Empfehlung: klare Entscheidung Stabilisierungs- vs. Transformationspolitik vor Einsatzbeginn
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„Wie die Analyse gezeigt hat, bedarf es für jeden Krisenkontext möglichst vorab einer dezidierten Entscheidung, ob die Überwindung von KKP priorisiert werden soll oder ob KKP und ganz besonders die Dimensionen jenseits der sog. kleinen Korruption weitgehend nicht adressiert werden. … Bei einer Stabilisierungspolitik, wie sie das Auswärtige Amt (2022) definiert, … kann mitunter die Aufrechterhaltung oder die Förderung von KKP legitimieren … Entscheidet sich die Bundesregierung dagegen für eine Transformationspolitik, muss die Überwindung von KKP frühzeitig zur Querschnittsaufgabe erhoben und anschließend mit hoher Priorität durchgehalten werden.“
Empfehlung: Vor jedem Kriseneinsatz muss die Bundesregierung klar entscheiden, ob sie eine Stabilisierungspolitik (kann KKP-Aufrechterhaltung legitimieren) oder eine Transformationspolitik (KKP frühzeitig als Querschnittsaufgabe) verfolgt. Wechsel der strategischen Zielsetzung im Verlauf der Intervention sei kaum noch möglich und mit hohen Kosten und Glaubwürdigkeitsverlust verbunden. Das sei die Lehre aus Afghanistan.
Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC) — wissenschaftliches Gutachten im Auftrag des Deutschen Bundestags / der Enquete-Kommission „Lehren aus Afghanistan für das künftige vernetzte Engagement Deutschlands”
Korruption, Klientelismus und Patronage (KKP) seien in allen Gesellschaften vorhanden, dominierten aber besonders in fragilen Staaten mit Bürgerkriegserfahrung, ethno-religiösen Konflikten und schwachen Institutionen. Eliten nutzen KKP zur Machtsicherung. Gleichzeitig untergräbt KKP das Vertrauen in den Staat und führt zu weiterer Instabilität.
Der Kriseneinsatz habe es nicht geschafft, KKP-Logiken durch andere Spielregeln (v.a. Gute Regierungsführung) zu ersetzen. Gegenmaßnahmen begrenzten KKP innerhalb internationaler Organisationen, erwirkten aber kaum Verhaltensänderungen im afghanischen Staatsapparat. KKP sei aber eher Symptom als Ursache für das Scheitern des Einsatzes gewesen.
Alle deutschen Organisationen einschließlich der Bundeswehr hätten bestimmte Patronagesysteme in Afghanistan gefördert; dies habe die sozioökonomische Ungleichheit zwischen Interventionsprofiteuren und der restlichen Gesellschaft verstärkt. Innerhalb der Bundesregierung verfolgten die vier Ressorts unterschiedliche Politiken, die von Ausblendung bis Ambivalenz reichten.
Zu viele Finanzressourcen bei zu geringer afghanischer Absorptionskapazität hätten die „große Korruption” v.a. in den Treuhandfonds befördert. Die größten finanziellen Verluste seien jedoch durch Ressourcenineffizienz entstanden: schlecht geplante oder durchgeführte Projekte, Unterauftragsketten, überhöhte Preise, Geldrückflüsse in die Geberländer.
Im Juli 2010 wurde der Betrugsfall der Kabul Bank, der damals größten Privatbank, bekannt: Sie funktionierte wie ein Schneeballsystem, verlieh hunderte Millionen US-Dollar an fiktive Unternehmen politisch einflussreicher Patronagenetzwerke. Über die Bank flossen US-Gelder für ANSF-Gehälter und wurden teilweise für die betrügerischen Kredite abgezweigt. Hauptbegünstigte waren u.a. Mahmoud Karzai (Bruder des Präsidenten) und Haseen Fahim (Bruder des Vizepräsidenten). Schaden: ca. 982 Mio. US-Dollar.