Afghanistan zwei Jahrzehnte unter den am stärksten korruptionswahrnehmenden Ländern weltweit, 2012/13 auf dem letzten Platz (8/100)
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„Afghanistan gehört seit zwei Jahrzehnten zu den Ländern mit der schlechtesten Korruptionswahrnehmung weltweit. In den zwei Jahrzehnten der Intervention veränderte sich die Einstufung nicht wesentlich; nur einmal verbesserte sich die Punktzahl signifikant (von 11 auf 15 im Jahr 2016).“
Afghanistan rangierte zwei Jahrzehnte unter den Ländern mit der schlechtesten Korruptionswahrnehmung weltweit (Transparency International CPI). 2012 und 2013 belegte Afghanistan den letzten Platz (8/100); nur einmal (2016) verbesserte sich die Punktzahl signifikant von 11 auf 15. 2006–2019 äußerten 9 von 10 afghanischen Bürger:innen Sorge wegen Korruption; 74–84 % sahen Korruption als großes Problem (Asia Foundation).
Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC) — wissenschaftliches Gutachten im Auftrag des Deutschen Bundestags / der Enquete-Kommission „Lehren aus Afghanistan für das künftige vernetzte Engagement Deutschlands”
Afghanistan sei stets unter den zehn korruptesten Staaten weltweit gelistet gewesen (2015–16 letzte Stelle); 2019 sagten mehr als 90 % der Befragten (Asia Foundation), Korruption sei ein Alltagsproblem, für 68 % ein Hauptproblem; >40 % erlebten Korruption bei Polizei und staatlichem Energiekonzern, knapp 40 % im Gesundheitswesen, >50 % im Justizsektor. Nach der Übergabe in Verantwortung 2014 und der absehbaren Doha-Abzugsvereinbarung sei für viele Beamte ein zusätzlicher Anreiz entstanden, vermehrt in die eigenen Taschen zu wirtschaften.
Korruption, Klientelismus und Patronage (KKP) seien in allen Gesellschaften vorhanden, dominierten aber besonders in fragilen Staaten mit Bürgerkriegserfahrung, ethno-religiösen Konflikten und schwachen Institutionen. Eliten nutzen KKP zur Machtsicherung. Gleichzeitig untergräbt KKP das Vertrauen in den Staat und führt zu weiterer Instabilität.
Der Kriseneinsatz habe es nicht geschafft, KKP-Logiken durch andere Spielregeln (v.a. Gute Regierungsführung) zu ersetzen. Gegenmaßnahmen begrenzten KKP innerhalb internationaler Organisationen, erwirkten aber kaum Verhaltensänderungen im afghanischen Staatsapparat. KKP sei aber eher Symptom als Ursache für das Scheitern des Einsatzes gewesen.
Alle deutschen Organisationen einschließlich der Bundeswehr hätten bestimmte Patronagesysteme in Afghanistan gefördert; dies habe die sozioökonomische Ungleichheit zwischen Interventionsprofiteuren und der restlichen Gesellschaft verstärkt. Innerhalb der Bundesregierung verfolgten die vier Ressorts unterschiedliche Politiken, die von Ausblendung bis Ambivalenz reichten.
Zu viele Finanzressourcen bei zu geringer afghanischer Absorptionskapazität hätten die „große Korruption” v.a. in den Treuhandfonds befördert. Die größten finanziellen Verluste seien jedoch durch Ressourcenineffizienz entstanden: schlecht geplante oder durchgeführte Projekte, Unterauftragsketten, überhöhte Preise, Geldrückflüsse in die Geberländer.
Im Juli 2010 wurde der Betrugsfall der Kabul Bank, der damals größten Privatbank, bekannt: Sie funktionierte wie ein Schneeballsystem, verlieh hunderte Millionen US-Dollar an fiktive Unternehmen politisch einflussreicher Patronagenetzwerke. Über die Bank flossen US-Gelder für ANSF-Gehälter und wurden teilweise für die betrügerischen Kredite abgezweigt. Hauptbegünstigte waren u.a. Mahmoud Karzai (Bruder des Präsidenten) und Haseen Fahim (Bruder des Vizepräsidenten). Schaden: ca. 982 Mio. US-Dollar.