Barfield: „In Afghanistan ist die Wahrnehmung von Macht die eigentliche Macht”; Massenkapitulationen ab 6.8.21 durch wahrgenommene Unausweichlichkeit
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„Ausschlaggebend war nach Ansicht des Sachverständigen vielmehr, dass das Zusammenspiel diverser Umstände, namentlich effektiver Taliban-Propaganda und einer lethargisch reagierenden afghanische Regierung und internationale Gemeinschaft, darin resultierte, dass afghanische Sicherheitskräfte und Zivilisten Anfang August 2021 die Machtübernahme der Taliban als unausweichlich oder gar von Kreisen in der afghanischen Republik und U.S.-amerikanischen Regierung geplant und gewollt ansahen, obwohl dafür nüchtern betrachtet keine glaubwürdigen Anzeichen bestanden. Dies führte schliesslich ab dem 6. August 2021 zu Massenkapitulationen und einem Teufelskreis. … [Thomas Barfield:] „In Afghanistan ist die Wahrnehmung von Macht, die eigentliche Macht. … Wenn wir die afghanische Geschichte betrachten finden wir nie eine entscheidende Schlacht. Wieso? Weil die Leute in der Nacht vor der ausschlaggebenden Schlacht entscheiden, wer gewinnen wird und dann zur gewinnenden Seite schleichen [überlaufen].”“
Ausschlaggebend für den Kollaps sei das Zusammenspiel effektiver Taliban-Propaganda mit einer lethargischen Republik und IG gewesen. ANSF und Zivilist:innen sahen die Machtübernahme Anfang August 2021 als unausweichlich oder sogar gewollt; das führte ab 6.8.21 zu Massenkapitulationen. Marty zitiert Thomas Barfield: „In Afghanistan ist die Wahrnehmung von Macht die eigentliche Macht — die Leute entscheiden in der Nacht vor der Schlacht, wer gewinnen wird, und überlaufen.”
Zum Zeitpunkt von Doha kontrollierten die Taliban weniger als 10 % der Distrikte vollständig, die Republik etwa ein Drittel und alle Provinzhauptstädte und Bevölkerungszentren; militärisch waren die Taliban in einer schwächeren Stellung als die Republik.
Hinweis: Spannung zu Mielkes Befund („60 % des ländlichen Raums” unter Taliban-Einfluss). Marty differenziert ausdrücklich nach Art der Kontrolle.
Kontrolle wurde mit „ungleichen Ellen” gemessen: Die Republik galt nur als Kontrolleur, wenn sie physisch Kontrollpunkte und Posten unterhielt. Die Taliban hielten dagegen selbst in „ihren” Gebieten kaum offene Präsenz (Guerilla-Taktik, Furcht vor Luftschlägen, knappe Kapazitäten). Karten der damaligen Gebietskontrolle seien daher mit größter Vorsicht zu genießen.
Direkt nach der Unterzeichnung intensivierten die Taliban Kampfhandlungen, entgegen ihrer eigenen Behauptungen; lediglich Bombenanschläge in Kabul und Großoffensiven gegen Provinzhauptorte blieben praktisch aus. Republikanische Sicherheitskräfte und NATO-Streitkräfte hielten sich dagegen weitgehend zurück, am sichtbarsten durch reduzierte Luftschläge und Spezialoperationen.
Zwischen Herbst 2019 und Frühjahr 2020 verlor Daesh Khorasan seine Hochburgen in Nangarhar und Kunar (die einzigen kontrollierten Gebiete); trotz Resistenz und einzelner Anschläge bleibe die Gruppe Randerscheinung; sie stehe in offenem Konflikt mit den Taliban.
Am 9. März 2020 erklärten sich Ghani und Abdullah in rivalisierenden Zeremonien zum Präsidenten; die Krise sei erst am 17. Mai 2020 unter US-Drohung (drastische Kürzung der Finanzhilfen) gelöst worden. Abdullah erhielt im Kompromiss die Leitung des Hohen Rates für nationale Versöhnung.