Hybridkrieg, Westbalkan) hat zugenommen. Die GASP bleibt hinter den Möglichkeiten zurück. EUNAVFOR ASPIDES ist die erste EU-Mission mit Auftrag zum Schutz von Völker- und Seerecht mit militärischer Gewalt. Bilaterale Verhandlungen mit Drittstaaten sollen mit EU-Partnern abgestimmt werden.
Originalstelle„Bei Ertüchtigungs- und Kriseneinsätzen der GSVP und Maßnahmen der zivilen und militärischen Krisenprävention sollte Deutschland gemeinsam mit seinen …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Bei Ertüchtigungs- und Kriseneinsätzen der GSVP und Maßnahmen der zivilen und militärischen Krisenprävention sollte Deutschland gemeinsam mit seinen EU-Partnern auf selbstkritische Wirksamkeitsüberprüfungen hinwirken. Diese sollten insbesondere die lokalen Bedarfe und neuen (nicht)staatlichen Sicherheitsanbieter berücksichtigen.“
Strategische Rückschläge in Westafrika offenbarten ein Defizit an selbstkritischen Wirksamkeitsanalysen. Die Strategic Review zu EUTM Mali und EUCAP Sahel Mali habe die eigenen Versäumnisse zu wenig beachtet. Evaluationen sollten Bedarfsorientierung, Auswirkungen auf Frauen und Kinder und den geopolitischen Wettbewerb (Russland) berücksichtigen.
Originalstelle„Im Rahmen der Umsetzung des zivilen GSVP Compact sollte Deutschland für wesentliche Teilfähigkeiten quantitative und qualitative Kapazitätsziele im …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Im Rahmen der Umsetzung des zivilen GSVP Compact sollte Deutschland für wesentliche Teilfähigkeiten quantitative und qualitative Kapazitätsziele im Sinne eines nationalen Anspruchsniveaus (level of ambition) definieren und die Weiterentwicklung des integrierten Ansatzes befördern.“
Der neue zivile GSVP Compact der EU (Mai 2023) betont Integration von Sicherheitssektorreform und Demilitarisierung sowie systemische Fähigkeitsentwicklung. Deutschland soll für Mediation, Polizei (IPM), SSR, Rule of Law, Institution Building, Menschenrechtsschutz und Aufklärung verbindliche Kapazitätsziele definieren, denn unverbindliche Absichtserklärungen haben sich als unergiebig erwiesen.
„Neben der Bereitstellung der erforderlichen Fähigkeiten zur Auftragserfüllung sollte innerhalb der EU der effektive Einsatz der operativen Fähigkeiten durch gemeinsame Übungen sichergestellt werden.“
Die 5.000-Personen-Schnelle-Eingreiftruppe der GSVP braucht regelmäßige zivil-militärische Übungen, auch mit Blick auf hybride Bedrohungen. Vorbild: Übung „Common Effort” seit 2010 (1. Deutsch-Niederländisches Korps) mit der Common-Effort-Community (60+ Organisationen).
„Deutschland sollte sich für eine gemeinsame EU-Strategie in der Extremismus- und Terrorismusprävention einsetzen und Partnerschaften zwischen der EU und Drittstaaten zu diesem Zweck fördern.“
Prävention terroristischer Gewalt muss als lokale und globale Herausforderung gemeinsam gedacht werden. Drittstaaten mit aktiven terroristischen Netzwerken sollen unterstützt werden; Finanzströme und illegale Geldquellen sollen identifiziert und bekämpft werden. Der EU Counter Terrorism Coordinator soll für eine gemeinsame EU-Strategie gestärkt werden.
Originalstelle„In Einsatzkontexten mit einer hohen Aktivität von transnational agierendem Terrorismus und/oder organisierter Kriminalität sollte eine internationale …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„In Einsatzkontexten mit einer hohen Aktivität von transnational agierendem Terrorismus und/oder organisierter Kriminalität sollte eine internationale Koordinierung im Bereich der Finanzkontrolle, eine Durchsetzung von Standards der Financial Action Task Force (FATF) sowie die Befähigung der lokalen Ermittlungsbehörden erfolgen.“
Finanzkriminalität (Geldwäsche, Korruption, Terror- und Proliferationsfinanzierung) destabilisiert fragile Kontexte. Die internationale Überwachung von Finanztransferleistungen soll von Beginn an mit BMF und BaFin begleitet werden. Mobile-Banking und SIM-Karten-Verkauf sollen reguliert werden; humanitäre Organisationen zu maximaler Transparenz angehalten werden. VN-Risk-Management-Units sollen auf alle VN-Missionen erweitert werden.
„In der zweiten Hälfte der 21. Legislaturperiode sollte überprüft werden, inwieweit die Empfehlungen der Enquete-Kommission in der politischen Praxis Berücksichtigung und ihren Niederschlag gefunden haben oder was dem entgegenstand.“
Zentrales Anliegen der Enquete-Kommission ist institutionelles Lernen. Die zuständigen Ausschüsse des Bundestages sollen, ggf. in Abstimmung mit den mit IKM befassten Ressorts, in der zweiten Hälfte der 21. Wahlperiode eine Überprüfung der Empfehlungsumsetzung veranlassen.
„Die für Internationales Krisenmanagement und Friedensförderung relevante universitäre und außeruniversitäre Forschung, Lehre und (Weiter-)Bildung von Fachkräften sollte ausgebaut werden.“
Spezialisierte Länderkenntnisse, historisch-kulturelle und politökonomische Konfliktverständnisse sollen an Hochschulen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Think Tanks ausgebaut werden. Langfristig sichere Berufsperspektiven sind nötig (z. B. BMBF-Sonderinitiative, wettbewerbliche Forschungsaufträge).
Originalstelle„Zur Stärkung strategischer Entscheidungsfähigkeiten für internationale Einsätze sollte die Bundesregierung ein ressortübergreifendes und …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Zur Stärkung strategischer Entscheidungsfähigkeiten für internationale Einsätze sollte die Bundesregierung ein ressortübergreifendes und KI-gestütztes Verfahren zur effektiven Erfassung, Zusammenführung und Analyse relevanter Informationen aus internen und externen Quellen etablieren.“
Künstliche Intelligenz soll für die Synthetisierung und Priorisierung der Daten geprüft werden, unter Beachtung ethischen und verantwortungsvollen Umgangs. Eine gezielte Forschungs- und Entwicklungsinitiative für einen geschützten Cyberraum für klassifizierte Informationen wird empfohlen.
Originalstelle„Der Austausch zwischen Wissenschaft, Politik und zivilen und militärischen Praktikerinnen und Praktikern zur Fortbildung und Verbesserung gemeinsamer …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Der Austausch zwischen Wissenschaft, Politik und zivilen und militärischen Praktikerinnen und Praktikern zur Fortbildung und Verbesserung gemeinsamer Lage-/Kontextverständnisse sollte durch gezielte, neu zu entwickelnde und andernorts bewährte Formate gefördert werden.“
Direkte Einbindung wissenschaftlicher Einrichtungen in Ressortarbeit ausbauen. Vorbild: Wissenstransferhubs in Abteilung S des Auswärtigen Amts. Auch in andere Ressorts übertragen. Praxisorientierte Lehrmodule und Professuren stärken; Fellowship-Programme für Praktiker:innen in der Wissenschaft. Schweiz-Modell (Entsendung nicht verbeamteter Expert:innen) prüfen.
