„Fasada”: internationale Doppelstandards bedingten rapide Vertrauensverlust der afghanischen Bevölkerung
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„Im Verlaufe der Intervention gewann der Begriff des fasada [moralische Korruption] zunehmend unter Afghan:innen an Bedeutung und kann mit Doppelstandards beschrieben werden, die während des gesamten Kriseneinsatzes zum Tragen kamen. Die internationale Gemeinschaft kooperierte mit den Kriegsfürsten und führte politische Regeln ein, an die sie sich selbst nicht immer hielt. … „Denn die Interventionsmächte, ob Deutschland oder deutsche Akteure oder die USA oder die VN, sie alle tragen zur Entstehung von Korruption bei. Aber sie übernehmen nie die Verantwortung dafür, weil es ein Problem der Afghanen ist. Das ist in gewisser Weise ein sehr koloniales Denken und oft auch Bevormundung““
Der Begriff „fasada” (moralische Korruption) gewann unter Afghan:innen zunehmend an Bedeutung. Er beschreibt die Doppelstandards der internationalen Gemeinschaft: einerseits Transparenz und Rechtsstaatlichkeit predigen, andererseits mit Kriegsfürsten kooperieren und Wahlbetrug vertuschen. Eine afghanische Expertin: „Die Interventionsmächte tragen zur Entstehung von Korruption bei, übernehmen aber nie die Verantwortung — koloniales Denken.” Diese Doppelstandards bedingten einen rapiden Vertrauensverlust der Afghan:innen ins internationale Wiederaufbauversprechen.
Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC) — wissenschaftliches Gutachten im Auftrag des Deutschen Bundestags / der Enquete-Kommission „Lehren aus Afghanistan für das künftige vernetzte Engagement Deutschlands”
Korruption, Klientelismus und Patronage (KKP) seien in allen Gesellschaften vorhanden, dominierten aber besonders in fragilen Staaten mit Bürgerkriegserfahrung, ethno-religiösen Konflikten und schwachen Institutionen. Eliten nutzen KKP zur Machtsicherung. Gleichzeitig untergräbt KKP das Vertrauen in den Staat und führt zu weiterer Instabilität.
Der Kriseneinsatz habe es nicht geschafft, KKP-Logiken durch andere Spielregeln (v.a. Gute Regierungsführung) zu ersetzen. Gegenmaßnahmen begrenzten KKP innerhalb internationaler Organisationen, erwirkten aber kaum Verhaltensänderungen im afghanischen Staatsapparat. KKP sei aber eher Symptom als Ursache für das Scheitern des Einsatzes gewesen.
Alle deutschen Organisationen einschließlich der Bundeswehr hätten bestimmte Patronagesysteme in Afghanistan gefördert; dies habe die sozioökonomische Ungleichheit zwischen Interventionsprofiteuren und der restlichen Gesellschaft verstärkt. Innerhalb der Bundesregierung verfolgten die vier Ressorts unterschiedliche Politiken, die von Ausblendung bis Ambivalenz reichten.
Zu viele Finanzressourcen bei zu geringer afghanischer Absorptionskapazität hätten die „große Korruption” v.a. in den Treuhandfonds befördert. Die größten finanziellen Verluste seien jedoch durch Ressourcenineffizienz entstanden: schlecht geplante oder durchgeführte Projekte, Unterauftragsketten, überhöhte Preise, Geldrückflüsse in die Geberländer.
Im Juli 2010 wurde der Betrugsfall der Kabul Bank, der damals größten Privatbank, bekannt: Sie funktionierte wie ein Schneeballsystem, verlieh hunderte Millionen US-Dollar an fiktive Unternehmen politisch einflussreicher Patronagenetzwerke. Über die Bank flossen US-Gelder für ANSF-Gehälter und wurden teilweise für die betrügerischen Kredite abgezweigt. Hauptbegünstigte waren u.a. Mahmoud Karzai (Bruder des Präsidenten) und Haseen Fahim (Bruder des Vizepräsidenten). Schaden: ca. 982 Mio. US-Dollar.