BewertungANDSF — Korruption als „Klebstoff”S. 20–22
Payenda: ≥80 % der 300.000 ANDSF waren „Geistersoldaten”; Korruption war „Klebstoff” der Regierung
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„Wie Payenda in einem Interview mit dem Afghanistan Analysts Network behauptete, waren mindestens 80 Prozent der 300.000 in den Listen erfassten ANDSF-Soldaten Geistersoldaten — Namen von Soldaten und Polizisten, die desertiert waren, getötet wurden oder überhaupt nie existiert hatten. … Soldaten im Feld erhielten minderwertige oder überhaupt keine Ausrüstung; schätzungsweise 300 Millionen Dollar pro Jahr wurden für die Zahlung von Sold an ANP-Personal aufgewandt, dessen Existenz nicht überprüft werden konnte. Unter anderem führte dies innerhalb der ANDSF zu einer hohen Fluktuation. Wie SIGAR 2017 berichtete, ging den ANA fluktuationsbedingt jedes Jahr durchschnittlich ein Drittel ihrer Mitglieder verloren, den ANP ein Fünftel. … In gewisser Weise war Korruption der Klebstoff, der die afghanische Regierung zusammenhielt. … General a. D. John Nicholson formulierte es so: „Vielleicht wurden aus Trainern Spieler.”“
Khalid Payenda behauptete, mindestens 80 % der 300.000 in Listen erfassten ANDSF seien „Geistersoldaten” gewesen: desertiert, gefallen oder nie existiert; etwa 300 Mio. $ pro Jahr seien für nicht überprüfbares ANP-Personal aufgewandt worden. ANA-Fluktuation pro Jahr ein Drittel, ANP ein Fünftel. SIGAR: „In gewisser Weise war Korruption der Klebstoff, der die afghanische Regierung zusammenhielt.” General a. D. John Nicholson: „Vielleicht wurden aus Trainern Spieler.”
Hinweis zur Einordnung: Payendas 80-%-Aussage steht in deutlicher Spannung zu Martys Befund, dass das Geistersoldaten-Problem nach Doha durch biometrische Gehaltsregister reduziert wurde. Beide Quellen gehören dokumentiert in den Bestand.
Dokument: Die Faktoren, die zum Zusammenbruch der afghanischen Regierung und ihrer Sicherheitskräfte führten (deutsche Übersetzung)
Autor:in: John F. Sopko und David H. Young
John F. Sopko: Sondergeneralinspektor der US-Regierung für den Wiederaufbau in Afghanistan (SIGAR); David H. Young: SIGAR-Teamleiter „Lessons Learned”-Programm
Ausschussdrucksache: 20(27)196
Datum: 2023-03-02
Art des Belegs: wörtliches Zitat
Verwandte Aussagen
Sachverständige:rFrage 6 — Leistungsfähigkeit und Kampfeswille der ANA/ANSFS. 5
Die offiziell angegebene Truppenstärke (~300.000) sei laut dem früheren Finanzminister Khalid Payenda stark überhöht gewesen; tatsächlich hätten nur etwa 50.000 Soldaten zur Verfügung gestanden. Die Differenz seien „Geistersoldaten”, die Offizieren Mittel aus Kabul einbrachten; eine zahlenmäßige Überlegenheit habe es nie gegeben.
Die NATO nannte über Jahre >300.000 ANSF; die tatsächliche Zahl sei schätzungsweise nur halb so groß gewesen, „Geisterkämpfer” tauchten nur in Listen auf, damit korrupte Beamte Gehälter kassierten; zudem habe hohe Fluktuation dafür gesorgt, dass viele Stellen unbesetzt oder mit nicht kampftauglichen Mitarbeitern besetzt waren.
Marty argumentiert, dass das „Geistersoldaten”-Problem nach Doha durch ein biometrisch verifiziertes Gehaltsregister und die Pflicht zu Bankkonten deutlich reduziert wurde; die ANSF (~300.000) seien den Taliban (maximal ~100.000, wahrscheinlich beträchtlich weniger) zahlenmäßig zu jeder Zeit klar überlegen gewesen.
Hinweis: Marty widerspricht hier direkt Zerbin (~50.000 reale Soldaten laut Payenda) und Kaim („tatsächliche Zahl nur halb so groß”). Drei sehr unterschiedliche Einschätzungen zur ANSF-Realstärke nebeneinander dokumentieren.
Aus 20 Jahren Wiederaufbau identifiziert SIGAR sieben zentrale Lehren: (1) chronische Schwierigkeiten, eine kohärente Strategie zu erarbeiten und umzusetzen; (2) systematische Unterschätzung der Zeit, unrealistische Fristen, schnelle Ausgaben förderten Korruption und reduzierten Effektivität; (3) viele Institutionen und Infrastrukturprojekte waren nicht tragfähig; (4) kontraproduktive zivile und militärische Personalpolitik; (5) anhaltende Unsicherheit untergrub Wiederaufbau; (6) US-Regierung verstand den afghanischen Kontext nicht; (7) Monitoring und Evaluation reichten selten aus, um Wirkungen zu verstehen.
SIGAR identifiziert sechs unmittelbare Faktoren des Zusammenbruchs der Zivilregierung: (1) die Regierung glaubte nicht an einen tatsächlichen US-Abzug und war unvorbereitet; (2) Ausschluss von den US-Taliban-Gesprächen schwächte und unterminierte sie; (3) sie bestand trotz ihrer schwachen Position auf Integration der Taliban in die Republik; (4) die Taliban waren nicht kompromissbereit; (5) Ghani regierte mit einem engen, selektiven Loyalistenkreis; (6) langfristig: starke Zentralisierung, fehlende Legitimität und endemische Korruption.
Die afghanische Regierung sei beim Abzug der USA und ihrer Vertragsnehmer gänzlich unvorbereitet für den Kampf gegen die Taliban gewesen. Mohib bestätigte SIGAR, Bidens April-Ankündigung sei ein „Schock” gewesen, weil US-Vertreter zuvor stets ein Bekenntnis zu einem unabhängigen, demokratischen Afghanistan abgegeben und Argumente eines „Vorwand”-Abzugs zurückgewiesen hatten.
Mehrere Insider bestätigten gegenüber SIGAR den unterminierenden Effekt des Doha-Ausschlusses: Hugo Llorens: Der Ausschluss habe das Taliban-Narrativ „Kabul ist Marionette” bestätigt; Sami Sadat: Die psychologische Wirkung habe afghanische Soldaten in den Überlebensmodus umschalten lassen; Lisa Curtis (NSC): Das Abkommen habe „den Taliban nicht genug abverlangt, die Regierung verunsichert und die Moral der ANSF untergraben”.
Hekmat Karzai konstatierte „enormen Druck” auf beiden Seiten zur „Absorption”. Bis zur Woche vor dem Kollaps habe sich die Ghani-Regierung für die dominierende politische Kraft gehalten; Ghani weigerte sich bis zuletzt zur Machtabgabe. Wäre er in Kabul geblieben, hätte vermutlich eine vermittelte Übergangsregierung mit Beteiligung Regierung und Taliban gebildet werden können und Verfassungselemente erhalten bleiben. Seine Flucht am 15. August machte das unmöglich.