Bridge the Gap.

← Alle Ereignisse

Mitte Juni 2020 Afghanistan Lageeinschätzung Hintergrund

Blutigste Woche des Afghanistan-Krieges für die afghanischen Sicherheitskräfte

Innerhalb einer Woche verlieren die afghanischen Streitkräfte 291 Soldaten. Das waren die höchsten Verluste seit Kriegsbeginn 2001.

Was passiert ist

Mitte Juni 2020 erlebten die afghanischen Sicherheitskräfte ihre verlustreichste Woche seit 2001: 291 Soldaten kamen ums Leben, 550 wurden verletzt. Insgesamt verzeichneten sie im Frühjahr 2020 über 4.500 Taliban-Angriffe.

Warum es zählt

Die Zahlen widerlegten die Erwartung, das Doha-Abkommen werde die Gewalt rasch dämpfen. Die Taliban verlegten den Schwerpunkt ihrer Angriffe von internationalen auf afghanische Kräfte.

Vorher

Folgewirkungen

Stimmen dazu

7 verknüpfte Aussagen aus den Berichten, sortiert nach Art.

Was die Berichte als Sachverhalt feststellen (5)

Feststellung Kap. 4.1.2.4 — Taliban-Offensive S. 51–52

Taliban-Offensive: vom 1. Mai (73 Distrikte) zu 195 Distrikten am 5. Juli 2021; Kabul fiel am zehnten Tag der Offensive

Originalstelle
„Bagram Airfield, den größten Luftwaffenstützpunkt der USA in Afghanistan seit 2001, verließen die letzten US-Soldaten am frühen Morgen des 2. Juli …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Bagram Airfield, den größten Luftwaffenstützpunkt der USA in Afghanistan seit 2001, verließen die letzten US-Soldaten am frühen Morgen des 2. Juli heimlich ohne Abstimmung mit den afghanischen Zuständigen. Am 21. Juli erklärte US-Generalstabschef, General Mark A. Milley, dass ungefähr die Hälfte aller 419 Distrikte von den Taliban kontrolliert werde und 17 der 34 Provinzhauptstädte vor einer Übernahme durch die Taliban stünden. Am 6. August 2021 nahmen die Taliban in Nimrus im Südwesten die erste Provinzhauptstadt ein, zwei Tage später schon Kunduz, drei Tage später als erstes Korps-Hauptquartier das 17. Pamir Korps.“

Quelle: Drs. 20/10400, S. 51–52 (Original, neues Fenster)

Rasant und oft ohne Gegenwehr gewannen die Taliban die Kontrolle über immer mehr Distrikte, von 73 am 1. Mai zu 195 am 5. Juli 2021. Bagram Airfield verließen die letzten US-Soldaten am 2. Juli ohne Abstimmung mit den afghanischen Zuständigen. Am 6. August nahmen Taliban Nimrus ein, zwei Tage später Kunduz, am fünften Tag der Offensive Kandahar, nach einer Woche die Hälfte aller Provinzen, am zehnten Tag kampflos Kabul.

Thema: Taliban Mai–August 2021 Akteure: Taliban, USA, Afghanische Sicherheitskräfte (ANDSF) enquete\zwischenbericht-projektgruppen-1.json
Feststellung Kap. 4.1.2.4 — ANDSF-Verluste S. 50

ANDSF-Verluste 2014–2020: 45.000 Tote, 30–40 pro Tag vor und seit Doha-Abkommen

Originalstelle
„Zwischen 2014 und 2020 kamen 45.000 ANDSF-Angehörige im Einsatz ums Leben, in den Jahren vor und seit dem Doha-Abkommen 30 bis 40 pro Tag (14.000 …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Zwischen 2014 und 2020 kamen 45.000 ANDSF-Angehörige im Einsatz ums Leben, in den Jahren vor und seit dem Doha-Abkommen 30 bis 40 pro Tag (14.000 zwischen 2001 und Februar 2014). Die in NATO-Kreisen verbreitete Behauptung einer „Pattsituation“ zwischen Aufständischen und Pro-Regierungskräften war damit fern der Realität. Das lässt sich neben diesen Verlustraten an folgenden Kennzahlen deutlich machen: • Einem Rückgang der Distrikte „unter Regierungskontrolle“ von 72 Prozent im November 2015 auf 57 Prozent im August 2017,“

