Petraeus: Größter strategischer Fehler: fehlende „strategische Geduld“ und ständige Suche nach Ausweg
Originalstelle
„Wie lange hätte es wohl gedauert? Das weiß ich nicht, das kann man nicht vorhersagen. (…) Aber zu sagen, dass es sich um mehrere Jahrzehnte handelt, oder um Generationen, das wäre vielleicht zutreffender, denke ich. Man muss nur die Geduld dazu haben. (…) Das ist der größte strategische Fehler, denn das ist alles andere als einfach. Offen gesagt, haben wir die Lehren vergessen, die wir in der Vergangenheit in Ländern wie Vietnam auf die harte Tour gelernt haben.“
US-General a. D. David H. Petraeus, Kommandeur USCENTCOM (2008–2010) und ISAF (2010–2011), wertete: Die deutsche Militärseite habe „sehr kompetent“ agiert. Aber der übergeordnete strategische Ansatz, die wiederholte Suche nach einem Ausweg, habe das militärische Vorgehen untergraben. Größter Fehler sei fehlende „strategische Geduld“ gewesen. Man habe in Afghanistan in Generationen denken müssen, nicht in Jahren. Lehren aus Vietnam seien vergessen worden. Doha sei ein „schreckliches diplomatisches Abkommen“ gewesen.
Dokument: Zwischenbericht der Enquete-Kommission „Lehren aus Afghanistan für das künftige vernetzte Engagement Deutschlands“ — Kapitel 5: Die öffentlichen Anhörungen mit externen Sachverständigen
Drucksache: 20/10400
Fundstelle: S. 222 (Dokument insgesamt S. 209–241 (PDF-Seiten 331–363))
Sachverständiger Schetter bezeichnete das Doha-Abkommen als „handwerklich miserabel” und „durchgepeitscht”: Es fehlten Beteiligung der afghanischen Regierung und Zivilgesellschaft, verbindliche Kriterien, Monitoring-Instrumente und ein Stufenplan; der Truppenabzug sei nie mit dem innerafghanischen Friedensprozess gekoppelt worden. Mielke und Petersmann bestätigten dies.
Kaim wertete die US-Abzugsentscheidung im Februar 2020 als „Todesurteil” sowohl für den NATO-Einsatz als auch für die ANSF. Bereits ab diesem Zeitpunkt sei klar gewesen, dass der Abzug rein kalendarisch (nicht konditioniert) erfolgen werde; die NATO sei nicht beteiligt, aber unmittelbar betroffen gewesen.
Die Enquete-Kommission hörte in 11 öffentlichen Sitzungen 35 externe Sachverständige an, darunter ehemalige afghanische Ministerinnen, VN-Sonderbeauftragte, Bundeswehr-Führungskräfte, deutsche Diplomaten, eine Ministerin und zwei Minister sowie einen BND-Präsidenten. Die Kommission stellt ausdrücklich klar, dass sie sich die Bewertungen der Gäste nicht zu eigen macht.
Botschafter a. D. Michael Steiner, 2001 außenpolitischer Berater von Bundeskanzler Schröder, sagte aus: Die Beteiligung Deutschlands am Kampf gegen Al-Qaida und die Taliban sei aus Solidarität mit den USA und wegen der NATO-Beistandspflicht für die Bundesregierung außer Frage gestanden. Er sei wenige Tage nach dem 11.09.2001 im Auftrag des Kanzlers nach New York und Washington gereist.
Generalleutnant a. D. Carl-Hubertus von Butler, Führer des ersten deutschen ISAF-Kontingents, berichtete: Die Bundeswehr habe von Oktober bis Dezember 2001 wenig Zeit für die Planung gehabt; sichtbare operative Vorbereitungen seien wegen des schwierigen politischen Entscheidungsprozesses weitgehend vermieden worden. Das habe die Soldatinnen und Soldaten einem besonderen Risiko ausgesetzt. Mit dem anfänglichen Übergewicht des Militärischen und fehlenden zivilen Kräften habe man eine Chance vertan, die Bevölkerung dauerhaft für das internationale Engagement zu gewinnen.
Steiner hob hervor, dass es 2002 die Fehleinschätzung gegeben habe, Afghanistan sei militärisch erledigt. Die USA hätten sich dem Irak zugewendet. Als „mit Abstand größter Faktor“ in Afghanistan habe das die internationale Aufmerksamkeit massiv reduziert. Deutschland habe damals eine „relativ schmale außenpolitische Achse“ gehabt und sei mit internationalem Terrorismus und Afghanistan völlig unvorbereitet konfrontiert worden.
Prof. Conrad Schetter (BICC) kritisierte: Die kulturelle und ethnische Vielfalt Afghanistans sowie das Stadt-Land-Gefälle seien in der Einsatzvorbereitung zu wenig berücksichtigt worden. Konstante Konflikte um Ressourcen (Wasser, Land, Weiden) seien unterschätzt, die Idee westlicher Staatlichkeit habe für die Mehrheit der Bevölkerung keine Rolle gespielt. Frappierend sei, dass Interventen in vielen Politikfeldern (Sicherheit, Bildung) die gleiche Politik wie die sowjetischen Besatzer der 1980er verfolgt hätten, ohne sich dessen bewusst zu sein. Vorhandene Expertise sei wenig abgefragt worden.