Schätzung: 35–50 % der Hilfsgelder im Interesse einer kleinen Elite, analog 2,7–3,9 Mrd. US-Dollar deutscher ODA
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„So sollen etwa 35 bis 50 Prozent der Hilfsgelder in Afghanistan entsprechend den Interessen einer kleinen Elite verwendet worden sein. Würde man diesen Korridor auf die deutschen ODA-Mittel in Höhe von 7,775 Milliarden US-Dollar während des gesamten Kriseneinsatzes in Afghanistan anwenden, würde dies bedeuten, dass ein Betrag von 2,721 Milliarden US-Dollar bis 3,887 Milliarden US-Dollar zur Stützung gewisser Patronage-Netzwerke verwendet wurde.“
Schätzungen zufolge wurden 35–50 % der Hilfsgelder in Afghanistan im Interesse einer kleinen Elite verwendet (40 % aufgrund von Korruption und Misswirtschaft verloren, 30 % gezielt an Klientelnetzwerke, 30 % an Empfänger ohne politische Befangenheit, laut afghanischem Finanzministerium). Auf die deutschen ODA-Mittel (7,775 Mrd. US-Dollar) übertragen: 2,7–3,9 Mrd. US-Dollar Stützung von Patronagenetzwerken. Dies bedeutet aber nicht zwangsläufig Korruption: Patronage-Projekte können auch erfolgreich gewesen sein.
Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC) — wissenschaftliches Gutachten im Auftrag des Deutschen Bundestags / der Enquete-Kommission „Lehren aus Afghanistan für das künftige vernetzte Engagement Deutschlands”
Korruption, Klientelismus und Patronage (KKP) seien in allen Gesellschaften vorhanden, dominierten aber besonders in fragilen Staaten mit Bürgerkriegserfahrung, ethno-religiösen Konflikten und schwachen Institutionen. Eliten nutzen KKP zur Machtsicherung. Gleichzeitig untergräbt KKP das Vertrauen in den Staat und führt zu weiterer Instabilität.
Der Kriseneinsatz habe es nicht geschafft, KKP-Logiken durch andere Spielregeln (v.a. Gute Regierungsführung) zu ersetzen. Gegenmaßnahmen begrenzten KKP innerhalb internationaler Organisationen, erwirkten aber kaum Verhaltensänderungen im afghanischen Staatsapparat. KKP sei aber eher Symptom als Ursache für das Scheitern des Einsatzes gewesen.
Alle deutschen Organisationen einschließlich der Bundeswehr hätten bestimmte Patronagesysteme in Afghanistan gefördert; dies habe die sozioökonomische Ungleichheit zwischen Interventionsprofiteuren und der restlichen Gesellschaft verstärkt. Innerhalb der Bundesregierung verfolgten die vier Ressorts unterschiedliche Politiken, die von Ausblendung bis Ambivalenz reichten.
Zu viele Finanzressourcen bei zu geringer afghanischer Absorptionskapazität hätten die „große Korruption” v.a. in den Treuhandfonds befördert. Die größten finanziellen Verluste seien jedoch durch Ressourcenineffizienz entstanden: schlecht geplante oder durchgeführte Projekte, Unterauftragsketten, überhöhte Preise, Geldrückflüsse in die Geberländer.
Im Juli 2010 wurde der Betrugsfall der Kabul Bank, der damals größten Privatbank, bekannt: Sie funktionierte wie ein Schneeballsystem, verlieh hunderte Millionen US-Dollar an fiktive Unternehmen politisch einflussreicher Patronagenetzwerke. Über die Bank flossen US-Gelder für ANSF-Gehälter und wurden teilweise für die betrügerischen Kredite abgezweigt. Hauptbegünstigte waren u.a. Mahmoud Karzai (Bruder des Präsidenten) und Haseen Fahim (Bruder des Vizepräsidenten). Schaden: ca. 982 Mio. US-Dollar.