ANSF-Kampfeswille blieb signifikant: Lashkar Gah, Kunduz, Sheberghan, Herat, Kandahar wurden bis kurz vor Fall erbittert verteidigt
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„Basierenden auf regelmässigen Gesprächen des Sachverständigen mit Mitgliedern der afghanischen Sicherheitskräfte sowie anderen glaubwürdigen Berichten, hatten Sicherheitskräfte der afghanischen Republik zwischen Abschluss des Doha-Abkommens und dem völligen Zusammenbruch der afghanischen Republik ihren Kampfeswillen keineswegs verloren. … Entgegen diverser Berichte war die Taliban-Machtübernahme nämlich alles andere als blutlos und gewisse Gebiete und Provinzhauptstädte wurden bis kurz vor dem Kollaps der Republik erbittert verteidigt. Ein Beispiel dafür war Lashkar Goh, der Hauptort der südafghanischen Provinz Helmand, in dem afghanische Sicherheitskräfte gar weiterkämpften als Lashkar Goh bereits objektiv gesehen verloren war. Andere Provinzhauptorte, die bis kurz vor dem Fall schwere Kämpfe sahen, waren Kunduz, Sheberghan (Jowzjan), Herat, und Kandahar. Einige Soldaten harrten sogar bis nach dem Fall von Kabul aus, bevor sie sich ergaben.“
Die ANSF hätten zwischen Doha-Abschluss und Kollaps ihren Kampfeswillen keineswegs verloren; die Taliban-Machtübernahme sei alles andere als blutlos gewesen. Lashkar Gah, Kunduz, Sheberghan (Jowzjan), Herat und Kandahar wurden bis kurz vor dem Fall erbittert verteidigt; einige Soldaten in Shorabak (Helmand) harrten bis nach dem Fall Kabuls aus.
Hinweis zur Einordnung: Marty unterstützt Domröses positive ANSF-Bewertung und steht damit Zerbins Rational-Choice-/„Scheinarmee”-Bild deutlich entgegen.
Im Gegensatz zum Jihad-Altruismus der Taliban habe sich in der vom Westen projizierten „Scheinarmee” kein vergleichbarer Altruismus aufbauen lassen; im Sinne von Rational Choice sei es für einzelne Soldaten und Polizisten logisch gewesen, das System auszunutzen und es bei realer Lebensgefahr schnellstmöglich zu verlassen.
Die ANSF seien aus Domröses Sicht insgesamt gut ausgebildet, gut ausgerüstet und logistisch grundsätzlich auftragsfähig gewesen; über 20 Gespräche mit dem Generalstabschef, Kommandeuren, Soldaten, dem Präsidenten, dem Verteidigungsminister und Gouverneuren hätten keine Zweifel an deren Loyalität gegenüber dem Staat erkennen lassen.
Hinweis: Diese Bewertung steht in deutlicher Spannung zu Zerbin (offizielle ANSF-Stärke seien Geistersoldaten) und Petersmanns Korruptionsbild der Armee. Anschlussfragen für die Querprüfung sind Truppenstärke, Sold- und Versorgungspraxis und Korruptionsbild.
Zum Zeitpunkt von Doha kontrollierten die Taliban weniger als 10 % der Distrikte vollständig, die Republik etwa ein Drittel und alle Provinzhauptstädte und Bevölkerungszentren; militärisch waren die Taliban in einer schwächeren Stellung als die Republik.
Hinweis: Spannung zu Mielkes Befund („60 % des ländlichen Raums” unter Taliban-Einfluss). Marty differenziert ausdrücklich nach Art der Kontrolle.
Kontrolle wurde mit „ungleichen Ellen” gemessen: Die Republik galt nur als Kontrolleur, wenn sie physisch Kontrollpunkte und Posten unterhielt. Die Taliban hielten dagegen selbst in „ihren” Gebieten kaum offene Präsenz (Guerilla-Taktik, Furcht vor Luftschlägen, knappe Kapazitäten). Karten der damaligen Gebietskontrolle seien daher mit größter Vorsicht zu genießen.
Direkt nach der Unterzeichnung intensivierten die Taliban Kampfhandlungen, entgegen ihrer eigenen Behauptungen; lediglich Bombenanschläge in Kabul und Großoffensiven gegen Provinzhauptorte blieben praktisch aus. Republikanische Sicherheitskräfte und NATO-Streitkräfte hielten sich dagegen weitgehend zurück, am sichtbarsten durch reduzierte Luftschläge und Spezialoperationen.
Zwischen Herbst 2019 und Frühjahr 2020 verlor Daesh Khorasan seine Hochburgen in Nangarhar und Kunar (die einzigen kontrollierten Gebiete); trotz Resistenz und einzelner Anschläge bleibe die Gruppe Randerscheinung; sie stehe in offenem Konflikt mit den Taliban.
Am 9. März 2020 erklärten sich Ghani und Abdullah in rivalisierenden Zeremonien zum Präsidenten; die Krise sei erst am 17. Mai 2020 unter US-Drohung (drastische Kürzung der Finanzhilfen) gelöst worden. Abdullah erhielt im Kompromiss die Leitung des Hohen Rates für nationale Versöhnung.