Aufgabe-Befehl an die ANA war nicht zwingend nötig; Fahnenflucht war systemlogisch
Originalstelle
„Ob die Aufgabe der afghanischen Armee durch die Regierung empfohlen oder sogar befohlen wurde, ist schwierig einzuschätzen. Diese könnte sein, war aber wahrscheinlich nicht notwendig, da die Legitimität des persönlichen Egoismus gegenüber dem kostspieligen Altruismus zum Vorteil eines konstruierten demokratischen Afghanistan völlig klar war. Das „Kavaliersdelikt” der Option der Fahnenflucht schwebte wahrscheinlich wie ein immer größerer werdender „rosa Elefant” in der Vorstellungswelt der mit dem Westen kooperierenden Afghanen.“
Ob eine Empfehlung oder ein Befehl zur Aufgabe der Armee erging, sei schwer einzuschätzen; ein solcher Befehl sei wahrscheinlich nicht notwendig gewesen, weil persönlicher Egoismus gegenüber kostspieligem Altruismus für ein „konstruiertes” demokratisches Afghanistan systemlogisch obsiegte. Fahnenflucht habe als „Kavaliersdelikt” über der Vorstellungswelt der mit dem Westen kooperierenden Afghan:innen geschwebt.
Dokument: Stellungnahme zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr — Lage in Afghanistan zum Zeitpunkt des Doha-Abkommens (Sicherheitslage und militärische Lage)
Autor:in: Prof. Dr. Daniel Zerbin
Wissenschaftliche und dienstliche Befassung mit islamistischem Terrorismus, Selbstmordattentaten; zwei dienstliche Aufenthalte in Afghanistan
Ausschussdrucksache: 20(27)112
Datum: 2022-09-14
Art des Belegs: wörtliches Zitat
Weiteres aus derselben Quelle
Sachverständige:rFrage 1 — Politische und Sicherheitslage zum Zeitpunkt des Doha-AbkommensS. 2
Das Doha-Abkommen habe vor allem dem Wahlkampf von US-Präsident Donald Trump gedient, weil das Ende des Afghanistan-Kriegs zu seinen Wahlversprechen gehört habe.
Zum Zeitpunkt des Doha-Abkommens habe das Leben der Menschen in Afghanistan bereits von Hoffnungslosigkeit, schlechter Sicherheitslage, politischer Instabilität und nachlassender internationaler Unterstützung geprägt gewesen.
Für die afghanischen Sicherheitskräfte sei spätestens jetzt klar gewesen, dass die westliche Unterstützung ausläuft und sie der Taliban-Bedrohung absehbar allein gegenüberstehen würden.
Nach Angaben des US-Militärs (Oktober 2018) stand weniger als die Hälfte der Bezirke noch unter Kontrolle der afghanischen Regierung; in rund 30 % der Bezirke fanden Kampfhandlungen statt.