BewertungFrage 6 — Unterstützung in der BevölkerungS. 6
Westliche Wahrnehmung zu Kabul-zentriert; Mehrheit lebt auf dem Land und nahm 20 Jahre als Krieg wahr
Originalstelle
„Das Augenmerk der Wahrnehmung im Westen lag immer viel zu stark auf der Millionenmetropole Kabul. Und hier überwog ganz sicher die Unterstützung für den Aufbau und für die Existenz eines demokratischen Staates … Doch die Mehrheit der Bevölkerung lebt auf dem Land. Hier haben viele Menschen die vergangenen 20 Jahre vor allem als Krieg wahrgenommen – und nicht als demokratischen Aufbruch mit Entwicklung und Wohlstand. Vor allem in der südlichen und östlichen Landeshälfte war das Leben geprägt von Gefechten, nächtlichen Razzien, Luftangriffen, vom Einsatz von Kampfdrohnen, von Willkür und unklaren Fronten.“
Die westliche Wahrnehmung sei zu Kabul-zentriert gewesen; dort habe Unterstützung für einen demokratischen Staatsaufbau überwogen. Die Mehrheit der Bevölkerung lebe jedoch auf dem Land und habe die letzten 20 Jahre vor allem als Krieg erlebt: Gefechte, nächtliche Razzien, Luftangriffe, Kampfdrohnen, Willkür und unklare Fronten, besonders in der südlichen und östlichen Landeshälfte.
Das ländliche Afghanistan sei landesweit extrem konservativ; die als „positiv” wahrgenommene Entwicklung habe vor allem in Kabul stattgefunden. Bereits zehn Kilometer außerhalb (z. B. Wardak) lebten die Menschen wie seit Jahrhunderten.
Zum Zeitpunkt des Doha-Abkommens beherrschten die Taliban weite ländliche Gebiete, während die Regierung die großen Städte hielt. Die afghanische Armee sei dabei auf amerikanische Luftunterstützung angewiesen gewesen; die Zivilbevölkerung sei zwischen unklaren Fronten gefangen gewesen.
Das Doha-Abkommen sei kein Friedensabkommen für Afghanistan gewesen, sondern ein bilaterales Abzugsabkommen zwischen den USA (und damit zwangsläufig auch den Verbündeten) und den Taliban.
Fast durchgängig seit 2001 seien fundamentale Afghanistan-Entscheidungen aus innenpolitischen Motiven der intervenierenden Mächte heraus getroffen worden, nicht primär aus afghanischer Realität.
Die Islamische Republik sei zum Zeitpunkt des Doha-Abkommens enorm geschwächt gewesen: Die offenbar erneut gefälschte Präsidentschaftswahl (die vierte in zwei Jahrzehnten) habe die Elite gespalten, der lähmende Machtkampf zwischen Ghani und Abdullah die Staatsmacht erodiert und die Bevölkerung weiter entfremdet.