Bridge the Gap.

Was geschah

15. August 2021

Die Tage, an denen Kabul fiel und die deutsche Botschaft geschlossen wurde

Der Untersuchungsausschuss des Bundestags hat diese Tage Stunde für Stunde rekonstruiert. Hier gehst du die Zeit vom 13. bis 16. August in 14 Schritten durch, abwechselnd in Kabul und in Berlin. Jeder Schritt ist mit dem Abschlussbericht oder einem Protokoll belegt.

14 Schritte
107 Einträge in der Liste
75 aus Kabul
36 aus Berlin

Alle 107 Einträge als Liste (ohne Karte und ohne Animation)

Vier Tage in Kabul und Berlin

Links stehen die Schritte. Rechts zeigt die Karte, wo in Kabul etwas geschah. Darunter läuft eine Zeitleiste mit zwei Spuren: Kreise stehen für Kabul, Quadrate für Berlin. Kabul lag zweieinhalb Stunden vor Berlin. Mit den Punkten auf der Zeitleiste oder den Knöpfen „Zurück“ und „Weiter“ springst du direkt zu einem Schritt.

Auswahl der Redaktion Die Redaktion hat 14 der 107 Einträge ausgewählt, je sieben aus Kabul und aus Berlin. Ausgewählt sind Momente, in denen sich die Lage änderte oder eine Entscheidung fiel. Die Texte stammen aus der Zeitleiste unten.

13.–16. August 2021

Scroll nach unten, um die Schritte zu lesen.

Überblick über Kabul

Kabul
Berlin
Schritt 0 von 14

Freitag, 13. August 2021

In Berlin Schritt 1 von 14

Vormittags Krisenstab Berlin

Zeitangabe nach Berliner Zeit, ohne genaue Uhrzeit

Lageentwicklung

Der BND trägt sein Lagebild vor: Eine militärische Einnahme Kabuls durch die Taliban vor dem 11. September 2021 sei „eher unwahrscheinlich“ (20–50 %). Zugleich werden die sechs Kipppunkte benannt, deren Eintreten den Prozess beschleunigen würde, darunter der Abzug der internationalen Botschaften und die Absetzbewegung der afghanischen Eliten.

„Übernahme Kabuls durch TLB vor 11.9. eher unwahrscheinlich.“

Protokoll Krisenstabssitzung 13.08.2021

In Berlin Schritt 2 von 14

Mittags Krisenstab Berlin

Zeitangabe nach Berliner Zeit, ohne genaue Uhrzeit

Entscheidung

Die Krisenstabssitzung beschließt: Anhebung der Krisenstufe auf 3b, „konkreter Einstieg in die Vorbereitung einer möglichen Evakuierung“, Entsendung eines Krisenunterstützungsteams (KUT) und Planung weiterer militärischer Kräfte. Eine sofortige Evakuierung wird noch nicht beschlossen.

Originalstelle
„1. Anhebung der Krisenstufe auf 3b 2. Ausdünnung auf Grundlage Vorschlag der Botschaft durch Abt. 1 3. Konkreter Einstieg in die Vorbereitung einer …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„1. Anhebung der Krisenstufe auf 3b 2. Ausdünnung auf Grundlage Vorschlag der Botschaft durch Abt. 1 3. Konkreter Einstieg in die Vorbereitung einer möglichen Evakuierung 4. Entsendung eines KUT [Krisenunterstützungsteam] (AA/BMVg) … 5. Planung und Vorbereitung (im Inland) zur möglichen Entsendung weiterer militärischer Kräfte“

Quelle: Drs. 20/14700, S. 551 (Original, neues Fenster) · Belegkarte

In Kabul Schritt 3 von 14

Nachmittags Kabul (Deutsche Botschaft & BND-Compound 2)

Zeitangabe nach Ortszeit Kabul, ohne genaue Uhrzeit

Evakuierung und Verlegung

In der Botschaft beginnt die Vernichtung sensiblen Materials: zunächst Schreddern, später Verbrennen in großen Tonnen. T. G. löst in der BND-Residentur die Evakuierungsstufe 1 aus. Die Tonnen brennen den ganzen Freitag und Samstag durchgehend.

Originalstelle
„Am 13. August 2021 habe T. G. intern die „Evakuierungsstufe 1“ ausgelöst, was bedeute, dass die Evakuierung vorbereitet und Material vernichtet …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Am 13. August 2021 habe T. G. intern die „Evakuierungsstufe 1“ ausgelöst, was bedeute, dass die Evakuierung vorbereitet und Material vernichtet werde. […] Wir haben aber später große Tonnen gehabt und da diese ganzen Dinge reingeworfen und verbrannt. Und diese Tonnen brannten auch den ganzen Freitag und den ganzen Samstag, also durchgehend.“

Quelle: Drs. 20/14700, S. 534–535 (Original, neues Fenster)

Samstag, 14. August 2021

In Berlin Schritt 4 von 14

13:34 Uhr Berlin (AA)

16:04 Uhr in Kabul, 13:34 Uhr in Berlin

Entscheidung

AA-interne Telefonschalte unter Leitung von Staatssekretärin Leendertse. Ergebnis: Die Deutsche Botschaft Kabul soll zum frühestmöglichen Zeitpunkt an den Flughafen verlegen.

Originalstelle
„Der Zeuge Dr. Jokisch hat berichtet, dass es am 14. August 2021 um 13.34 Uhr (deutsche Zeit) eine „AA-interne Telefonschalte unter Leitung der …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Der Zeuge Dr. Jokisch hat berichtet, dass es am 14. August 2021 um 13.34 Uhr (deutsche Zeit) eine „AA-interne Telefonschalte unter Leitung der damaligen Staatssekretärin“ Leendertse gegeben habe. Das Ergebnis dieser Besprechung sei gewesen, „dass die Botschaft zum frühestmöglichen Zeitpunkt an den Flughafen verlegen soll[e]“.“

Quelle: Drs. 20/14700, S. 556–557 (Original, neues Fenster)

In Berlin Schritt 5 von 14

ca. 19:00 Uhr Berlin (AA)

ca. 21:30 Uhr in Kabul, 19:00 Uhr in Berlin

Entscheidung

Außenminister Maas gibt die Entscheidung frei, die Botschaft am nächsten Tag zu schließen und an den Flughafen zu evakuieren. Krisenbeauftragter Dr. Diehl bittet Dr. Jokisch, van Thiel anzurufen: „Ruf den van Thiel an, dass es jetzt losgehen kann.“

Originalstelle
„Die Entscheidung hat der damalige Außenminister Maas in seiner Vernehmung bestätigt. Dr. Diehl habe daraufhin Dr. Jokisch gebeten, dem …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die Entscheidung hat der damalige Außenminister Maas in seiner Vernehmung bestätigt. Dr. Diehl habe daraufhin Dr. Jokisch gebeten, dem Geschäftsträger der Deutschen Botschaft Kabul van Thiel mitzuteilen, „dass es jetzt losgehen“ könne: Dann habe ich Herrn Jokisch angerufen und habe gesagt: Jokisch, Jens, ruf den van Thiel an, dass es jetzt losgehen kann.“

Quelle: Drs. 20/14700, S. 557 (Original, neues Fenster)

Sonntag, 15. August 2021

In Kabul Schritt 6 von 14

ca. 10:00 Uhr Green Zone Kabul

ca. 10:00 Uhr in Kabul, 07:30 Uhr in Berlin

Lageentwicklung

Es zeigt sich an einer reduzierten Bewachung der Green Zone, dass die Verlegung der britischen und US-amerikanischen Kräfte schneller geht als angekündigt. Das sogenannte „November Gate“ ist nicht mehr befahrbar; nur das „Whiskey Gate“ ist noch nutzbar.

Originalstelle
„„[G]ewisse Zugänge“, die von den Mitarbeitenden der Residentur regelmäßig auf dem Weg von der „Außenstelle“ zur Liegenschaft der Deutschen Botschaft …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„„[G]ewisse Zugänge“, die von den Mitarbeitenden der Residentur regelmäßig auf dem Weg von der „Außenstelle“ zur Liegenschaft der Deutschen Botschaft Kabul in der Green Zone genutzt worden seien und deren Bewachung durch Großbritannien, das der Zeuge als die andere große „Rahmennation“ bezeichnete, „bezahlt“ worden sei, seien zu diesem Zeitpunkt „nicht mehr bewacht“ worden. Das sog. „November Gate“ sei zu diesem Zeitpunkt nicht mehr befahrbar gewesen. „Ein Zugang zur Deutschen Botschaft“ Kabul, das sog. „Whiskey Gate“ sei indes noch benutzbar gewesen.“

Quelle: Drs. 20/14700, S. 563 (Original, neues Fenster)

In Kabul Schritt 7 von 14

Vormittags Kabul (Präsidentenpalast)

Zeitangabe nach Ortszeit Kabul, ohne genaue Uhrzeit

Lageentwicklung

Laut Presseberichten verlässt Präsident Ghani gegen Mittag den Präsidentenpalast per Hubschrauber und flieht aus Afghanistan. Damit ist der fünfte Kipppunkt des BND-Lagebilds erreicht.

Originalstelle
„Präsident Dr. Ghani habe laut Presseberichterstattung am 15. August 2021 gegen Mittag den Präsidentenpalast in Kabul per Hubschrauber verlassen.“

Quelle: Drs. 20/14700, S. 570–571 (Original, neues Fenster)

In Kabul Schritt 8 von 14

12:43 Uhr Kabul → Berlin (E-Mail)

12:43 Uhr in Kabul, 10:13 Uhr in Berlin

Information und Kommunikation

Van Thiel sendet eine knappe E-Mail an Berlin: „US Botschaft fordert zur sofortigen Verlegung zum alten HQ RS auf. Wir machen uns abmarschbereit! HABEN WIR GRÜNES LICHT?!“ Er will sich rückversichern, nicht „weisungswidrig“ zu handeln.

Originalstelle
„• OKV [Ortskräfteverfahren] und Charterflüge zur Abholung der LBs [Lokalbeschäftigte] sind politisch-medial sehr aufgeladen – Evakuierung/Schließung …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„• OKV [Ortskräfteverfahren] und Charterflüge zur Abholung der LBs [Lokalbeschäftigte] sind politisch-medial sehr aufgeladen – Evakuierung/Schließung der Botschaft vor Durchführung von OKV-Chartern wäre politisch nicht auszuhalten.“

Quelle: Drs. 20/14700, S. 565 (Original, neues Fenster) · Belegkarte

Zur gleichen Zeit in Berlin Schritt 9 von 14

10:34 Uhr Berlin (AA, Krisenreaktionszentrum)

13:04 Uhr in Kabul, 10:34 Uhr in Berlin

Entscheidung

Berlin sendet die Antwort: „Haben Sie!“ Damit gibt es grünes Licht für die Evakuierung. Dr. Jokisch sitzt zu diesem Zeitpunkt mit Staatssekretärin Leendertse in deren Büro auf dem Sofa, als der Anruf van Thiels eingeht.

Originalstelle
„Wir machen uns abmarschbereit! HABEN WIR GRÜNES LICHT?! Um 13.05 Uhr (afghanische Zeit) erhielt er darauf die Antwort aus dem Krisenreaktionszentrum …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Wir machen uns abmarschbereit! HABEN WIR GRÜNES LICHT?! Um 13.05 Uhr (afghanische Zeit) erhielt er darauf die Antwort aus dem Krisenreaktionszentrum: Haben Sie! Mit freundlichen Grüßen Informationsmanager/‐in“

Quelle: Drs. 20/14700, S. 565 (Original, neues Fenster)

In Kabul Schritt 10 von 14

ca. 14:00 Uhr Kabul (Hauptquartier RS → Flughafen)

ca. 14:00 Uhr in Kabul, 11:30 Uhr in Berlin

Evakuierung und Verlegung

Die Mitarbeitenden der Deutschen Botschaft Kabul und der Residentur werden mit US-amerikanischen Hubschraubern vom Hauptquartier RS an den militärischen Teil des Flughafens Kabul ausgeflogen. Sensibles Material wird, soweit möglich, an die US-Pioniere zur Zerstörung übergeben.

Originalstelle
„• OKV [Ortskräfteverfahren] und Charterflüge zur Abholung der LBs [Lokalbeschäftigte] sind politisch-medial sehr aufgeladen – Evakuierung/Schließung …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„• OKV [Ortskräfteverfahren] und Charterflüge zur Abholung der LBs [Lokalbeschäftigte] sind politisch-medial sehr aufgeladen – Evakuierung/Schließung der Botschaft vor Durchführung von OKV-Chartern wäre politisch nicht auszuhalten.“

Quelle: Drs. 20/14700, S. 508–509, 567 (Original, neues Fenster) · Belegkarte

Am selben Nachmittag in Berlin Schritt 11 von 14

Nachmittags Berlin (Krisenstab)

Zeitangabe nach Berliner Zeit, ohne genaue Uhrzeit

Entscheidung

Der Krisenstab beschließt, „aufgrund der Dringlichkeit der Lageentwicklung in Afghanistan unverzüglich eine militärische Evakuierungsoperation zu beginnen“. Wegen Gefahr in Verzug erfolgt der Beschluss ohne vorherige Zustimmung des Bundestages; ein Mandatstext soll spätestens am 18. August dem Parlament zugeleitet werden.

Originalstelle
„Im Krisenstab wurde entschieden, aufgrund der Dringlichkeit der Lageentwicklung in Afghanistan unverzüglich eine militärische Evakuierungsoperation …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Im Krisenstab wurde entschieden, aufgrund der Dringlichkeit der Lageentwicklung in Afghanistan unverzüglich eine militärische Evakuierungsoperation zu beginnen. Wegen Gefahr in Verzug ist es im vorliegenden Fall der Bundesregierung nicht möglich, die Zustimmung des Bundestages zu diesem Einsatz vor Beginn einzuholen.“

Quelle: Drs. 20/14700, S. 572 (Original, neues Fenster) · Belegkarte

In Kabul Schritt 12 von 14

den ganzen Tag Kabul (KfW-Büro)

Zeitangabe nach Ortszeit Kabul, ohne genaue Uhrzeit

Lageentwicklung

Die KfW-Ortskraft ist mit dem Team im Büro der KfW in Kabul, das sicherheitskritische Dokumente birgt. Sie erlebt den Fall der Stadt vom Büro aus.

„Zu unserem Bedauern ist dann Kabul gefallen. Das war am 15. August. […] Wir hatten etliche Dokumente.“

Ortskraft der KfW

Quelle: Stenografisches Protokoll 20/18, 18. Sitzung (15.12.2023), S. 16

In der Liste

Montag, 16. August 2021

In Kabul Schritt 13 von 14

Nachmittags Kabul (Flughafen)

Zeitangabe nach Ortszeit Kabul, ohne genaue Uhrzeit

Evakuierung und Verlegung

Die deutschen Evakuierungsflüge mit der Luftwaffe sind für den Nachmittag des 16. August vorgesehen. Tatsächlich verzögern sich die ersten Flüge aufgrund der Lage am Flughafen.

Originalstelle
„Der Landsleutebrief kündigte an, dass die Evakuierungsflüge mit der deutschen Luftwaffe voraussichtlich am Nachmittag des 16. August 2021 starten würden.“

Quelle: Drs. 20/14700, S. 573 (Original, neues Fenster)

In Berlin Schritt 14 von 14

den ganzen Tag Berlin

Zeitangabe nach Berliner Zeit, ohne genaue Uhrzeit

Entscheidung

Der Krisenstab tagt erneut, wie in der Sitzung am Vortag angekündigt. Die Vorbereitung des Mandatstexts für die militärische Evakuierungsoperation läuft auf Hochdruck; das Kabinett soll am 18. August befassen.

Originalstelle
„Die Bundesregierung arbeitet mit Hochdruck an einem Mandatstext, der nach Billigung durch das Kabinett spätestens am 18. August 2021 dem Bundestag …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die Bundesregierung arbeitet mit Hochdruck an einem Mandatstext, der nach Billigung durch das Kabinett spätestens am 18. August 2021 dem Bundestag zugeleitet wird, so dass der Bundestag sodann über den Einsatz entscheiden kann.“

Quelle: Drs. 20/14700, S. 573 (Original, neues Fenster)

Was der Bundestag daraus gefolgert hat

Beide Gremien haben sich mit diesen Tagen befasst. Die Enquete-Kommission hat Empfehlungen beschlossen. Der Untersuchungsausschuss hat keine gemeinsamen Empfehlungen beschlossen. Dort haben die Fraktionen eigene Empfehlungen in ihren Voten formuliert. Zu diesen drei großen Fragen passen die Ereignisse vom 13. bis 16. August besonders.

Auswahl der Redaktion Welche Fragen und Empfehlungen hier stehen, hat die Redaktion ausgewählt und zugeordnet.

