Behauptungen zu Niederlegungsbefehlen nicht belegbar; Ghani rief bis kurz vor Flucht zu Widerstand
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„Während zahlreiche Afghanen behaupten, dass republikanischen Sicherheitskräften im Juli / August 2021 befohlen worden sei, die Waffen niederzulegen und Territorium den Taliban zu überlassen, konnte der Sachverständig dies weder bestätigen noch greifbare Indizien dafür finden. Die Annahme, dass ein solcher Befehl von höchster Stelle der Republik gegeben wurde ist unwahrscheinlich, da der damalige afghanische Präsident Aschraf Ghani bis buchstäblich kurz vor seiner Flucht, erbitterten Widerstand angekündigt hatte. Dass gewisse lokale und regionale Kommandanten Rückzugsbefehle gegeben haben könnten, ist denkbar.“
Trotz zahlreicher Behauptungen konnte Marty keinen Niederlegungsbefehl im Juli oder August 2021 bestätigen oder greifbare Indizien finden. Ein Befehl von höchster Stelle sei unwahrscheinlich, da Ghani bis kurz vor seiner Flucht erbitterten Widerstand angekündigt habe; lokale oder regionale Rückzugsbefehle einzelner Kommandanten sind aber denkbar.
Ob die Regierung vor ihrer Flucht zur Niederlegung der Waffen aufrief, sei Domröse nicht bekannt; er vermute „nein”. Ghani habe am Tag seiner Flucht zur Ruhe und zum militärischen Widerstand aufgerufen.
Zum Zeitpunkt von Doha kontrollierten die Taliban weniger als 10 % der Distrikte vollständig, die Republik etwa ein Drittel und alle Provinzhauptstädte und Bevölkerungszentren; militärisch waren die Taliban in einer schwächeren Stellung als die Republik.
Hinweis: Spannung zu Mielkes Befund („60 % des ländlichen Raums” unter Taliban-Einfluss). Marty differenziert ausdrücklich nach Art der Kontrolle.
Kontrolle wurde mit „ungleichen Ellen” gemessen: Die Republik galt nur als Kontrolleur, wenn sie physisch Kontrollpunkte und Posten unterhielt. Die Taliban hielten dagegen selbst in „ihren” Gebieten kaum offene Präsenz (Guerilla-Taktik, Furcht vor Luftschlägen, knappe Kapazitäten). Karten der damaligen Gebietskontrolle seien daher mit größter Vorsicht zu genießen.
Direkt nach der Unterzeichnung intensivierten die Taliban Kampfhandlungen, entgegen ihrer eigenen Behauptungen; lediglich Bombenanschläge in Kabul und Großoffensiven gegen Provinzhauptorte blieben praktisch aus. Republikanische Sicherheitskräfte und NATO-Streitkräfte hielten sich dagegen weitgehend zurück, am sichtbarsten durch reduzierte Luftschläge und Spezialoperationen.
Zwischen Herbst 2019 und Frühjahr 2020 verlor Daesh Khorasan seine Hochburgen in Nangarhar und Kunar (die einzigen kontrollierten Gebiete); trotz Resistenz und einzelner Anschläge bleibe die Gruppe Randerscheinung; sie stehe in offenem Konflikt mit den Taliban.
Am 9. März 2020 erklärten sich Ghani und Abdullah in rivalisierenden Zeremonien zum Präsidenten; die Krise sei erst am 17. Mai 2020 unter US-Drohung (drastische Kürzung der Finanzhilfen) gelöst worden. Abdullah erhielt im Kompromiss die Leitung des Hohen Rates für nationale Versöhnung.