ANDSF als Spiegelbild der USA; Mi-17→UH-60-Umstellung verschob volle Einsatzbereitschaft auf 2030
Originalstelle„Die ANDSF blieb zum Teil deshalb auf das amerikanische Militär angewiesen, weil die Vereinigten Staaten die ANDSF nach dem Muster ihrer eigenen Streitkräfte konzipierten, was einen hohen Grad an professioneller militärischer Erfahrung und …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Die ANDSF blieb zum Teil deshalb auf das amerikanische Militär angewiesen, weil die Vereinigten Staaten die ANDSF nach dem Muster ihrer eigenen Streitkräfte konzipierten, was einen hohen Grad an professioneller militärischer Erfahrung und Führungskompetenz erforderte. … Die Abhängigkeit der ANDSF von amerikanischer Militärhilfe war keine Funktionsstörung, sondern ein Wesensmerkmal der militärischen Beziehungen zwischen den USA und Afghanistan. … So waren die Afghanen beispielsweise mit den Mi-17-Hubschraubern aus sowjetischer Zeit vertraut … 2017 ging TAAC-Air davon aus, dass die AAF bis 2019 in der Lage sein würde, ihre Mi-17 vollständig zu warten. Zum damaligen Zeitpunkt stellte das DOD die AAF jedoch von den Mi-17 auf den komplexeren, in den USA hergestellten Hubschrauber UH-60 Black Hawk um. … Laut TAAC-Air verschob sich der Termin für die vollständige Einsatzbereitschaft der Luftwaffe durch die Umstellung von Mi-17 auf UH-60 auf mindestens 2030, d. h. zehn Jahre nach der Zusage der USA, ihre gesamte militärische und von Vertragsnehmern erbrachte Unterstützung aus Afghanistan abzuziehen.“
Die ANDSF seien als Spiegelbild der US-Streitkräfte konzipiert worden. Abhängigkeit sei „Wesensmerkmal” der Beziehungen, keine Funktionsstörung. Beispiel Luftwaffe: 2019 hätte die AAF die sowjetzeitlichen Mi-17 selbst warten können, das DOD stellte sie aber auf US-UH-60-Black-Hawks um, was die volle Einsatzbereitschaft auf mindestens 2030 verschob, zehn Jahre nach der Abzugszusage; die ANDSF hätten zudem auf Ressourcenmanagement (Bestandssystem CoreIMS), Vertragsverwaltung und militärische Führung allesamt US-Abhängigkeiten gehabt.
Dokument: Die Faktoren, die zum Zusammenbruch der afghanischen Regierung und ihrer Sicherheitskräfte führten (deutsche Übersetzung)
Autor:in: John F. Sopko und David H. Young
John F. Sopko: Sondergeneralinspektor der US-Regierung für den Wiederaufbau in Afghanistan (SIGAR); David H. Young: SIGAR-Teamleiter „Lessons Learned”-Programm
Ausschussdrucksache: 20(27)196
Datum: 2023-03-02
Art des Belegs: wörtliches Zitat
Verwandte Aussagen
Sachverständige:rLeistungsfähigkeit der ANSFS. 11–12
Die ANSF seien als „Spiegelbild” der US-Streitkräfte konzipiert worden. Verbundene Operationen erforderten Fähigkeiten, über die die ANSF nicht verfügten; die afghanische Luftwaffe (AAF) sei ihr größter Vorteil gewesen, hätte aber bis mindestens 2030 nicht selbständig agieren können. Mit Abzug der US-Wartungskapazitäten im Mai 2021 sei die Verfügbarkeit einsatzbereiter Flugzeuge auf wichtigen Flugplätzen eingeschränkt gewesen.
Die afghanische Luftwaffe sei zunehmend von US-Technikern instandgesetzt worden; mit deren Abzug sei das Wissen verschwunden, die Luftwaffe nicht mehr einsatzbereit gewesen. Eine Kaskade aus Nachschubengpässen (Munition, Verpflegung, Verwundetenevakuierung) habe folgen lassen, dass die Versorgung der Sicherheitskräfte nicht mehr gewährleistet war.
Aus 20 Jahren Wiederaufbau identifiziert SIGAR sieben zentrale Lehren: (1) chronische Schwierigkeiten, eine kohärente Strategie zu erarbeiten und umzusetzen; (2) systematische Unterschätzung der Zeit, unrealistische Fristen, schnelle Ausgaben förderten Korruption und reduzierten Effektivität; (3) viele Institutionen und Infrastrukturprojekte waren nicht tragfähig; (4) kontraproduktive zivile und militärische Personalpolitik; (5) anhaltende Unsicherheit untergrub Wiederaufbau; (6) US-Regierung verstand den afghanischen Kontext nicht; (7) Monitoring und Evaluation reichten selten aus, um Wirkungen zu verstehen.
SIGAR identifiziert sechs unmittelbare Faktoren des Zusammenbruchs der Zivilregierung: (1) die Regierung glaubte nicht an einen tatsächlichen US-Abzug und war unvorbereitet; (2) Ausschluss von den US-Taliban-Gesprächen schwächte und unterminierte sie; (3) sie bestand trotz ihrer schwachen Position auf Integration der Taliban in die Republik; (4) die Taliban waren nicht kompromissbereit; (5) Ghani regierte mit einem engen, selektiven Loyalistenkreis; (6) langfristig: starke Zentralisierung, fehlende Legitimität und endemische Korruption.
Die afghanische Regierung sei beim Abzug der USA und ihrer Vertragsnehmer gänzlich unvorbereitet für den Kampf gegen die Taliban gewesen. Mohib bestätigte SIGAR, Bidens April-Ankündigung sei ein „Schock” gewesen, weil US-Vertreter zuvor stets ein Bekenntnis zu einem unabhängigen, demokratischen Afghanistan abgegeben und Argumente eines „Vorwand”-Abzugs zurückgewiesen hatten.
Mehrere Insider bestätigten gegenüber SIGAR den unterminierenden Effekt des Doha-Ausschlusses: Hugo Llorens: Der Ausschluss habe das Taliban-Narrativ „Kabul ist Marionette” bestätigt; Sami Sadat: Die psychologische Wirkung habe afghanische Soldaten in den Überlebensmodus umschalten lassen; Lisa Curtis (NSC): Das Abkommen habe „den Taliban nicht genug abverlangt, die Regierung verunsichert und die Moral der ANSF untergraben”.
Hekmat Karzai konstatierte „enormen Druck” auf beiden Seiten zur „Absorption”. Bis zur Woche vor dem Kollaps habe sich die Ghani-Regierung für die dominierende politische Kraft gehalten; Ghani weigerte sich bis zuletzt zur Machtabgabe. Wäre er in Kabul geblieben, hätte vermutlich eine vermittelte Übergangsregierung mit Beteiligung Regierung und Taliban gebildet werden können und Verfassungselemente erhalten bleiben. Seine Flucht am 15. August machte das unmöglich.