„Während eines Einsatzes bzw. eines Engagements sollte für alle deutschen Akteure im Bereich des integrierten Ansatzes fortlaufend „lokales Wissen” aus dem Zielland aufbereitet werden.“
Systematische Auswertung lokaler Medien und lokalen Wissens: fremdsprachliche Medien (inkl. Social Media), Stiftungsbüros, NGOs, lokale Resource Persons und Wissenschaft. KI-Tools können unterstützen, ersetzen aber nicht die sachkundige Interpretation. Zentral koordiniert und mit allen Akteuren geteilt.
„Um den Austausch „lokalen Wissens” zwischen Einsatz- und Partnerländern und Deutschland zu fördern, sollten geeignete Instrumente der strukturellen Wissenschaftsförderung im Zielland wie in Deutschland genutzt werden.“
DAAD-Stipendien für Studierende und Wissenschaftler:innen aus Zielländern; deutsche auswärtige Wissenschafts-, Kultur- und Bildungspolitik verstetigen. Forschung zur Diaspora (im Zielland und in Deutschland) intensivieren, auch zu unterschiedlichen Lebensrealitäten und Interessenskonflikten zwischen Diaspora und Lokalbevölkerung.
„Die Bundesregierung sollte die in den Ressorts vereinzelt bereits existierende begleitende Fortschrittsbewertung den Anforderungen des vernetzten Engagements entsprechend ausgestalten.“
Ressortübergreifende Monitoring- und Evaluationsstruktur mit gleichberechtigter Beteiligung der betroffenen Ressorts. Beobachtungsstandards harmonisieren (z. B. red teaming für nicht-intendierte Folgen). Nationale und internationale Expertise einbeziehen. Berichte in „Kultur des Teilens” allen Ressorts und Parlament zuleiten; Umsetzung transparent berichten.
„Nach Beendigung jedes Engagements – und bei langfristigen Einsätzen prozessbegleitend – sollten unabhängige Evaluationen durchgeführt werden. Die Bundesregierung sollte den Bundestag darüber hinaus über die Umsetzung von Lessons Learned informieren.“
Unabhängige strategische Evaluationen mindestens alle 5 Jahre; Ergebnisse veröffentlichen. Im Afghanistan-Einsatz wurden „Neigungen zur Schönfärberei” erkannt. Politische Entscheider, Wissenschaftler:innen und ehemalige Einsatzkräfte in Evaluationsgruppen. Prüfung: dauerhafte Institution (Vorbild SIGAR, gefördertes Evaluierungsinstitut) vs. fallbezogene Einsetzung. Niederländisches Modell: verpflichtende Berichterstattung zu Lessons-Learned-Umsetzung. OECD-DAC-Evaluierungskriterien als Orientierung.
„Zur Förderung einer konstruktiven Fehler- und Lernkultur sollte eine Möglichkeit geschaffen werden, dass zivile Einsatzkräfte gezielt über Missstände oder wahrgenommene Fehlentwicklungen in den Einsätzen informieren.“
Für zivile Einsatzkräfte, NGOs, Ortskräfte und Betroffene gibt es bislang keine benannten Ansprechpartner. Hindernisse sind strukturell und persönlich (Sorge vor Nachteilen). Anonymität und Hinweisgeberschutz gewährleisten. Im Rahmen bestehender Strukturen (z. B. Berichterstatter:innen für Ausschüsse) oder ggf. neuer Struktur. Bürokratie mit geringer Wirkung ist zu vermeiden.
„Das vorhandene Wissen über die Wirkungen des deutschen Engagements sollte besser genutzt werden, um Fehler zu vermeiden und strategische Ziele und operative Planungen anzupassen. Zu diesem Zweck sollte ein strukturiertes Wissensmanagement etabliert werden.“
Erkennbare Ansätze: PREVIEW-Portal, Stabilisierungs-Risiko-Analyse, „portfolio.atlas” (AA), Wissensportal „GovLabDe” (BMI). Technische Wissensmanagementsysteme müssen mit Personalentwicklung und Anreizsystemen kombiniert werden. Communities of Practice etablieren. Research Officers in AA, BMVg, BMI, BMZ ausbauen.
Originalstelle„Bei internationalen Einsätzen sollte die Verantwortung für einen Informationsaustausch und Interessenausgleich zwischen den beteiligten Gebern der …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Bei internationalen Einsätzen sollte die Verantwortung für einen Informationsaustausch und Interessenausgleich zwischen den beteiligten Gebern der Entwicklungszusammenarbeit, der Humanitären Hilfe und der Stabilisierung klar verortet werden. Ein geeigneter Koordinationsmechanismus sollte, wenn möglich gemeinsam mit dem Empfängerland, bestimmt werden.“
In Afghanistan arbeiteten Geber- und Partnerländer sowie internationale Organisationen oftmals parallel. Folge: Geber-Nehmer-Abhängigkeiten, Fehlallokationen, Mittelzweckentfremdung, Korruption. VN-Resident Coordinator als koordinierende Funktion stärken oder einsatzspezifisch klare Koordinationsverantwortung verorten. Deutschland als „ehrlicher Makler”. Vorausschauende Humanitäre Hilfe (Ernährungssicherheit, Klima) stärken.
Originalstelle„Deutschland sollte sich für eine freiwillige Selbstverpflichtung der unterschiedlichen Geberländer und -organisationen vor Ort einsetzen …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Deutschland sollte sich für eine freiwillige Selbstverpflichtung der unterschiedlichen Geberländer und -organisationen vor Ort einsetzen, Informationen über Projekte, Ansätze und Zuwendungen digital und transparent zugänglich zu machen („Geber-Register”). Damit sollte die Umsetzung allgemeiner Mindeststandards der Datensätze verbunden werden.“
Aktuelles Geber-Register für strategische Planung, effiziente Allokation, Korruptionsvorbeugung. Auf bestehende Standards aufbauen: IATI (International Aid Transparency Initiative), ODA-Reporting (Official Development Aid). Gendersensible Daten einbeziehen. Alle HDP-Nexus-Ressorts berücksichtigen.
„Deutschland sollte in weiteren Einsätzen Korruption und Mittelzweckentfremdung aktiv entgegenwirken und mit seinen Geber-Partnern einen Mechanismus gegen Fehlallokation entwickeln.“
Indikatoren der Fehlallokation und Obergrenzen (Benchmarks) für Mittel und Zuwendungen entwickeln. Benchmarks für lokale Gehälter und Honorare (zur Vermeidung von Preisverzerrung), an local ownership orientiert. OECD als Normgeber. Im digitalen Geber-Register soll ein Mechanismus integriert werden, der Doppelungen in Förderstrukturen anzeigt.