Große Frage 9 · Krisenvorsorge und Evakuierung

Wer holt die Menschen raus, wenn es ernst wird?

Evakuierungsplanung, Krisenvorsorge der Botschaften und Listen der zu Evakuierenden: wie gut Deutschland auf den Ernstfall vorbereitet war und was die Gremien dazu folgern.

Empfehlungen der Enquete-Kommission

Dazu 30 Empfehlungen aus den Fraktionsvoten im Untersuchungsausschuss. Nach Fraktionen ansehen

Zur ganzen Frage →

Große Frage 1 · Nationaler Sicherheitsrat

Wer entscheidet, wenn es brennt?

Soll Deutschland eine Stelle bekommen, die Sicherheitspolitik und Krisenmanagement über alle Ministerien hinweg abstimmt?

Empfehlungen der Enquete-Kommission

Dazu 2 Empfehlungen aus den Fraktionsvoten im Untersuchungsausschuss. Nach Fraktionen ansehen

Zur ganzen Frage →

Alle 107 Einträge als Liste

Diese Liste enthält jeden Eintrag der Zeitleiste vom 12. bis 31. August 2021, mit Zitaten, Belegen und abweichenden Darstellungen. Sie zeigt dasselbe wie die Schritte oben, nur vollständig und ohne Karte.

Do, 12. August 2021

1 Einträge
  1. ganztägig±
    Kabul (Deutsche Botschaft & BND-Außenstelle) ● Entscheidung

    Die deutsche Botschaft löst die Krisenstufe 3b aus. Der in die Botschaft integrierte BND-Partikel überführt zusammen mit der Botschaft die eigenen Lokalbeschäftigten ins Ortskräfteverfahren und füllt die Papiere aus.

    „Ich würde beginnen Anfang August oder am 12. August. Da ist von der deutschen Botschaft die Krisenstufe 3b ausgelöst worden, und wir als Partikel des BND, der in die Botschaft integriert ist, haben zusammen mit der Botschaft unsere Lokalbeschäftigten ins Ortskräfteverfahren überführt und dazu die Papiere ausgefüllt.“ — T. G., stellv. Resident des BND in Kabul, Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuss (Protokoll 20/60 II, S. 4, nichtöffentlich) · Wortlaut veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 962
    Deutsche Botschaft Kabul · T. G. (BND) · BND-Partikel Quelle: Protokoll 20/60 II, S. 4, veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 962 (Original, neues Fenster)

Fr, 13. August 2021

13 Einträge
  1. morgens±
    Berlin / Kabul ● Entscheidung

    Die ursprünglich für Montag, den 16. August geplante Krisenstabssitzung wird auf Drängen des BMVg auf Freitag, den 13. August, vorverlegt. Anlass ist die am 12. August bekannt gewordene US-Truppenverlegung von 3.000 Soldaten an den Flughafen Kabul.

    Originalstelle
    „Ich habe daraufhin über die Arbeitsebene veranlasst, dass das BMVg die sowieso geplante Krisensitzung … darauf drängt, dass diese Sitzung vorverlegt …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
    „Ich habe daraufhin über die Arbeitsebene veranlasst, dass das BMVg die sowieso geplante Krisensitzung … darauf drängt, dass diese Sitzung vorverlegt wird auf den Freitag, den 13., und dass wir dort auch mit dem Vorschlag hineingehen, nicht nur ein Vorerkundungsteam nach Afghanistan zu schicken, wie es geplant war, sondern eine robuste militärische Evakuierungsmission zu planen.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 508, 522 (Original, neues Fenster) · Belegkarte

    Krisenstab Bundesregierung · BMVg
  2. morgens±
    Kabul (Deutsche Botschaft) ● Evakuierung und Verlegung

    T. G. löst intern die „Evakuierungsstufe 1“ aus: Vorbereitung der Evakuierung, Vernichtung von Material. Viele Maßnahmen sind bereits umgesetzt; nun werden auch die „Dinge, die man noch braucht“, vernichtet. Flüge für Sonntag, den 15. August, sind zur Personalreduzierung gebucht.

    „Am 13.08. habe ich intern eine Evakuierungsstufe ausgelöst; nennt sich Stufe 1. Bedeutet, dass man eine Evakuierung vorbereitet, alle möglichen Dinge, die nicht unbedingt vonnöten sind, schon vernichtet und nur noch mit eingeschränktem Material vor Ort ist. Und wir haben eine Personalreduktion entschieden aufgrund der Einschätzungen anderer Nationen und unserer eigenen Einschätzung, dass es möglicherweise in den nächsten Tagen etwas schneller zu einer Lage kommen könnte, die unvorhersehbare Umstände mit sich bringt.“ — T. G., stellv. Resident des BND in Kabul, Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuss · Wortlaut veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 962
  3. vormittags
    Krisenstab Berlin ● Lageentwicklung

    Van Thiel trägt als erster die Lage in Kabul vor: Die Taliban seien bereits in der Stadt und in den Vororten, die Republik löse sich auf. Er schildert das Lagebild als „extrem angespannt“.

    Originalstelle
    „Der Taliban ist in der Stadt, er ist vor der Stadt. Die Republik löst sich auf. Dies sei die Ausgangslage für die Krisenstabssitzung am 13. August …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
    „Der Taliban ist in der Stadt, er ist vor der Stadt. Die Republik löst sich auf. Dies sei die Ausgangslage für die Krisenstabssitzung am 13. August 2021 gewesen: Taliban in der Stadt, Taliban vor der Stadt, extrem angespannte Lage, und dann kam also diese Sitzung.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 533 (Original, neues Fenster)

    Jan Hendrik van Thiel
  4. vormittags
    Krisenstab Berlin ● Lageentwicklung

    Der BND trägt sein Lagebild vor: Eine militärische Einnahme Kabuls durch die Taliban vor dem 11. September 2021 sei „eher unwahrscheinlich“ (20–50 %). Zugleich werden die sechs Kipppunkte benannt, deren Eintreten den Prozess beschleunigen würde, darunter der Abzug der internationalen Botschaften und die Absetzbewegung der afghanischen Eliten.

    „Übernahme Kabuls durch TLB vor 11.9. eher unwahrscheinlich.“ — Protokoll Krisenstabssitzung 13.08.2021
    Freiin von Uslar-Gleichen (BND-Vizepräsidentin) · Dr. S. R. (BND) · O. W. (BND) Quelle: Drs. 20/14700, S. 540–543 (Original, neues Fenster) · Belegkarte
  5. vormittags
    Krisenstab Berlin ● Information und Kommunikation

    Van Thiel versucht, dem BND-Lagebild zu widersprechen, wird nach eigener Aussage aber durch Staatssekretärin Leendertse unterbrochen. Im inoffiziellen Schnellprotokoll der Bundespolizei ist sein Einwand dokumentiert: „Es gibt andere Daten und Analysen sowie Bewertungen vor Ort (auch durch USA)“.

    Originalstelle
    „Der Zeuge van Thiel hat ausgesagt, bei dem Versuch „reinzugrätschen“ sei ihm durch Staatssekretärin Leendertse „sofort das Wort abgeschnitten …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
    „Der Zeuge van Thiel hat ausgesagt, bei dem Versuch „reinzugrätschen“ sei ihm durch Staatssekretärin Leendertse „sofort das Wort abgeschnitten [worden,] mit dem Argument: ‚Der BND ha[be] auch wichtige Argumente‘“. […] In dem „inoffiziellen Schnellprotokoll“ der Bundespolizei ist ein Beitrag des Geschäftsträgers der Deutschen Botschaft Kabul van Thiel nach dem Vortrag der Vertreterinnen und Vertreter des BND wie folgt dokumentiert: Es gibt andere Daten und Analysen sowie Bewertungen vor Ort (auch durch USA)“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 545–547 (Original, neues Fenster)

    Jan Hendrik van Thiel · Leendertse (AA-Staatssekretärin)
  6. vormittags
    Krisenstab Berlin ● Entscheidung

    Das BMVg empfiehlt erstmals offiziell, die Voraussetzungen für eine militärische Evakuierungsoperation zu schaffen und Kräfte „vorausstationiert“ am Flughafen Kabul bereitzuhalten, solange dieser durch US- und britische Kräfte gesichert wird.

    Originalstelle
    „Der Beitrag aus dem BMVg wurde im endgültigen Protokoll der Krisenstabssitzung wie folgt festgehalten: • Neben KUT bestehen weitere, robuste Optionen …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
    „Der Beitrag aus dem BMVg wurde im endgültigen Protokoll der Krisenstabssitzung wie folgt festgehalten: • Neben KUT bestehen weitere, robuste Optionen - Beschluss hierzu müsste zeitnah erfolgen, wenn das window of opportunity genutzt werden soll. • Empfehlung, jetzt die Voraussetzung zur Durchführung einer Evakuierungsoperation zu schaffen, damit ein Kräftedispositiv frühzeitig vorbereitet und Ende nächster Woche nach Kabul mit umfangreichen Fähigkeiten (Schutz Compound, Sicherung Transport zum HKIA und geordnete Evakuierung der von 04 -L genannten drei Gruppen, etc.) entsandt werden kann.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 550 (Original, neues Fenster)

    BMVg · Oberst i. G. Rapp
  7. 10:23 deutsche Zeit
    Berlin (AA) ● Information und Kommunikation

    Dr. Jokisch versendet eine E-Mail an Dr. Diehl, in der er den Ablauf der für 11:30 Uhr geplanten Krisenstabssitzung skizziert. Vorgeschlagene Schlussfolgerung: „Heute kein Beschluss zur Evakuierung der Botschaft, diese soll so lange wie möglich offen gehalten werden; heute allerdings Beschluss zu konkretem Einstieg in Vorbereitung einer Schließung.“

    Originalstelle
    „Am 13. August 2021 um 10.23 Uhr versandte der Zeuge Dr. Jokisch unter dem Betreff „Entwurf Mail Regie Krisenstab“ eine E-Mail an den damaligen …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
    „Am 13. August 2021 um 10.23 Uhr versandte der Zeuge Dr. Jokisch unter dem Betreff „Entwurf Mail Regie Krisenstab“ eine E-Mail an den damaligen Krisenbeauftragten Dr. Diehl, in der er den Ablauf der für 11.30 Uhr geplanten Krisenstabssitzung skizzierte und folgende „operative Schlussfolgerungen“ vorschlug: […] Heute kein Beschluss zur Evakuierung der Botschaft, diese soll so lange wie möglich offen gehalten werden“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 538–539 (Original, neues Fenster)

    Dr. Jokisch · Dr. Diehl
  8. 11:30 deutsche Zeit / 14:00 afgh. Zeit
    Berlin (Krisenstab im AA) ● Entscheidung

    Die Krisenstabssitzung beginnt. Geschäftsträger van Thiel ist telefonisch aus Kabul zugeschaltet. Themen sind die Sicherheit der Botschaft, das Ortskräfteverfahren und die Vorbereitung möglicher Charterflüge.

    Originalstelle
    „Zu dem Punkt „Sicherheit der AV, Lageentwicklung“ trug laut Protokoll zunächst für die Deutsche Botschaft Kabul der damalige Geschäftsträger der Deutschen Botschaft Kabul van Thiel vor, gefolgt von den Vertreterinnen und Vertretern des BND“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 539 (Original, neues Fenster)

    Wie andere es sahen
    Dr. Jens Jokisch Leiter Krisenreaktionszentrum, AA

    Jokisch berichtet vor dem UA, dass das Krisenreaktionszentrum den Krisenbeauftragten Ole Diehl in dieser Phase fest in die Sitzungen einband. Diese Funktion war im AA erst im Juli 2021 reaktiviert worden.

    Sitzung 30 (30.03.2023), Stenografisches Protokoll 20/30, S. 61–64
    Heiko Maas Bundesaußenminister a. D.
    „Diese Krisenstabssitzung ist ja von Frau Staatssekretärin Leendertse geleitet worden. Natürlich bin ich darüber unterrichtet worden. Es hat ja auch dazu geführt, dass in den Tagen danach oder am Tag danach Entscheidungen getroffen worden sind, die letztlich zur Evakuierung der Botschaft geführt haben, unabhängig von der Frage, ob man das hätte noch früher entscheiden können oder ob man das hätte besser übermitteln können, sodass es nicht noch Rückfragen gegeben hätte: War das jetzt das Go?“

    Einordnung: Politische Aussage des Ressortministers, nicht operative Augenzeugenschaft: Maas verteidigt Staatssekretärin Leendertse und räumt zugleich indirekt ein, dass die Übermittlung der Beschlüsse Rückfragen aus Kabul nötig machte. Genau dieser Vorgang schlug sich am 15.8., 12:43–13:04, in „HABEN WIR GRÜNES LICHT?!" → „Haben Sie!" nieder.

    Sitzung 95 (28.11.2024), Stenografisches Protokoll 20/95, S. 72
    Krisenstab Bundesregierung · AA · BND · BMVg · BMI · BMZ · Botschaft Kabul (van Thiel zugeschaltet)
    Im selben Moment: ev-003 · ev-005 · ev-054 · ev-055 · ev-056
  9. mittags
    Krisenstab Berlin ● Entscheidung

    Die Krisenstabssitzung beschließt: Anhebung der Krisenstufe auf 3b, „konkreter Einstieg in die Vorbereitung einer möglichen Evakuierung“, Entsendung eines Krisenunterstützungsteams (KUT) und Planung weiterer militärischer Kräfte. Eine sofortige Evakuierung wird noch nicht beschlossen.

    Originalstelle
    „1. Anhebung der Krisenstufe auf 3b 2. Ausdünnung auf Grundlage Vorschlag der Botschaft durch Abt. 1 3. Konkreter Einstieg in die Vorbereitung einer …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
    „1. Anhebung der Krisenstufe auf 3b 2. Ausdünnung auf Grundlage Vorschlag der Botschaft durch Abt. 1 3. Konkreter Einstieg in die Vorbereitung einer möglichen Evakuierung 4. Entsendung eines KUT [Krisenunterstützungsteam] (AA/BMVg) … 5. Planung und Vorbereitung (im Inland) zur möglichen Entsendung weiterer militärischer Kräfte“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 551 (Original, neues Fenster) · Belegkarte

    Wie andere es sahen
    Heiko Maas Bundesaußenminister a. D.
    „Die Einschätzung in der Krisenstabssitzung am 13. August, die der BND gegeben hat, ist falsch gewesen, wie sich im Nachhinein herausgestellt hat. […] Der BND ist auch nicht der Einzige, der fehlerhaft prognostiziert hat zu diesem Zeitpunkt.“

    Einordnung: Maas ordnet im Rückblick die falsche BND-Prognose ein, ohne sie zur alleinigen Ursache der verzögerten Entscheidung zu machen. Politische Selbsteinordnung des Ministers, drei Jahre nach den Ereignissen.

    Sitzung 95 (28.11.2024), Stenografisches Protokoll 20/95, S. 75
    Heiko Maas Bundesaußenminister a. D.
    „Die Einschätzung in der Krisenstabssitzung am 13. August, die der BND gegeben hat, ist falsch gewesen, wie sich im Nachhinein herausgestellt hat. […] Der BND ist auch nicht der Einzige, der fehlerhaft prognostiziert hat zu diesem Zeitpunkt.“

    Einordnung: Maas ordnet im Rückblick die falsche BND-Prognose ein, ohne sie zur alleinigen Ursache der verzögerten Entscheidung zu machen. Politische Selbsteinordnung des Ministers, drei Jahre nach den Ereignissen.

    Sitzung 95 (28.11.2024), Stenografisches Protokoll 20/95, S. 75
    Heiko Maas Bundesaußenminister a. D.
    „Die Einschätzung in der Krisenstabssitzung am 13. August, die der BND gegeben hat, ist falsch gewesen, wie sich im Nachhinein herausgestellt hat. […] Der BND ist auch nicht der Einzige, der fehlerhaft prognostiziert hat zu diesem Zeitpunkt.“

    Einordnung: Maas ordnet im Rückblick die falsche BND-Prognose ein, ohne sie zur alleinigen Ursache der verzögerten Entscheidung zu machen. Politische Selbsteinordnung des Ministers, drei Jahre nach den Ereignissen.

    Sitzung 95 (28.11.2024), Stenografisches Protokoll 20/95, S. 75
    Krisenstab Bundesregierung
  10. nachmittags±
    Kabul (Deutsche Botschaft & BND-Compound 2) ● Evakuierung und Verlegung

    In der Botschaft beginnt die Vernichtung sensiblen Materials: zunächst Schreddern, später Verbrennen in großen Tonnen. T. G. löst in der BND-Residentur die Evakuierungsstufe 1 aus. Die Tonnen brennen den ganzen Freitag und Samstag durchgehend.