Quelle: Drs. 20/10400, S. 50 (Original, neues Fenster)

Zwischen 2014 und 2020 kamen 45.000 ANDSF-Angehörige im Einsatz ums Leben, in den Jahren vor und seit dem Doha-Abkommen 30 bis 40 pro Tag (14.000 zwischen 2001 und Februar 2014). Distrikte „unter Regierungskontrolle“ sanken von 72 Prozent (Nov. 2015) auf 57 Prozent (Aug. 2017). Die in NATO-Kreisen verbreitete Behauptung einer „Pattsituation“ war damit fern der Realität.

Thema: Afghanische Regierung & Streitkräfte 2014–2020 Akteure: Afghanische Sicherheitskräfte (ANDSF), Taliban, NATO enquete\zwischenbericht-projektgruppen-1.json
Feststellung Teil 2, Kap. 2, Erster Abschnitt 3.2 — Non-Paper im NATO-Rahmen S. 215–216

Deutsches Non-Paper (02.06.2020): „in together, adjust together, out together“: Bestandsaufnahme im NATO-Rat

Originalstelle
„Getreu dem Grundsatz „in together, adjust together, out together“ („gemeinsam rein, gemeinsam die Dinge in Ordnung bringen, gemeinsam wieder raus“) …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Getreu dem Grundsatz „in together, adjust together, out together“ („gemeinsam rein, gemeinsam die Dinge in Ordnung bringen, gemeinsam wieder raus“) schlagen wir vor, dass der Rat eine Bestandsaufnahme der Gesamtlage und eine Bewertung zu der Frage vornimmt, was im Friedensprozess bisher erreicht wurde.“

Quelle: Drs. 20/14700, S. 215–216 (Original, neues Fenster)

Vor der NAC-Sitzung am 03.06.2020 verteilte Deutschland ein Non-Paper („Food-for-Thought“) unter Bündnispartnern, das eine gemeinsame Bestandsaufnahme zu Lage und Friedensprozess anregte. Kriterien waren u. a. substanzielle Gewaltreduzierung und Fortschritte bei den innerafghanischen Verhandlungen. Bei der NAC-Sitzung am 03.06.2020 habe es laut Zeuge S. eine sehr breite Unterstützung wortnehmender Nationen gegeben. Welche Staaten Deutschland unterstützten, konnte der Ausschuss nicht aufklären.

Thema: Ressortabstimmung 2020-06-02/03 Akteure: Auswärtiges Amt, Nordatlantikrat abschlussbericht\teil2-kap2-abzug-rueckverlegung.json
Feststellung Kap. 4.1.2.4 — Resolute Support und Abzug S. 49

Resolute Support ab 2015: Reduzierung auf 13.600 internationale Soldaten ohne Kampfauftrag

Originalstelle
„Mit der ISAF-Folgemission Resolute Support sank die internationale Truppenstärke von 44.500 (2014) auf 13.600 (2015), stationiert nur noch in der …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Mit der ISAF-Folgemission Resolute Support sank die internationale Truppenstärke von 44.500 (2014) auf 13.600 (2015), stationiert nur noch in der „Nabe“ Kabul und den „Speichen“ der vier Regionalzentren in West, Süd, Ost und Nord (Mazar-e Sharif). Der reduzierte Auftrag lautete, die Afghan National Defense and Security Forces (ANDSF) nur noch auf ministerieller und national -institutioneller Ebene, im Norden das 209. (und ab 2019 das 217. ANA-Korps in Kunduz), also weit entfernt von der Umsetzungsebene zu beraten, ausdrücklich ohne Kampfauftrag.“

Quelle: Drs. 20/10400, S. 49 (Original, neues Fenster)

Mit der ISAF-Folgemission Resolute Support sank die internationale Truppenstärke von 44.500 (2014) auf 13.600 (2015), stationiert nur noch in „Nabe“ Kabul und vier Regionalzentren. Auftrag: Beratung der ANDSF nur noch auf ministerieller und national-institutioneller Ebene, ausdrücklich ohne Kampfauftrag. TAAC-N umfasste 2017 rund 1.700 Soldat:innen, davon 700–800 Deutsche. Im Herbst 2015 konnten die Taliban mit Kunduz erstmalig eine Provinzhauptstadt besetzen.