Originalstelle„Ziele, Mandate, Zuständigkeiten für die internationale Unterstützung beim Aufbau von Polizei und Justiz sowie die Schnittstellenarbeit zwischen den …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Ziele, Mandate, Zuständigkeiten für die internationale Unterstützung beim Aufbau von Polizei und Justiz sowie die Schnittstellenarbeit zwischen den Sicherheits- und Justizorganen sollten unter enger Beteiligung des Partnerlandes zu Beginn des Einsatzes verbindlich vereinbart und fortlaufend evaluiert werden.“
In Afghanistan fehlte Abstimmung zwischen Aufbau von Sicherheitsorganen (Militär, Polizei, Geheimdienste) und Justizsektor. Zwischen Deutschland und USA wurden teils entgegenstehende Polizeibilder verfolgt (klassische Polizei und mittel- und langfristige Ziele vs. Aufstandsbekämpfung). Lokale Verantwortungsübernahme schafft nachhaltige Exit-Optionen.
Originalstelle„In zukünftigen Kriseneinsätzen sollten die involvierten Ressorts Korruption, Klientelismus und Patronage als zentrale Herausforderung adressieren und …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„In zukünftigen Kriseneinsätzen sollten die involvierten Ressorts Korruption, Klientelismus und Patronage als zentrale Herausforderung adressieren und als Querschnittsthema zwischen den Ressorts behandeln. Hierbei geht es nicht allein um die zweckentsprechende Verwendung von Mitteln, sondern auch um das Vertrauen der betroffenen Bevölkerung in die Glaubwürdigkeit des Kriseneinsatzes.“
Korruption, Klientelismus und Patronage hatten in Afghanistan enorme Auswirkungen und behinderten den Wiederaufbau immens. Bereitgestellte Mittel beförderten Rentierverhalten und alimentierten klientelistische Strukturen. Kohärentes, ressortübergreifend abgestimmtes Verständnis nötig; Anspruch des Einsatzes (stabilisierend oder transformativ) entscheidend. Die Kommission hat ein wissenschaftliches Gutachten zur Korruption beauftragt.
Originalstelle„Der Wiederaufbau und die Wirtschaftsförderung in Konflikt- und Postkonfliktkontexten sollten bei Abwesenheit von Infrastruktur, systematischer …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Der Wiederaufbau und die Wirtschaftsförderung in Konflikt- und Postkonfliktkontexten sollten bei Abwesenheit von Infrastruktur, systematischer Landwirtschaft und Gewerbe zunächst die Erfüllung der Grundbedürfnisse der Bevölkerung und die Entwicklung attraktiver wirtschaftlicher Rahmenbedingungen adressieren.“
Staatliche EZ-Mittel sollen zu Beginn auf breitenwirksame subsistenzwirtschaftliche Maßnahmen fokussieren. Beschäftigungsmöglichkeiten für breite Bevölkerung. Lokale Strukturen aufbauen. Public-Private-Partnerships passend einsetzen. Wettbewerbsorientierte Wirtschaftsförderung erst, wenn Grundbedürfnisse erfüllt und Rahmenbedingungen attraktiv sind.
Hinweis: Zu Empfehlungen 54, 55 und 56 liegt ein Sondervotum der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Sachverständigen Nachtwei und Mielke vor.
Originalstelle„Die Wiederaufbaustrategie sollte neben der staatlichen Grundversorgung (Gesundheit, staatliche Verwaltung, Bildung) auch das zukünftige …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die Wiederaufbaustrategie sollte neben der staatlichen Grundversorgung (Gesundheit, staatliche Verwaltung, Bildung) auch das zukünftige Wirtschaftsmodell berücksichtigen. Die Wirtschaftsförderung sollte die Verbesserung von Rahmenbedingungen für private Investitionen anstreben sowie den lokalen und regionalen Privatsektor und Handel stärken.“
Wirtschaftlicher Wiederaufbau soll von Beginn an Teil der Gesamtstrategie sein. Nach erfüllten Grundbedürfnissen Wettbewerb fördern, lokale, nationale und internationale Privatinvestitionen anziehen, unter Rechtsstaatlichkeit und Korruptionsminimierung. Wirtschaftssektoren identifizieren, die mittel- und langfristig zu nachhaltigem Wachstum beitragen. Indikator: Würden lokale Akteure selbst investieren?
Hinweis: Sondervotum der Grünen-Fraktion sowie Nachtwei und Mielke; zusätzlich Sondervotum der CDU/CSU-Fraktion zu Empfehlungen 55, 56 und 57.
„Private Investoren und Unternehmen können in Konflikt- und Postkonfliktländern einen wichtigen Beitrag zum nachhaltigen Wiederaufbau leisten und sollten daher bei Friedens- und Stabilisierungseinsätzen stärker mitgedacht werden.“
Stärkerer Fokus auf Investitionsschutz. Diplomatische Vertretungen als Anlaufstelle für deutsche Investor:innen, sofern Investitionen dem Stabilisierungsgedanken dienen. Direkte Einmischung in innenpolitische Angelegenheiten zu unterlassen. Außenhandelskammern, Auslandsvertretungen und politische Stiftungen sollen Beratungsangebote ausbauen. Außenwirtschaftsförderung als Instrument.
Hinweis: Doppeltes Sondervotum (Grüne mit Nachtwei und Mielke; CDU/CSU).
Originalstelle„Das Engagement im Bereich der Wirtschaftsförderung sollte in Kontexten, in denen wirtschaftlich attraktive Rahmenbedingungen noch nicht bestehen und …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Das Engagement im Bereich der Wirtschaftsförderung sollte in Kontexten, in denen wirtschaftlich attraktive Rahmenbedingungen noch nicht bestehen und eine große Anzahl von internationalen Partnern engagiert sind, besser koordiniert werden. Dabei sollten internationale, regionale und lokale Akteure sowie staatliche und privatwirtschaftliche Investitionen integriert werden.“
Akteurslandschaft: Weltbank, regionale Entwicklungsbanken, IWF, G7, G20, WTO. Im internationalen Rahmen grob gefasste Einigung auf Ziele und Strategien, möglichst mit dem Einsatzland. Public-Private-Partnerships motivieren, mit EZ koordinieren. Investitions- und Kreditgarantien einsetzen. Koordination möglichst durch staatliche Strukturen des Postkonfliktkontextes; sonst internationale Koordinierungsstelle (VN oder Entwicklungsbanken), sukzessive Übergabe an lokale Partner.
Hinweis: Sondervotum der CDU/CSU-Fraktion zu Empfehlungen 55, 56 und 57.
„Für die künftige Planung und Durchführung vernetzter Einsätze und die Übernahme von Führungsaufgaben im Internationalen Krisenmanagement sollte eine strategische zivile Personalreserve aufgebaut und in ausreichendem Umfang vorgehalten werden.“
In den afghanischen Provincial Reconstruction Teams (PRTs) bestand ein durchgehend eklatantes Ungleichgewicht zwischen militärischen und zivilen Kräften zulasten der Zivilen. Auch in internationalen Führungsstrukturen ist Deutschland unterrepräsentiert. Strategische Führungsreserve des Bundes für zivile Einsatzkräfte; transparente Anreize; Einsatz darf der beruflichen Entwicklung nicht abträglich sein. Auch Landesbeamte:innen und qualifizierte Angestellte können sich bewerben.
Mangelnde Einbeziehung lokaler Gegebenheiten und unzureichende Abstimmung mit internationalen Partnern haben in Afghanistan zur Konfliktverschärfung beigetragen. Grundsätze Local Ownership und Do No Harm; längere Rotationszyklen für Führungskräfte; flexible Stehzeiten. Vorbild: „Dorffeldwebel” des Objektschutzregiments der Luftwaffe als äquivalente Ansprechperson für Dorfälteste. Strategischer Austausch mit zivilgesellschaftlichen Organisationen besser nutzen.