    Originalstelle
    „Am 13. August 2021 habe T. G. intern die „Evakuierungsstufe 1“ ausgelöst, was bedeute, dass die Evakuierung vorbereitet und Material vernichtet …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
    „Am 13. August 2021 habe T. G. intern die „Evakuierungsstufe 1“ ausgelöst, was bedeute, dass die Evakuierung vorbereitet und Material vernichtet werde. […] Wir haben aber später große Tonnen gehabt und da diese ganzen Dinge reingeworfen und verbrannt. Und diese Tonnen brannten auch den ganzen Freitag und den ganzen Samstag, also durchgehend.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 534–535 (Original, neues Fenster)

    „Die Tage vorher haben sich ja so dargestellt, dass langfristig die Übergangsphase und Möglichkeiten, wie man nach einem Abzug der Truppen in Afghanistan bleiben kann, den Großteil der Dienstgeschäfte neben dem Tagesdienst ausgemacht haben. … Ab Anfang August wurde die Transitionsphase … immer relevanter, und man hat sich beschäftigt mit den Notfallplänen, die verschiedene Ausprägungsgrade der Lageverschärfung zur Basis hatten und abdecken sollten, also von Verbleib in den jeweiligen Liegenschaften und Weiterarbeiten über den 31.08. und bis hin zu Totalevakuierung aufgrund einer Situation, die einen Verbleib nicht mehr sicherheitlich möglich gemacht hätte – was dann im Nachhinein eingetreten ist.“ — T. G., stellv. Resident des BND in Kabul, Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuss · Wortlaut veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 962
    Jan Hendrik van Thiel · T. G. (BND) · Dr. H. · „Fisch“
  11. nachmittags
    Berlin (Bundestag) ● Information und Kommunikation

    Auf politischer Ebene werden die Obleute der Bundestagsausschüsse für Außen, Verteidigung und Inneres über die Ergebnisse der Krisenstabssitzung unterrichtet.

    Originalstelle
    „Entsprechend der Beschlüsse der Krisenstabssitzung fand am Nachmittag des 13. August 2021 eine Unterrichtung der Obleute des Auswärtigen Ausschusses …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
    „Entsprechend der Beschlüsse der Krisenstabssitzung fand am Nachmittag des 13. August 2021 eine Unterrichtung der Obleute des Auswärtigen Ausschusses, des Verteidigungsausschusses und des Ausschusses für Inneres und Heimat des Deutschen Bundestages, insbesondere über die Ergebnisse der Krisenstabssitzung, statt.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 553 (Original, neues Fenster)

    AA · BMVg · BMI · Obleute
  12. 16:21 deutsche Zeit
    Kabul → Berlin (E-Mail) ● Lageentwicklung

    Van Thiel berichtet per E-Mail über eine Sondersitzung des „Nato Ambassador Caucus“ auf Bitten der US-Botschaft. Vertreter der US-Administration kommunizieren, die Sicherheit der Green Zone werde nur bis zum 31. August aufrechterhalten; bis dahin sollten die deutschen Mitarbeitenden „raus“ sein.

    Originalstelle
    „Unter anderem hätten Vertreter der US-Administration im Rahmen einer „Sondersitzung auf Bitten der US-Botschaft“ des „Nato Ambassador Caucus“ …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
    „Unter anderem hätten Vertreter der US-Administration im Rahmen einer „Sondersitzung auf Bitten der US-Botschaft“ des „Nato Ambassador Caucus“ kommuniziert, dass die Sicherheit der Green Zone lediglich bis zum 31. August 2021 sichergestellt werde und bis dahin die Angebote aus dem Memorandum of Agreement mit den USA, das der Zeuge als „MoU“, Memorandum of Understanding, bezeichnete, umgesetzt würden.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 534 (Original, neues Fenster)

    Jan Hendrik van Thiel
  13. abends±
    Kabul (Deutsche Botschaft) ● Rückblick

    Van Thiel beschreibt seine Stimmung am Abend: „Während der Sitzung war ich ziemlich down, emotional, weil ich mir sagte: Wir sind hier kurz vor ‚Ende Gelände‘, und die haben alle Zeit dieser Welt, und es passiert nichts. … Wir sind auf uns selbst gestellt, wir sind allein.“

    „Wir sind auf uns selbst gestellt, wir sind allein.“ — Jan Hendrik van Thiel

Sa, 14. August 2021

15 Einträge
  1. ganztägig±
    Kabul (Deutsche Botschaft & Compound 2) ● Evakuierung und Verlegung

    Material wird weiter vernichtet. Was nicht mehr in den Schredder passt, wird in großen Tonnen verbrannt; diese Tonnen brennen den ganzen Samstag durchgehend. Die Botschaft wird so gut wie möglich auf die Evakuierung vorbereitet.

    Originalstelle
    „Da haben wir am Anfang noch geschreddert. Wir haben aber später große Tonnen gehabt und da diese ganzen Dinge reingeworfen und verbrannt. Und diese Tonnen brannten auch den ganzen Freitag und den ganzen Samstag, also durchgehend.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 534–535 (Original, neues Fenster)

    Dr. H. · Botschaftspersonal · T. G. (BND)
  2. ganztägig±
    Kabul (Compound 2) ● Entscheidung

    T. G. entscheidet, am Compound 2 zu verbleiben, um das Ortskräfteverfahren administrativ vorzubereiten. Eigentlich war geplant, dass die abgesetzten BND-Teile am 15. August dorthin kommen und am Abend gemeinsam in die Botschaft fahren. Dieser Plan wird durch die Ereignisse überholt.

    „Am 14.08. hat sich gezeigt, dass die Reduzierungsankündigungen und die Reduzierungen der anderen Nationen viel schneller vor sich gehen. … Und ich als Leiter der Außenstelle vor Ort habe noch entschieden, in der dislozierten Außenstelle außerhalb von der deutschen Botschaft zu bleiben, weil wir noch dieses Ortskräfteverfahren für unsere Lokalbeschäftigten – es waren knappe 20 mit Familienangehörigen – administrativ vorbereitet haben, Formulare ausgefüllt, nach Hause übermittelt, um die Lokalbeschäftigten, die für uns bis Ende dort tätig waren, ebenfalls in das Ortskräfteverfahren mit aufnehmen zu können, falls eine Evakuierung kurzfristig notwendig sein sollte.“ — T. G., stellv. Resident des BND in Kabul, Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuss · Wortlaut veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 963
  3. morgens±
    Washington (US State Department) ● Lageentwicklung

    Die deutsche Botschafterin in Washington erhält die erste Information, dass die US-Botschaft Kabul geschlossen und an den Flughafen verlegt werden solle. Sie beginnt, diese Information bei US-Stellen zu verifizieren.

    Originalstelle
    „Die Zeugin Dr. Haber hat in ihrer Vernehmung berichtet, dass sie am Morgen des 14. August 2021 (Ortszeit Washington) die Information erhalten habe …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
    „Die Zeugin Dr. Haber hat in ihrer Vernehmung berichtet, dass sie am Morgen des 14. August 2021 (Ortszeit Washington) die Information erhalten habe, dass die US-amerikanische Botschaft in Kabul geschlossen und an den Flughafen verlegt werden solle. Sie habe daraufhin versucht, diese Information zu verifizieren.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 559 (Original, neues Fenster)

    Dr. Haber (Botschafterin Washington)
  4. mittags ca. 12:00 deutsche Zeit
    Kabul → Berlin (E-Mail) ● Lageentwicklung

    Sicherheitsberater „Fisch“ meldet per E-Mail an Berlin: „Aus zuverlässiger Quelle“ habe er erfahren, dass die US-Botschaft ihr Special-Immigration-Visa-Programm ab sofort einstelle und die US-Botschaft innerhalb der nächsten 72 Stunden verlassen werde.

    Originalstelle
    „[D]ass die US-Botschaft ab sofort ihr Special Immigration Visa (SIV) Programm einstell[en] [werde] und die US-Botschaft innerhalb der nächsten 72 Stunden verlassen werde.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 553 (Original, neues Fenster) · Belegkarte

    „Fisch“
  5. 13:34 deutsche Zeit
    Berlin (AA) ● Entscheidung

    AA-interne Telefonschalte unter Leitung von Staatssekretärin Leendertse. Ergebnis: Die Deutsche Botschaft Kabul soll zum frühestmöglichen Zeitpunkt an den Flughafen verlegen.

    Originalstelle
    „Der Zeuge Dr. Jokisch hat berichtet, dass es am 14. August 2021 um 13.34 Uhr (deutsche Zeit) eine „AA-interne Telefonschalte unter Leitung der …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
    „Der Zeuge Dr. Jokisch hat berichtet, dass es am 14. August 2021 um 13.34 Uhr (deutsche Zeit) eine „AA-interne Telefonschalte unter Leitung der damaligen Staatssekretärin“ Leendertse gegeben habe. Das Ergebnis dieser Besprechung sei gewesen, „dass die Botschaft zum frühestmöglichen Zeitpunkt an den Flughafen verlegen soll[e]“.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 556–557 (Original, neues Fenster)

    Leendertse · Dr. Jokisch · Dr. Diehl
  6. 14:00 ca. Ortszeit Washington
    Washington ● Lageentwicklung

    Nach einer Sitzung im Weißen Haus erfährt Dr. Haber von einer hochrangigen US-Quelle: Der Betrieb der US-Botschaft Kabul werde nur „runtergefahren“, ein Kernbetrieb aufrechterhalten; eine vollständige Verlegung an den Flughafen sei erst zum „Ende des Monats“ vorgesehen.

    Originalstelle
    „Eine Person in einer „relativ hohe[n] Position“ des US-amerikanischen Außenministeriums, dem sog. State Department, habe ihr dazu gegen 14.00 Uhr …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
    „Eine Person in einer „relativ hohe[n] Position“ des US-amerikanischen Außenministeriums, dem sog. State Department, habe ihr dazu gegen 14.00 Uhr (Ortszeit Washington), nach einer Sitzung im Weißen Haus mitgeteilt, dass der Betrieb der US-amerikanischen Botschaft Kabul zwar „runtergefahren“, aber ein „Kernbetrieb“ aufrechterhalten werde.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 559 (Original, neues Fenster)

    Dr. Haber · US State Department
  7. nachmittags±
    Kabul (Deutsche Botschaft) ● Information und Kommunikation

    Der designierte Botschafter Potzel fordert van Thiel und „Fisch“ per Mail auf, in der Botschaft zu bleiben. Die Taliban seien „nicht feindlich gesinnt“; er werde am Montag mit KSK-Soldaten nachkommen. Beide widersprechen: „Fisch“ rät ab, van Thiel hält das für „Spekulation“.

    Originalstelle
    „„Fisch“ hat den Inhalt der E-Mail, die er von Potzel erhalten habe, die sich aber nicht unter den Beweismaterialien befunden hat, wie folgt …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
    „„Fisch“ hat den Inhalt der E-Mail, die er von Potzel erhalten habe, die sich aber nicht unter den Beweismaterialien befunden hat, wie folgt wiedergegeben: [E]r hat mir […] das Szenario beschrieben, dass die Taliban uns nicht feindlich gesinnt sind - das war seine Eingangsmail-, und hat gesagt, dass die Pläne, zum Flughafen zu verlegen, nicht angezeigt sind, weil die Taliban uns nicht feindlich gesinnt sind und wir maximal mit marodierenden Banden zu rechnen hätten bzw. mit organisierter Kriminalität, und dafür würde er mir eine gewisse Anzahl von KSK-Soldaten zur Verfügung stellen.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 555–556 (Original, neues Fenster)

    Wie andere es sahen
    Jan Hendrik van Thiel Geschäftsträger Deutsche Botschaft Kabul
    „Ich zum Beispiel wollte mich am 14. August zum Präsidentenpalast begeben. Zwischen dem Präsidentenpalast und dem Stützpunkt liegt weniger als eine Meile.“

    Einordnung: Untermauert die Lagedarstellung des 14.8.: Die Sicherheits-Distanz zur Taliban-Bewegung hatte sich faktisch auf wenige Hundert Meter reduziert. Van Thiel bestätigt damit indirekt T. G.s Personalreduzierungs-Entscheidung vom Vortag.

    Sitzung 26 (02.03.2023), Stenografisches Protokoll 20/26, S. 40
    Jan Hendrik van Thiel · „Fisch“ · Potzel (designierter Botschafter)
  8. 15:19 deutsche Zeit / 17:49 afgh. Zeit
    Kabul → Berlin (E-Mail) ● Information und Kommunikation

    Van Thiel bittet das AA dringend um Entscheidung über den Verbleib der Botschaft. Er schreibt: „Wir MÜSSEN JETZT FARBE BEKENNEN UND ENTSCHEIDEN. … Wir sind im Szenario der mil. Evakuierung, wäre meine Interpretation. … ZUM Glück macht sich die Botschaft schon seit mehreren Tagen startklar.“

    „MOA/MOU heißt, wir MÜSSEN JETZT FARBE BEKENNEN UND ENTSCHEIDEN.“ — Jan Hendrik van Thiel, 14.08.2021
  9. 17:00 Ortszeit Washington / 23:00 deutsche Zeit
    Washington (Weißes Haus) ● Entscheidung

    Präsident Biden veröffentlicht ein Statement: Er habe die Entsendung von ca. 5.000 US-Soldaten autorisiert, um einen geordneten Abzug von US-Personal und Verbündeten sowie die Evakuierung gefährdeter Afghaninnen und Afghanen sicherzustellen.

    Originalstelle
    „Erstens habe ich auf der Grundlage der Empfehlungen unserer Teams aus dem diplomatischen, militärischen und geheimdienstlichen Bereich den Einsatz …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
    „Erstens habe ich auf der Grundlage der Empfehlungen unserer Teams aus dem diplomatischen, militärischen und geheimdienstlichen Bereich den Einsatz von etwa 5 000 US-Soldaten genehmigt, um einen geordneten und sicheren Abzug des US-Personals und des Personals anderer Verbündeter sowie eine geordnete und sichere Evakuierung der Afghanen sicherzustellen, die unseren Truppen während unserer Mission geholfen haben“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 561 (Original, neues Fenster)

    Joe Biden (US-Präsident)
  10. abends ca. 19:00 deutsche Zeit
    Berlin (AA) ● Entscheidung

    Außenminister Maas gibt die Entscheidung frei, die Botschaft am nächsten Tag zu schließen und an den Flughafen zu evakuieren. Krisenbeauftragter Dr. Diehl bittet Dr. Jokisch, van Thiel anzurufen: „Ruf den van Thiel an, dass es jetzt losgehen kann.“

    Originalstelle
    „Die Entscheidung hat der damalige Außenminister Maas in seiner Vernehmung bestätigt. Dr. Diehl habe daraufhin Dr. Jokisch gebeten, dem …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
    „Die Entscheidung hat der damalige Außenminister Maas in seiner Vernehmung bestätigt. Dr. Diehl habe daraufhin Dr. Jokisch gebeten, dem Geschäftsträger der Deutschen Botschaft Kabul van Thiel mitzuteilen, „dass es jetzt losgehen“ könne: Dann habe ich Herrn Jokisch angerufen und habe gesagt: Jokisch, Jens, ruf den van Thiel an, dass es jetzt losgehen kann.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 557 (Original, neues Fenster)

    Heiko Maas · Dr. Diehl · Dr. Jokisch
  11. abends±
    Kabul (Deutsche Botschaft) ● Information und Kommunikation

    Dr. Jokisch ruft van Thiel an. Die Botschaft solle an den Flughafen verlegen, allerdings unter der Bedingung, dort „voll arbeitsfähig“ zu bleiben. Van Thiel reagiert sarkastisch: Container, in die man umziehen solle, habe man am Flughafen gar nicht.

    „Wir haben beschlossen, dass, wenn ihr alle voll arbeitsfähig am Flughafen sein könnt, dann alle in die dort bereitstehenden Container umziehen können.“ — Dr. Jokisch, sinngemäß laut van Thiel
    Dr. Jokisch · Jan Hendrik van Thiel Quelle: Drs. 20/14700, S. 557–558 (Original, neues Fenster)
  12. abends±
    Kabul (Präsidentenpalast) ● Information und Kommunikation

    Präsident Ghani hat am Abend noch eine Besprechung mit US-Vertretern. Ihm wird zugesagt, dass die USA Afghanistan weiter unterstützen würden. Auch der deutschen Botschafterin in Washington wird noch versichert, dass es keine Räumung der US-Botschaft geben werde.

