Sachverständige:rFrage 5 — Schritte der afghanischen Regierung nach DohaS. 5–6
Ghani: bis zuletzt eigener Afghanistan-Vision verhaftet; Flucht statt geordneter Übergabe
Originalstelle
„Er schien ein Afghanistan zu sehen, dass nur er sah – und seine engsten Vertrauten schafften (oder wollten) es offenbar nicht, zu ihm durchzudringen. Ausländische Diplomatinnen und Politiker, die ihn trafen, zweifelten an seinem Gesundheitszustand. … Er träumte davon, das Land zum Handels- und Logistikzentrum für Zentral- und Südasien auszubauen. Er träumte offenbar auch dann noch davon, als die Taliban vor den Toren der Stadt standen und es einen verzweifelten last-minute-Versuch einer geordneten Machtübergabe gab. Doch der Versuch wurde durch seine Flucht zunichte gemacht. Bis heute glaubt Ghani, dass seine Flucht ein Blutbad verhindert hat. Er sieht sich als Heilsbringer, der sich geopfert hat – nicht als Feigling, der sein Land im Stich gelassen hat.“
Ghani habe ein „nur ihm zugängliches” Afghanistan-Bild gehabt; ausländische Diplomat:innen hätten an seinem Gesundheitszustand gezweifelt. Er habe noch vom Handels- und Logistikzentrum Zentral- und Südasiens geträumt, als die Taliban vor Kabul standen; ein letzter Versuch geordneter Machtübergabe sei durch seine Flucht zunichtegemacht worden. Bis heute sehe Ghani sich nicht als Feigling, sondern als Heilsbringer, dessen Flucht ein Blutbad verhindert habe.
Zum Zeitpunkt des Doha-Abkommens beherrschten die Taliban weite ländliche Gebiete, während die Regierung die großen Städte hielt. Die afghanische Armee sei dabei auf amerikanische Luftunterstützung angewiesen gewesen; die Zivilbevölkerung sei zwischen unklaren Fronten gefangen gewesen.
Das Doha-Abkommen sei kein Friedensabkommen für Afghanistan gewesen, sondern ein bilaterales Abzugsabkommen zwischen den USA (und damit zwangsläufig auch den Verbündeten) und den Taliban.
Fast durchgängig seit 2001 seien fundamentale Afghanistan-Entscheidungen aus innenpolitischen Motiven der intervenierenden Mächte heraus getroffen worden, nicht primär aus afghanischer Realität.
Die Islamische Republik sei zum Zeitpunkt des Doha-Abkommens enorm geschwächt gewesen: Die offenbar erneut gefälschte Präsidentschaftswahl (die vierte in zwei Jahrzehnten) habe die Elite gespalten, der lähmende Machtkampf zwischen Ghani und Abdullah die Staatsmacht erodiert und die Bevölkerung weiter entfremdet.