BewertungKap. 8.4 — Größenordnung deutsche VerlusteS. 82–83
Analoge SIGAR-Berechnung für Deutschland: ~77–123 Mio. Euro Korruption, 768 Mio.–1,2 Mrd. Euro Ressourcenineffizienz
Originalstelle
„Wendet man diese Prozentsätze auf den Gesamtbetrag der von Deutschland für Afghanistan bereitgestellten Mittel (18,7 Milliarden Euro) an, so ergibt sich, dass insgesamt zwischen 845 Millionen und 1,3 Milliarden Euro durch Verschwendung, Betrug und Missbrauch verloren gegangen sein könnten. … ist der Großteil dieser Verluste auf Verschwendung zurückzuführen (768 bis 1,2 Milliarden Euro), während die verbleibenden 77 bis 123 Millionen Euro durch Betrug und Missbrauch – also Korruption – verloren gegangen sein könnten.“
Analog zu SIGAR-Daten errechnet das BICC für Deutschland: Bei deutschen Gesamtausgaben von 18,7 Mrd. Euro gingen insgesamt 845 Mio.–1,3 Mrd. Euro durch Verschwendung, Betrug und Missbrauch verloren. Verteilung: ~768 Mio.–1,2 Mrd. Euro Verschwendung (4,1–6,6 %) und ~77–123 Mio. Euro Betrug und Missbrauch (Korruption, 0,4–0,7 %). Diese Werte sind „mit großer Vorsicht zu genießen und nicht valide”, da es sich um eine rein analoge Übertragung handelt. Patronage-Kosten sind nicht enthalten.
Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC) — wissenschaftliches Gutachten im Auftrag des Deutschen Bundestags / der Enquete-Kommission „Lehren aus Afghanistan für das künftige vernetzte Engagement Deutschlands”
Korruption, Klientelismus und Patronage (KKP) seien in allen Gesellschaften vorhanden, dominierten aber besonders in fragilen Staaten mit Bürgerkriegserfahrung, ethno-religiösen Konflikten und schwachen Institutionen. Eliten nutzen KKP zur Machtsicherung. Gleichzeitig untergräbt KKP das Vertrauen in den Staat und führt zu weiterer Instabilität.
Der Kriseneinsatz habe es nicht geschafft, KKP-Logiken durch andere Spielregeln (v.a. Gute Regierungsführung) zu ersetzen. Gegenmaßnahmen begrenzten KKP innerhalb internationaler Organisationen, erwirkten aber kaum Verhaltensänderungen im afghanischen Staatsapparat. KKP sei aber eher Symptom als Ursache für das Scheitern des Einsatzes gewesen.
Alle deutschen Organisationen einschließlich der Bundeswehr hätten bestimmte Patronagesysteme in Afghanistan gefördert; dies habe die sozioökonomische Ungleichheit zwischen Interventionsprofiteuren und der restlichen Gesellschaft verstärkt. Innerhalb der Bundesregierung verfolgten die vier Ressorts unterschiedliche Politiken, die von Ausblendung bis Ambivalenz reichten.
Zu viele Finanzressourcen bei zu geringer afghanischer Absorptionskapazität hätten die „große Korruption” v.a. in den Treuhandfonds befördert. Die größten finanziellen Verluste seien jedoch durch Ressourcenineffizienz entstanden: schlecht geplante oder durchgeführte Projekte, Unterauftragsketten, überhöhte Preise, Geldrückflüsse in die Geberländer.
Im Juli 2010 wurde der Betrugsfall der Kabul Bank, der damals größten Privatbank, bekannt: Sie funktionierte wie ein Schneeballsystem, verlieh hunderte Millionen US-Dollar an fiktive Unternehmen politisch einflussreicher Patronagenetzwerke. Über die Bank flossen US-Gelder für ANSF-Gehälter und wurden teilweise für die betrügerischen Kredite abgezweigt. Hauptbegünstigte waren u.a. Mahmoud Karzai (Bruder des Präsidenten) und Haseen Fahim (Bruder des Vizepräsidenten). Schaden: ca. 982 Mio. US-Dollar.