    Originalstelle
    „Der Zeuge O. W., Sachgebietsleiter im BND, hat in seiner Vernehmung ausgesagt, dass dem afghanischen Präsidenten Dr. Ghani noch am Abend des 14. …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
    „Der Zeuge O. W., Sachgebietsleiter im BND, hat in seiner Vernehmung ausgesagt, dass dem afghanischen Präsidenten Dr. Ghani noch am Abend des 14. August 2021 in einer „Besprechung mit den USA“ zugesagt worden sei, „dass die USA Afghanistan weiter unterstützen“ würden.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 517, 562 (Original, neues Fenster)

    Aschraf Ghani (afgh. Präsident) · US-Repräsentanten
  13. abends±
    Kabul (BND-Außenstelle) ● Lageentwicklung

    Am Samstagabend kommt es zu einer kurzen Lageverschärfung: Andeutungen, dass Taliban-Vorhuten in die Vororte Kabuls eingedrungen sein könnten. T. G. ordnet eine Abmarschbereitschaft an und lässt parallel eine Lageverdichtung durchführen. Die afghanischen Sicherheitskräfte versichern, es bestünden „keinerlei Bedenken“, dass Kabul angegriffen werde; das Scharmützel sei nur eine kleine Vorhut am südlichen Stadtrand. T. G. bleibt mit seinem Personal in der dislozierten Außenstelle, um IT-Kapazitäten weiter zu nutzen.

    „Am Samstagabend, dem 14.08., gab es noch mal eine kurze Lageverschärfung. Es gab Andeutungen, dass Taliban, die eigentlich um Kabul schon standen, in die Vororte der Stadt eingedrungen sein könnten. Ich habe … befohlen, noch mal eine Abmarschbereitschaft herzustellen, und in der Zeit, die es gedauert hat, noch mal eine Lageverdichtung durchführen lassen … Und es hat ergeben, dass es nur ein kleineres Scharmützel einer angeblichen Vorhut sein sollte, die am ganz südlichen Rand Kabuls aufgetreten ist. Die afghanischen Sicherheitskräfte haben gesagt, es würden keinerlei Bedenken ihrer Seite bestehen, dass Kabul angegriffen werden könnte oder in Gefahr wäre.“ — T. G., stellv. Resident des BND in Kabul, Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuss (Protokoll 20/60 II, S. 5, nichtöffentlich) · Wortlaut veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 963
  14. 20:52 deutsche Zeit
    Berlin (E-Mail) ● Lageentwicklung

    Dr. Jokisch berichtet per Mail von einem Telefonat mit van Thiel: „Weitere allerjüngste Lageverschärfung: USA haben ihre Botschaft bereits — jetzt — geschlossen. GZ damit nicht mehr gesichert. Petitum der Botschaft für schnellstmögliche Evakuierung.“

    Originalstelle
    „Um 20.52 Uhr (deutsche Zeit) berichtete der Zeuge Dr. Jokisch, unter anderem der damaligen Staatssekretärin Leendertse und dem damaligen …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
    „Um 20.52 Uhr (deutsche Zeit) berichtete der Zeuge Dr. Jokisch, unter anderem der damaligen Staatssekretärin Leendertse und dem damaligen Staatssekretär Berger sowie dem Leiter des Länderreferates Afghanistan und Pakistan Krüger und dem damaligen Krisenbeauftragten Dr. Diehl aus einem Telefonat mit dem Zeugen van Thiel in Kabul, insbesondere das Folgende: Weitere allerjüngste Lageverschärfung: USA haben ihre Botschaft bereits – jetzt – geschlossen. GZ [Green Zone] damit nicht mehr gesichert. Petitum der Botschaft für schnellstmögliche Evakuierung.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 560 (Original, neues Fenster)

    Dr. Jokisch · Leendertse · Berger · Krüger · Dr. Diehl
  15. 21:16 deutsche Zeit
    Berlin (E-Mail) ● Information und Kommunikation

    Staatssekretär Berger antwortet widersprüchlich: „Im Moment geht einiges durcheinander. Wir haben klare Rückmeldung aus Washington, dass USA weiterhin die Sicherung der Green Zone übernehmen.“ Die Lagebilder aus Kabul und Washington widersprechen sich.

    Originalstelle
    „Im Moment geht einiges durcheinander.[…]. Wir haben klare Rückmeldung aus Washington dass USA weiterhin die Sicherung der Green Zone übernehmen.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 560 (Original, neues Fenster) · Belegkarte

    Berger (AA-Staatssekretär)

So, 15. August 2021

33 Einträge
  1. ganztägig±
    Kabul (Stadt) ● Lageentwicklung

    Im Laufe des Tages lösen sich die afghanischen Sicherheitskräfte praktisch auf. T. G. später vor dem Ausschuss: Es war keine militärische Übernahme, „die Taliban sind in die Stadt eingerückt, nachdem die afghanischen Sicherheitskräfte implodiert sind, sich aufgelöst haben“.

    Originalstelle
    „Und bis zum Schluss haben die Taliban Kabul nicht militärisch eingenommen […], sondern die Taliban sind in die Stadt eingerückt, nachdem die afghanischen Sicherheitskräfte implodiert sind, sich aufgelöst haben.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 571 (Original, neues Fenster)

    Taliban · afgh. Sicherheitskräfte
  2. ganztägig
    Kabul (KfW-Büro) ● Lageentwicklung

    Die KfW-Ortskraft ist mit dem Team im Büro der KfW in Kabul, das sicherheitskritische Dokumente birgt. Sie erlebt den Fall der Stadt vom Büro aus.

    „Zu unserem Bedauern ist dann Kabul gefallen. Das war am 15. August. […] Wir hatten etliche Dokumente.“ — Ortskraft der KfW
    Ortskraft der KfW · KfW-Team
  3. 05:30 ca. afgh. Zeit
    Kabul (Stadt → Flughafen) ● Evakuierung und Verlegung

    Ein BND-Team unternimmt eine Fahrt zum Flughafen Kabul, um die am 13. August beschlossene Personalreduzierung umzusetzen. Die Stadt ist ruhig, das Straßenbild „normal“, das Aufkommen am Flughafen nur „etwas höher als normal“.

    „Am 15.08. haben wir früh um halb sechs circa die auszufliegenden Personen an den Flughafen gefahren mit eigenem Personal. Die Lage in der Stadt war ruhig, das Straßenbild war normal, das Aufkommen am Flughafen war etwas höher als normal. Die Abfertigung der Personen hat noch mit etwas Verzögerung, aber gut funktioniert. Die Rückfahrt war circa 6.30 Uhr. … Es war noch keine Veränderung zu den Tagen vorher in Kabul auf der Strecke zwischen Flughafen und unserer Außenstelle sichtbar.“ — T. G., stellv. Resident des BND in Kabul, Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuss · Wortlaut veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 963
    T. G. (BND) · BND-Mitarbeitende Quelle: Drs. 20/14700, S. 563 (Original, neues Fenster)
    Im selben Moment: ev-029 · ev-fdp-002
  4. morgens±
    Kabul (Stadt) ● Lageentwicklung

    T. G. hat am 15. August noch Kontakt mit dem afghanischen Nachrichtendienst, der zusichert: „Kabul ist mindestens noch 48 Stunden sicher.“ T. G. später: „Weniger als zwei Stunden später war keiner von denen mehr da.“

    „Kabul ist mindestens noch 48 Stunden sicher. … Und weniger als zwei Stunden später war keiner von denen mehr da.“ — T. G., BND
    „Unsere Informationszugänge haben auf direkte Nachfrage, also vonseiten der afghanischen Sicherheitskräfte, noch mal betont, sie gehen davon aus, dass Kabul mindestens 48 Stunden noch sicher wäre. Sie hatten Informationen, dass in der Nacht vom 15. auf den 16. ein großes Gefängnis in Kabul von den Taliban angegriffen werden sollte. … Und da saßen zwischen 7 000 und 10 000 Gefangene – wurde geschätzt –, mit einem hohen Anteil an den Taliban möglicherweise zugehörigen oder wahrscheinlich zugehörigen Personen.“ — T. G., stellv. Resident des BND in Kabul, Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuss · Wortlaut veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 964
    T. G. (BND) · afgh. Nachrichtendienst Quelle: Drs. 20/14700, S. 516 (Original, neues Fenster)
  5. 10:00 ca. afgh. Zeit
    Green Zone Kabul ● Lageentwicklung

    Es zeigt sich an einer reduzierten Bewachung der Green Zone, dass die Verlegung der britischen und US-amerikanischen Kräfte schneller geht als angekündigt. Das sogenannte „November Gate“ ist nicht mehr befahrbar; nur das „Whiskey Gate“ ist noch nutzbar.

    Originalstelle
    „„[G]ewisse Zugänge“, die von den Mitarbeitenden der Residentur regelmäßig auf dem Weg von der „Außenstelle“ zur Liegenschaft der Deutschen Botschaft …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
    „„[G]ewisse Zugänge“, die von den Mitarbeitenden der Residentur regelmäßig auf dem Weg von der „Außenstelle“ zur Liegenschaft der Deutschen Botschaft Kabul in der Green Zone genutzt worden seien und deren Bewachung durch Großbritannien, das der Zeuge als die andere große „Rahmennation“ bezeichnete, „bezahlt“ worden sei, seien zu diesem Zeitpunkt „nicht mehr bewacht“ worden. Das sog. „November Gate“ sei zu diesem Zeitpunkt nicht mehr befahrbar gewesen. „Ein Zugang zur Deutschen Botschaft“ Kabul, das sog. „Whiskey Gate“ sei indes noch benutzbar gewesen.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 563 (Original, neues Fenster)

    „Gegen 10 Uhr, also im Laufe des Vormittags, wurde klar, dass die Rahmennation schneller evakuiert. 3 500 Personen sollten früher evakuiert werden, und ein kleinerer Restanteil sollte übrig bleiben. Die andere Nation hatte schon in der Nacht auf den 15. evakuiert und nicht eben zum Ende des 15. hin. Wir haben dann noch an die afghanischen Sicherheitskräfte Ausbildungsmaterial übergeben, weil sich die Lage langsam so entwickelt hat, dass wir davon ausgegangen sind, dass es also nur noch Tage dauern könnte – als Wochen –, bis man zumindest in die Botschaft zurückkehren muss oder sich da an einem Ort konzentrieren muss oder möglicherweise sogar bis zum Flughafen ausweichen muss.“ — T. G., stellv. Resident des BND in Kabul, Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuss · Wortlaut veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 963
    T. G. (BND) · BND-Mitarbeitende
  6. vormittags±
    Green Zone Kabul ● Lageentwicklung

    Es wird bekannt, dass Großbritannien seine Botschaft bereits in der Nacht auf den 15. August evakuiert hat. Zugleich beginnen die USA, ihre Evakuierung deutlich zu beschleunigen, entgegen der vorherigen Kommunikation gegenüber Berlin.

    Originalstelle
    „Gegen 10.00 Uhr (afghanische Zeit) sei klar gewesen, dass Großbritannien bereits in der Nacht auf den 15. August 2021 evakuiert habe. Zugleich habe sich auch gezeigt, dass auch die USA „schneller evakuier[ten]“.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 563 (Original, neues Fenster)

    Großbritannien (Botschaft) · USA
  7. vormittags
    Kabul (Deutsche Botschaft) ● Lageentwicklung

    Sicherheitsberater „Fisch“ wird per WhatsApp informiert, dass die Sicherung der Green Zone zum Nachmittag eingestellt werde und sich das Zeitfenster zum Verbleib der US-Botschaft drastisch verringere.

    Originalstelle
    „Am Morgen des 15. August 2021 habe der Sicherheitsberater „Fisch“ durch eine Whatsapp-Nachricht erfahren, dass die Sicherung der Green Zone zum …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
    „Am Morgen des 15. August 2021 habe der Sicherheitsberater „Fisch“ durch eine Whatsapp-Nachricht erfahren, dass die Sicherung der Green Zone zum Nachmittag des gleichen Tages eingestellt werde. Zudem sei er in dieser Nachricht darüber informiert worden, dass sich das „Zeitfenster zum Verbleib der amerikanischen Botschaft“ verringere.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 563 (Original, neues Fenster)

    „Fisch“
  8. vormittags±
    Kabul (Deutsche Botschaft) ● Information und Kommunikation

    Der US-amerikanische Counterpart ruft „Fisch“ an: Die US-Botschaft werde „schneller als gedacht“ evakuiert, der letzte Flug gehe am selben Tag gegen 16:00 oder 17:00 Uhr. Auf die Bitte um Support für 80 Personen antwortet er knapp: „Come now or never.“

    „Come now or never.“ — US-Sicherheitsberater an „Fisch“
    „Fisch“ · US-Sicherheitsberater Quelle: Drs. 20/14700, S. 564 (Original, neues Fenster)
  9. vormittags±
    Kabul (Deutsche Botschaft) ● Evakuierung und Verlegung

    „Fisch“ ordnet über Funkgerät die sofortige Abmarschbereitschaft an: Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter darf maximal 8 kg Gepäck mitnehmen. Die durchnummerierten Fahrzeuge stehen bereit; die Maßnahme war vorbereitet.

    Originalstelle
    „Und dann habe ich ihm gesagt: „Das habe ich verstanden“, habe aufgelegt und habe dann über das Funkgerät, was jeder Mitarbeiter der deutschen …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
    „Und dann habe ich ihm gesagt: „Das habe ich verstanden“, habe aufgelegt und habe dann über das Funkgerät, was jeder Mitarbeiter der deutschen Botschaft dort mit sich führt, mitgeteilt, dass die sofortige Abmarschbereitschaft herzustellen ist mit einem 8-Kilogramm-Gepäckstück und zu den Fahrzeugen zu gelangen ist […] Die Fahrzeuge waren durchnummeriert und alles, und jeder wusste, wo er sich hinzusetzen hatte; das war schon alles bekannt.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 564 (Original, neues Fenster)

    „Fisch“ · Botschaftspersonal
  10. vormittags±
    Kabul (Präsidentenpalast) ● Lageentwicklung

    Laut Presseberichten verlässt Präsident Ghani gegen Mittag den Präsidentenpalast per Hubschrauber und flieht aus Afghanistan. Damit ist der fünfte Kipppunkt des BND-Lagebilds erreicht.

    Originalstelle
    „Präsident Dr. Ghani habe laut Presseberichterstattung am 15. August 2021 gegen Mittag den Präsidentenpalast in Kabul per Hubschrauber verlassen.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 570–571 (Original, neues Fenster)

    Aschraf Ghani
  11. vormittags±
    Kabul (Umland) ● Lageentwicklung

    Die Taliban umzingeln Kabul; der vierte Kipppunkt ist erreicht. Nach der Flucht Ghanis verlassen afghanische Sicherheitskräfte ihre Posten. Ex-Präsident Karzai bittet die Taliban, in die Stadt vorzudringen, um Chaos und Plünderungen zu verhindern.

    Originalstelle
    „Nach der Flucht Dr. Ghanis hätten die afghanischen Sicherheitskräfte laut Presseberichterstattung ihre Posten innerhalb Kabuls verlassen. Um die …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
    „Nach der Flucht Dr. Ghanis hätten die afghanischen Sicherheitskräfte laut Presseberichterstattung ihre Posten innerhalb Kabuls verlassen. Um die Bevölkerung vor Chaos durch Plünderungen zu schützen, habe der ehemalige Präsident Karzai die Taliban gebeten, in die Stadt vorzudringen.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 571 (Original, neues Fenster)

    Taliban · Hamid Karzai (Ex-Präsident)
  12. vormittags±
    Kabul (Deutsche Botschaft) ● Lageentwicklung

    Van Thiel berichtet in der internen Lageeinschätzung, dass die Durchhaltefähigkeit der Botschaft akut von den Intentionen der Taliban und Al-Qaida abhängt.

    „unsere Durchhaltefähigkeit hängt an seidenem Faden, abhängig von Intentionen von TLB [Taliban], AL Qaida“ — Jan Hendrik van Thiel
    Jan Hendrik van Thiel
  13. vormittags±
    Berlin (BMI) ● Entscheidung

    Das Bundesministerium des Innern informiert die Bundespolizei, dass ab dem 16. August die Ortskräfte-Evakuierung beginnt. Die Bundespolizei wird angewiesen, sich auf Ausnahmevisa und Verzicht auf Passpflicht einzustellen.

    „Bundespolizei soll sich auf die Erteilung von Ausnahmevisa sowie die Gewährung von Ausnahmen von der Passpflicht einstellen.“
    BMI · Bundespolizei
  14. 10:58 afgh. Zeit
    Green Zone Kabul ● Lageentwicklung

    Ein BND-Team in der Residentur erhält einen Anruf: Die Green Zone wird nicht mehr durch US-Kräfte abgesichert; die Sicherungstechnik wird demontiert. Der zweite der vom BND benannten Kipppunkte ist eingetreten.

    Originalstelle
    „Hierbei sei kommuniziert worden, dass die Green Zone nicht mehr durch US-Kräfte abgesichert werde.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 570 (Original, neues Fenster)

    BND-Residentur · US-Kräfte
  15. 11:00 ca. afgh. Zeit
    Compound 2 (BND) / Kabul ● Entscheidung

    T. G. erkennt, dass die Lage kippen kann. Die BND-Ortskräfte werden nach Hause geschickt. Sie sind später nicht Teil des Evakuierungskonvois und werden angewiesen, sich in ihren Örtlichkeiten verborgen aufzuhalten.