In Afghanistan war die Bundeswehr zu Beginn unzureichend ausgestattet (keine oder wenige bewaffnete Drohnen, Luftfahrzeuge, Abwehrfähigkeiten gegen Granat- und Raketenbeschuss, anfangs keine Artillerie zum Lagerschutz). Asymmetrische Einsatzszenarien brauchen Aufstandsbekämpfungs- und Distanzbekämpfungs-Fähigkeiten. § 31 Soldatengesetz (Fürsorgepflicht). Der Schutz der eigenen Kräfte hat höchste Priorität. Das schließt ausdrücklich weitreichende letale Waffensysteme mit ein.
Das bundeswehrinterne „Informationssystem Einsatzerfahrungen Bundeswehr” (InfoSys EEBw) wird positiv bewertet, ein bislang kaum genutzter Erfahrungsschatz. Systematische Debriefings durch Entsendeorganisationen; Aufbereitung für Aus- und Weiterbildung. Mittelfristig organisationsübergreifende Datenbank, auch für internationale Partner.
Bei hoher Personalrotation sind Training und Ausbildung kontinuierliche Aufgaben. Ausbildende müssen prüfen, ob Trainingsrealitäten den Einsatzgebieten entsprechen. Integrierte Ausbildungsmodule unabdingbar. Mittelfristig gemeinsame Trainingseinrichtungen für integrierte Missionen (Vorbild: finnisches Crisis Management Centre).
„Das Militär sollte bei Bedarf den notwendigen Schutz gewährleisten, um ziviles Engagement erst zu ermöglichen. Mechanismen und neue Anreize sollten geschaffen werden, um die Zusammenarbeit von zivilen und militärischen Akteuren zu stärken.“
NGOs sahen in Afghanistan die Abgrenzung zwischen ihrer Arbeit und militärischen Aktivitäten als unklar. Verstärkt wurde dies durch militärische Übernahme ziviler Aufgaben (z. B. Brunnen- und Schulbau). Ziel: militärischer Einsatz auf Kernaufgaben beschränken (Gewaltüberwindung, Schutz zivilen Engagements). Direkte Kontaktstellen im Einsatzgebiet zwischen Militär und Durchführungsorganisationen einrichten.
In Afghanistan begünstigte die Kombination aus projektbasierter Kurzatmigkeit, linearer Ergebniserwartung, Positivberichterstattung und fehlender Strategiekohärenz ein zunehmendes Wirksamkeitsdefizit. Innovationspflicht für Folgeförderung überprüfen; Förderzeiträume über Ein- oder Zweijährigkeit hinaus verlängern; fremdsprachiges Antrags- und Berichtswesen in den Allgemeinen Nebenbestimmungen (ANBest-P) erwägen.
Mangelndes Wissen über die tatsächliche Lage in Afghanistan ließ Lücken zwischen politisch-strategischer und operativer Ebene entstehen. Wirkungen jenseits der Output-Ebene waren kaum erkennbar; nicht-intendierte negative Wirkungen wurden kaum erkannt. Ressortübergreifende Strategie in ressortspezifische Strategien herunterbrechen, Wirkungsannahmen mit Indikatoren untermauern. Wirkungskontrollen mindestens zur Hälfte und zum Ende eines Mandatszeitraums. OECD-DAC-Kriterien (Outcomes statt Output).
„Die Zusammenarbeit mit nichtstaatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren sollte verstärkt werden. Kleinere, vor Ort umsetzbare Projekte in Partnerschaft mit den Gemeinden sollten gezielt gefördert und implementiert werden.“
Vernetzungsplattformen schaffen, Fördermittel für gemeindebasierte Projekte. Schulungen und Kapazitätsaufbau für lokale Akteure. Workshops zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren. Gleichberechtigte Beteiligung von Frauen und Förderung des Frauenanteils bei zivil-militärischen Einsatzkräften, wegen besonderen Zugangs von Frauen in Gesellschaft und Konfliktkontext.
„Jede Partnerauswahl sollte die lokalen Gegebenheiten berücksichtigen und auf Grundlage eines umfassenden und regelmäßig zu überprüfenden Kontextverständnisses getroffen werden.“
Leicht erreichbare Akteure (Sprachkenntnisse, soziale Kompetenz) sind oft nicht am besten geeignet oder haben unzureichenden lokalen Rückhalt. Institutionelles Kontext- und Partnermonitoring vor Ort. Verhältnis off-budget- und on-budget-support regelmäßig prüfen; Verhältnis multilateraler Trust Funds zu humanitären NGOs prüfen. NGO-Beteiligung durch Entbürokratisierung (z. B. BMZ-Titel „Private Träger”) erleichtern.
„Aufgrund ihrer Mitverantwortung für die Betreuung und Versorgung von Einsatzgeschädigten sollten Bundesregierung und Bundestag ihre öffentliche Wertschätzung und Unterstützung für die Einsatzkräfte im Internationalen Krisenmanagement weiter stärken.“
Der fraktionsübergreifende, fast einstimmige Bundestagsbeschluss zum nationalen Veteranentag (15. Juni) erfolgte 2024, begangen wurde er erstmals 2025. Tag des Peacekeeping (seit 2013). Auftragsgemäße Ausstattung, angemessene Vorbereitung, verlässliche Nachsorge bei physischen oder psychischen Schäden, auch Unterstützung der Familien. Maßgeblich: Bundestagsbeschluss vom 25.04.2024 (BT-Drs. 20/11138).
„Unterstützungsprojekte im Bereich Transformation und Wiederaufbau sollten klare Zeitrahmen kommunizieren und die Zielgruppen aktiv einbeziehen, um Ownership und nachhaltige Eigenverantwortung zu fördern.“
Klare Kommunikation von Unterstützungszeiträumen, damit Gemeinschaften ihre Rolle und Grenzen der externen Hilfe verstehen. Umfassende Bedarfsanalyse mit intensiver Zielgruppenbeteiligung, regelmäßig wiederholt. Trainings- und Weiterbildungsprogramme für lokale Partnerorganisationen (Projektmanagement, Ressourcenmobilisierung, nachhaltige Entwicklung).
Originalstelle„Rotmann erkannte an, dass die Ressorts im Bereich der Wissens- und Fehlerkultur in den vergangenen 10 bis 15 Jahren innovativ gewesen seien. Jedoch …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Rotmann erkannte an, dass die Ressorts im Bereich der Wissens- und Fehlerkultur in den vergangenen 10 bis 15 Jahren innovativ gewesen seien. Jedoch würde „noch nicht in der praxisrelevanten Geschwindigkeit und Zielgerichtetheit sowie in der notwendigen Tiefe erforscht, welche Maßnahmen und Strategien zur Konfliktbewältigung funktionieren, und deren Lehren ressortübergreifend zusammengeführt“. In den Evaluierungen der Ressorts würden oft nicht die richtigen Fragestellungen untersucht, da sie nicht effektiv an die politische Ebene angebunden seien. Das Parlament solle „mit Nachdruck eine stärkere Wirkungsorientierung und Lernkultur einfordern“.“
Rotmann erkannte an, dass die Ressorts in Wissens- und Fehlerkultur in den vergangenen 10 bis 15 Jahren innovativ gewesen seien, jedoch werde „noch nicht in der praxisrelevanten Geschwindigkeit und Zielgerichtetheit” erforscht, welche Maßnahmen zur Konfliktbewältigung funktionierten. Evaluierungen untersuchten oft nicht die richtigen Fragestellungen, weil sie nicht effektiv an die politische Ebene angebunden seien. Das Parlament solle „mit Nachdruck eine stärkere Wirkungsorientierung und Lernkultur einfordern”; Parlament und Exekutive sollten häufiger Auftragsforschung nutzen.
