Deutsche DO duldeten „kleine Korruption”; die Toleranzschwelle war als unausgesprochener Wissensbestand
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„Wenngleich alle Durchführungsorganisationen betonten, dass sie eine Null-Toleranz-Politik gegenüber KKP fuhren, waren sich auch alle Interviewpartner:innen, mit denen wir sprachen, einig darüber, dass sich KKP nicht völlig vermeiden ließ … Aufgrund der politischen Rahmung (hohen Zeitdruck; Mittelabflussdruck) duldeten viele internationale und deutsche DO die „kleine Korruption“, sofern diese die herrschenden Kontrollsysteme unterlief. So gab es eine gewisse Toleranzschwelle von KKP, die zum unausgesprochenen Wissensbestand deutscher, aber auch internationaler DO gehört, die auch in anderen Weltgegenden Anwendung findet.“
Trotz offizieller „Null-Toleranz-Politik” duldeten deutsche und internationale Durchführungsorganisationen die „kleine Korruption”, sofern sie die Kontrollsysteme unterlief. Eine ungeschriebene Toleranzschwelle gehörte zum „unausgesprochenen Wissensbestand”. Anreizsystem belohnte das Unter-den-Teppich-Kehren: Korruptionsmeldungen brachten Mehrarbeit, Reputationsverlust, Verlust eingearbeiteter Mitarbeitender. Ein:e Praktiker:in meldete „Geisterschule” und erhielt als Antwort: „Bitte solche E-Mails nicht mehr schicken”.
Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC) — wissenschaftliches Gutachten im Auftrag des Deutschen Bundestags / der Enquete-Kommission „Lehren aus Afghanistan für das künftige vernetzte Engagement Deutschlands”
Korruption, Klientelismus und Patronage (KKP) seien in allen Gesellschaften vorhanden, dominierten aber besonders in fragilen Staaten mit Bürgerkriegserfahrung, ethno-religiösen Konflikten und schwachen Institutionen. Eliten nutzen KKP zur Machtsicherung. Gleichzeitig untergräbt KKP das Vertrauen in den Staat und führt zu weiterer Instabilität.
Der Kriseneinsatz habe es nicht geschafft, KKP-Logiken durch andere Spielregeln (v.a. Gute Regierungsführung) zu ersetzen. Gegenmaßnahmen begrenzten KKP innerhalb internationaler Organisationen, erwirkten aber kaum Verhaltensänderungen im afghanischen Staatsapparat. KKP sei aber eher Symptom als Ursache für das Scheitern des Einsatzes gewesen.
Alle deutschen Organisationen einschließlich der Bundeswehr hätten bestimmte Patronagesysteme in Afghanistan gefördert; dies habe die sozioökonomische Ungleichheit zwischen Interventionsprofiteuren und der restlichen Gesellschaft verstärkt. Innerhalb der Bundesregierung verfolgten die vier Ressorts unterschiedliche Politiken, die von Ausblendung bis Ambivalenz reichten.
Zu viele Finanzressourcen bei zu geringer afghanischer Absorptionskapazität hätten die „große Korruption” v.a. in den Treuhandfonds befördert. Die größten finanziellen Verluste seien jedoch durch Ressourcenineffizienz entstanden: schlecht geplante oder durchgeführte Projekte, Unterauftragsketten, überhöhte Preise, Geldrückflüsse in die Geberländer.
Im Juli 2010 wurde der Betrugsfall der Kabul Bank, der damals größten Privatbank, bekannt: Sie funktionierte wie ein Schneeballsystem, verlieh hunderte Millionen US-Dollar an fiktive Unternehmen politisch einflussreicher Patronagenetzwerke. Über die Bank flossen US-Gelder für ANSF-Gehälter und wurden teilweise für die betrügerischen Kredite abgezweigt. Hauptbegünstigte waren u.a. Mahmoud Karzai (Bruder des Präsidenten) und Haseen Fahim (Bruder des Vizepräsidenten). Schaden: ca. 982 Mio. US-Dollar.