Korruption als Überlebensmodus: Mohnanbau, „gemietete” Check-Points, Benzin & Öl als Währung
Originalstelle
„Bestes Beispiel: Mohn – und Drogenanbau. WIR, die NATO, sahen es, schritten aber nicht ein: Das wäre als Überschreitung des Mandats - mission creep - verstanden worden. Der „Dorfpolizist” schritt nicht ein, weil es sein Leben gekostet hätte und so weiter. Man konnte sich auch einen Grenzposten oder Check-Point „mieten” – der örtliche afghanische Führer besserte so sein Konto auf. Ismael Khan, DER Herrscher im Raum HERAT, soll das gefördert haben. Auch Gouverneur Atta im Norden sagte man ähnliche Geschäfte nach. Schließlich Benzin & Öl. Das war faktisch die wichtigste Währung und alle Afghanen und Nachbarländer machten da mit.“
Beim Mohn- und Drogenanbau habe die NATO nicht eingegriffen, weil dies als „mission creep” gegolten hätte; lokale Polizisten hätten dies aus Lebensgefahr nicht getan. Check-Points und Grenzposten habe man „mieten” können; namentlich Ismael Khan im Raum Herat und Gouverneur Atta im Norden hätten solche Geschäfte gefördert. Benzin und Öl seien faktisch die wichtigste Währung gewesen, an der alle (Afghan:innen und Nachbarländer) mitverdienten.
Dokument: Stellungnahme „Beurteilung der militärischen Lage” — Lage in Afghanistan zum Zeitpunkt des Doha-Abkommens
Autor:in: Hans-Lothar Domröse
General a.D.; Januar 2008 – Januar 2009 Chef des Stabes im US-geführten ISAF-HQ, Kabul; Dezember 2012 – März 2016 Befehlshaber im NATO Joint Forces Command Brunssum (NLD), u.a. verantwortlich für die NATO-geführte Mission in Afghanistan
Mit RSM und dem parallelen US-Auftrag „Global War on Terror” (GWOT) hätten zwei sehr unterschiedliche Missionen nebeneinander bestanden. Weder die afghanische Bevölkerung noch UN-Mitarbeiter konnten unterscheiden, welches Kontingent ausbildete und welches kämpfte.
Die Mehrheit der eingesetzten Soldaten habe den Wechsel von „condition based” zu „time based” begrüßt, weil zuvor angestrebte Wirkungen häufig nicht erreicht worden seien und formal kein nächster Schritt möglich war.
Viele Militärs hätten Bedenken gegen die Ausbildung nur in Kasernen und auf Übungsplätzen gehabt. Der Verzicht auf Anleitung, Begleitung und Kontrolle der ANSF im Umgang mit der Bevölkerung und der Verlust von Kontakten zu Gouverneuren, Politikern und Organisationen habe sich beim überstürzten Abzug gerächt.
Die politische Lage sei „angespannt” gewesen (faktisch zwei Regierungschefs, schwieriges Verhältnis zu Pakistan, Einsatzmüdigkeit der truppenstellenden Nationen); die militärische Lage sei dennoch relativ stabil und nicht besorgniserregend gewesen, aus Domröses Sicht „landestypisch relativ sicher”.
Hinweis: Domröses Lagebild („relativ sicher”) steht in deutlicher Spannung zu Petersmanns „Hoffnungslosigkeit / schlechte Sicherheitslage” und Zerbins Beschreibung anhaltender Unsicherheit.