Thema: NATO & Bündnis 2015 Akteure: NATO, Bundeswehr, Taliban, Afghanische Sicherheitskräfte (ANDSF) enquete\zwischenbericht-projektgruppen-1.json
Feststellung Kap. 4.1.2.2 — Erster gefallener Soldat S. 43

29.04.2009: Hauptgefreiter Sergej Motz fällt als erster Bundeswehrsoldat im Kampf

Originalstelle
„Deutsche ISAF-Soldaten hatten 2002 bis 2005 noch eine relativ niedrige Zahl an Feindkontakten, ab 2006 stiegen diese Zahlen sukzessive an, bis hin zu …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Deutsche ISAF-Soldaten hatten 2002 bis 2005 noch eine relativ niedrige Zahl an Feindkontakten, ab 2006 stiegen diese Zahlen sukzessive an, bis hin zu 138 im Jahr 2010 (siehe Grafik). Am 29. April 2009 fiel in einem komplexen Hinterhalt der Hauptgefreite Sergej Motz als erster Bundeswehrsoldat im Kampf.“

Quelle: Drs. 20/10400, S. 43 (Original, neues Fenster)

Am 29. April 2009 fiel in einem komplexen Hinterhalt der Hauptgefreite Sergej Motz als erster Bundeswehrsoldat im Kampf. Die Zahl der Feindkontakte deutscher ISAF-Soldaten stieg von 5 (2005) auf 138 (2010). Am 15. Juni 2009 erhielt die Bundeswehr im Einsatz erstmals Luftnahunterstützung mit Waffeneinsatz. Am 19. Juli 2009 wurden erstmals Mörser und Schützenpanzer Marder im Kampf eingesetzt.

Thema: Lageeinschätzung 2009 Akteure: Bundeswehr, Taliban enquete\zwischenbericht-projektgruppen-1.json

Stimmen der Fraktionen (1)

Sondervotum Teil 3, Kap. 5, Abschnitt 6.2 — Nachtkampffähigkeit S. 1018

Taliban besser ausgerüstet: Nachtkampffähigkeit verschaffte Taliban deutlichen Vorteil

Originalstelle
„„Militärisch haben die Taliban […] aufgrund einer verbreitet vorhandenen, handelsüblichen Nachtkampffähigkeit einen deutlichen Vorteil gegenüber den ANDSF.“

Quelle: Drs. 20/14700, S. 1018 (Original, neues Fenster)

Laut „Kurzanalyse Afghanistan” des BMVg-Referats SE I 3 (Februar 2021) hatten die Taliban aufgrund handelsüblicher Nachtkampffähigkeit einen militärisch deutlichen Vorteil gegenüber den ANDSF. Spezialkräfte der Taliban („Red Units”) schossen mit Nachtsichtgeräten ausgerüstete ANDSF-Soldaten an Checkpoints reihenweise nieder. Staatssekretär Zimmer (BMVg) nannte die Waffenungleichheit „dramatisch”. Sie sei in der BMVg-Leitungsebene nicht thematisiert worden.

Stimmen der Sachverständigen (1)

Sachverständige:r Sicherheitslage nach dem Doha-Abkommen S. 1

Taliban-Angriffe auf internationale Kräfte stoppten, auf afghanische nahmen zu

Originalstelle
„Nach dem Abkommen beendeten die Taliban ihre Angriffe auf internationale Sicherheitskräfte und Einrichtungen. Angriffe gegen die afghanische Regierung und Sicherheitskräfte nahmen zu.“

Quelle: Ausschuss-Drs. 20(27)104, S. 1 (Original, neues Fenster)

Nach dem Doha-Abkommen stellten die Taliban Angriffe auf internationale Kräfte ein, intensivierten aber Angriffe gegen die afghanische Regierung und ihre Sicherheitskräfte.

Thema: Lageeinschätzung nach Februar 2020 Akteure: Taliban, Afghanische Republik, Afghanische Sicherheitskräfte (ANDSF) stellungnahmen\05-zeino.json