    Originalstelle
    „Die Ortskräfte seien daraufhin nach Hause geschickt worden, sodass sie im Ergebnis nicht Teil des Evakuierungskonvois zur Liegenschaft der Deutschen …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
    „Die Ortskräfte seien daraufhin nach Hause geschickt worden, sodass sie im Ergebnis nicht Teil des Evakuierungskonvois zur Liegenschaft der Deutschen Botschaft Kabul in der Green Zone gewesen seien. […] Die Ortskräfte seien angewiesen worden, sich in „ihren Örtlichkeiten verborgen auf[zu]halten“.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 568 (Original, neues Fenster)

    T. G. (BND) · BND-Ortskräfte
  16. 11:00 ca. afgh. Zeit
    Kabul (Residentur) ● Information und Kommunikation

    Folgeanruf bei der BND-Residentur: Es ergeht die „dringende Empfehlung“, die sofortige Evakuierung des deutschen Botschafts- und BND-Personals zu veranlassen und alle Personen an den Flughafen Kabul zu verlegen.

    Originalstelle
    „Dem Zeitstrahl zu Folge sei in einem Folgeanruf bei der Residentur in Kabul sodann um 11 Uhr die „dringende Empfehlung“ ausgesprochen worden, die …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
    „Dem Zeitstrahl zu Folge sei in einem Folgeanruf bei der Residentur in Kabul sodann um 11 Uhr die „dringende Empfehlung“ ausgesprochen worden, die sofortige Evakuierung des deutschen Botschafts- und BND-Personals zu veranlassen sowie alle Personen an den Kabuler Flughafen zu verlegen.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 570 (Original, neues Fenster)

    Wie andere es sahen
    Jan Hendrik van Thiel Geschäftsträger Deutsche Botschaft Kabul
    „unsere Durchhaltefähigkeit hängt an seidenem Faden, abhängig von Intentionen von TLB [Taliban], AL Qaida.“

    Einordnung: Van Thiel formuliert intern, was Stunden später öffentlich wird: Die Botschaft hängt an einem Faden, dessen Reißen die Taliban allein entscheiden.

    Protokoll 20/32, 32. Sitzung (20.04.2023), S. 34
    Ortskraft der KfW Ortskraft der KfW
    „Zu unserem Bedauern ist dann Kabul gefallen. […] Wir hatten etliche Dokumente.“

    Einordnung: Aus dem KfW-Büro derselben Stunden. Auch diese deutsche Mission wird mit sicherheitskritischen Unterlagen vom Kollaps überrascht.

    Protokoll 20/18, 18. Sitzung (15.12.2023), S. 16
    BND-Residentur
  17. 12:00 ca. afgh. Zeit
    Kabul (Flughafen) ● Lageentwicklung

    Es wird gemeldet, dass die USA ihre Evakuierung aus der Green Zone beendet hätten. T. G. ist überrascht: 3.500 Personen seien in kurzer Zeit an den Flughafen gebracht worden, entgegen der vorherigen Kommunikation, sie würden arbeitsfähig verlegt.

    „Um 12 Uhr hieß es, die große Rahmennation ist mit ihrer Evakuierung fertig. Das war für uns überraschend, weil 3 500 Personen innerhalb kurzer Zeit an den Flughafen zu bringen – am Anfang hieß es noch, die sollen auch arbeitsfähig verlegt werden – – Hat uns durchaus überrascht, dass solche Kapazitäten vorhanden waren und dass man so eine Eile an den Tag gelegt hat, obwohl man das vorher anders kommuniziert hat.“ — T. G., stellv. Resident des BND in Kabul, Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuss · Wortlaut veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 963–964
  18. 12:15 afgh. Zeit
    Compound 2 (BND-Außenstelle) ● Evakuierung und Verlegung

    „Fisch“ ruft T. G. an: Es sei „jetzt, sofort“ zu evakuieren. „Wenn ihr in 30 Minuten nicht da seid, dann müssen wir ohne euch abrücken.“ T. G. leitet den letzten Schritt der Evakuierung der Residentur ein. In 20 Minuten ist alles erledigt.

    „Wenn ihr in 30 Minuten nicht da seid, dann müssen wir ohne euch abrücken.“ — „Fisch“ an T. G.
    „Um 12.15 Uhr rief der Sicherheitsberater der deutschen Botschaft an und kommunizierte, dass jetzt, sofort, zu evakuieren ist, dass die Nation, die uns bei der Evakuierung unterstützt, die Evakuierung ausgelöst hat. Ich habe dann noch mal nachgefragt, was „jetzt“ heißt, oder „sofort“. „Sofort“ hieß dann: sofort. Das war also die Antwort. Und es wurde noch hinterhergeschoben: Wenn ihr in 30 Minuten nicht da seid, dann müssen wir ohne euch abrücken.“ — T. G., stellv. Resident des BND in Kabul, Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuss · Wortlaut veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 964
    „Fisch“ · T. G. (BND) Quelle: Drs. 20/14700, S. 566 (Original, neues Fenster)
  19. 12:43 afgh. Zeit / 10:13 deutsche Zeit
    Kabul → Berlin (E-Mail) ● Information und Kommunikation

    Van Thiel sendet eine knappe E-Mail an Berlin: „US Botschaft fordert zur sofortigen Verlegung zum alten HQ RS auf. Wir machen uns abmarschbereit! HABEN WIR GRÜNES LICHT?!“ Er will sich rückversichern, nicht „weisungswidrig“ zu handeln.

    „HABEN WIR GRÜNES LICHT?!“ — Jan Hendrik van Thiel
    Im selben Moment: ev-039 · ev-040 · ev-fdp-003
  20. 12:45 ca. afgh. Zeit
    Kabul (Compound 2 → Deutsche Botschaft) ● Evakuierung und Verlegung

    Die BND-Mitarbeitenden brechen mit sechs Fahrzeugen vom Compound 2 zur Deutschen Botschaft in der Green Zone auf. T. G. beschreibt es später: „Es hat eher einer Flucht geglichen als einer kontrollierten Evakuierung.“ Ein Mitarbeitender bleibt im Verkehr stecken.

    „Es hat eher einer Flucht geglichen als einer kontrollierten Evakuierung.“ — T. G., BND
    „Wir haben dann den letzten Schritt der Evakuierung, der relativ gut vorbereitet war, noch in 20 Minuten abgeschlossen, haben also noch alle Dinge, die sicherheitlich relevant waren, in Kfz verladen und sind dann mit sechs Kfz von der Außenstelle zur Botschaft gefahren. Um ehrlich zu sein: Es hat eher einer Flucht geglichen als einer kontrollierten Evakuierung. 20 Minuten waren nicht lange, um noch die letzten Sachen da einzuladen und die Computersysteme, die wir noch laufen hatten, in reduzierter Art herunterzufahren. In der Nähe hat man Schusslärm gehört und Explosionen.“ — T. G., stellv. Resident des BND in Kabul, Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuss · Wortlaut veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 964
    T. G. (BND) · BND-Mitarbeitende Quelle: Drs. 20/14700, S. 566–567 (Original, neues Fenster)
  21. 12:50 ca. afgh. Zeit
    Kabul (Deutsche Botschaft) ● Evakuierung und Verlegung

    Die BND-Mitarbeitenden treffen an der Deutschen Botschaft ein. „Fisch“ weist sie an, sich auf einen Fahrzeugkonvoi zum ehemaligen Hauptquartier Resolute Support (RS) vorzubereiten, von wo die Hubschrauber starten sollen.

    „Wir haben dann an der Botschaft Kontakt mit dem Sicherheitsberater aufgenommen, der gesagt hat, wir sollen uns vorbereiten, um in einen Fahrzeugkonvoi der Botschaft aufgenommen zu werden und dann ans ehemalige RS HQ zu verlegen, das Hauptquartier der militärischen Kräfte, von wo aus die USA mit Helikopterverkehr, Shuttleverkehr zum Flughafen – – gemacht hat. 13.30 Uhr war Abfahrt.“ — T. G., stellv. Resident des BND in Kabul, Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuss · Wortlaut veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 964
    T. G. (BND) · „Fisch“ Quelle: Drs. 20/14700, S. 567 (Original, neues Fenster)
  22. 13:04 afgh. Zeit / 10:34 deutsche Zeit
    Berlin (AA, Krisenreaktionszentrum) ● Entscheidung

    Berlin sendet die Antwort: „Haben Sie!“ Damit gibt es grünes Licht für die Evakuierung. Dr. Jokisch sitzt zu diesem Zeitpunkt mit Staatssekretärin Leendertse in deren Büro auf dem Sofa, als der Anruf van Thiels eingeht.

    Originalstelle
    „Wir machen uns abmarschbereit! HABEN WIR GRÜNES LICHT?! Um 13.05 Uhr (afghanische Zeit) erhielt er darauf die Antwort aus dem Krisenreaktionszentrum: Haben Sie! Mit freundlichen Grüßen Informationsmanager/‐in“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 565 (Original, neues Fenster)

    „Haben Sie!“ — Informationsmanager/-in, Krisenreaktionszentrum AA
    Wie andere es sahen
    Dr. Jens Jokisch Leiter Krisenreaktionszentrum, AA
    „Die Entscheidung fiel am 15. August, am 15. August in einer von Bundesminister Maas geleiteten Sitzung, bei der auch die Bundesverteidigungsministerin zugeschaltet war.“

    Einordnung: Jokisch belegt, dass die Entscheidung zur sofortigen Verlegung (und auch die spätere zur Mitnahme von Ortskräften) politisch in einer Sondersitzung unter Leitung von Außenminister Maas mit zugeschalteter Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer am 15. August getroffen wurde. Das macht die rund 20 Minuten zwischen van Thiels „Grünes Licht?!" und Berlins „Haben Sie!" politisch nachvollziehbar. Sie deckten den Weg durch die Berliner Entscheidungsstruktur ab.

    Sitzung 30 (30.03.2023), Stenografisches Protokoll 20/30, S. 109
    Krisenreaktionszentrum AA · Leendertse · Dr. Jokisch
    Im selben Moment: ev-036 · ev-040 · ev-042
  23. 13:05 afgh. Zeit
    Kabul (Deutsche Botschaft) ● Evakuierung und Verlegung

    Nach der Freigabe lässt van Thiel die IT der Botschaft zerstören: Festplatten werden mit dem Hammer physisch zerschlagen. Eine letzte E-Mail an Berlin meldet: Botschaft sei nur noch per Telefon erreichbar. „Schönen Sonntag noch; Ende Gelände.“

    „Schönen Sonntag noch; Ende Gelände.“ — Jan Hendrik van Thiel
    Jan Hendrik van Thiel · IT-Personal Quelle: Drs. 20/14700, S. 566 (Original, neues Fenster)
  24. 13:30 afgh. Zeit
    Kabul (Botschaft → Hauptquartier RS) ● Evakuierung und Verlegung

    Der Fahrzeugkonvoi verlässt die Deutsche Botschaft. „Fisch“ berichtet: Außer dem Konvoi sei „kein anderes Fahrzeug mehr auf der Straße in der Green Zone“ gewesen. Die Fahrt zum Hauptquartier RS dauert etwa zehn Minuten.

    „13.30 Uhr ging es an das RS HQ, und dort wurde endgültig klar, dass also kein Fahrzeugkonvoi an den Flughafen fährt, sondern dass wir per Helikopter an den Flughafen geshuttelt werden und wir Teile unseres Materials in den Fahrzeugen zurücklassen müssen. Das Hauptquartier war sichtbar, das wir beim Einfahren – – Da waren Pioniere der anderen Nation daran, alles zu verkabeln und mit Sprengstoff zu versehen, um zurückgelassenes Material zerstören zu können.“ — T. G., stellv. Resident des BND in Kabul, Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuss · Wortlaut veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 964–965
    Botschaftspersonal · BND-Mitarbeitende · „Fisch“ Quelle: Drs. 20/14700, S. 567 (Original, neues Fenster)
  25. 13:40 ca. afgh. Zeit
    Kabul (Hauptquartier RS) ● Information und Kommunikation

    Kurz bevor der Konvoi beim Hauptquartier RS einbiegt, klingelt van Thiels Telefon: Staatssekretärin Leendertse ist dran, „total freundlich“. Die Entscheidung steht offiziell.

    Originalstelle
    „Kurz bevor wir einbogen, klingelte auf einmal mein Telefon. Da hatte ich Staatssekretärin Leendertse dran. Und die war dann total freundlich.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 567 (Original, neues Fenster)

    Leendertse · Jan Hendrik van Thiel
  26. nachmittags ca. 14:00 afgh. Zeit
    Kabul (Hauptquartier RS → Flughafen) ● Evakuierung und Verlegung

    Die Mitarbeitenden der Deutschen Botschaft Kabul und der Residentur werden mit US-amerikanischen Hubschraubern vom Hauptquartier RS an den militärischen Teil des Flughafens Kabul ausgeflogen. Sensibles Material wird, soweit möglich, an die US-Pioniere zur Zerstörung übergeben.

    Originalstelle
    „• OKV [Ortskräfteverfahren] und Charterflüge zur Abholung der LBs [Lokalbeschäftigte] sind politisch-medial sehr aufgeladen – Evakuierung/Schließung der Botschaft vor Durchführung von OKV-Chartern wäre politisch nicht auszuhalten.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 508–509, 567 (Original, neues Fenster) · Belegkarte

    „Und circa eine Stunde später – genaue Uhrzeit ist mir nicht mehr bekannt – ging es dann los und wurde mit Helikopter an den Flughafen verlegt. Wir haben mehr Material als die 10 Kilo mitgenommen. Es gab noch ein paar sicherheitlich relevante Dinge, die wir noch in der Hand oder in Rucksäcken transportiert haben und mit an den Flughafen genommen haben, in der Hoffnung, dass es vor dem Hubschrauber nicht gewogen wird, was nicht der Fall war.“ — T. G., stellv. Resident des BND in Kabul, Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuss · Wortlaut veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 965
    Wie andere es sahen
    Dr. Jens Jokisch Leiter Krisenreaktionszentrum, AA
    „Hubschraubertransport mit den Amerikanern ist ja auch der, der dann zum Tragen gekommen ist am 15. August.“

    Einordnung: Aus Berliner Sicht bestätigt Jokisch, dass am Ende nur die US-Hubschrauber-Option griff, weder eine deutsche Charter-Option noch eine eigene militärische. Die in den Krisenstabssitzungen seit 13.8. parallel verfolgten Pfade waren letztlich nicht selbsttragend.

    Sitzung 30 (30.03.2023), Stenografisches Protokoll 20/30, S. 72
    Botschaftspersonal · BND-Mitarbeitende · USA (Hubschrauber)
  27. nachmittags±
    Berlin (Krisenstab im AA) ● Entscheidung

    Die zweite Krisenstabssitzung tagt unter gemeinsamer Leitung von Außenminister Maas und Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer. Maas erläutert die Lage und weist explizit auf die Flucht Ghanis hin. Maas zu van Thiel: „Super, dass sie da rausgegangen sind, super, dass Sie da alle heil rausgekommen sind.“

    „Super, dass sie da rausgegangen sind, super, dass Sie da alle heil rausgekommen sind.“ — Heiko Maas
    Wie andere es sahen
    Dr. Jens Jokisch Leiter Krisenreaktionszentrum, AA
    „Diese Entscheidung wurde eben getroffen am 15. August. […] Das war eine völlig neue Situation am 15. August.“

    Einordnung: Jokischs Wortwahl „völlig neue Situation" markiert, dass am 15.8. nachmittags die Eskalation der Beschlusslage stattfand: Ortskräfte-Mitnahme, militärische Evakuierung, Verlegung der Botschaft. Maas war nach UA-Protokollen nicht selbst als Zeuge geladen — die Sicht der politischen Leitung ist damit in den Berichten nur indirekt belegt.

    Sitzung 30 (30.03.2023), Stenografisches Protokoll 20/30, S. 100
    Heiko Maas · Annegret Kramp-Karrenbauer · Krisenstab Bundesregierung Quelle: Drs. 20/14700, S. 572 (Original, neues Fenster)
    Im selben Moment: ev-043 · ev-fdp-003 · ev-fdp-004 · ev-prot-008
  28. nachmittags±
    Berlin (Krisenstab) ● Entscheidung

    Der Krisenstab beschließt, „aufgrund der Dringlichkeit der Lageentwicklung in Afghanistan unverzüglich eine militärische Evakuierungsoperation zu beginnen“. Wegen Gefahr in Verzug erfolgt der Beschluss ohne vorherige Zustimmung des Bundestages; ein Mandatstext soll spätestens am 18. August dem Parlament zugeleitet werden.

