Wildwuchs afghanischer Antikorruptionsbehörden: 18 Gremien laut UNAMA 2017, kaum Strafverfolgung
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„Insgesamt entstand im afghanischen Regierungsapparat geradezu ein Wildwuchs an Institutionen, die sich mit Korruption beschäftigten und deren Abgrenzungen und Mandate oftmals unklar blieben. UNAMA (2017) verweist auf 18 verschiedene Gremien und stellt fest, dass die schiere Anzahl der existierenden Antikorruptionsgremien eine große Herausforderung für die Koordinationsbemühungen bedeutete. … Nach einem Bericht von UNDP wurden von fast 2.000 Beschwerden über polizeiliches Fehlverhalten im Zusammenhang mit Korruption an das Büro des Generalinspekteurs des Innenministeriums nur neun bearbeitet (Donati & Shalizi, 2015).“
Auf internationalen Druck schuf die afghanische Regierung seit 2008 zahlreiche Antikorruptionsbehörden; UNAMA zählte 2017 18 verschiedene Gremien mit unklaren Mandaten. Trotzdem grassierte Korruption weiter, die Strafverfolgung blieb schwach: Laut UNDP wurden von fast 2.000 Korruptionsbeschwerden gegen die ANP nur neun bearbeitet. Das Anti-Corruption Justice Centre (ACJC, 2018) war durch externe Einflussnahme und Personalwechsel nur bedingt handlungsfähig. Bekannter Fall: Mohammad Zia Salehi (Berater Karzais) wurde 2010 wegen Bestechung festgenommen und auf Karzais Befehl innerhalb von Stunden wieder freigelassen.
Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC) — wissenschaftliches Gutachten im Auftrag des Deutschen Bundestags / der Enquete-Kommission „Lehren aus Afghanistan für das künftige vernetzte Engagement Deutschlands”
Korruption, Klientelismus und Patronage (KKP) seien in allen Gesellschaften vorhanden, dominierten aber besonders in fragilen Staaten mit Bürgerkriegserfahrung, ethno-religiösen Konflikten und schwachen Institutionen. Eliten nutzen KKP zur Machtsicherung. Gleichzeitig untergräbt KKP das Vertrauen in den Staat und führt zu weiterer Instabilität.
Der Kriseneinsatz habe es nicht geschafft, KKP-Logiken durch andere Spielregeln (v.a. Gute Regierungsführung) zu ersetzen. Gegenmaßnahmen begrenzten KKP innerhalb internationaler Organisationen, erwirkten aber kaum Verhaltensänderungen im afghanischen Staatsapparat. KKP sei aber eher Symptom als Ursache für das Scheitern des Einsatzes gewesen.
Alle deutschen Organisationen einschließlich der Bundeswehr hätten bestimmte Patronagesysteme in Afghanistan gefördert; dies habe die sozioökonomische Ungleichheit zwischen Interventionsprofiteuren und der restlichen Gesellschaft verstärkt. Innerhalb der Bundesregierung verfolgten die vier Ressorts unterschiedliche Politiken, die von Ausblendung bis Ambivalenz reichten.
Zu viele Finanzressourcen bei zu geringer afghanischer Absorptionskapazität hätten die „große Korruption” v.a. in den Treuhandfonds befördert. Die größten finanziellen Verluste seien jedoch durch Ressourcenineffizienz entstanden: schlecht geplante oder durchgeführte Projekte, Unterauftragsketten, überhöhte Preise, Geldrückflüsse in die Geberländer.
Im Juli 2010 wurde der Betrugsfall der Kabul Bank, der damals größten Privatbank, bekannt: Sie funktionierte wie ein Schneeballsystem, verlieh hunderte Millionen US-Dollar an fiktive Unternehmen politisch einflussreicher Patronagenetzwerke. Über die Bank flossen US-Gelder für ANSF-Gehälter und wurden teilweise für die betrügerischen Kredite abgezweigt. Hauptbegünstigte waren u.a. Mahmoud Karzai (Bruder des Präsidenten) und Haseen Fahim (Bruder des Vizepräsidenten). Schaden: ca. 982 Mio. US-Dollar.