Originalstelle„Die Bundeswehr müsse neben der Landes- und Bündnisverteidigung auch in der Lage sein, einen Beitrag zur militärischen Stabilisierung von …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die Bundeswehr müsse neben der Landes- und Bündnisverteidigung auch in der Lage sein, einen Beitrag zur militärischen Stabilisierung von Krisengebieten zu leisten und mit kleineren Kontingenten lokale Sicherheitskräfte auszubilden. Schroeder nannte als Beispiel die für diese Aufgabe spezialisierten „Green Berets“ der USA. Die Fähigkeitslücke bei der Polizei sei grundsätzlicher: Die Ausbildung von Polizeikräften im Einsatzland sei einer der wichtigsten Beiträge zum Schutz der Zivilbevölkerung, jedoch könne Deutschland „nur eine verschwindend geringe Anzahl an Polizeiausbildern in solche Einsätze senden“.“
Schroeder wies auf Fähigkeitslücken hin: Die Bundeswehr müsse neben Landes- und Bündnisverteidigung auch in der Lage sein, mit kleineren Kontingenten lokale Sicherheitskräfte auszubilden (Vorbild: US-„Green Berets”). Die Fähigkeitslücke bei der Polizei sei grundsätzlicher: Deutschland könne nur „eine verschwindend geringe Anzahl an Polizeiausbildern” in Einsätze entsenden. Es müsse dringend „eine auf Ausbildungsmissionen im Ausland spezialisierte Einheit der (Bundes-)Polizei” geschaffen werden, die ausschließlich dafür eingesetzt werde.
Originalstelle„Auch kurz nach Geschehnissen angesetzte Untersuchungen des Ober- und Unterhauses trügen dazu bei, aus den Ursachen für Fehler zu lernen und …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Auch kurz nach Geschehnissen angesetzte Untersuchungen des Ober- und Unterhauses trügen dazu bei, aus den Ursachen für Fehler zu lernen und Verbesserungen für das künftige außenpolitische Handeln zu erreichen. Großbritannien habe zudem 2010 einen Nationalen Sicherheitsrat als oberstes Gremium für Koordination und Strategie eingeführt. Es werde von einem Nationalen Sicherheitsberater geleitet und von einem „leistungsstarken“ Sekretariat unterstützt. Britische Strukturen könnten nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen werden, aber die dortigen Prinzipien wären geeignet, „Schwächen Deutschlands im Bereich Analyse, Warnung, Strategie und Lernen zu mildern“, so Meyer.“
Meyer verwies auf britische Strukturen, von denen man lernen könne: Das „Joint Intelligence Committee” führe unabhängige Untersuchungen durch und versorge politische Entscheidungsträger:innen mit Einschätzungen zu Bedrohungen. Es habe weitgehende Kompetenzen (öffentliche Zeugenbefragungen auch gegen Regierungswillen, meist vollständige Akteneinsicht). Auch kurz nach Geschehnissen angesetzte Untersuchungen des Ober- und Unterhauses trügen zum Lernen bei. Großbritannien habe zudem 2010 einen Nationalen Sicherheitsrat als oberstes Koordinations- und Strategiegremium eingeführt, geleitet von einem Nationalen Sicherheitsberater. Diese Prinzipien wären geeignet, „Schwächen Deutschlands im Bereich Analyse, Warnung, Strategie und Lernen zu mildern”.
„„Es braucht starke und glaubwürdige Signale der Führung, dass sie ein ausgeprägtes Interesse gegenüber dem Lernen – auch unbequemer Erkenntnisse – hat.”“
Für eine bessere Fehlerkultur sei es wichtig, dass das Berichten von Fehlern nicht stigmatisiert werde, konstruktive Kritik institutionalisiert und Lernbemühungen über Ressortgrenzen hinweg vernetzt würden. Lernprozesse dürften nicht bei Empfehlungen enden; es brauche klare Verantwortlichkeiten und einen „robusten Mechanismus” zur Umsetzung. Meyer plädierte für einen deutschen Nationalen Sicherheitsrat mit einer Instanz „auf der Basis von All-Source-Intelligence”, zeitnah nach „strategischen Überraschungen” einzusetzende kleinere Untersuchungskommissionen sowie eine neue ressortübergreifende Abteilung „Evaluation und Lernen”.
Originalstelle„Angesichts der Fremdheit und Komplexität des Konfliktlandes Afghanistan und seiner fragmentierten, kriegszerrütteten Gesellschaft, der Heterogenität …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Angesichts der Fremdheit und Komplexität des Konfliktlandes Afghanistan und seiner fragmentierten, kriegszerrütteten Gesellschaft, der Heterogenität des internationalen militärischen und zivilen Afghanistan-Engagements, der anhaltenden Häufung internationa ler Krisen und des unumgänglichen politischen Multitasking von Bundestagsabgeordneten drängt sich die Einschätzung auf, dass die Fachausschüsse und Abgeordneten in ihrer bisherigen Aufstellung mit einem Stabilisierungseinsatz mit so anspruchsvollen Zielen strukturell überfordert waren.“
Angesichts der Fremdheit und Komplexität Afghanistans drängt sich die Einschätzung auf, dass die Fachausschüsse und Abgeordneten in ihrer bisherigen Aufstellung mit einem Stabilisierungseinsatz mit so anspruchsvollen Zielen strukturell überfordert waren. Um eine wirksame ressortübergreifende, parlamentarische Kontrolle zu gewährleisten, erscheint in Ergänzung der bisherigen Hauptausschüsse ein Sonderausschuss zur Einsatzbegleitung/-kontrolle unabdingbar.
Originalstelle„Für das Vorantreiben gesellschaftlicher Prozesse, wie einer nachhaltigen Veränderung der Stellung von Frauen innerhalb einer Gesellschaft, muss in …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Für das Vorantreiben gesellschaftlicher Prozesse, wie einer nachhaltigen Veränderung der Stellung von Frauen innerhalb einer Gesellschaft, muss in realistischen Zeitrahmen gedacht und geplant werden. In Deutschland lagen zwischen der Einführung des Frauenwahlrechts und der Anerkennung der Geschäftsfähigkeit verheirateter Frauen 51 Jahre. Dies muss sich auch in der Finanzierung der Programme vor Ort niederschlagen.“
Für die nachhaltige Veränderung der Stellung von Frauen müsse in realistischen Zeitrahmen gedacht werden. Zur Veranschaulichung verweist der Bericht: In Deutschland lagen zwischen der Einführung des Frauenwahlrechts und der Anerkennung der Geschäftsfähigkeit verheirateter Frauen 51 Jahre. Dies müsse sich auch in der Programmfinanzierung niederschlagen: Prozesse statt Einzelprojekte.
