BewertungFrage 3 — Glaubwürdigkeit der Taliban-VersprechenS. 9–11
Taliban-Anti-Terror-Garantien fragwürdig; internes Taliban-Dokument zu nicht-afghanischen Dschihadisten
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„[Recherchen zeigen,] dass die Taliban scheinbar nie vorhatten, mit transnationalen Dschihadisten zu brechen oder diese aus Afghanistan auszuweisen. In den Augen der Taliban erfüllen sie ihre Anti-Terror-Garantien vielmehr durch die genannten Plattitüden und dadurch, sich in Afghanistan aufhaltende transnationale Dschihadisten zu registrieren und zu überwachen, während diese mehr oder weniger frei bleiben — sprich ohne dass sie (die Taliban) ihren vorbestehenden Standpunkt gross ändern müssten. Dies ergibt sich namentlich aus einem undatierten, spätestens im Jahre 2020 erlassenen, internen Taliban-Dokument über die Behandlung von sich in Afghanistan aufhaltenden nicht-afghanischen Dschihadisten, dessen Authentizität dem Sachverständigen von mehreren Quellen bestätigt worden ist. … In der Tat stimmen viele der von den Taliban nicht öffentlich angekündigten Einschränkungen … in Ton und Inhalt praktisch mit Taliban-Bemühungen, arabischen Dschihadisten, inklusive Osama Bin Laden, vor dem 11. September 2001 Einhalt zu gebieten, überein. Eine Erklärungen, weshalb diese Bemühungen dieses Mal besser funktionieren sollten als die klar gescheiterten Versuche vor dem 11. September 2001, bleiben die Taliban schuldig.“
Die Taliban hätten nie vorgehabt, mit transnationalen Dschihadisten zu brechen. Ein internes Taliban-Dokument (spätestens 2020) sehe nur Registrierung und Überwachung vor; der vage Doha-Wortlaut verpflichte die Taliban nicht zum Bruch mit Al-Qaida & Co. Die Restriktionen entsprächen in Ton und Inhalt praktisch denen vor dem 11. September 2001. Eine Erklärung, warum diese Bemühungen diesmal besser funktionieren sollen, blieben die Taliban schuldig.
Das Versprechen, von afghanischem Boden gehe kein Sicherheitsrisiko mehr für USA und Verbündete aus, sei glaubhaft gewesen: Al-Qaida sei arabisch, die paschtunischen Taliban hätten andere Abstammung, Kultur und Geschichte; das Verhältnis sei schon unter Mullah Omar spannungsreich gewesen. Die Beharrung auf Gastfreundschaft für Bin Laden habe den Taliban 20 Jahre Entmachtung, Krieg und Zerstörung eingebracht.
Der Kampf gegen mutmaßliche IS-K-Zellen scheinen die Taliban ernst zu nehmen, nutzten ihn aber auch, um politische Gegner zu brandmarken und zu töten; eine öffentliche Trennung von Al-Qaida habe nicht stattgefunden; die enge Verbundenheit aus Sowjet-Krieg und Bürgerkrieg habe zu familiären Heiratsbeziehungen geführt; al-Zawahiri habe mutmaßlich in der ehemaligen Green Zone in einem Haus von Vertrauten Sirajuddin Haqqanis gelebt.
Hinweis: Widerspruch zur Einschätzung Zerbins, die Taliban hätten Anti-Al-Qaida-Zusagen glaubhaft eingehalten. Petersmann beurteilt die Verbindung als unverändert eng.
Die US-Regierung schätzte im September 2019, dass zwischen 2.000 und 5.000 IS-K-Kämpfer in Afghanistan aktiv seien; IS-K sei die aktivste Terrorgruppe; zugleich betonte sie, die Beziehungen zwischen Al-Qaida und den Taliban seien weiterhin eng.
Hinweis: Spannung zu Zerbin, der die Glaubwürdigkeit der Al-Qaida-Abkehr der Taliban betont. Kaim und Petersmann berichten dagegen weiterhin enge Beziehungen.
Zum Zeitpunkt von Doha kontrollierten die Taliban weniger als 10 % der Distrikte vollständig, die Republik etwa ein Drittel und alle Provinzhauptstädte und Bevölkerungszentren; militärisch waren die Taliban in einer schwächeren Stellung als die Republik.
Hinweis: Spannung zu Mielkes Befund („60 % des ländlichen Raums” unter Taliban-Einfluss). Marty differenziert ausdrücklich nach Art der Kontrolle.
Kontrolle wurde mit „ungleichen Ellen” gemessen: Die Republik galt nur als Kontrolleur, wenn sie physisch Kontrollpunkte und Posten unterhielt. Die Taliban hielten dagegen selbst in „ihren” Gebieten kaum offene Präsenz (Guerilla-Taktik, Furcht vor Luftschlägen, knappe Kapazitäten). Karten der damaligen Gebietskontrolle seien daher mit größter Vorsicht zu genießen.
Direkt nach der Unterzeichnung intensivierten die Taliban Kampfhandlungen, entgegen ihrer eigenen Behauptungen; lediglich Bombenanschläge in Kabul und Großoffensiven gegen Provinzhauptorte blieben praktisch aus. Republikanische Sicherheitskräfte und NATO-Streitkräfte hielten sich dagegen weitgehend zurück, am sichtbarsten durch reduzierte Luftschläge und Spezialoperationen.
Zwischen Herbst 2019 und Frühjahr 2020 verlor Daesh Khorasan seine Hochburgen in Nangarhar und Kunar (die einzigen kontrollierten Gebiete); trotz Resistenz und einzelner Anschläge bleibe die Gruppe Randerscheinung; sie stehe in offenem Konflikt mit den Taliban.
Am 9. März 2020 erklärten sich Ghani und Abdullah in rivalisierenden Zeremonien zum Präsidenten; die Krise sei erst am 17. Mai 2020 unter US-Drohung (drastische Kürzung der Finanzhilfen) gelöst worden. Abdullah erhielt im Kompromiss die Leitung des Hohen Rates für nationale Versöhnung.