Taliban-Strategie: Bezirkszentren umzingeln, Norden zuerst, Stammesälteste als Kapitulations-Vermittler; Social-Media-Inszenierung als Schneeballeffekt
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„Die von den Taliban geführten Kampagnen verdeutlichten Schlüsselelemente ihrer Strategie: die Bezirkszentren zu umzingeln, zunächst die Bezirkszentren im Norden einzunehmen und strategische Grenzübergänge zu erobern. … Die meisten Provinzen fielen an die Taliban aufgrund von Vereinbarungen, bei denen Regierungsbeamte sich mit Stammesältesten abstimmten, die zwischen der Regierung und den Taliban vermittelten, oder die Taliban wiesen die Stammesältesten an, die Regierungstruppen zur Übergabe von Bezirken und Provinzen zu bewegen. … Die Online-Propaganda der Taliban nahm an Intensität zu, als ihre militärischen Kampagnen an Schwung gewannen, insbesondere im August 2021. In Posts in den sozialen Netzwerken wurde häufig ausdrücklich auf den Amtssitz von Gouverneuren, Polizeizentralen und Haftanstalten verwiesen, die die Taliban gerade erobert hatten, und Waffen und Ausrüstungen aufgeführt, die requiriert worden waren. Das Erbeuten von Waffen und die anschließende Zurschaustellung dieser Beute in den sozialen Netzwerken hatte eine zweifache Wirkung, nämlich die tatsächlichen militärischen Fähigkeiten der Taliban zu erweitern und die afghanischen Streitkräfte psychologisch einzuschüchtern.“
Die Taliban-Strategie: Bezirkszentren umzingeln, zunächst den Norden einnehmen, strategische Grenzübergänge erobern; die meisten Provinzen fielen durch ausgehandelte Kapitulationen, die Stammesälteste vermittelten. Die Taliban wiesen diese teils an, Regierungstruppen zur Übergabe zu bewegen. Ihre Online-Propaganda inszenierte Eroberungen mit Beute aus sozialen Netzwerken und löste einen Schneeballeffekt aus.
Dokument: Die Faktoren, die zum Zusammenbruch der afghanischen Regierung und ihrer Sicherheitskräfte führten (deutsche Übersetzung)
Autor:in: John F. Sopko und David H. Young
John F. Sopko: Sondergeneralinspektor der US-Regierung für den Wiederaufbau in Afghanistan (SIGAR); David H. Young: SIGAR-Teamleiter „Lessons Learned”-Programm
Ausschlaggebend für den Kollaps sei das Zusammenspiel effektiver Taliban-Propaganda mit einer lethargischen Republik und IG gewesen. ANSF und Zivilist:innen sahen die Machtübernahme Anfang August 2021 als unausweichlich oder sogar gewollt; das führte ab 6.8.21 zu Massenkapitulationen. Marty zitiert Thomas Barfield: „In Afghanistan ist die Wahrnehmung von Macht die eigentliche Macht — die Leute entscheiden in der Nacht vor der Schlacht, wer gewinnen wird, und überlaufen.”
Aus 20 Jahren Wiederaufbau identifiziert SIGAR sieben zentrale Lehren: (1) chronische Schwierigkeiten, eine kohärente Strategie zu erarbeiten und umzusetzen; (2) systematische Unterschätzung der Zeit, unrealistische Fristen, schnelle Ausgaben förderten Korruption und reduzierten Effektivität; (3) viele Institutionen und Infrastrukturprojekte waren nicht tragfähig; (4) kontraproduktive zivile und militärische Personalpolitik; (5) anhaltende Unsicherheit untergrub Wiederaufbau; (6) US-Regierung verstand den afghanischen Kontext nicht; (7) Monitoring und Evaluation reichten selten aus, um Wirkungen zu verstehen.
SIGAR identifiziert sechs unmittelbare Faktoren des Zusammenbruchs der Zivilregierung: (1) die Regierung glaubte nicht an einen tatsächlichen US-Abzug und war unvorbereitet; (2) Ausschluss von den US-Taliban-Gesprächen schwächte und unterminierte sie; (3) sie bestand trotz ihrer schwachen Position auf Integration der Taliban in die Republik; (4) die Taliban waren nicht kompromissbereit; (5) Ghani regierte mit einem engen, selektiven Loyalistenkreis; (6) langfristig: starke Zentralisierung, fehlende Legitimität und endemische Korruption.
Die afghanische Regierung sei beim Abzug der USA und ihrer Vertragsnehmer gänzlich unvorbereitet für den Kampf gegen die Taliban gewesen. Mohib bestätigte SIGAR, Bidens April-Ankündigung sei ein „Schock” gewesen, weil US-Vertreter zuvor stets ein Bekenntnis zu einem unabhängigen, demokratischen Afghanistan abgegeben und Argumente eines „Vorwand”-Abzugs zurückgewiesen hatten.
Mehrere Insider bestätigten gegenüber SIGAR den unterminierenden Effekt des Doha-Ausschlusses: Hugo Llorens: Der Ausschluss habe das Taliban-Narrativ „Kabul ist Marionette” bestätigt; Sami Sadat: Die psychologische Wirkung habe afghanische Soldaten in den Überlebensmodus umschalten lassen; Lisa Curtis (NSC): Das Abkommen habe „den Taliban nicht genug abverlangt, die Regierung verunsichert und die Moral der ANSF untergraben”.
Hekmat Karzai konstatierte „enormen Druck” auf beiden Seiten zur „Absorption”. Bis zur Woche vor dem Kollaps habe sich die Ghani-Regierung für die dominierende politische Kraft gehalten; Ghani weigerte sich bis zuletzt zur Machtabgabe. Wäre er in Kabul geblieben, hätte vermutlich eine vermittelte Übergangsregierung mit Beteiligung Regierung und Taliban gebildet werden können und Verfassungselemente erhalten bleiben. Seine Flucht am 15. August machte das unmöglich.