BewertungKap. 3.1 — Wissen, Kontext und AnalyseS. 17
Afghanischer Kontext nicht ausreichend berücksichtigt: Beziehungen, Stämme, lokale Machtzentren prägen Gesellschaft stärker als zentralstaatliche Institutionen
Originalstelle
„Afghanistans kulturelle Gegebenheiten, traditionelle Hierarchien, fragmentierte Sozialstrukturen und politische Machtverhältnisse sowie die vielfach sich überlagernden Interessenskonflikte … wurden von deutscher Seite bei Entscheidungen, insbesondere zum Staatsaufbau, aber auch in der operativen Umsetzung, nicht ausreichend berücksichtigt. … Afghaninnen und Afghanen sehen sich eher ihren Familien, Stämmen, ethnischen oder religiösen Gruppen verbunden und verpflichtet, als gegenüber einem Gesamtstaat, dem nur begrenzte Verantwortungsbereiche zugebilligt werden. In Afghanistan gab es stets mehrere Machtzentren mit regionalen Besonderheiten und indirekter Herrschaft durch Patronage-Systeme.“
Deutsche Entscheidungen, insbesondere zum Staatsaufbau, hätten Afghanistans Kultur, traditionelle Hierarchien, fragmentierte Sozialstrukturen und Machtverhältnisse nicht ausreichend berücksichtigt. Die Funktionsweise der Gesellschaft werde weniger durch Institutionen als durch Beziehungen, Familien-, Stammes- und religiöse Bindungen sowie Patronage-Systeme geprägt; westliche Vorstellungen vom Zentralstaat seien davon stark abgewichen.
Der Vorsitzende Michael Müller hält im Vorwort fest, dass der 20-jährige Einsatz mit der erneuten Machtübernahme der Taliban „letztendlich nicht erfolgreich“ gewesen sei und gerade deshalb Aufarbeitung und Lehren für das künftige außenpolitische Handeln Deutschlands von großer Bedeutung seien.
Über den 20-jährigen Einsatz hinweg mandatierte der Bundestag insgesamt 93.000 Soldatinnen und Soldaten in 76 Kontingenten; 59 deutsche Soldaten starben im Dienst, dazu drei Bundespolizisten sowie vier Mitarbeitende deutscher Hilfs- und Entwicklungsorganisationen. Afghanistan war damit der verlustreichste Einsatz in der Geschichte der Bundesrepublik.
Die Enquete-Kommission hat den Auftrag, das gesamte deutsche außen-, sicherheits- und entwicklungspolitische Handeln in Afghanistan 2001–2021 aufzuarbeiten und Lehren für das künftige vernetzte Engagement zu ziehen. In Phase 1 erfolgte die Bestandsaufnahme (Zwischenbericht 02/2024); in Phase 2 werden konkrete Empfehlungen erarbeitet, der Endbericht wird für Frühjahr 2025 angekündigt.
Die Kommission hat zusätzlich zu den drei Projektgruppen die Themen Korruption und Drogenwirtschaft aufgenommen, weil sie eine positive gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung Afghanistans behinderten. Zu beiden Themen wurde jeweils ein externes Gutachten beauftragt.
Kernbewertung der Kommission: Mit dem Abzug und der Machtübernahme der Taliban 2021 sei Deutschland gemeinsam mit seinen internationalen Partnern strategisch gescheitert, die erzielten Ergebnisse und die gesteckten Ziele dauerhaft abzusichern.
Hinweis: Zu diesem Abschnitt liegt ein Sondervotum der AfD-Abgeordneten Nolte und Wundrak sowie des Sachverständigen Haunreiter vor (vgl. ek-zb-009).