Originalstelle„Wo es die Sicherheitslage zulässt, sollten deutsche Akteure möglichst direkt mit der lokalen Bevölkerung zusammenarbeiten und Intermediäre vermeiden. …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Wo es die Sicherheitslage zulässt, sollten deutsche Akteure möglichst direkt mit der lokalen Bevölkerung zusammenarbeiten und Intermediäre vermeiden. Dieser Ansatz ist zwar mit einem erhöhten Personalaufwand bei den Hilfsorganisationen verbunden, kann aber auch zur Verringerung von Korruption und Mittelveruntreuung beitragen. Projekte zur Stärkung der Zivilgesellschaft und der Menschenrechte sollten sich künftig stärker an den Kriterien der sprachlichen Vielfalt, des Dialogs mit religiösen Akteuren, der Dezentralität, einer Förderung von gleichwertigen Lebensverhältnissen und an Nachhaltigkeit orientieren.“
Wo es die Sicherheitslage zulässt, sollten deutsche Akteure möglichst direkt mit der lokalen Bevölkerung zusammenarbeiten und Intermediäre vermeiden. Dieser Ansatz erhöht den Personalaufwand, kann aber Korruption und Mittelveruntreuung verringern. Projekte sollten sich an sprachlicher Vielfalt, Dialog mit religiösen Akteuren, Dezentralität und Nachhaltigkeit orientieren.
Originalstelle„Wie die Analyse gezeigt hat, bedarf es für jeden Krisenkontext möglichst vorab einer dezidierten Entscheidung, ob die Überwindung von KKP priorisiert …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Wie die Analyse gezeigt hat, bedarf es für jeden Krisenkontext möglichst vorab einer dezidierten Entscheidung, ob die Überwindung von KKP priorisiert werden soll oder ob KKP und ganz besonders die Dimensionen jenseits der sog. kleinen Korruption weitgehend nicht adressiert werden. … Bei einer Stabilisierungspolitik, wie sie das Auswärtige Amt (2022) definiert, … kann mitunter die Aufrechterhaltung oder die Förderung von KKP legitimieren … Entscheidet sich die Bundesregierung dagegen für eine Transformationspolitik, muss die Überwindung von KKP frühzeitig zur Querschnittsaufgabe erhoben und anschließend mit hoher Priorität durchgehalten werden.“
Empfehlung: Vor jedem Kriseneinsatz muss die Bundesregierung klar entscheiden, ob sie eine Stabilisierungspolitik (kann KKP-Aufrechterhaltung legitimieren) oder eine Transformationspolitik (KKP frühzeitig als Querschnittsaufgabe) verfolgt. Wechsel der strategischen Zielsetzung im Verlauf der Intervention sei kaum noch möglich und mit hohen Kosten und Glaubwürdigkeitsverlust verbunden. Das sei die Lehre aus Afghanistan.
Originalstelle„Wenngleich es nachzuvollziehen ist, dass gerade in der Anfangsphase die internationale Gemeinschaft auf Treuhandfonds setzt, sollte sehr frühzeitig …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Wenngleich es nachzuvollziehen ist, dass gerade in der Anfangsphase die internationale Gemeinschaft auf Treuhandfonds setzt, sollte sehr frühzeitig eine Road Map entwickelt und transparent kommuniziert werden, wie diese sukzessiv überführt werden, damit betreffende Regierungen und auch lokale DO schrittweise die Verantwortung für die Verwaltung der für Wiederaufbaumaßnahmen bereitgestellten Gelder übernehmen. … Treuhandfonds einer strikten Konditionalisierung (Einfrieren der Gelder) unterliegen sollten.“
Empfehlung: Treuhandfonds und off-budget seien als temporäre Lösung zu verstehen; eine Road Map sollte frühzeitig die schrittweise Übergabe der Verantwortung an die nationale Regierung skizzieren. Bei wiederholtem Missbrauch müsse strikte Konditionalisierung (Einfrieren der Gelder) erfolgen. Die Etablierung von Treuhandfonds müsse mit leistungsstarken Monitoring- und Evaluationssystemen Hand in Hand gehen.
Originalstelle„Der Mitteleinsatz darf nicht von dem Gewünschten, sondern muss von dem Machbaren her bestimmt werden. So ist kritisch zu überprüfen, welche …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Der Mitteleinsatz darf nicht von dem Gewünschten, sondern muss von dem Machbaren her bestimmt werden. So ist kritisch zu überprüfen, welche Absorptionsfähigkeiten es auf Seiten des Staates und der Gesellschaft des Krisenlandes gibt. Darüber hinaus ist die Machbarkeit auf nationaler und internationaler Ebene abzuwägen.“
Empfehlung: Der Mitteleinsatz dürfe nicht von politisch Gewünschtem, sondern vom Machbaren bestimmt werden; die Absorptionskapazitäten des Empfängerstaates seien kritisch zu überprüfen. Auch die Höhe des Mittelabflusses dürfe kein Erfolgskriterium sein; vielmehr sollte der Erreichungsgrad der angestrebten Wirkungen als Erfolgsindikator dienen.
Originalstelle„Der Umgang mit der „kleinen Korruption“ gehört zum informellen Wissensbestand in jeder DO, der oft in DO tabuisiert wird. Diesbezüglich bedarf es …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Der Umgang mit der „kleinen Korruption“ gehört zum informellen Wissensbestand in jeder DO, der oft in DO tabuisiert wird. Diesbezüglich bedarf es einer Kultur der Transparenz in den DO. So sollten DO – jenseits normativer Statements („Nulltoleranzpolitik“) – offen darüber reden, welche Form von KKP unter welchen Bedingungen auftreten und wie mit Einfallstoren umgegangen werden soll.“
Empfehlung: Statt normativer „Nulltoleranzpolitik”-Statements brauche es eine Transparenzkultur. DO sollten offen darüber reden, welche Form von KKP unter welchen Bedingungen auftritt und wie damit umzugehen ist. Kontextspezifische Anpassungen (z.B. private Nutzung von Dienstwagen, Ausgleich von Gehaltsunterschieden) sollten transparent dokumentiert werden, um Landeskoordinatoren und Projektleitern Sicherheit zu geben.
Originalstelle„Es bedarf einer konsequenten Strafverfolgung von Korruptionsfällen, die nicht nur für die Bürger des betreffenden Landes, sondern auch für die …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Es bedarf einer konsequenten Strafverfolgung von Korruptionsfällen, die nicht nur für die Bürger des betreffenden Landes, sondern auch für die internationalen Akteure gilt. Die Strafverfolgung von Korruptionsfällen im Ausland sollte auch in Deutschland konsequent umgesetzt werden. Hierfür wurden bereits die rechtlichen Rahmenbedingungen (§11a StPO) geschaffen. Der Gesetzgeber muss sich allerding im Klaren sein, dass sowohl humanitäre als auch entwicklungsbezogene und friedenssichernde Maßnahmen in Krisenländern erwiesenermaßen mit besonders hohen Korruptionsrisiken einhergehen.“
Empfehlung: Konsequente Strafverfolgung von Korruptionsfällen auch durch deutsche Akteure im Ausland: § 11a StPO (seit 2015, ermöglicht Strafverfolgung deutscher Staatsbürger:innen für Korruption im Auslandseinsatz) sollte konsequent angewendet werden. Der Gesetzgeber sollte nachschärfen, welche Schwelle der „kleinen Korruption” noch tragbar ist und wann eine Strafverfolgung einsetzt. Aktuell bekannte deutsche Strafverfolgungsfälle: keine.