    Originalstelle
    „Im Krisenstab wurde entschieden, aufgrund der Dringlichkeit der Lageentwicklung in Afghanistan unverzüglich eine militärische Evakuierungsoperation …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
    „Im Krisenstab wurde entschieden, aufgrund der Dringlichkeit der Lageentwicklung in Afghanistan unverzüglich eine militärische Evakuierungsoperation zu beginnen. Wegen Gefahr in Verzug ist es im vorliegenden Fall der Bundesregierung nicht möglich, die Zustimmung des Bundestages zu diesem Einsatz vor Beginn einzuholen.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 572 (Original, neues Fenster) · Belegkarte

    Krisenstab Bundesregierung
  29. nachmittags±
    Kabul (Flughafen) ● Lageentwicklung

    Nach Ankunft am Flughafen kommt es zu Beschuss und Bunkeralarm. Das Team muss in ein gesichertes Gebäude einrücken; Teile des Gepäcks bleiben draußen. T. G. und zwei Mitarbeiter holen unter unklarem Beschuss das sicherheitsrelevante Gepäck vom Vorfeld zurück. Nach zwei Stunden ist der Bunkeralarm aufgehoben.

    „Es gab einen Beschuss dann und gab Bunkeralarm. Also, man musste von einem Vorfeld in Gebäude einrücken, in ein gesichertes Gebäude. Wir hatten so viel Gepäck dabei, dass wir das auf einmal nicht tragen konnten. Also musste ein Teil des Gepäcks draußen stehen bleiben, was wir dann nach längerer Verhandlung – – Also, wenn man im Bunker ist, darf man eigentlich nicht mehr raus. Wir mussten dann ein bisschen verhandeln, dass wir das restliche Gepäck noch holen können – das war relativ wichtig, weil da die sicherheitlich relevanten Dinge dabei waren –, und haben das dann zu dritt noch vom Vorfeld geholt. Ob noch Beschuss stattgefunden hat oder nicht, ließ sich da nicht genau bemerken – möglicherweise, möglicherweise nein.“ — T. G., stellv. Resident des BND in Kabul, Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuss (Protokoll 20/60 II, S. 6–7, nichtöffentlich) · Wortlaut veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 965
  30. 18:30 ca. deutsche Zeit
    Berlin (Bundestag) ● Information und Kommunikation

    Auf Bitten des Bundeskanzleramts werden die Fraktionsvorsitzenden über die Entscheidung zur militärischen Evakuierungsoperation unterrichtet.

    Originalstelle
    „Für die Durchführung der militärischen Evakuierungsoperation sollte in der Krisenstabssitzung auf „Bitten des Bundeskanzleramts“ Einigkeit über die …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
    „Für die Durchführung der militärischen Evakuierungsoperation sollte in der Krisenstabssitzung auf „Bitten des Bundeskanzleramts“ Einigkeit über die Durchführung einer robusten militärischen Evakuierungsoperation hergestellt werden, um am selben Tag um 18.30 Uhr die Fraktionsvorsitzenden unterrichten zu können.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 572 (Original, neues Fenster)

    AA · BMVg · Fraktionsvorsitzende
  31. abends±
    Berlin (AA) ● Information und Kommunikation

    Das AA versendet erneut einen Landsleutebrief an die rund 500 in Afghanistan registrierten deutschen Staatsangehörigen. Angekündigt werden Evakuierungsflüge der Luftwaffe ab Nachmittag des 16. August. Maximal 8 kg Handgepäck, Bargeld, Pass.

    Originalstelle
    „Am 15. August 2021 sei laut Aussage der Zeugin Stemmler, Referentin im Länderreferat Afghanistan und Pakistan im AA erneut ein Landsleutebrief und …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
    „Am 15. August 2021 sei laut Aussage der Zeugin Stemmler, Referentin im Länderreferat Afghanistan und Pakistan im AA erneut ein Landsleutebrief und eine E-Mail „an die Liste der ca. 500“ deutschen Staatsangehörigen versendet worden. Der Landsleutebrief kündigte an, dass die Evakuierungsflüge mit der deutschen Luftwaffe voraussichtlich am Nachmittag des 16. August 2021 starten würden.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 573 (Original, neues Fenster)

    AA-Krisenreaktionszentrum · Stemmler (Länderreferat)
  32. abends±
    Kabul (Flughafen) ● Evakuierung und Verlegung

    Die deutsche Botschaftscrew ist auf dem militärischen Teil des Flughafens Kabul angekommen. Das Krisenreaktionszentrum in Berlin wird mit über 200 Personen besetzt, um Hotlines und Busshuttle zu organisieren.

    Originalstelle
    „Im AA wurde im Zuge der Evakuierungsoperation das Krisenreaktionszentrum personell aufgestockt. Die Mitarbeitenden stellten eine Hotline bereit …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
    „Im AA wurde im Zuge der Evakuierungsoperation das Krisenreaktionszentrum personell aufgestockt. Die Mitarbeitenden stellten eine Hotline bereit, koordinierten Bustransporte und befanden sich im ständigen Austausch mit den Mitarbeitenden vor Ort auf dem Flughafengelände. Im Krisenreaktionszentrum seien im Zuge der Evakuierungsoperation laut Aussage des Zeugen Dr. Jokisch „über 200 Personen im Einsatz“ gewesen, um die Notfall-Hotlines zu betreiben und das Team auf dem Flughafen, beispielsweise bei der Organisation von Buskonvois, zu unterstützen.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 573 (Original, neues Fenster)

    Botschaftspersonal · BND-Mitarbeitende
  33. abends±
    Kabul (Flughafen) ● Evakuierung und Verlegung

    Nach Aufhebung des Bunkeralarms findet das BND-Team eine Unterkunft. Mit den anderen Nationen im Gebäude werden Sicherungsbereiche zugewiesen für den Fall, dass der Flughafen gestürmt wird. Am Abend werden noch zwei deutsche Staatsangehörige in den Flughafen gebracht, die T. G. im Laufe des Tages erreicht hatte. „Einer von den beiden wird später noch eine Rolle spielen.“

    „Nach zwei Stunden war der Bunkeralarm aufgehoben, und wir haben es an dem Tag noch geschafft, eine Unterkunft gestellt zu bekommen … haben uns mit den anderen Nationen, die im Gebäude waren, noch mal abgestimmt, wer welche Sicherung übernimmt, falls der Flughafen gestürmt werden sollte, Bereiche zugewiesen und Ähnliches, haben am Abend noch mal zwei deutsche Staatsangehörige, mit denen wir relativ viel Kontakt haben, in den Flughafen gebracht … Einer von den beiden wird später noch eine Rolle spielen.“ — T. G., stellv. Resident des BND in Kabul, Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuss (Protokoll 20/60 II, S. 7, nichtöffentlich) · Wortlaut veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 965

Mo, 16. August 2021

13 Einträge
  1. ganztägig±
    Kabul (Flughafen) ● Lageentwicklung

    Vom Flughafen Kabul gehen dramatische Bilder um die Welt. Menschenmassen klettern über die Flughafenmauern und klammern sich verzweifelt an Flugzeuge. Einige halten sich an startenden Maschinen fest und stürzen Sekunden später aus großer Höhe zu Boden.

    Originalstelle
    „Am 16. August 2021 gingen dramatische Bilder vom Flughafen Kabul um die Welt. Menschenmassen kletterten über die Flughafenmauern und klammerten sich …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
    „Am 16. August 2021 gingen dramatische Bilder vom Flughafen Kabul um die Welt. Menschenmassen kletterten über die Flughafenmauern und klammerten sich verzweifelt an Flugzeuge. Einige hielten sich an startenden Maschinen fest und stürzten Sekunden später aus großer Höhe zu Boden.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 59 (Original, neues Fenster)

    afgh. Zivilbevölkerung
  2. ganztägig±
    Berlin ● Entscheidung

    Der Krisenstab tagt erneut, wie in der Sitzung am Vortag angekündigt. Die Vorbereitung des Mandatstexts für die militärische Evakuierungsoperation läuft auf Hochdruck; das Kabinett soll am 18. August befassen.

    Originalstelle
    „Die Bundesregierung arbeitet mit Hochdruck an einem Mandatstext, der nach Billigung durch das Kabinett spätestens am 18. August 2021 dem Bundestag zugeleitet wird, so dass der Bundestag sodann über den Einsatz entscheiden kann.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 573 (Original, neues Fenster)

    Krisenstab Bundesregierung
  3. morgens±
    Kabul (Flughafen) ● Evakuierung und Verlegung

    Der 16.08. ist für T. G. ein „Org-besorg-Tag“: Das Team versucht, sich mobil zu machen. Auf dem Flughafen finden sich zahlreiche aufgegebene geschützte Fahrzeuge, in denen die Schlüssel stecken geblieben sind. Was gebraucht wird, wird sich „ausgeliehen“.

    „Am 16.08. war ein Org-besorg-Tag. Wir haben uns also versucht mobil zu machen. Es waren etliche aufgegebene Fahrzeuge am Flughafen, und in ein paar davon blieb also der Schlüssel stecken. … Also, da war sehr viel aufgegebenes Material am Flughafen zu finden. Das, was wir brauchen konnten, haben wir uns noch ausgeliehen.“ — T. G., stellv. Resident des BND in Kabul, Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuss (Protokoll 20/60 II, S. 8, nichtöffentlich) · Wortlaut veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 965
  4. vormittags±
    Kabul (Flughafen) ● Information und Kommunikation

    T. G. nimmt Kontakt mit amerikanischen Einheiten auf, um zu klären, ob das zurückgelassene Material im RS HQ zerstört wurde. Die Auskünfte sind widersprüchlich; in den folgenden Tagen lässt sich keine eindeutige Lage herstellen. Wahrscheinlicher: das Material wurde nicht zerstört.

    „Wir haben als Nächstes Kontakt aufgenommen mit amerikanischen Einheiten und wollten in Erfahrung bringen, ob das zurückgelassene Material im RS HQ zerstört wurde. … Es gab sich widersprechende Aussagen. Die einen sagten, es wäre komplett zerstört worden, das Material, was dort zurückgelassen war. Andere sagten, nicht. Wir hatten in den nachfolgenden Tagen noch öfter Kontakt, konnten aber keine eindeutige Lage herstellen. Aber es war wahrscheinlicher, dass es nicht zerstört worden ist, was wir dort zurücklassen mussten.“ — T. G., stellv. Resident des BND in Kabul, Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuss (Protokoll 20/60 II, S. 8, nichtöffentlich) · Wortlaut veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 966
  5. vormittags±
    Kabul (Flughafen) ● Entscheidung

    T. G. erhält vom Mutterhaus den Auftrag, vor Ort bei der Evakuierung von deutschen Staatsangehörigen, Angehörigen befreundeter Nationen und eigenen Ortskräften mitzuwirken und als Schnittstelle zwischen Botschaft, Lage vor Ort und Mutterhaus zu dienen. Die eigenen Ortskräfte sind in Gruppen mit englisch- und dari-sprachigen Vorstehern eingeteilt. T. G. weist sie ein, sich bereitzuhalten und sich Wege durch die Taliban-kontrollierte Stadt zu überlegen.

    „Wir wussten, dass unsere Ortskräfte – – Wir hatten die in den Tagen vorher darauf vorbereitet, hatten die in Gruppen eingeteilt. Jeder Gruppenvorsteher war der englischen Sprache und Dari mächtig; also fungierte als Schnittstelle zu den Ortskräften. Die haben wir an dem Tag noch eingewiesen … dass sie sich bereithalten, ihre Gruppe sammeln an unterschiedlichen Orten, und haben mit denen beraten, wie sie am besten durch eine Taliban-kontrollierte Stadt zum Flughafen kommen könnten, und denen noch ein paar gute Ratschläge mit auf den Weg gegeben und eine Abmarschbereitschaft von denen herstellen lassen.“ — T. G., stellv. Resident des BND in Kabul, Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuss (Protokoll 20/60 II, S. 8–9, nichtöffentlich) · Wortlaut veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 966
  6. vormittags±
    Berlin (Bundeskanzleramt / Pressekonferenz) ● Information und Kommunikation

    Bundeskanzlerin Merkel äußert sich öffentlich zum Fall Kabuls am Vortag. Es ist die erste Stellungnahme aus dem Kanzleramt nach dem Kollaps der afghanischen Regierung.

    Angela Merkel
  7. vormittags±
    Berlin (AA) ● Information und Kommunikation

    Auf Bitten des Parlaments- und Kabinettsreferats (011) nimmt der Referatsleiter AP 05 Krüger an der „AG Außen” teil, einer ressortübergreifenden Arbeitsgruppe zur politischen Begleitung der Evakuierung.

    Andreas Krüger · AG Außen
  8. später Vormittag±
    Kabul (Flughafen) ● Lageentwicklung

    Am späten Vormittag warnt eine Lautsprecherdurchsage vor einem Sturm des Flughafens aus südlicher Seite. Gemeint ist der bekannte Durchbruch einer großen Anzahl Zivilisten. Das BND-Team und die Botschafts-BPOL sind getrennt. Es entsteht der Eindruck, Taliban hätten sich daruntergemischt. T. G. und das Team weisen sich mit anderen Truppen Bereiche zu und vereinbaren Entfernungen, ab wann „in die Luft, über die Köpfe, auf die Füße oder in den Körper“ geschossen wird. US-Hubschrauber drängen die Menge auf niedriger Höhe ab; eine Postenkette wird aufgebaut. Die weltbekannten Bilder von an Flugzeugen hängenden Zivilisten entstehen hier. Die Landebahn ist anschließend verschmutzt; Operationen verlangsamen sich.

    „Wir haben uns mit den anderen Truppen dort vor Ort Bereiche zugewiesen, wer welchen Bereich mit seinen zur Selbstverteidigung zur Verfügung stehenden Waffen abdeckt. Wir haben Entfernungen vereinbart, ab wann wir in die Luft, über die Köpfe, auf die Füße oder in den Körper schießen, und haben dann gewartet, ob die vorher noch anhalten oder nicht. Also, es sah so aus, als wenn sie das Gebäude erreichen würden. Die noch zur Verfügung stehenden Luftfahrzeuge – meistens Hubschrauber – sind dann kurz vor Erreichen des Gebäudes der Menschenmenge über die Gebäude geflogen und haben die Menschenmenge auf relativ geringer Höhe tatsächlich mit Hubschrauberteilen abgedrängt, zurückgehalten, circa zehn Minuten, bis genügend Fahrzeuge da waren, um eine Postenkette zu bilden … Da sind auch diese öffentlich bekannten Bilder entstanden, dass sich Zivilisten an Flugzeuge gehängt haben und damit abgehoben sind.“ — T. G., stellv. Resident des BND in Kabul, Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuss (Protokoll 20/60 II, S. 9, nichtöffentlich) · Wortlaut veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 966
    T. G. (BND) · BND-Team · Botschafts-BPOL · Zivilisten · andere Nationen Quelle: Protokoll 20/60 II, S. 9, veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 966 (Original, neues Fenster)
  9. 13:14 deutsche Zeit
    Berlin → Kabul (Landsleutebrief) ● Information und Kommunikation

    Der Landsleutebrief vom Vortag wird erneut an die in Afghanistan verbliebenen deutschen Staatsangehörigen versendet, mit Hinweisen zum geplanten Evakuierungsflug der Luftwaffe und der Bitte um Registrierung beim Krisenreaktionszentrum.

    Originalstelle
    „Diese Nachricht wurde am 16. August 2021 um 13.14 Uhr (deutsche Zeit) und 16.10 Uhr (deutsche Zeit) nochmals versendet.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 573 (Original, neues Fenster)

    AA-Krisenreaktionszentrum
  10. nachmittags±
    Kabul (Flughafen) ● Evakuierung und Verlegung

    Die deutschen Evakuierungsflüge mit der Luftwaffe sind für den Nachmittag des 16. August vorgesehen. Tatsächlich verzögern sich die ersten Flüge aufgrund der Lage am Flughafen.

    Originalstelle
    „Der Landsleutebrief kündigte an, dass die Evakuierungsflüge mit der deutschen Luftwaffe voraussichtlich am Nachmittag des 16. August 2021 starten würden.“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 573 (Original, neues Fenster)

    Bundeswehr (Luftwaffe) · deutsche Staatsangehörige · Ortskräfte
  11. nachmittags±
    Kabul (Flughafen) ● Lageentwicklung

    Nach dem Sturm ist klar, dass die Lage selbst am Flughafen militärisch nicht mehr vorhersagbar sicher ist. T. G. und das Team vernichten in den nächsten Stunden das restliche sicherheitsrelevante Material, denn sie hatten „einfach zu viel dabei, um auf einmal laufend und sich verteidigend irgendwo anders hinzukommen“.

