Bagram-Abzug Juli 2021 in der Nacht ohne Vorwarnung des afghanischen Kommandeurs als demoralisierender Schlag
Originalstelle
„Die Meldungen über den Abzug der USA vom Flugstützpunkt Bagram im Juli 2021 waren ein besonders wunder Punkt für die afghanischen Militärs, die den Medien berichteten, die amerikanischen Streitkräfte hätten den Stützpunkt spät in der Nacht verlassen und den Strom abgeschaltet, ohne den neuen afghanischen Stützpunktkommandeur zu benachrichtigen. Wenngleich die US-Vertreter diese Darstellung in einigen Details bestritten, hatten die Berichte über den nächtlichen Abzug eine demoralisierende Wirkung auf die afghanischen Soldaten. … Lisa Curtis … verglich den Abzug der USA mit einem „Teppich, der den Afghanen unter den Beinen weggezogen wurde”. Laut Generalleutnant a. D. David Barno unterschätzte sogar das amerikanische Militär die Bedeutung des Rückzugs der in Afghanistan tätigen Vertragsnehmer.“
Berichte über den nächtlichen US-Abzug aus Bagram (Juli 2021), bei dem die afghanischen Kommandeure nicht benachrichtigt und der Strom abgeschaltet worden sein soll, wirkten demoralisierend (auch wenn die US-Seite Details bestritt). Lisa Curtis verglich den Abzug mit einem „Teppich, der den Afghanen unter den Beinen weggezogen wurde”; Generalleutnant a. D. David Barno bestätigte, das US-Militär selbst habe die Bedeutung des Contractor-Abzugs unterschätzt.
Dokument: Die Faktoren, die zum Zusammenbruch der afghanischen Regierung und ihrer Sicherheitskräfte führten (deutsche Übersetzung)
Autor:in: John F. Sopko und David H. Young
John F. Sopko: Sondergeneralinspektor der US-Regierung für den Wiederaufbau in Afghanistan (SIGAR); David H. Young: SIGAR-Teamleiter „Lessons Learned”-Programm
Ausschussdrucksache: 20(27)196
Datum: 2023-03-02
Art des Belegs: wörtliches Zitat
Verwandte Aussagen
Sachverständige:rFrage 6 — Leistungsfähigkeit der ANA/ANSFS. 6
Viele afghanische Luftfahrzeuge seien von US-Contractors gewartet worden, angeblich bis zu 8.000, die rund um die Uhr Ersatzteile bauten und reparierten; mit dem nächtlichen US-Abzug aus Bagram sei diese Unterstützung erloschen. Die zivilen Unterstützer wären nicht schnell ersetzbar gewesen.
USA und NATO sicherten in der Joint Declaration und in fortlaufenden Stoltenberg-Statements bis mindestens zwei Monate vor dem Fall der Republik Weiterfinanzierung der ANSF (mindestens bis 2024), Trainings außerhalb AFGs, zivile NATO-Präsenz und Flughafen-Sicherung zu. Ghani sagte ex post (PBS, 25.08.2022), die Republik habe mit dieser Unterstützung geplant und sei auf den abrupten Truppen- und Contractor-Abzug nicht vorbereitet gewesen.
Aus 20 Jahren Wiederaufbau identifiziert SIGAR sieben zentrale Lehren: (1) chronische Schwierigkeiten, eine kohärente Strategie zu erarbeiten und umzusetzen; (2) systematische Unterschätzung der Zeit, unrealistische Fristen, schnelle Ausgaben förderten Korruption und reduzierten Effektivität; (3) viele Institutionen und Infrastrukturprojekte waren nicht tragfähig; (4) kontraproduktive zivile und militärische Personalpolitik; (5) anhaltende Unsicherheit untergrub Wiederaufbau; (6) US-Regierung verstand den afghanischen Kontext nicht; (7) Monitoring und Evaluation reichten selten aus, um Wirkungen zu verstehen.
SIGAR identifiziert sechs unmittelbare Faktoren des Zusammenbruchs der Zivilregierung: (1) die Regierung glaubte nicht an einen tatsächlichen US-Abzug und war unvorbereitet; (2) Ausschluss von den US-Taliban-Gesprächen schwächte und unterminierte sie; (3) sie bestand trotz ihrer schwachen Position auf Integration der Taliban in die Republik; (4) die Taliban waren nicht kompromissbereit; (5) Ghani regierte mit einem engen, selektiven Loyalistenkreis; (6) langfristig: starke Zentralisierung, fehlende Legitimität und endemische Korruption.
Die afghanische Regierung sei beim Abzug der USA und ihrer Vertragsnehmer gänzlich unvorbereitet für den Kampf gegen die Taliban gewesen. Mohib bestätigte SIGAR, Bidens April-Ankündigung sei ein „Schock” gewesen, weil US-Vertreter zuvor stets ein Bekenntnis zu einem unabhängigen, demokratischen Afghanistan abgegeben und Argumente eines „Vorwand”-Abzugs zurückgewiesen hatten.
Mehrere Insider bestätigten gegenüber SIGAR den unterminierenden Effekt des Doha-Ausschlusses: Hugo Llorens: Der Ausschluss habe das Taliban-Narrativ „Kabul ist Marionette” bestätigt; Sami Sadat: Die psychologische Wirkung habe afghanische Soldaten in den Überlebensmodus umschalten lassen; Lisa Curtis (NSC): Das Abkommen habe „den Taliban nicht genug abverlangt, die Regierung verunsichert und die Moral der ANSF untergraben”.
Hekmat Karzai konstatierte „enormen Druck” auf beiden Seiten zur „Absorption”. Bis zur Woche vor dem Kollaps habe sich die Ghani-Regierung für die dominierende politische Kraft gehalten; Ghani weigerte sich bis zuletzt zur Machtabgabe. Wäre er in Kabul geblieben, hätte vermutlich eine vermittelte Übergangsregierung mit Beteiligung Regierung und Taliban gebildet werden können und Verfassungselemente erhalten bleiben. Seine Flucht am 15. August machte das unmöglich.