Sachverständige:rFrage 3 — Bewertung des Doha-AbkommensS. 3–4
Anti-Terror-Zusagen: gegen IS-K ja (auch politisch nutzbar), aber keine öffentliche Trennung von Al-Qaida
Originalstelle
„Den Kampf gegen mutmaßliche Zellen des IS-K scheinen die Taliban ernst zu nehmen – wobei sie ihn offenbar auch dazu nutzen, um politische Gegner zu brandmarken und zu töten. Eine öffentliche Trennung von Al-Qaida hat nicht stattgefunden. Die Zeit des gemeinsamen Kampfes gegen die Sowjetunion und die Unterstützung während des afghanischen Bürgerkriegs hat zu einer engen Verbundenheit und zu familiären Beziehungen durch Heirat geführt. Es darf nicht überraschen, dass al-Zawahiri mutmaßlich in der ehemaligen Green Zone lebte – mutmaßlich in einem Haus, das seit dem Regimewechsel von engen Vertrauten des de-facto-Innenministers Sirajuddin Haqqani genutzt wird.“
Der Kampf gegen mutmaßliche IS-K-Zellen scheinen die Taliban ernst zu nehmen, nutzten ihn aber auch, um politische Gegner zu brandmarken und zu töten; eine öffentliche Trennung von Al-Qaida habe nicht stattgefunden; die enge Verbundenheit aus Sowjet-Krieg und Bürgerkrieg habe zu familiären Heiratsbeziehungen geführt; al-Zawahiri habe mutmaßlich in der ehemaligen Green Zone in einem Haus von Vertrauten Sirajuddin Haqqanis gelebt.
Hinweis zur Einordnung: Widerspruch zur Einschätzung Zerbins, die Taliban hätten Anti-Al-Qaida-Zusagen glaubhaft eingehalten. Petersmann beurteilt die Verbindung als unverändert eng.
Das Versprechen, von afghanischem Boden gehe kein Sicherheitsrisiko mehr für USA und Verbündete aus, sei glaubhaft gewesen: Al-Qaida sei arabisch, die paschtunischen Taliban hätten andere Abstammung, Kultur und Geschichte; das Verhältnis sei schon unter Mullah Omar spannungsreich gewesen. Die Beharrung auf Gastfreundschaft für Bin Laden habe den Taliban 20 Jahre Entmachtung, Krieg und Zerstörung eingebracht.
Zum Zeitpunkt des Doha-Abkommens beherrschten die Taliban weite ländliche Gebiete, während die Regierung die großen Städte hielt. Die afghanische Armee sei dabei auf amerikanische Luftunterstützung angewiesen gewesen; die Zivilbevölkerung sei zwischen unklaren Fronten gefangen gewesen.
Das Doha-Abkommen sei kein Friedensabkommen für Afghanistan gewesen, sondern ein bilaterales Abzugsabkommen zwischen den USA (und damit zwangsläufig auch den Verbündeten) und den Taliban.
Fast durchgängig seit 2001 seien fundamentale Afghanistan-Entscheidungen aus innenpolitischen Motiven der intervenierenden Mächte heraus getroffen worden, nicht primär aus afghanischer Realität.
Die Islamische Republik sei zum Zeitpunkt des Doha-Abkommens enorm geschwächt gewesen: Die offenbar erneut gefälschte Präsidentschaftswahl (die vierte in zwei Jahrzehnten) habe die Elite gespalten, der lähmende Machtkampf zwischen Ghani und Abdullah die Staatsmacht erodiert und die Bevölkerung weiter entfremdet.