BewertungFrage 2 — Bilaterale Verhandlungen und GefangenenfreilassungS. 5–6
Bilaterale Verhandlungen waren signifikante Konzession; Taliban als ernstzunehmender politischer Akteur legitimiert
Originalstelle
„Der Beginn und die Durchführung von bilateralen Verhandlungen zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und den Taliban unter Ausschluss der afghanischen Republik war eine signifikante Konzession an die Taliban. … Die Verhandlungen selber legitimierte die Taliban zudem weiter, da die Vereinigten Staaten von Amerika damit öffentlich einräumten, dass die Taliban einen ernstzunehmenden Anspruch auf die politische Zukunft von Afghanistan haben und nicht mehr als Aufständische gesehen werden, die es zu besiegen oder zu befrieden gilt. … Dies war umso mehr der Fall, als dass die Taliban durchzusetzen vermochten, dass der international anerkannte Name der damaligen Islamischen Republik Afghanistans im Doha-Abkommen kein einziges Mal erwähnt wird und die Republik nur ominös als eine „andere Seite” bezeichnet wird.“
Die bilateralen Verhandlungen seien eine signifikante Konzession an die Taliban gewesen. Sie hätten die Taliban legitimiert (nicht länger nur „Aufständische”) und die Republik geschwächt; bemerkenswert: Der international anerkannte Name „Islamische Republik Afghanistan” tauche im Doha-Abkommen kein einziges Mal auf, die Republik werde nur als „andere Seite” bezeichnet.
Zum Zeitpunkt von Doha kontrollierten die Taliban weniger als 10 % der Distrikte vollständig, die Republik etwa ein Drittel und alle Provinzhauptstädte und Bevölkerungszentren; militärisch waren die Taliban in einer schwächeren Stellung als die Republik.
Hinweis: Spannung zu Mielkes Befund („60 % des ländlichen Raums” unter Taliban-Einfluss). Marty differenziert ausdrücklich nach Art der Kontrolle.
Kontrolle wurde mit „ungleichen Ellen” gemessen: Die Republik galt nur als Kontrolleur, wenn sie physisch Kontrollpunkte und Posten unterhielt. Die Taliban hielten dagegen selbst in „ihren” Gebieten kaum offene Präsenz (Guerilla-Taktik, Furcht vor Luftschlägen, knappe Kapazitäten). Karten der damaligen Gebietskontrolle seien daher mit größter Vorsicht zu genießen.
Direkt nach der Unterzeichnung intensivierten die Taliban Kampfhandlungen, entgegen ihrer eigenen Behauptungen; lediglich Bombenanschläge in Kabul und Großoffensiven gegen Provinzhauptorte blieben praktisch aus. Republikanische Sicherheitskräfte und NATO-Streitkräfte hielten sich dagegen weitgehend zurück, am sichtbarsten durch reduzierte Luftschläge und Spezialoperationen.
Zwischen Herbst 2019 und Frühjahr 2020 verlor Daesh Khorasan seine Hochburgen in Nangarhar und Kunar (die einzigen kontrollierten Gebiete); trotz Resistenz und einzelner Anschläge bleibe die Gruppe Randerscheinung; sie stehe in offenem Konflikt mit den Taliban.
Am 9. März 2020 erklärten sich Ghani und Abdullah in rivalisierenden Zeremonien zum Präsidenten; die Krise sei erst am 17. Mai 2020 unter US-Drohung (drastische Kürzung der Finanzhilfen) gelöst worden. Abdullah erhielt im Kompromiss die Leitung des Hohen Rates für nationale Versöhnung.