Iran am kritischsten, verneinte US-Recht über AFG-Zukunft; Vorbehalt für Verfassung und Minderheitenrechte
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„Iran war dem Doha-Abkommen gegenüber sodann wohl am kritischsten eingestellt. Dies zeigt sich daran, dass Iran nach Unterzeichnung des Abkommens offiziell bekannt gab, dass die Vereinigten Staaten von Amerika keinerlei Recht hätten, über die Zukunft von Afghanistan zu entscheiden, was indirekt bedeuten würde, dass das Doha-Abkommen hinfällig wäre. … Dies deutet darauf hin, dass der schiitisch regierte Iran in Afghanistan, wo Schiiten in der Minderheit sind, an einer pluralistischen Ordnung wie der ehemaligen republikanischen Interesse hatte und diese nicht durch ein fundamentalistisch-sunnitisches Taliban-Regime ersetzt sehen wollte.“
Iran sei dem Doha-Abkommen am kritischsten gegenübergestanden. Offiziell verneinte Teheran das US-Recht, über die Zukunft AFG zu entscheiden, begrüßte aber den Truppenabzug; der schiitisch regierte Iran habe ein Interesse an einer pluralistischen Ordnung statt einem fundamentalistisch-sunnitischen Taliban-Regime gehabt.
Hinweis zur Einordnung: Komplementär und teilweise abweichend zu Schetters Befund über die iranische Finanzierung des Maschhad-Büros der Taliban. Marty betont die anti-Taliban-Schlagseite Irans, Schetter die pragmatische Doppelstrategie. Beides kann gleichzeitig zutreffen.
Iran habe einerseits schiitische Gemeinden und religiöse Institutionen gefördert (Investitionen in Herat und Westkabul / Hazara), andererseits seit 2012 das Maschhad-Büro der Taliban finanziert, um die USA in Westafghanistan zu schwächen; pragmatische Überlegungen überwogen den ideologischen Widerspruch.
Zum Zeitpunkt von Doha kontrollierten die Taliban weniger als 10 % der Distrikte vollständig, die Republik etwa ein Drittel und alle Provinzhauptstädte und Bevölkerungszentren; militärisch waren die Taliban in einer schwächeren Stellung als die Republik.
Hinweis: Spannung zu Mielkes Befund („60 % des ländlichen Raums” unter Taliban-Einfluss). Marty differenziert ausdrücklich nach Art der Kontrolle.
Kontrolle wurde mit „ungleichen Ellen” gemessen: Die Republik galt nur als Kontrolleur, wenn sie physisch Kontrollpunkte und Posten unterhielt. Die Taliban hielten dagegen selbst in „ihren” Gebieten kaum offene Präsenz (Guerilla-Taktik, Furcht vor Luftschlägen, knappe Kapazitäten). Karten der damaligen Gebietskontrolle seien daher mit größter Vorsicht zu genießen.
Direkt nach der Unterzeichnung intensivierten die Taliban Kampfhandlungen, entgegen ihrer eigenen Behauptungen; lediglich Bombenanschläge in Kabul und Großoffensiven gegen Provinzhauptorte blieben praktisch aus. Republikanische Sicherheitskräfte und NATO-Streitkräfte hielten sich dagegen weitgehend zurück, am sichtbarsten durch reduzierte Luftschläge und Spezialoperationen.
Zwischen Herbst 2019 und Frühjahr 2020 verlor Daesh Khorasan seine Hochburgen in Nangarhar und Kunar (die einzigen kontrollierten Gebiete); trotz Resistenz und einzelner Anschläge bleibe die Gruppe Randerscheinung; sie stehe in offenem Konflikt mit den Taliban.
Am 9. März 2020 erklärten sich Ghani und Abdullah in rivalisierenden Zeremonien zum Präsidenten; die Krise sei erst am 17. Mai 2020 unter US-Drohung (drastische Kürzung der Finanzhilfen) gelöst worden. Abdullah erhielt im Kompromiss die Leitung des Hohen Rates für nationale Versöhnung.