Originalstelle„Die kostenintensive Bereitstellung von Infrastruktur (v.a. Gebäude) und Ausstattung (von Sicherheitstechnik über Einrichtungsgegenstände …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die kostenintensive Bereitstellung von Infrastruktur (v.a. Gebäude) und Ausstattung (von Sicherheitstechnik über Einrichtungsgegenstände, Büroausstattungen, PCs, hin zu Uniformen und Kriminaltechnik) birgt Anreize für Zweckentfremdung, Diebstahl, unzureichende Wartung und Pflege unterminiert die Eigenverantwortung bzw. Verantwortungsübernahme der ausgestatteten Partner. … In zukünftigen Engagements darf die Höhe des Mittelabflusses kein Kriterium für den Erfolg von Kriseneinsätzen sein; vielmehr sollte der Erreichungsgrad der angestrebten Wirkungen als Erfolgsindikator dienen.“
Empfehlung: Geber, Ministerien und DO sollten unrealistische Erwartungen durch Train-&-Equip-Maßnahmen mit dominanter Ausstattungshilfe vermeiden. Kostenintensive Bereitstellung von Infrastruktur und Ausstattung schaffe Anreize für Zweckentfremdung, Diebstahl und unzureichende Wartung. Stattdessen: politisch-strategische Ansätze (z.B. Konditionalisierung von Ausstattungshilfen). Erfolg künftiger Einsätze sollte am Erreichungsgrad der Wirkungen gemessen werden, nicht am Mittelabfluss.
Originalstelle„„Deutschland muss daraus lernen, in zukünftigen Einsätzen auf ein institutionelles Gedächtnis zurückgreifen zu können, um Erfahrungen besser nutzen …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„„Deutschland muss daraus lernen, in zukünftigen Einsätzen auf ein institutionelles Gedächtnis zurückgreifen zu können, um Erfahrungen besser nutzen zu können. […] Die Verantwortung in multilateralen Einsätzen muss klar definiert sein und die Lasten ausbalanciert - und dennoch in der Gesamtschau von allen beteiligten Staaten und Institutionen fair geteilt werden.“
Empfohlen werden ein institutionelles Gedächtnis für künftige Einsätze, ein internationaler Lernprozess auf diplomatischem Weg sowie klar definierte und fair geteilte Verantwortung in multilateralen Einsätzen.
Originalstelle„Kurz soll skizziert werden, was Deutschland aus den zwei Dekaden Interventionspolitik in Afghanistan lernen kann: • Die aus anderen Kontexten …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Kurz soll skizziert werden, was Deutschland aus den zwei Dekaden Interventionspolitik in Afghanistan lernen kann: • Die aus anderen Kontexten übertragenen Konzepte, sei es vom Balkan oder aus Lateinamerika, haben alle in Afghanistan aufgrund unterschiedlicher gesellschaftlicher Formation nicht zugetroffen. Eine wesentliche Lehre ist, dass Analogieschlüsse nicht zu den gewünschten Ergebnissen führen. • Die internationale Intervention hatte viele Jahre Zeit, Lehren zu ziehen aus dem Geschehen, als es passierte.“
Eine wesentliche Lehre sei, dass aus anderen Kontexten (Balkan, Lateinamerika) übertragene Konzepte in Afghanistan wegen unterschiedlicher gesellschaftlicher Formation nicht zutreffen; Analogieschlüsse führten nicht zu den gewünschten Ergebnissen.
„„‚Wir waren ja nicht 20 Jahre doof!‘ Das aber bedeutet, dass die institutionellen Verfahren offensichtlich nicht geeignet sind, auf Fehler zu reagieren.“
Die internationale Intervention habe viele Jahre Zeit gehabt, Lehren zu ziehen; institutionelle Verfahren seien aber nicht geeignet, auf erkannte Fehler zu reagieren. Die Fehleroffenheit in deutschen Institutionen sei nicht ausgeprägt; Mechanismen für Kurskorrekturen fehlten.
„„In der Afghanistanintervention haben sich alle Akteure hinter den USA versteckt und in deren Fahrwasser Policies mitgetragen, die sich als falsch, kontraproduktiv und obendrein rechtlich zweifelhaft erwiesen haben.“
In der Allianz hätten sich alle Akteure hinter den USA ‚versteckt' und Policies mitgetragen, die sich als falsch, kontraproduktiv und rechtlich zweifelhaft erwiesen hätten. Sinnvoll wären gemeinsame diplomatische Verfahren zur besseren Policy-Abstimmung.
Originalstelle„Dringend notwendig sind Maßnahmen, die in Deutschland getroffen werden können: • Fortgesetzte bzw. zyklische Risikoanalysen als integrierter …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Dringend notwendig sind Maßnahmen, die in Deutschland getroffen werden können: • Fortgesetzte bzw. zyklische Risikoanalysen als integrierter Bestandteil der Missionsplanung bezüglich der relevanten ökonomischen Akteure (wie sie hier für die Drogenökonomie aufgeführt wurden) sollten durchgeführt werden: Profitieren die ‚richtigen‘ Partner gegenüber den ‚problematischen‘ relativ mehr oder werden letztere prägend für den Prozess der Stabilisierung oder des Staatsaufbaus? • Generell sollten wirtschaftliche Strukturen, seien sie legal oder illegal, in zukünftigen Einsätzen besser in der Missionsplanung berücksichtigt werden.“
Empfohlen werden zyklische Risikoanalysen als integrierter Bestandteil der Missionsplanung, die fragen, ob die ‚richtigen' gegenüber den ‚problematischen' Partnern profitieren. Insbesondere Rentiersstrukturen müssten besser berücksichtigt werden, weil deren Profiteure kein Interesse an Veränderung haben.
Originalstelle„In zukünftigen Interventionen müssen also die Befunde für die politische Entscheidung höher gewichtet werden als die Beschreibung des im Idealfall zu …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„In zukünftigen Interventionen müssen also die Befunde für die politische Entscheidung höher gewichtet werden als die Beschreibung des im Idealfall zu erreichenden Ziels. • Institutionelles Gedächtnis stärken: In den beteiligten Ministerien, ebenso wie bei der Bundeswehr oder Durchführungsinstitutionen ist das institutionelle Gedächtnis nicht sehr ausgeprägt. Schon während des Einsatzes war die Klage häufig zu hören, dass beim Kontingentwechsel alles von vorne begänne.“
Das institutionelle Gedächtnis in Ministerien, Bundeswehr und Durchführungsinstitutionen sei schwach ausgeprägt; bei Kontingentwechseln habe ‚alles von vorne begonnen'. Institutionelles Lernen müsse dringend institutionell verankert werden, um Entscheidungsfindungen rekonstruieren zu können.
