Sachverständige:rFrage 4 — Veränderung der SicherheitslageS. 5ab März 2021
Sicherheitslage blieb nach Doha-Bekanntwerden und Abzugsentscheidung „unverändert labil”
Originalstelle
„Als das DOHA-Abkommen Mitte März 2021 inhaltlich bekannt wurde, war die Sicherheitslage zunächst unverändert. Auch mit der Bekanntgabe des Abzugstermins und des Einstellens der NATO-Ausbildung blieb die Lage unverändert labil. Die Taliban waren sehr bemüht, ihre Machtübernahme unblutig zu gestalten. Keiner ahnte zu diesem frühen Zeitpunkt, dass Präsident Ghani fliehen und sein Land „kopflos” hinterlassen würde. Auch die Flucht weiterer Regierungsmitglieder, Gouverneure und Generale konnte sich niemand vorstellen.“
Nach Bekanntwerden des Doha-Abkommens (Mitte März 2021) und nach Bekanntgabe des Abzugstermins blieb die Sicherheitslage unverändert labil; die Taliban hätten sich um eine möglichst unblutige Machtübernahme bemüht. Ghanis spätere Flucht und die Flucht weiterer Regierungsmitglieder und Generäle habe niemand früh geahnt.
Dokument: Stellungnahme „Beurteilung der militärischen Lage” — Lage in Afghanistan zum Zeitpunkt des Doha-Abkommens
Autor:in: Hans-Lothar Domröse
General a.D.; Januar 2008 – Januar 2009 Chef des Stabes im US-geführten ISAF-HQ, Kabul; Dezember 2012 – März 2016 Befehlshaber im NATO Joint Forces Command Brunssum (NLD), u.a. verantwortlich für die NATO-geführte Mission in Afghanistan
Mit RSM und dem parallelen US-Auftrag „Global War on Terror” (GWOT) hätten zwei sehr unterschiedliche Missionen nebeneinander bestanden. Weder die afghanische Bevölkerung noch UN-Mitarbeiter konnten unterscheiden, welches Kontingent ausbildete und welches kämpfte.
Die Mehrheit der eingesetzten Soldaten habe den Wechsel von „condition based” zu „time based” begrüßt, weil zuvor angestrebte Wirkungen häufig nicht erreicht worden seien und formal kein nächster Schritt möglich war.
Viele Militärs hätten Bedenken gegen die Ausbildung nur in Kasernen und auf Übungsplätzen gehabt. Der Verzicht auf Anleitung, Begleitung und Kontrolle der ANSF im Umgang mit der Bevölkerung und der Verlust von Kontakten zu Gouverneuren, Politikern und Organisationen habe sich beim überstürzten Abzug gerächt.
Die politische Lage sei „angespannt” gewesen (faktisch zwei Regierungschefs, schwieriges Verhältnis zu Pakistan, Einsatzmüdigkeit der truppenstellenden Nationen); die militärische Lage sei dennoch relativ stabil und nicht besorgniserregend gewesen, aus Domröses Sicht „landestypisch relativ sicher”.
Hinweis: Domröses Lagebild („relativ sicher”) steht in deutlicher Spannung zu Petersmanns „Hoffnungslosigkeit / schlechte Sicherheitslage” und Zerbins Beschreibung anhaltender Unsicherheit.