Korruption als „Krebskrankheit” Afghanistans; internationale Gemeinschaft scheiterte am Aufbau eines Rechtsstaats
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„Korruption war DIE Krebskrankheit Afghanistans – Bestechlichkeit bis in hohe und höchste Ämter führte zu Reputationsverlust der Staatsorgane und letztlich zum Zusammenbruch einer „demokratischen Lebensweise”, die dem Land fremd war. Der internationalen Gemeinschaft ist es auch in zwanzig Jahren nicht gelungen, ein stabiles Gemeinwesen zu etablieren, in dem das Recht über allem stand. Der Traum vom zentral „fair und anständig” regierten Afghanistan entpuppte sich als Albtraum – ein völlig anders kulturell gewachsenes Land, das auf Stammeszugehörigkeit und dezentralen Strukturen und Gebräuchen aufgebaut ist, sollte man nicht „umerziehen” und zum Spiegelbild unserer westlichen Gesellschaft machen wollen.“
Korruption sei die „Krebskrankheit” Afghanistans gewesen. Bestechlichkeit bis in höchste Ämter habe zu Reputationsverlust der Staatsorgane und zum Zusammenbruch einer „demokratischen Lebensweise” geführt, die dem Land fremd war; der internationalen Gemeinschaft sei es in 20 Jahren nicht gelungen, ein stabiles Gemeinwesen mit Rechtsstaatlichkeit zu etablieren. Das auf Stammeszugehörigkeit und dezentralen Strukturen gewachsene Land hätte man nicht „umerziehen” sollen.
Dokument: Stellungnahme „Beurteilung der militärischen Lage” — Lage in Afghanistan zum Zeitpunkt des Doha-Abkommens
Autor:in: Hans-Lothar Domröse
General a.D.; Januar 2008 – Januar 2009 Chef des Stabes im US-geführten ISAF-HQ, Kabul; Dezember 2012 – März 2016 Befehlshaber im NATO Joint Forces Command Brunssum (NLD), u.a. verantwortlich für die NATO-geführte Mission in Afghanistan
Der frühere Gouverneur Atta Mohammed Noor sei ein herausragendes Korruptionsbeispiel (NZZ 2014: „lebt wie ein König und regiert wie ein Mafiachef”); ein weiteres seien die Sicherheitskräfte selbst: Während Soldaten Munition und Sold fehlten und sie hungerten, seien Führungskräfte und Minister schwer reich geworden, viele lebten heute im Ausland mit Immobilien. Petersmann fragt rhetorisch, warum die Sicherheitskräfte für ein solches System ihr Leben riskieren sollten.
Das Vertrauen in Staat, Regierung und politische Eliten sei gering gewesen; 2021 lag Afghanistan im Corruption Perception Index (Transparency International) auf Rang 174 von 180 (mit Nordkorea und Jemen); Korruption habe auf allen Ebenen (Regierung, Parlament, Justiz) stattgefunden.
Mit RSM und dem parallelen US-Auftrag „Global War on Terror” (GWOT) hätten zwei sehr unterschiedliche Missionen nebeneinander bestanden. Weder die afghanische Bevölkerung noch UN-Mitarbeiter konnten unterscheiden, welches Kontingent ausbildete und welches kämpfte.
Die Mehrheit der eingesetzten Soldaten habe den Wechsel von „condition based” zu „time based” begrüßt, weil zuvor angestrebte Wirkungen häufig nicht erreicht worden seien und formal kein nächster Schritt möglich war.
Viele Militärs hätten Bedenken gegen die Ausbildung nur in Kasernen und auf Übungsplätzen gehabt. Der Verzicht auf Anleitung, Begleitung und Kontrolle der ANSF im Umgang mit der Bevölkerung und der Verlust von Kontakten zu Gouverneuren, Politikern und Organisationen habe sich beim überstürzten Abzug gerächt.
Die politische Lage sei „angespannt” gewesen (faktisch zwei Regierungschefs, schwieriges Verhältnis zu Pakistan, Einsatzmüdigkeit der truppenstellenden Nationen); die militärische Lage sei dennoch relativ stabil und nicht besorgniserregend gewesen, aus Domröses Sicht „landestypisch relativ sicher”.
Hinweis: Domröses Lagebild („relativ sicher”) steht in deutlicher Spannung zu Petersmanns „Hoffnungslosigkeit / schlechte Sicherheitslage” und Zerbins Beschreibung anhaltender Unsicherheit.