Originalstelle„Die weitere Entwicklung der GSVP benötigt vor allem eine realistischere Herangehensweise als in den vergangenen Jahrzehnten. Die Entwicklung der GSVP …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die weitere Entwicklung der GSVP benötigt vor allem eine realistischere Herangehensweise als in den vergangenen Jahrzehnten. Die Entwicklung der GSVP in der Vergangenheit hat darunter gelitten, dass politische Initiativen die Grenzen des institutionell Machbaren … in der EU zu häufig ignorierten und sich stattdessen auf das politisch-strategisch Wünschenswerte konzentrierten.“
Die GSVP-Weiterentwicklung brauche eine realistischere Herangehensweise; das jahrzehntelange Ignorieren des institutionell Machbaren zugunsten des Wünschenswerten habe zu enttäuschenden Fortschritten geführt und die echten Stärken der EU aus dem Blick rücken lassen.
Originalstelle„In diesem Sinne sollte Sicherheitspolitik als Verbindung von drei Fähigkeiten verstanden werden: die Fähigkeit (1) zu militärischem Handeln, (2) zur …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„In diesem Sinne sollte Sicherheitspolitik als Verbindung von drei Fähigkeiten verstanden werden: die Fähigkeit (1) zu militärischem Handeln, (2) zur Gestaltung des sicherheitspolitischen Umfelds ohne eigenes militärisches Handeln und (3) zur Stärkung staatlicher und gesellschaftlicher Resilienz. Vor allem in den letzten beiden Bereichen hat die EU herausragende Stärken …“
Sicherheitspolitik solle als Verbindung dreier Fähigkeiten verstanden werden: militärisches Handeln, Gestaltung des sicherheitspolitischen Umfelds ohne eigenen Militäreinsatz und Stärkung staatlicher und gesellschaftlicher Resilienz. In den letzten beiden Bereichen liegen besondere EU-Stärken, die der NATO fehlen.
Originalstelle„Hier gilt es insbesondere schon laufende Prozesse und hier vor allem die Umsetzung des Civilian Compact zu unterstützen. Dazu gehört als Kern, die …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Hier gilt es insbesondere schon laufende Prozesse und hier vor allem die Umsetzung des Civilian Compact zu unterstützen. Dazu gehört als Kern, die Ausstattung der zivilen Krisenreaktionsfähigkeit weiter zu verbessern. Hierzu sollten zum Beispiel auch innerhalb Deutschlands Prozesse etabliert werden, durch die sichergestellt wird, dass zivile Missionen durchweg mit angemessen ausgebildetem Personal ausgestattet werden können. … Von zentraler Bedeutung für die langfristige Effektivität der zivilen Komponente ist außerdem die unabhängige Evaluierung von zivilen GSVP-Missionen und die kontinuierliche Aufbereitung von ‚lessons learned‘ über die Missionen hinweg.“
Empfohlen werden: Umsetzung des Civilian Compact, bessere Ausstattung der zivilen Krisenreaktionsfähigkeit, gesicherte Bereitstellung angemessen ausgebildeten Personals in Deutschland, verstärkte Ausbildungsprogramme für zivile „Interoperabilität“ und vor allem unabhängige Evaluierung ziviler GSVP-Missionen sowie kontinuierliche Aufbereitung von „lessons learned“.
Originalstelle„Afghanistan braucht dringend eine Entwicklungszusammenarbeit, die es den Menschen ermöglicht, durch einfache Beschäftigungen, beispielsweise im …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Afghanistan braucht dringend eine Entwicklungszusammenarbeit, die es den Menschen ermöglicht, durch einfache Beschäftigungen, beispielsweise im Bereich der infrastrukturellen Verbesserung, Einkommen zu generieren. Mit diesem Geld, das durch unser Personal täglich ausgezahlt werden müsste, könnten die Familien auf dem Markt Nahrung für ihre Familien kaufen und diese ernähren. Dadurch würde auch die lokale Wirtschaft gestärkt werden. … Mit einer „modernen” EZ hat dieser Ansatz nichts zu tun, aber Afghanistan ist auch nicht modern, sondern in weiten Teilen eher einer Zeit zuzuordnen, die Jahrhunderte zurück liegt.“
Empfehlung: Afghanistan brauche EZ mit einfachen, täglich vergüteten Beschäftigungen (z. B. Infrastrukturverbesserung), damit Familien Lebensmittel kaufen können und die lokale Wirtschaft gestärkt wird; dieser Ansatz habe mit „moderner” EZ wenig zu tun, das Land sei in weiten Teilen aber auch nicht modern.
Originalstelle„In Afghanistan gibt es in den Dörfern „demokratische Strukturen”. Der Dorfälteste wird gewählt. Funktioniert er nicht, wird er durch die lokale Jirga …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„In Afghanistan gibt es in den Dörfern „demokratische Strukturen”. Der Dorfälteste wird gewählt. Funktioniert er nicht, wird er durch die lokale Jirga abberufen. Besonders über das o.g. NSP haben wir auf diese demokratischen Strukturen gesetzt und damit gute Erfahrungen gemacht. Hier anzusetzen wäre eine Möglichkeit, um langsam, aber sicher einen Weg des „State Building” zu initiieren.“
In Afghanistan gebe es in den Dörfern demokratische Strukturen: Der Dorfälteste werde gewählt und könne durch die lokale Jirga abberufen werden; das NSP habe gute Erfahrungen damit gemacht, an diesen Strukturen anzusetzen. Das sei ein gangbarer Weg für behutsames State Building.
„Eine wieder neu beginnende Entwicklungszusammenarbeit Deutschlands mit Afghanistan böte die Chance, dass allein durch unsere Anwesenheit sich die sehr militanten Kreise der Taliban deutlich zurückhalten würden.“
Originalstelle„Wenn es eine übergreifende Lehre gibt, die wir aus dieser Tragödie ableiten können, dann die, dass jede künftige amerikanische Wiederaufbaumission …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Wenn es eine übergreifende Lehre gibt, die wir aus dieser Tragödie ableiten können, dann die, dass jede künftige amerikanische Wiederaufbaumission von ähnlichem Umfang und Anspruch wie die in Afghanistan schwierig und kostspielig sein dürfte und möglicherweise nicht von Erfolg gekrönt ist. In Anbetracht des gerade erst beginnenden Wiederaufbaus der Ukraine ist entscheidend wichtig, dass wir unsere Lehren ziehen, bevor die Anstrengungen verstärkt werden und sinnvolle Reformen sehr viel schwieriger, wenn nicht gar unmöglich werden. … In Afghanistan wurden diese Probleme zu wichtigen Triebkräften des Aufstands, der die Wiederaufbaubemühungen in jeder Hinsicht unterminierte. … Ryan Crocker formulierte es so: „Man muss mit der Arbeit beginnen, bevor sie sich als notwendig herausstellt.”“
Übergreifende Lehre: Künftige Wiederaufbaumissionen von vergleichbarem Umfang würden schwierig und kostspielig sein und möglicherweise nicht erfolgreich enden. Mit Blick auf die Ukraine sei entscheidend, Korruption und Straffreiheit nicht zu wichtigen Treibern eines Aufstands werden zu lassen. Ryan Crocker: „Man muss mit der Arbeit beginnen, bevor sie sich als notwendig herausstellt.”