Bridge the Gap.

← Afghanische Regierung & Streitkräfte

Sachverständige:r Frage 9 — Korruption S. 12–13

Asia Foundation 2019: 90 %+ erlebten Korruption als Alltagsproblem; >50 % im Justizsektor

Originalstelle
„Im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International ist Afghanistan über die letzten Jahre stets unter den zehn korruptesten Staaten weltweit gelistet worden, 2015-16 an allerletzter Stelle. In jährlichen Meinungsumfragen der …“Ganze Stelle zeigenKürzer zeigen
„Im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International ist Afghanistan über die letzten Jahre stets unter den zehn korruptesten Staaten weltweit gelistet worden, 2015-16 an allerletzter Stelle. In jährlichen Meinungsumfragen der Asia Foundation konstatierten die Befragten ab 2006 bis 2019, dass Korruption ein Problem in ihrem täglichen Leben darstellt – 2019 sagten dies mehr als 90%, für 68% war es ein Hauptproblem. … Dagegen berichteten mehr als 40% von Korruptionserfahrungen mit der Polizei und dem staatlichen Energiekonzern, knapp 40% hatten beim Zugang zu Gesundheitseinrichtungen und mehr als jeder zweite im Justizsektor Erfahrungen mit Korruption gemacht. … Nach der sog. Übergabe in Verantwortung 2014 und der sich in den Folgejahren verschlechternden Sicherheitslage kam mit den US-Taliban-Verhandlungen und der resultierenden Abzugsvereinbarung der internationalen Streitkräfte ein weiterer Unsicherheitsfaktor für viele Staatsbedienstete hinzu. Dies hat möglicherweise bei vielen Beamten auf allen Ebenen einen Anreiz ausgelöst, mehr Gelder zweckzuentfremden und aufgrund des ungewissen Zeithorizontes internationaler Finanzströme … vermehrt in die eigenen Taschen zu wirtschaften.“

Quelle: Ausschuss-Drs. 20(27)105, S. 12–13 (Original, neues Fenster)

Afghanistan sei stets unter den zehn korruptesten Staaten weltweit gelistet gewesen (2015–16 letzte Stelle); 2019 sagten mehr als 90 % der Befragten (Asia Foundation), Korruption sei ein Alltagsproblem, für 68 % ein Hauptproblem; >40 % erlebten Korruption bei Polizei und staatlichem Energiekonzern, knapp 40 % im Gesundheitswesen, >50 % im Justizsektor. Nach der Übergabe in Verantwortung 2014 und der absehbaren Doha-Abzugsvereinbarung sei für viele Beamte ein zusätzlicher Anreiz entstanden, vermehrt in die eigenen Taschen zu wirtschaften.

Thema: Afghanische Regierung & Streitkräfte Status: entwurf_unbestaetigt

Quelle

Dokument: Schriftliche Stellungnahme zum Panel „Zivilgesellschaft und Stabilität der Institutionen” — Lage in Afghanistan zum Zeitpunkt des Doha-Abkommens

Autor:in: Dr. Katja Mielke

Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC); ca. 20 Jahre wissenschaftliche und politikberatende Befassung mit Afghanistan, mehrfache Feldforschung; zuletzt im Januar 2020 in Kabul

Ausschussdrucksache: 20(27)105

Datum: 2022-09-12

Art des Belegs: wörtliches Zitat

Verwandte Aussagen

Sachverständige:r Vertrauensverlust des afghanischen Staats und seiner Eliten S. 2

Korruption auf allen Ebenen; CPI-Rang 174/180 (2021)

Das Vertrauen in Staat, Regierung und politische Eliten sei gering gewesen; 2021 lag Afghanistan im Corruption Perception Index (Transparency International) auf Rang 174 von 180 (mit Nordkorea und Jemen); Korruption habe auf allen Ebenen (Regierung, Parlament, Justiz) stattgefunden.

Thema: Afghanische Regierung & Streitkräfte 2021 stellungnahmen\05-zeino.json
Sachverständige:r Frage 9 — Korruption S. 8–9

Beispiel Atta Mohammed Noor; Beispiel Sicherheitskräfte (Soldaten ohne Munition, Generäle reich)

Der frühere Gouverneur Atta Mohammed Noor sei ein herausragendes Korruptionsbeispiel (NZZ 2014: „lebt wie ein König und regiert wie ein Mafiachef”); ein weiteres seien die Sicherheitskräfte selbst: Während Soldaten Munition und Sold fehlten und sie hungerten, seien Führungskräfte und Minister schwer reich geworden, viele lebten heute im Ausland mit Immobilien. Petersmann fragt rhetorisch, warum die Sicherheitskräfte für ein solches System ihr Leben riskieren sollten.

