Marty: Pakistans Einfluss auf die Taliban wird „regelmäßig maßlos übertrieben”
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„In Bezug auf Pakistan ist von äusserster Wichtigkeit anzumerken, dass Pakistan und die Taliban zwar in einem speziellen Verhältnis stehen, die Rolle von Pakistan in Afghanistan sowie deren Einfluss auf die Taliban aber regelmässig massloss übertrieben wird. In der Tat zeigen zahlreiche Vorfälle, dass Pakistans Einfluss auf die Taliban höchstens beschränkt war. Das klarste Beispiel ist wohl, die langjährige Unterstützung der Tehrik-e Taliban Pakistan (TTP), einem Erzfeind des pakistanischen Staates, durch die afghanischen Taliban. … Ein anderes Beispiel sind gescheiterte von Pakistan aufgegleiste Friedensverhandlungen … im pakistanischen Muree im Juli 2015. … gilt ebenfalls hervorzuheben, dass glaubhafte Indizien darauf hinweisen, dass die Taliban ihr für Verhandlungen zuständiges politisches Büro bewusst in Doha, Qatar, eröffneten, um pakistanischen Einfluss zu verhindern. … [Douglas Lute-Zitat:] „Die Mehrheit der Taliban-Kämpfer kämpften innerhalb von Gehdistanz ihrer eigenen Häuser. … Es wuchs eine Art Mythologie um die Taliban Horden, die saisonal über die Grenze aus Pakistan kamen. Aber wir sahen diese nie.”“
Marty argumentiert, dass Pakistans Einfluss auf die Taliban regelmäßig maßlos übertrieben werde. Beispiele: die Taliban unterstützen mit TTP einen Erzfeind des pakistanischen Staates, pakistanisch eingefädelte Murree-Verhandlungen 7/2015 scheiterten, das politische Büro wurde bewusst in Doha eröffnet. Auch der frühere US-NATO-Botschafter Douglas Lute habe konstatiert, dass die meisten Taliban-Kämpfer in „Gehdistanz” ihrer Häuser kämpften; die Mythologie pakistanischer „Horden” sei nie belegt worden.
Hinweis zur Einordnung: Marty steht hier deutlich gegen Mielke, Kaim und Schetter, die Pakistans Rolle (ISI-Unterstützung, Haqqani-Netzwerk, Medresen-Pipeline) als zentral darstellen. Beide Sichten gehören in den Datenbestand.
Pakistanische sunnitische Medresen hatten unter Afghan:innen einen guten Ruf; Pakistan und islamistische Akteure aus den Golfstaaten hätten große Teile der Flüchtlingsbevölkerung radikalisiert. Teile der Talibanbewegung seien das Resultat. Die pakistanische Armee und der Geheimdienst hätten die Taliban maßgeblich organisatorisch und durch die Kanalisierung internationaler Gelder unterstützt (Giustozzi 2019); religiöse und wirtschaftliche Netzwerke erklärten die Resilienz der Bewegung.
Pakistans Sicherheitsdienste hätten bis zum Fall Kabuls Verbindungen zu afghanischen Aufständischen, vor allem zum Haqqani-Netzwerk, gepflegt; US-Befehlshaber hätten einen Großteil der Macht und Langlebigkeit der Aufständischen auf finanzielle und militärische Unterstützung aus Islamabad zurückgeführt. Trump beschuldigte Pakistan, „genau die Terroristen zu beherbergen, die wir bekämpfen”. Gleichzeitig hatte die Trump-Regierung Islamabad ab Ende 2018 um Hilfe bei den Doha-Gesprächen gebeten, Khalilzad dankte Pakistan für die Erleichterung der Taliban-Reisen.
Pakistan habe das Wiedererstarken der Taliban relativ unverhohlen unterstützt (Rückzugsräume, Ressourcen); Verbindungen zur afghanischen Zivilgesellschaft bestünden über (a) NGOs, (b) paschtunische Händlerfamilien im Transportsektor und (c) religiöse Netzwerke (Sufi-Gemeinschaften, Wanderprediger, Medresen mit Zentren in Pakistan). Einige (nicht alle) dieser Netzwerke spielten beim Ausgreifen der Taliban eine wichtige Rolle.
Zum Zeitpunkt von Doha kontrollierten die Taliban weniger als 10 % der Distrikte vollständig, die Republik etwa ein Drittel und alle Provinzhauptstädte und Bevölkerungszentren; militärisch waren die Taliban in einer schwächeren Stellung als die Republik.
Hinweis: Spannung zu Mielkes Befund („60 % des ländlichen Raums” unter Taliban-Einfluss). Marty differenziert ausdrücklich nach Art der Kontrolle.
Kontrolle wurde mit „ungleichen Ellen” gemessen: Die Republik galt nur als Kontrolleur, wenn sie physisch Kontrollpunkte und Posten unterhielt. Die Taliban hielten dagegen selbst in „ihren” Gebieten kaum offene Präsenz (Guerilla-Taktik, Furcht vor Luftschlägen, knappe Kapazitäten). Karten der damaligen Gebietskontrolle seien daher mit größter Vorsicht zu genießen.
Direkt nach der Unterzeichnung intensivierten die Taliban Kampfhandlungen, entgegen ihrer eigenen Behauptungen; lediglich Bombenanschläge in Kabul und Großoffensiven gegen Provinzhauptorte blieben praktisch aus. Republikanische Sicherheitskräfte und NATO-Streitkräfte hielten sich dagegen weitgehend zurück, am sichtbarsten durch reduzierte Luftschläge und Spezialoperationen.
Zwischen Herbst 2019 und Frühjahr 2020 verlor Daesh Khorasan seine Hochburgen in Nangarhar und Kunar (die einzigen kontrollierten Gebiete); trotz Resistenz und einzelner Anschläge bleibe die Gruppe Randerscheinung; sie stehe in offenem Konflikt mit den Taliban.
Am 9. März 2020 erklärten sich Ghani und Abdullah in rivalisierenden Zeremonien zum Präsidenten; die Krise sei erst am 17. Mai 2020 unter US-Drohung (drastische Kürzung der Finanzhilfen) gelöst worden. Abdullah erhielt im Kompromiss die Leitung des Hohen Rates für nationale Versöhnung.