Bridge the Gap.

← Lageeinschätzung

Bewertung Frage 1 — Sicherheitslage und politische Lage S. 2–3

Territoriale Kontrolle wurde mit „ungleichen Ellen” gemessen; Karten der damaligen Gebietskontrolle sind irreführend

Originalstelle
„Damit ein Gebiet als unter der Kontrolle der afghanische Republik gezählt wurde, war nötig, dass die Republik tatsächliche physische Kontrolle mit Kontrollpunkten, Polizeiposten, und anderem ausübte. Dies kontrastierte stark mit Taliban-Kontrolle, da die Taliban selbst in Gebieten, die klar ihnen zugeschrieben werden mussten, regelmässig maximal sehr beschränkt physische Kontrolle ausübten. … Angesichts des Ausgeführten sollten jegliche Karten über damalige Gebietskontrolle in Afghanistan daher mit äusserster Vorsicht genossen werden, da diese regelmässig eine Situation suggerieren, die so in Realität nicht existierte.“

Quelle: Ausschuss-Drs. 20(27)106, S. 2–3 (Original, neues Fenster)

Kontrolle wurde mit „ungleichen Ellen” gemessen: Die Republik galt nur als Kontrolleur, wenn sie physisch Kontrollpunkte und Posten unterhielt. Die Taliban hielten dagegen selbst in „ihren” Gebieten kaum offene Präsenz (Guerilla-Taktik, Furcht vor Luftschlägen, knappe Kapazitäten). Karten der damaligen Gebietskontrolle seien daher mit größter Vorsicht zu genießen.

Thema: Lageeinschätzung Status: entwurf_unbestaetigt

Quelle

Dokument: Schriftliche Stellungnahme zum Panel „Beurteilung der Sicherheitslage und militärischen Lage”

Autor:in: Franz J. Marty

Freischaffender Journalist & Fellow des Swiss Institute for Global Affairs (SIGA); seit Dezember 2014 ständig in Afghanistan tätig

Ausschussdrucksache: 20(27)106

Datum: 2022-09-12

Art des Belegs: wörtliches Zitat

Weiteres aus derselben Quelle

Sachverständige:r Frage 1 — Sicherheitslage und politische Lage S. 2

Taliban kontrollierten <10 % der Distrikte vollständig, Republik ~1/3, alle Provinzhauptstädte unter Kabul

Zum Zeitpunkt von Doha kontrollierten die Taliban weniger als 10 % der Distrikte vollständig, die Republik etwa ein Drittel und alle Provinzhauptstädte und Bevölkerungszentren; militärisch waren die Taliban in einer schwächeren Stellung als die Republik.

Hinweis: Spannung zu Mielkes Befund („60 % des ländlichen Raums” unter Taliban-Einfluss). Marty differenziert ausdrücklich nach Art der Kontrolle.
Thema: Lageeinschätzung stellungnahmen\08-marty.json
Sachverständige:r Frage 1 — Sicherheitslage und politische Lage S. 3

Doha-Effekt asymmetrisch: Taliban intensivierten direkt nach Unterzeichnung, NATO und ANSF hielten sich zurück

Direkt nach der Unterzeichnung intensivierten die Taliban Kampfhandlungen, entgegen ihrer eigenen Behauptungen; lediglich Bombenanschläge in Kabul und Großoffensiven gegen Provinzhauptorte blieben praktisch aus. Republikanische Sicherheitskräfte und NATO-Streitkräfte hielten sich dagegen weitgehend zurück, am sichtbarsten durch reduzierte Luftschläge und Spezialoperationen.

Thema: Doha-Abkommen stellungnahmen\08-marty.json
Sachverständige:r Frage 1 — Sicherheitslage und politische Lage S. 4

9. März 2020: Ghani und Abdullah erklären sich beide zum Präsidenten; Krise erst 17. Mai 2020 unter US-Druck gelöst

Am 9. März 2020 erklärten sich Ghani und Abdullah in rivalisierenden Zeremonien zum Präsidenten; die Krise sei erst am 17. Mai 2020 unter US-Drohung (drastische Kürzung der Finanzhilfen) gelöst worden. Abdullah erhielt im Kompromiss die Leitung des Hohen Rates für nationale Versöhnung.

Thema: Afghanische Regierung & Streitkräfte März–Mai 2020 stellungnahmen\08-marty.json
Bewertung Frage 1 — Sicherheitslage und politische Lage S. 4–5

US-Hinhalten der Anerkennung des Ghani-Wahlsieges wurde wohl als Druckmittel benutzt

Einige Beobachter gehen davon aus, dass die USA das Zurückhalten der Anerkennung des Ghani-Wahlsieges bewusst als Druckmittel für Konzessionen bei den Friedensbemühungen einsetzten; ob wahr oder nicht, die fehlende US-Anerkennung habe das angespannte Verhältnis Ghani–USA weiter vergiftet und die republikanische Ordnung untergraben.

Thema: Afghanische Regierung & Streitkräfte stellungnahmen\08-marty.json