Fehlende Dari- und Paschtu-Sprachkenntnisse: Finanzverwaltung lag in der Hand afghanischer Mitarbeitender, die Kontrolle war stark eingeschränkt
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„Wie in nahezu allen internationalen Organisationen gab es auch in den deutschen kaum internationale Mitarbeitende, die über Dari-/Paschtu-Sprachkenntnisse verfügten. Dies bedingte, dass viele administrative Prozesse wie auch die Kontrollprozesse in der Hand der afghanischen Mitarbeitenden lagen und deren Kontrolle nur sehr begrenzt möglich war. … Da die Quittungen in der Regel auf Dari und in arabischer Schrift ausgestellt wurden, waren die Kontrollmöglichkeiten aufgrund der nicht-vorhandenen Sprachkenntnisse der internationalen Expert:innen sehr eingeschränkt.“
Wenige internationale Mitarbeitende verfügten über Dari- und Paschtu-Sprachkenntnisse; administrative Prozesse und Kontrolle lagen weitgehend in der Hand afghanischer Mitarbeitender. Abrechnungen (Quittungen auf Dari und in arabischer Schrift) konnten kaum überprüft werden und waren das wichtigste Einfallstor für „kleine Korruption”. Wo entsandte Mitarbeitende Sprachkenntnisse hatten, nahm KKP rapide ab. Englischsprachige afghanische Buchhalter:innen waren rar und verfügten über privilegierte Stellungen.
Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC) — wissenschaftliches Gutachten im Auftrag des Deutschen Bundestags / der Enquete-Kommission „Lehren aus Afghanistan für das künftige vernetzte Engagement Deutschlands”
Korruption, Klientelismus und Patronage (KKP) seien in allen Gesellschaften vorhanden, dominierten aber besonders in fragilen Staaten mit Bürgerkriegserfahrung, ethno-religiösen Konflikten und schwachen Institutionen. Eliten nutzen KKP zur Machtsicherung. Gleichzeitig untergräbt KKP das Vertrauen in den Staat und führt zu weiterer Instabilität.
Der Kriseneinsatz habe es nicht geschafft, KKP-Logiken durch andere Spielregeln (v.a. Gute Regierungsführung) zu ersetzen. Gegenmaßnahmen begrenzten KKP innerhalb internationaler Organisationen, erwirkten aber kaum Verhaltensänderungen im afghanischen Staatsapparat. KKP sei aber eher Symptom als Ursache für das Scheitern des Einsatzes gewesen.
Alle deutschen Organisationen einschließlich der Bundeswehr hätten bestimmte Patronagesysteme in Afghanistan gefördert; dies habe die sozioökonomische Ungleichheit zwischen Interventionsprofiteuren und der restlichen Gesellschaft verstärkt. Innerhalb der Bundesregierung verfolgten die vier Ressorts unterschiedliche Politiken, die von Ausblendung bis Ambivalenz reichten.
Zu viele Finanzressourcen bei zu geringer afghanischer Absorptionskapazität hätten die „große Korruption” v.a. in den Treuhandfonds befördert. Die größten finanziellen Verluste seien jedoch durch Ressourcenineffizienz entstanden: schlecht geplante oder durchgeführte Projekte, Unterauftragsketten, überhöhte Preise, Geldrückflüsse in die Geberländer.
Im Juli 2010 wurde der Betrugsfall der Kabul Bank, der damals größten Privatbank, bekannt: Sie funktionierte wie ein Schneeballsystem, verlieh hunderte Millionen US-Dollar an fiktive Unternehmen politisch einflussreicher Patronagenetzwerke. Über die Bank flossen US-Gelder für ANSF-Gehälter und wurden teilweise für die betrügerischen Kredite abgezweigt. Hauptbegünstigte waren u.a. Mahmoud Karzai (Bruder des Präsidenten) und Haseen Fahim (Bruder des Vizepräsidenten). Schaden: ca. 982 Mio. US-Dollar.