    „Es war aber klar, dass – – Es wurde klar, dass die Lage selbst am Flughafen durch die militärischen Sicherungen nicht mehr möglich oder vorhersagbar gut ist. Und wir haben dann das restliche Material, was wir dabeihatten, noch in den nächsten Stunden vernichtet vor Ort und hatten dann sicherheitlich nichts Relevantes mehr da und hätten also auch leichter andere Teile des Flughafens erreichen können. Wir hatten einfach zu viel dabei, um auf einmal laufend und sich verteidigend irgendwo anders hinzukommen.“ — T. G., stellv. Resident des BND in Kabul, Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuss (Protokoll 20/60 II, S. 9–10, nichtöffentlich) · Wortlaut veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 966
  12. 16:10 deutsche Zeit
    Berlin → Kabul (Landsleutebrief) ● Information und Kommunikation

    Erneuter Versand des Landsleutebriefs an deutsche Staatsangehörige in Afghanistan mit der Bitte, die Information weiterzugeben, da nicht alle erreicht würden.

    Originalstelle
    „Da nicht davon auszugehen ist, dass diese Unterrichtung alle deutschen Staatsangehörigen erreicht, geben Sie bitte die darin enthaltenen Informationen auch an Ihre anderen deutschen Bekannten weiter!“

    Quelle: Drs. 20/14700, S. 573 (Original, neues Fenster)

    AA-Krisenreaktionszentrum
  13. Folgetage±
    Kabul → Deutschland ● Evakuierung und Verlegung

    Über die gesamte Operation hinweg werden auch Personen ohne Aufnahmezusage, ohne Visum und ohne Papiere nach Deutschland ausgeflogen; die Identifizierung erfolgt erst nach der Landung. Pragmatische Notlösung in der Krise, mit langem Nachklang in der Aufnahme-Verwaltung.

    „Durch die Evakuierungsoperation 16. bis 26. August 2021 wurden auch Afghanen ohne Aufnahmezusage, ohne Visum, ohne sonstige Papiere nach Deutschland ausgeflogen.“
    Bundeswehr · BMI · Evakuierte

Di, 17. August 2021

8 Einträge
  1. ganztägig±
    Kabul (Flughafen, Nord-Tor) ● Evakuierung und Verlegung

    Eine afghanische Spezialeinheit, die die Amerikaner dabeihatten, stand in der Menge und schlug „mit Peitschen und Fahrradschläuchen“ eine Gasse frei. T. G. und Team kennzeichnen die Schutzbefohlenen mit optischen Erkennungszeichen (etwa einem roten Schal oder T-Shirt) und identifizieren sie aus der Menge. In den Tagen 17., 18. und 19.08. werden so Ortskräfte, „Personen des Interesses“, andere und deutsche Staatsangehörige aus der Menge in den Flughafen gebracht und den Entscheidern zur Evakuierung vorgestellt.

    „Möglich war das, weil die Amerikaner noch eine afghanische Spezialeinheit dabeihatten, die in der Menge stand und mit Peitschen und Fahrradschläuchen und – keine Ahnung, was das alles war – da eine Gasse – – Also, wir haben auf die Leute gedeutet, die wir haben mussten. Die haben wir am Anfang mit optischen Zeichen, also mit einem roten Schal oder roten T-Shirt, losgeschickt, dass wir die leicht sehen konnten, und haben dann auf die gezeigt, und dann wurde da so eine Gasse freigeknüppelt, durch die wir dann an die ran sind, haben die aufgenommen und haben die dann durch die Postenkette zurückgeführt und haben in den Tagen 17.08., 18.08. und 19.08. … es dann geschafft, unsere Lokalbeschäftigten, unsere Personen des Interesses, andere Staatsangehörige, deutsche Staatsangehörige da aus der Menge in den Flughafen zu bringen.“ — T. G., stellv. Resident des BND in Kabul, Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuss (Protokoll 20/60 II, S. 11–12, nichtöffentlich) · Wortlaut veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 967
    T. G. (BND) · afgh. Spezialeinheit (US) · Ortskräfte · Schutzbefohlene Quelle: Protokoll 20/60 II, S. 11–12, veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 967 (Original, neues Fenster)
  2. ganztägig
    Kabul (KfW-Hauptbüro) ● Evakuierung und Verlegung

    Die KfW empfiehlt allen Mitarbeitenden, sich im Hauptbüro zu versammeln, um die koordinierte Evakuierung vorzubereiten.

    „Am 17. August wurde uns von der KfW empfohlen, dass wir uns alle in das Büro der KfW in Kabul begeben sollten.“ — Ortskraft der KfW
    Ortskraft der KfW · KfW-Team
  3. morgens±
    Kabul (Flughafen, Nord-Tor) ● Evakuierung und Verlegung

    Am Morgen schaffen die Amerikaner am nördlichen Tor einen Zugang. Erste Afghaninnen, Afghanen und westliche Staatsangehörige finden sich vor dem Tor ein. Innerhalb von Tagen werden es Tausende; in der maximalen Zeit reicht die Menschenmenge auf 1,8 km Länge und 10 m Breite vor dem Tor. T. G. hat seine Ortskräfte und persönlich bekannte Mitarbeiter ohne besondere Papiere zuvor in einiger Entfernung „gedeckt“ in Position bringen lassen, um sie später auf Signal hereinzuholen. Die Bundeswehr ist die erste Truppe vor Ort.

    „Am Morgen zeigte sich, dass an dem nördlichen Tor Amerikaner einen Zugang geschaffen haben … An den Toren war – – In der maximalen Zeit konnte man sehen – das war mit einer Geländemarke –, dass also über 1,8 Kilometer auf der Breite von circa 10 Meter die ganze Straße mit Menschen voll war. Und die haben sich also da immer mehr angesammelt und haben auf das Tor gedrückt. Den Amerikanern ist es gelungen, so einen 2-Meter-Abstand frei zu blocken, um das Tor offen zu lassen, um möglichst kontrolliert und langsam Personen einzulassen.“ — T. G., stellv. Resident des BND in Kabul, Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuss (Protokoll 20/60 II, S. 10–11, nichtöffentlich) · Wortlaut veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 967
  4. vormittags±
    Kabul (Flughafen, Nord-Tor) ● Evakuierung und Verlegung

    Die Lage am Tor droht zu eskalieren, das Tor soll geschlossen werden. Zu dritt vermitteln T. G. und sein Team zwischen einem Bundeswehrsoldaten mit Lautsprecher (auf Englisch) und einem US-afghanischen Übersetzer in der Postenkette. Anweisung an die Leute: sich hinsetzen, keinen Druck auf das Tor ausüben. Das Tor bleibt offen.

    „Die Bundeswehrkontingente waren die ersten Leute vor Ort. Die Lage drohte zu eskalieren, und das Tor sollte geschlossen werden. Und wir haben dann zu dritt versucht, da noch ein Lautsprechergerät, das ein Bundeswehrsoldat hatte, mit dem er auf Englisch auf die Menge eingeredet hat, zu einem US-afghanischen Übersetzer, der versucht hat, in der Postenkette die Menschen irgendwie zu informieren, was sie machen sollten – – Und konnten dann, glaube ich, dazu beitragen, dass das Tor zumindest offen bleiben konnte und nicht gestürmt wurde.“ — T. G., stellv. Resident des BND in Kabul, Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuss (Protokoll 20/60 II, S. 11, nichtöffentlich) · Wortlaut veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 967
    T. G. (BND) · Bundeswehr · US-Übersetzer · afgh. Spezialeinheit Quelle: Protokoll 20/60 II, S. 11, veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 967 (Original, neues Fenster)
  5. nachmittags±
    Kabul (Flughafen, weiteres Tor) ● Evakuierung und Verlegung

    Noch am 17.08. wird ein weiteres, bisher nicht bekanntes Tor gefunden, über das etwas kontrollierter Ortskräfte aus einer westafghanischen Außenstelle, die ihr Ortskräfteverfahren später abschließen mussten, in den Flughafen gebracht werden können. Die Bundespolizei unterstützt dabei.

    „Am zweiten Tag, noch am 17., haben wir noch andere Tore gesucht und haben noch ein Tor gefunden, das noch nicht bekannt war, und haben es über dieses Tor geschafft, etwas kontrollierter auch andere Ortskräfte von uns noch in den Flughafen zu bringen, die wir aus einer Außenstelle – – die in einer westlichen Stadt Afghanistans waren … Da hat uns die Bundespolizei noch sehr gut unterstützt. Und dann hatten wir diese Ortskräfte also komplett im Flughafen, und die konnten ausgeflogen werden.“ — T. G., stellv. Resident des BND in Kabul, Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuss (Protokoll 20/60 II, S. 12, nichtöffentlich) · Wortlaut veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 967
  6. 17:00
    Kabul (Stadt) ● Lageentwicklung

    Die Ortskraft der KfW ist privat auf dem Weg zum Hotel. Die Straßen sind leergefegt von Menschen. Polizei flieht selbst. Bewohner:innen verbergen sich, einzelne Polizeifahrzeuge sind in Panik.

    „Gegen 17 Uhr habe ich mich in Richtung Hotel begeben. Die Straßen waren leer von Menschen. Man hat das eine oder andere Fahrzeug der Polizei gesehen, die auch sehr ängstlich dagestanden hatten und im Zuge der Flucht waren.“ — Ortskraft der KfW
    Ortskraft der KfW
  7. Nacht±
    Kabul (Flughafen) ● Evakuierung und Verlegung

    In der Nacht zum 17.08. landet der erste Bundeswehrflieger (zwei waren in der Luft, der zweite landete, der erste konnte nicht). Das vor Ort Befindliche Team nimmt das Bundeswehrpersonal in Empfang, weist es in die Lage ein und zeigt das durch Zufall verfügbare Unterkunfts-Gebäude. In den folgenden Stunden übernehmen die ersten Soldaten die Einweisung weiterer ankommender Bundeswehrkräfte.

    „Die Lage hat sich dann über die Nacht beruhigt. Am 16.08. – – Entschuldigung, am 17.08., in der Nacht zum 17.08. kam der erste Bundeswehrflieger an. Es waren zwei in der Luft, die ankommen sollten. Der zweite hat es geschafft, zu landen. Der erste konnte aufgrund der unklaren Situation und der Landebahn nicht landen. Und wir haben das Personal, das Bundeswehrpersonal des Fliegers entgegengenommen, haben die in die Lage eingewiesen …“ — T. G., stellv. Resident des BND in Kabul, Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuss (Protokoll 20/60 II, S. 10, nichtöffentlich) · Wortlaut veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 966–967
  8. Folgetage±
    Kabul (Flughafen) / Deutschland ● Evakuierung und Verlegung

    An den Zwischentagen werden in Deutschland besonders schutzbedürftige Personen identifiziert und an T. G. übermittelt. Dazu gehören Menschenrechtlerinnen und Menschenrechtler, Frauenrechtlerinnen und Frauenrechtler und andere besonders gefährdete Afghaninnen und Afghanen, denen ein Schutzstatus zuerkannt wird. Sie werden zum Teil aus der Menschenmenge in den Flughafen geholt.

    „Und dann haben die Zwischentage sozusagen die Gelegenheit erlaubt, zu Hause noch besonders Schutzbedürftige zu identifizieren, die dann an uns übermittelt wurden und die wir dann zum Teil auch noch aus dieser Menschenmenge in den Flughafen holen konnten, also Menschenrechtler/-innen, Frauenrechtler/-innen und andere besonders gefährdete Afghanen, denen ein Schutzstatus noch zuerkannt wurde.“ — T. G., stellv. Resident des BND in Kabul, Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuss (Protokoll 20/60 II, S. 12, nichtöffentlich) · Wortlaut veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 968
    T. G. (BND) · BND-Mutterhaus · besonders Schutzbedürftige Quelle: Protokoll 20/60 II, S. 12, veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 968 (Original, neues Fenster)

Mi, 18. August 2021

3 Einträge
  1. vormittags±
    Berlin (Kabinett) ● Entscheidung

    Die Bundesregierung bestätigt im Kabinett den Beschluss zur militärischen Evakuierung. Damit ist die formale Auftragserteilung an das Einsatzführungskommando der Bundeswehr erfolgt.

    „Am 18. August vormittags war die Auftragserteilung vom Grunde her, der große Kreis.“
    Bundesregierung · Einsatzführungskommando Bundeswehr
    Im selben Moment: ev-prot-009 · ev-prot-010 · ev-fdp-006 · ev-fdp-008
  2. 17:00
    Kabul (Hotel Baron / Militärcamp) ● Evakuierung und Verlegung

    Das KfW-Team steht um 17 Uhr vor dem Militärcamp am Hotel Baron neben dem Flughafen und wartet auf Einlass und Sicherheits-Clearing.

    „Am 18. August standen wir vor dem Baron-Militärcamp – das war um 17 Uhr abends – und warteten auf unsere Sicherheit.“ — Ortskraft der KfW
    Ortskraft der KfW · KfW-Team
  3. 20:29
    Kabul → Berlin (E-Mail) ● Evakuierung und Verlegung

    Eine E-Mail dokumentiert mehrere fehlgeschlagene Abholversuche von Evakuierungskandidaten an verschiedenen Flughafen-Toren. Kontaktaufnahme per WhatsApp scheitert an Sicherheitslage und Kommunikationsproblemen.

    „die ‚Abholung' durch die Kollegen hat dann trotz Kontaktaufnahme per WhatsApp nicht funktioniert.“
    AA-Referat OR06-3 · Botschaftspersonal

Do, 19. August 2021

3 Einträge
  1. ganztägig±
    Kabul (Flughafen, Nord-Tor) ● Lageentwicklung

    Am 19.08. wird die Schleusung am Tor kurz unterbrochen: Eine Lageverschärfung deutet darauf hin, dass die Taliban mit dem Vorgehen nicht mehr einverstanden sind und es beenden möchten. Nach „ein paar Stunden“ kann das Verfahren fortgeführt werden.

    „Am 19. wurde das noch mal kurz unterbrochen, gab es noch mal eine Lageverschärfung, die darauf hingedeutet hat, dass die Taliban mit dem Vorgehen nicht mehr einverstanden sind und das beendet haben möchten. Das hat aber nur ein paar Stunden gedauert, und dann konnten wir da so weitermachen.“ — T. G., stellv. Resident des BND in Kabul, Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuss (Protokoll 20/60 II, S. 13, nichtöffentlich) · Wortlaut veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 967
  2. ganztägig
    Kabul (Botschaftliches Mediencenter) ● Information und Kommunikation

    Der Mediencenter-Mitarbeiter erhält die Mitteilung, dass der deutsche Krisenstab die Evakuierung von Mediencenter-Personal zugesagt hat.

    „Herr Grotian teilte mir damals mit, dass ein deutscher Krisenstab angekündigt hat, dass wir, gerade die aus diesem Mediencenter, Afghanistan verlassen können bzw. Hilfe bekommen.“ — Ortskraft der Bundeswehr
    Ortskraft der Bundeswehr · Krisenstab Bundesregierung
  3. ganztägig
    Doha (Berghof-Stiftung) / Berlin (AA) ● Information und Kommunikation

    Der designierte Botschafter Potzel berichtet per E-Mail ans AA über ein anderthalbstündiges Gespräch zwischen dem Taliban-Büroleiter in Doha und der Berghof-Stiftung in der Residenz Botschafter Fischbach. Es ist frühe Taliban-Diplomatie nach dem Fall.

    Markus Potzel · Taliban-Büroleiter Doha

Fr, 20. August 2021

2 Einträge
  1. morgens±
    Kabul (Flughafen, Abbey Gate / Hotel Baron) ● Evakuierung und Verlegung

    Am 20.08. wird das Schleusen schwieriger. T. G. erkundet selbst das Abbey Gate. In der Nacht wurden Schutzcontainer vorverlegt, dadurch wird der Eingang zu einem Hotel-Compound frei. Dort findet T. G. viele deutsche Staatsangehörige und Ortskräfte der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und meldet sie an General Arlt, der ins Hotel Baron kommt und organisiert, dass die Gruppe mit Bussen in den geschützten Teil des Flughafens gefahren wird.