Thema: Afghanische Regierung & Streitkräfte Akteure: Atta Mohammed Noor stellungnahmen\03-petersmann.json
Bewertung Frage 9 — Korruption S. 11

Korruption endemisch; internationale Gemeinschaft nahm sie billigend in Kauf

Korruption sei seit Beginn des Wiederaufbaus endemisch gewesen, Afghanistan stets auf den letzten 10 Plätzen globaler Indices; die internationale Gemeinschaft habe sie billigend in Kauf genommen, um Programme voranzutreiben. Gerade bei hohen Mittelflüssen sei die Korruption stark gestiegen. Die IG müsse sich kritisch fragen lassen, ob sie nicht hätte entschiedener gegensteuern und Hilfen konditionieren müssen. Sie sei dadurch selbst als Teil des korrupten Systems wahrgenommen worden.

Thema: Afghanische Regierung & Streitkräfte stellungnahmen\04-schetter.json

Weiteres aus derselben Quelle

Sachverständige:r Frage 1a — Inhalt des Doha-Abkommens S. 1–2

Fünf Kernelemente des Doha-Abkommens; ANSF nicht eingeschlossen, nur mündliche 80-%-Gewaltminderungsvereinbarung

Das Doha-Abkommen enthielt fünf Kernelemente: (1) Taliban-Sicherheitsgarantien gegenüber USA und Alliierten, (2) vollständiger US-Truppenabzug bis 30.04.2021, (3) Gefangenenaustausch 5.000 Taliban gegen 1.000 Regierungsangehörige bis 10.03.2020, (4) Zustimmung der Taliban zu intra-afghanischen Friedensgesprächen (ohne Pflicht zur Einigung), (5) US-Zusicherung, Sanktionen (US und UN) zu prüfen und abzubauen. Die afghanischen Sicherheitskräfte blieben aus der Gewaltreduzierungsvereinbarung ausdrücklich ausgenommen; nur mündlich sei eine Minderung um 80 % erwähnt worden (ACLED).

Thema: Doha-Abkommen stellungnahmen\02-mielke.json
Sachverständige:r Frage 1b — Sicherheitslage S. 2

Januar–Februar 2020: 1.010 US-Luftschläge in 27 von 34 Provinzen; Taliban dominierten 60 % des ländlichen Raums

Allein im Januar und Februar 2020 hätten die US-Streitkräfte 1.010 Luftschläge in 27 von 34 Provinzen durchgeführt; die Taliban hätten 60 % des ländlichen Raums kontrolliert. Provinz- und Distriktzentren konnten zwar weitgehend gehalten werden, laut Experten waren die Taliban 2019 finanziell, waffentechnisch und logistisch besser ausgestattet als die ANSF.

Thema: Lageeinschätzung Januar–Februar 2020 stellungnahmen\02-mielke.json
Sachverständige:r Frage 1c — Politische Situation S. 3

Wahl 2019: Ghani 50,6 %, Abdullah 39,5 %; Endergebnis erst 18.02.2020, parallel zu Doha-Abschluss

Die Präsidentschaftswahl fand am 28. September 2019 statt, das Endergebnis wurde erst am 18. Februar 2020 veröffentlicht; Ghani habe mit 50,6 % gegenüber Abdullah mit 39,5 % deutlicher als 2014 gewonnen. Die Beschwerden gegen Wahldurchführung und Forderungen nach Neuwahlen schwächten seine Position. Die USA und das Taliban-Büro konnten Kabul daher in ihren bilateralen Gesprächen komplett ignorieren.

Thema: Afghanische Regierung & Streitkräfte 28.09.2019 / 18.02.2020 stellungnahmen\02-mielke.json
Sachverständige:r Frage 1c — Politische Situation S. 3–4

Hoher Rat für Nationale Aussöhnung als Konstrukt zur Umgehung der Taliban-Nichtanerkennung

Im Mai 2020 sei mit der Einsetzung des Hohen Rats für Nationale Aussöhnung (Leitung Abdullah Abdullah) die Voraussetzung für intra-afghanische Verhandlungen geschaffen worden; der Rat sei bewusst nicht als Regierungsgremium konstituiert worden, um die Taliban-Nichtanerkennung der Regierung zu umgehen. Die Verhandlungsdelegation „Republik” umfasste Zivilgesellschaft und Regierungsmitglieder.

Thema: Innerafghanische Verhandlungen Mai 2020 stellungnahmen\02-mielke.json