Sechs strukturelle Schwächen des ANSF-Aufbaus (Verantwortung von NATO und USA)
Originalstelle
„Auch andere Faktoren spielten beim Zusammenbruch der ANSF eine Rolle. Erstens trug kein einzelner Truppensteller und keine Behörde die finale Verantwortung … Zweitens war die Dauer des internationalen Engagements nicht Ausdruck eines realistischen Zeitansatzes … Drittens schufen die Vereinigten Staaten weitere langfristige Abhängigkeiten, indem sie die ANSF mit moderner militärischer Ausrüstung ausstatteten … Viertens fehlte der NATO ein echter Maßstab, um die Entwicklung der ANSF zu messen … Fünftens verfügte die afghanische Regierung während des 20-jährigen Militäreinsatzes über keinen Zugang zu denjenigen Systemen, die für die Überwachung von Personal und Ausrüstung der ANSF zuständig sind. … Schließlich hatten die NATO seit langem Schwierigkeiten, eine genaue Buchführung über die zur Verfügung gestellte Ausrüstung und das ausgebildete Personal der ANSF zu erstellen.“
Kaim listet sechs strukturelle Mängel des ANSF-Aufbaus: (1) keine einzelne Verantwortung, ständig wechselnde militärische und zivile Berater, kein institutionelles Gedächtnis; (2) unrealistischer Zeitansatz, untergrub Aufbau einer fähigen Armee und Polizei; (3) modernste Ausrüstung schuf langfristige Abhängigkeiten (Beschaffung lag seit 2005 allein bei den USA, die Regierung hatte keine Rolle); (4) keine konsistenten Erfolgsmaßstäbe, Metriken fokussierten auf Inputs und Outputs, verbargen Führungsschwäche und Korruption; (5) die afghanische Regierung hatte keinen Zugang zu Personal- und Ausrüstungsüberwachung, leitende Beamte mussten Daten über US-Auftragnehmer abrufen; (6) keine genaue Buchführung über Ausrüstung und Personal, afghanisches Personal- und Gehaltssystem nicht elektronisch verbunden, „Geisterkämpfer” möglich.
Zum Jahreswechsel 2019/2020 habe die internationale Gemeinschaft ihre Bereitschaft zu intensiviertem Engagement weitgehend verloren. Nicht nur unter Trump, sondern in vielen westlichen Regierungen sei nach knapp zwanzig Jahren die Geduld mit Afghanistan erschöpft gewesen.
Zwischen 08.11.2019 und 06.02.2020 verzeichnete UNAMA knapp 5.000 sicherheitsrelevante Vorfälle. Süd-, Nord- und Ostregion machten 68 % aus; der Rückgang Ende 2019 und Anfang 2020 entsprach saisonal den Wintermonaten, ein landesweiter Rückgang setzte erst am 22.02.2020 als Folge der US-Taliban-Gespräche ein.
Die US-Regierung schätzte im September 2019, dass zwischen 2.000 und 5.000 IS-K-Kämpfer in Afghanistan aktiv seien; IS-K sei die aktivste Terrorgruppe; zugleich betonte sie, die Beziehungen zwischen Al-Qaida und den Taliban seien weiterhin eng.
Hinweis: Spannung zu Zerbin, der die Glaubwürdigkeit der Al-Qaida-Abkehr der Taliban betont. Kaim und Petersmann berichten dagegen weiterhin enge Beziehungen.
Die westliche Afghanistan-Politik, insbesondere die der NATO und damit auch der Bundesrepublik, sei politisch wie militärisch vollständig von der US-Politik abhängig gewesen.
Trump habe die Kostenlast der USA betont und der afghanischen Regierung die Verantwortung für Erfolg oder Misserfolg zugewiesen und damit das Narrativ vorbereitet, das den Abzug 2021 begleiten sollte: nicht der Westen sei gescheitert, sondern die Kabuler Regierung sei direkt für die Machtergreifung der Taliban verantwortlich.