    „Am 20.08. wurde es immer schwieriger, da zu schleusen. … Ich habe dann selber noch mal mit ein anderes Tor erkundet, das sogenannte Abbey Gate. In der Nacht hat es da eine Vorverlegung von Schutzcontainern gegeben, die etwas mehr Raum freigemacht haben. Und da wurde der Eingang zu einem Hotel-Compound – oder zu einer Hotelliegenschaft – frei, in dem sich noch viele deutsche Staatsangehörige und Ortskräfte der Kreditanstalt für Wiederaufbau befunden haben. Die habe ich dann gefunden und die an den General Arlt gemeldet, der in das Hotel Baron noch kam und die dann aufgenommen hat bzw. organisiert hat, dass die also mit Bussen den weiten Weg in den geschützten Teil des Flughafens noch fahren können.“ — T. G., stellv. Resident des BND in Kabul, Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuss (Protokoll 20/60 II, S. 13, nichtöffentlich) · Wortlaut veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 968
    T. G. (BND) · General Arlt · deutsche Staatsangehörige · KfW-Ortskräfte Quelle: Protokoll 20/60 II, S. 13, veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 968 (Original, neues Fenster)
  2. nachmittags±
    Kabul (Flughafen, Nord-Tor) ● Lageentwicklung

    Vom Mutterhaus kommt die Information, dass die Anschlagsgefahr durch eine terroristische Gruppierung auf den Flughafen sich bis zum 20.08. erhöht hat. Daraufhin wird das Nord Gate geschlossen. T. G. und das Team beschließen, die Evakuierung in der bisherigen Form am Nord Gate einzustellen und nur noch an anderen Toren weiterzumachen.

    „Und wir haben dann vom Mutterhaus noch Informationen bekommen, dass die Gefährdung durch eine terroristische Gruppierung, die Anschläge auf den Flughafen plant oder vorhat, sich erhöht hat bis zum 20.08. Aufgrund dieser Info wurde das Nord Gate geschlossen. Und wir haben dann am 20.08. beschlossen, dass wir die Evakuierung auf die Art und Weise, wie wir es die Tage vorher gemacht haben, am Nord Gate einstellen und nur noch an anderen Toren machen.“ — T. G., stellv. Resident des BND in Kabul, Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuss (Protokoll 20/60 II, S. 13–14, nichtöffentlich) · Wortlaut veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 968

Sa, 21. August 2021

1 Einträge
  1. ganztägig±
    Kabul (Flughafen) → Deutschland ● Evakuierung und Verlegung

    Am 21.08. kommen aus Deutschland drei Kolleginnen und Kollegen, die T. G. und seine zwei Mitarbeiter vor Ort ablösen. Übergabe und Ausflug erfolgen am selben Tag. Das Nachfolgeteam wirkt bis zum 26.08. am Flughafen.

    „Und am 21.08. kamen von Deutschland drei Kolleginnen und Kollegen, die meine zwei Mitarbeiter und mich vor Ort abgelöst haben. Und wir sind dann – – haben Übergabe noch gemacht am 21.08. und sind am 21.08. ausgeflogen und haben an das Nachfolgeteam übergeben, die bis zum 26.08. am Flughafen noch ähnliche Unterstützungsleistungen geleistet haben.“ — T. G., stellv. Resident des BND in Kabul, Zeugenvernehmung im Untersuchungsausschuss (Protokoll 20/60 II, S. 14, nichtöffentlich) · Wortlaut veröffentlicht in Drs. 20/14700, S. 968

Mo, 23. August 2021

1 Einträge
  1. ganztägig
    Kabul (Flughafen) ● Lageentwicklung

    Deutsche Soldaten geraten am Kabuler Flughafen in ein bewaffnetes Gefecht. Es ist der erste dokumentierte Feuerkontakt der Bundeswehr-Evakuierungsoperation.

    Bundeswehr · Deutsche Soldaten

Di, 24. August 2021

1 Einträge
  1. 23:30 afgh. Zeit, Beginn
    Kabul → Berg ca. 15–30 km außerhalb ● Evakuierung und Verlegung

    Beginn der Operation „Gripping Eagle”: Nach Ablehnung des Einsatzes deutscher Hubschrauber durch den US-Verteidigungsminister werden US-Helikopter genutzt. Eine 21-köpfige Gruppe (14 deutsche Staatsbürger:innen plus Kernfamilie) wird von einem Berg außerhalb Kabuls evakuiert. Die Taliban geben den Luftraum außerhalb des Stadtgebiets frei.

    „Meines Zeitstrahls nach sind diese Hubschrauber am Freitag, den 20. August, dann auch in Kabul angekommen. […] Die haben sich durch diesen Zaun geschnitten und haben die Deutschen da rausgeholt.“ — Oberstleutnant „Tobias” (KSK)
    Wie andere es sahen
    Oberstleutnant „Tobias“ Leiter KSK-Einsatzteam
    „Wir haben insgesamt zwölf dieser Operationen durchgeführt […]. In diesen Operationen konnten wir 94 deutsche Staatsbürger und 39, die zur Kernfamilie gehörten, retten.“

    Einordnung: Die Bilanz hinter „Gripping Eagle“ und der elf fußläufigen Rettungsoperationen: 133 Personen, vom Berg außerhalb Kabuls bis durch den Zaun am Abbey Gate.

    Protokoll 20/64 II, 64. Sitzung II (22.02.2024), S. 29
    KSK · US Special Forces · Familie aus München
    Im selben Moment: ev-fdp-013 · ev-fdp-015

Mi, 25. August 2021

4 Einträge
  1. ganztägig
    Berlin (Bundestag, Plenarsaal) ● Entscheidung

    Der Deutsche Bundestag billigt das Mandat für die militärische Evakuierungsoperation nachträglich gemäß § 5 Parlamentsbeteiligungsgesetz, weil Gefahr im Verzug vorlag. Die im Einsatz stehenden Kräfte erfahren teilweise erst nachträglich davon.

    „Ich wusste, dass das Mandat nachträglich mandatiert wurde. Wir haben es erfahren im Einsatz, ja.“ — Oberstleutnant „Tobias” (KSK)
    Deutscher Bundestag
  2. vormittags±
    Berlin (Generalinspekteur-Stab Bundeswehr) ● Lageentwicklung

    In Vorbereitung interner Unterrichtungen wird die Bedrohungslage am Flughafen konkret formuliert: Selbstmordanschlag oder Sprengstoffattentat einer ISKP-Splittergruppe.

    „Parallel wächst die Gefahr eines Anschlags auf den Flughafen durch einen Selbstmordattentäter oder Sprengstoffanschlag zum Beispiel durch den ISKP.“
    Bundeswehr · ISKP (Lageeinschätzung)
  3. 15:00±
    Kabul (Flughafen) / NGO-Flieger ● Evakuierung und Verlegung

    Ein privat organisierter Sea-Watch-Flieger landet in Kabul. Die vorgesehenen Passagier:innen erreichen das Flughafengelände nicht. Erst nach 13 Stunden hebt der Flieger ab, mit 18 unbekannten Personen an Bord, die später als Ortskräfte identifiziert werden.

    „hob der Flieger nach etwa 13 Stunden mit insgesamt handgezählten 18 unbekannten Passagieren ab.“
    NGO-Pilot · Sea-Watch (privat) · Ortskräfte
  4. Folgetage±
    Kabul (Flughafen, alle Tore) ● Lageentwicklung

    Die Anschlagswarnung wird über die Tage immer konkreter: Vom allgemeinen Hinweis bis zur namentlichen Nennung des Abbey Gate als Anschlagsort und der Beschreibung des Modus Operandi: Selbstmordattentäter mit anschließendem Schusswechsel.

    „Diese Bedrohungssituation und diese Anschlagswarnung, die war bekannt, zunächst allgemeiner Art, und die wurde im Laufe des Einsatzes dort am Flughafen immer konkreter bis hin, dass schon das Abbey Gate als möglicher konkreter Anschlagsort benannt wurde, auch mit dem Modus Operandi, Selbstmordattentäter mit anschließendem Schusswechsel.“ — Zeuge „Fisch” (Sicherheitsberater Bundespolizei)
    Sicherheitsberater „Fisch” · Bundespolizei · KSK

Do, 26. August 2021

7 Einträge
  1. ganztägig
    Berlin (AA, Referat 508/040) ● Entscheidung

    Mit dem Operationsende wird die Vorschlagsliste des Auswärtigen Amts für Ortskräfte und besonders schutzbedürftige Personen geschlossen. Keine neuen Aufnahmen mehr über diesen Weg.

    „Mit Beendigung der Evakuierungsaktion am 26. August 21 wurde die AA-Vorschlagsliste ja geschlossen.“
    AA · Ortskräfte-Vorschlagsliste
  2. 12:00 afgh. Zeit / 09:30 deutsche Zeit
    Kabul (Flughafen) ● Entscheidung

    General Arlt befiehlt das Ende der deutschen Evakuierungsoperation für 12:00 Uhr Ortszeit. Letzte Vorbereitungen für den Abflug beginnen.

    General Arlt · Bundeswehr
  3. 13:00± ca. 13–14 afgh. Zeit — 4–5 Std. vor dem Anschlag
    Kabul (Flughafen, Abbey Gate) ● Evakuierung und Verlegung

    Eine deutsche Spezialkräfte-Patrouille schneidet sich durch den Zaun und durch einen Abwasserkanal am Abbey Gate, evakuiert eine zehnköpfige Familie aus Freiburg (deutsche Staatsbürger:innen) und bringt sie zum Terminal. Genau diese Stelle wird wenige Stunden später Schauplatz des Selbstmordanschlags.

    „Die haben sich durch diesen Zaun geschnitten und haben die Deutschen da rausgeholt und zum Terminal gebracht. Das war von der zeitlichen Chronologie fünf, vier Stunden, bevor dann genau an dieser Stelle der Anschlag passiert ist.“ — Oberstleutnant „Tobias” (KSK)
    KSK · Familie aus Freiburg
    Im selben Moment: ev-prot-018 · ev-prot-019 · ev-prot-022 · ev-prot-023
  4. 16:45 ca. afgh. Zeit / 14:15 deutsche Zeit
    Kabul (Flughafen) ● Evakuierung und Verlegung

    Die letzte deutsche Evakuierungsmaschine hebt ab, General Arlt selbst ist an Bord. Bilanz der Operation 16.–26. August: 37 Flüge, 5 347 evakuierte Menschen, 496 deutsche Soldat:innen im Einsatz, Luftbrücke über Taschkent (Usbekistan).

    „Im Zuge der Evakuierungsoperation vom 16. bis 27. August 2021 brachte die Bundeswehr mit insgesamt 37 Flügen 5 347 Menschen außer Landes.“
    General Arlt · Bundeswehr · KSK
  5. 17:30 afgh. Zeit — Anschlag
    Kabul (Flughafen, Abbey Gate) ● Lageentwicklung

    Ein Selbstmordattentäter des Islamischen Staats Provinz Khorasan (ISKP) zündet am Abbey Gate, dem Hauptzugang des Flughafens, eine Sprengweste. 13 US-Soldat:innen und etwa 170 Afghan:innen sterben, viele werden verletzt. Genau dort hatte das KSK vier Stunden zuvor eine deutsche Familie aus dem Zaun evakuiert.

    „ereignete sich am Flughafengelände ein Selbstmordanschlag, bei dem mehr als zehn Menschen getötet und viele verletzt wurden.“
    Wie andere es sahen
    Oberstleutnant „Tobias“ Leiter KSK-Einsatzteam
    „Die haben sich durch diesen Zaun geschnitten und haben die Deutschen da rausgeholt und zum Terminal gebracht. Das war von der zeitlichen Chronologie fünf, vier Stunden, bevor dann genau an dieser Stelle der Anschlag passiert ist.“

    Einordnung: Wenige Stunden, bevor die Bombe genau dort detoniert, holt das KSK an derselben Stelle eine Familie aus Freiburg durch den Zaun. Bestätigung, dass das Abbey Gate als konkreter Anschlagsort bekannt war.

    Protokoll 20/64 II, 64. Sitzung II (22.02.2024), S. 29
    Zeuge „Fisch“ Sicherheitsberater Bundespolizei, Deutsche Botschaft Kabul
    „Diese Bedrohungssituation und diese Anschlagswarnung, die war bekannt, zunächst allgemeiner Art, und die wurde im Laufe des Einsatzes dort am Flughafen immer konkreter bis hin, dass schon das Abbey Gate als möglicher konkreter Anschlagsort benannt wurde.“

    Einordnung: Die Warnung war kein nachträgliches Wissen: Der Anschlagsort war tagelang vorab bekannt. Die deutschen Kräfte arbeiteten in dieser Lage bis zur Stunde des Anschlags weiter.

    Protokoll 20/62 I, Teil 1, 62. Sitzung (01.02.2024), S. 94
    ISKP-Selbstmordattentäter · US-Soldaten · Afghanische Zivilist:innen
    Im selben Moment: ev-prot-018 · ev-prot-020 · ev-prot-023 · ev-prot-027
  6. 18:20 afgh. Zeit — Notstart
    Kabul (Flughafen) ● Evakuierung und Verlegung

    Nach dem Anschlag startet das restliche KSK-Personal im Notstart, 50 Minuten nach der Bombendetonation. Zwei Soldat:innen bleiben für die Materialabfertigung zurück.

    „Um 17:30 Uhr war der Anschlag, und um 18:20 Uhr sind wir geflogen, in einem Notstart.“ — Oberstleutnant „Tobias” (KSK)
    KSK · Restliche deutsche Kräfte
    Im selben Moment: ev-prot-019 · ev-prot-020 · ev-prot-022
  7. Folgetage±
    Kabul (Flughafen, alle Tore) ● Rückblick

    Bilanz des KSK-Einsatzes laut Aussage des Einsatzteam-Leiters: 12 Operationen, davon eine mit US-Helikoptern (Gripping Eagle), elf fußläufig durch verschiedene Tore und Schlupflöcher. Gerettet wurden 94 deutsche Staatsbürger:innen plus 39 Angehörige der Kernfamilie, insgesamt 133 Personen.

    „Wir haben insgesamt zwölf dieser Operationen durchgeführt […]. In diesen Operationen konnten wir 94 deutsche Staatsbürger und 39, die zur Kernfamilie gehörten, retten.“ — Oberstleutnant „Tobias” (KSK)
    KSK · Bundeswehr

Fr, 27. August 2021

1 Einträge
  1. ganztägig
    Berlin (AA, Ref. 040) ● Information und Kommunikation

    Ressortbesprechung zur Fortsetzung der Aufnahmeverfahren nach Ende der Bundeswehr-Operation und zum Umgang mit den noch nicht evakuierten Personen auf den Listen.

    Dr. Annette Weerth · AA · Ressortvertreter:innen

Di, 31. August 2021

1 Einträge
  1. ganztägig
    Berlin (AA / BMI) ● Entscheidung

    Auf Staatssekretärs- und Ministerebene werden die Menschenrechtsliste und weitere Schutz-Listen zum 31. August 2021 geschlossen. Stichtag für die Aufnahme über die Evakuierungs-Verfahren.

    „die Liste der sonstigen schutzbedürftigen Personen, die Menschenrechtsliste, zum 31. August 2021 geschlossen.“
    AA-Staatssekretärin Leendertse · BMI

Wie schnell Afghanistan fiel

Vom 6. bis 15. August 2021 übernahmen die Taliban 26 von 34 Provinzhauptstädten. Mit dem Regler kannst du Tag für Tag verfolgen, welche Städte fielen.

2021-08-06

Provinzgrenzen aus Natural Earth (Public Domain). Die Daten folgen Bill Roggio (Long War Journal) und der Presseberichterstattung. Einzelne Angaben können um 12 bis 24 Stunden abweichen.

Schauplätze auf der Karte

Klick auf einen Ort. Dann siehst du, welche Rolle er spielte, und kommst zu den passenden Einträgen.

Deutsche Botschaft US-Botschaft Afghanische Regierung NATO / US-Kräfte Flughafen Flughafen-Tor Anschlagsort Sammelpunkt Rettungseinsatz Green Zone (Gebiet) Evakuierungs-Route 15.8.

Kartendaten: OpenStreetMap-Mitwirkende. Einzelne Standorte (Compound 2, Tor-Lagen) sind annähernde Positionen aus öffentlicher Berichterstattung.

Wer wurde wie vernommen

Auf diesen Vernehmungen beruht die Zeitleiste. Zu jeder steht, wie sie einzuordnen ist.

Wie diese Zeitleiste entstand

Rekonstruktion der Tage rund um den Fall Kabuls aus dem UA-Abschlussbericht (Drs. 20/14700, Kapitel 7) und Stenografischen Protokollen des 1. Untersuchungsausschusses. Herangezogen wurden unter anderem die Sitzungen 20/26 (van Thiel), 20/30 und 20/70 (Jokisch), 20/60 II (BND-Sicht aus Kabul, fast wörtlich wiedergegeben im FDP-Sondervotum, S. 962–968) sowie 20/95 (Maas). Zeitangaben afghanische Zeit (UTC+4:30) wo angegeben, sonst MESZ (UTC+2). Zeitverschiebung Kabul–Berlin: +2,5 Stunden. Lücken markiert mit zeit_unsicher: true.

Redaktionsstand: 2026-06.

→ Alle Ereignisse · → Was der Bundestag daraus gefolgert hat