Empfehlung: weniger Ertüchtigungs- und Ausstattungshilfe, denn kostenintensive Bereitstellung schafft Anreize für Zweckentfremdung
Originalstelle
„Die kostenintensive Bereitstellung von Infrastruktur (v.a. Gebäude) und Ausstattung (von Sicherheitstechnik über Einrichtungsgegenstände, Büroausstattungen, PCs, hin zu Uniformen und Kriminaltechnik) birgt Anreize für Zweckentfremdung, Diebstahl, unzureichende Wartung und Pflege unterminiert die Eigenverantwortung bzw. Verantwortungsübernahme der ausgestatteten Partner. … In zukünftigen Engagements darf die Höhe des Mittelabflusses kein Kriterium für den Erfolg von Kriseneinsätzen sein; vielmehr sollte der Erreichungsgrad der angestrebten Wirkungen als Erfolgsindikator dienen.“
Empfehlung: Geber, Ministerien und DO sollten unrealistische Erwartungen durch Train-&-Equip-Maßnahmen mit dominanter Ausstattungshilfe vermeiden. Kostenintensive Bereitstellung von Infrastruktur und Ausstattung schaffe Anreize für Zweckentfremdung, Diebstahl und unzureichende Wartung. Stattdessen: politisch-strategische Ansätze (z.B. Konditionalisierung von Ausstattungshilfen). Erfolg künftiger Einsätze sollte am Erreichungsgrad der Wirkungen gemessen werden, nicht am Mittelabfluss.
Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC) — wissenschaftliches Gutachten im Auftrag des Deutschen Bundestags / der Enquete-Kommission „Lehren aus Afghanistan für das künftige vernetzte Engagement Deutschlands”
Korruption, Klientelismus und Patronage (KKP) seien in allen Gesellschaften vorhanden, dominierten aber besonders in fragilen Staaten mit Bürgerkriegserfahrung, ethno-religiösen Konflikten und schwachen Institutionen. Eliten nutzen KKP zur Machtsicherung. Gleichzeitig untergräbt KKP das Vertrauen in den Staat und führt zu weiterer Instabilität.
Der Kriseneinsatz habe es nicht geschafft, KKP-Logiken durch andere Spielregeln (v.a. Gute Regierungsführung) zu ersetzen. Gegenmaßnahmen begrenzten KKP innerhalb internationaler Organisationen, erwirkten aber kaum Verhaltensänderungen im afghanischen Staatsapparat. KKP sei aber eher Symptom als Ursache für das Scheitern des Einsatzes gewesen.
Alle deutschen Organisationen einschließlich der Bundeswehr hätten bestimmte Patronagesysteme in Afghanistan gefördert; dies habe die sozioökonomische Ungleichheit zwischen Interventionsprofiteuren und der restlichen Gesellschaft verstärkt. Innerhalb der Bundesregierung verfolgten die vier Ressorts unterschiedliche Politiken, die von Ausblendung bis Ambivalenz reichten.
Zu viele Finanzressourcen bei zu geringer afghanischer Absorptionskapazität hätten die „große Korruption” v.a. in den Treuhandfonds befördert. Die größten finanziellen Verluste seien jedoch durch Ressourcenineffizienz entstanden: schlecht geplante oder durchgeführte Projekte, Unterauftragsketten, überhöhte Preise, Geldrückflüsse in die Geberländer.
Im Juli 2010 wurde der Betrugsfall der Kabul Bank, der damals größten Privatbank, bekannt: Sie funktionierte wie ein Schneeballsystem, verlieh hunderte Millionen US-Dollar an fiktive Unternehmen politisch einflussreicher Patronagenetzwerke. Über die Bank flossen US-Gelder für ANSF-Gehälter und wurden teilweise für die betrügerischen Kredite abgezweigt. Hauptbegünstigte waren u.a. Mahmoud Karzai (Bruder des Präsidenten) und Haseen Fahim (Bruder des Vizepräsidenten). Schaden: ca. 982 Mio. US-Dollar.