Domröse zweifelt, ob die afghanische Regierung tatsächlich „im Dunkeln gelassen” wurde
Originalstelle
„Ich bin mir nicht sicher, ob die afghanische Regierung von den Verhandlungen tatsächlich AUSGESCHLOSSEN und im Dunkeln gelassen wurde; zumindest erinnere ich mich, dass Präsident Ghani häufig von den Amerikanern über „die Lage” unterrichtet wurde.“
Domröse ist sich nicht sicher, ob die afghanische Regierung tatsächlich „ausgeschlossen” wurde. Er erinnere sich, dass Präsident Ghani häufig von den Amerikanern über die Lage unterrichtet worden sei.
Hinweis zur Einordnung: Domröses Eindruck (Ghani sei informiert worden) steht in Spannung zu Petersmanns Schilderung (Ghani habe sich als hochverraten empfunden) und Zerbins Bewertung (Ausschluss als verheerender Kommunikationsakt).
Dokument: Stellungnahme „Beurteilung der militärischen Lage” — Lage in Afghanistan zum Zeitpunkt des Doha-Abkommens
Autor:in: Hans-Lothar Domröse
General a.D.; Januar 2008 – Januar 2009 Chef des Stabes im US-geführten ISAF-HQ, Kabul; Dezember 2012 – März 2016 Befehlshaber im NATO Joint Forces Command Brunssum (NLD), u.a. verantwortlich für die NATO-geführte Mission in Afghanistan
Ausschussdrucksache: 20(27)99
Datum: 2022-09-05
Art des Belegs: wörtliches Zitat
Widersprüche und abweichende Sichten
Direkt widersprechende Aussagen
Sachverständige:rFrage 4 — Haltung der afghanischen RegierungS. 4
Präsident Ghani habe sich bitter darüber beklagt, dass über seinen Kopf hinweg verhandelt werde; er empfand es als Hochverrat; seine komplizierte persönliche Beziehung zu Khalilzad (Kindheitsbekannte) habe eine negative Rolle gespielt.
Der Ausschluss der afghanischen Regierung sei ein „verheerender Kommunikationsakt” gewesen. Der Westen habe damit klar gemacht, dass er die selbst aufgebaute Regierung nicht ernst nehme und am langfristigen Überleben zweifle; das habe das Misstrauen der Bevölkerung gegen Kabul weiter verstärkt.
Mit RSM und dem parallelen US-Auftrag „Global War on Terror” (GWOT) hätten zwei sehr unterschiedliche Missionen nebeneinander bestanden. Weder die afghanische Bevölkerung noch UN-Mitarbeiter konnten unterscheiden, welches Kontingent ausbildete und welches kämpfte.
Die Mehrheit der eingesetzten Soldaten habe den Wechsel von „condition based” zu „time based” begrüßt, weil zuvor angestrebte Wirkungen häufig nicht erreicht worden seien und formal kein nächster Schritt möglich war.
Viele Militärs hätten Bedenken gegen die Ausbildung nur in Kasernen und auf Übungsplätzen gehabt. Der Verzicht auf Anleitung, Begleitung und Kontrolle der ANSF im Umgang mit der Bevölkerung und der Verlust von Kontakten zu Gouverneuren, Politikern und Organisationen habe sich beim überstürzten Abzug gerächt.
Die politische Lage sei „angespannt” gewesen (faktisch zwei Regierungschefs, schwieriges Verhältnis zu Pakistan, Einsatzmüdigkeit der truppenstellenden Nationen); die militärische Lage sei dennoch relativ stabil und nicht besorgniserregend gewesen, aus Domröses Sicht „landestypisch relativ sicher”.
Hinweis: Domröses Lagebild („relativ sicher”) steht in deutlicher Spannung zu Petersmanns „Hoffnungslosigkeit / schlechte Sicherheitslage” und Zerbins Beschreibung anhaltender Unsicherheit.