2021: 1.818 afghanische und 268 internationale NRO; Karzai: „Drei große Übel: Kommunismus, Terrorismus und NGO-ismus”
Originalstelle
„Im Jahr 1999 gab es 45 NRO (Atmar & Goodhand 2002). Seit 2003 verzehnfachte sich ihre Anzahl. 2021 wurde die Zahl der afghanischen NRO auf 1.818 und der internationalen NRO auf 268 beziffert (SIGAR 23-02-IP, S. 9). … So beklagte Karzai: „The three great evils Afghanistan has faced in its history are communism, and terrorism, and NGO-ism“ (Moballegh, 2021).“
Die Anzahl afghanischer NRO stieg von 45 (1999) auf 1.818 (2021); internationale NRO: 268. Afghanistan wurde als „Republik der NRO” bezeichnet. Viele NRO seien mit politischen Klientelnetzwerken verwoben gewesen oder ethnischen Gruppen zugeordnet; sogenannte „Briefkasten-NRO” seien nur zur Bereicherung an Gebergeldern gegründet worden. Karzai polemisierte: „Die drei großen Übel sind Kommunismus, Terrorismus und NGO-ismus”. Watch-Dog-Funktionen erfüllten IWA, APPRO, EPD, AREU.
Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC) — wissenschaftliches Gutachten im Auftrag des Deutschen Bundestags / der Enquete-Kommission „Lehren aus Afghanistan für das künftige vernetzte Engagement Deutschlands”
Korruption, Klientelismus und Patronage (KKP) seien in allen Gesellschaften vorhanden, dominierten aber besonders in fragilen Staaten mit Bürgerkriegserfahrung, ethno-religiösen Konflikten und schwachen Institutionen. Eliten nutzen KKP zur Machtsicherung. Gleichzeitig untergräbt KKP das Vertrauen in den Staat und führt zu weiterer Instabilität.
Der Kriseneinsatz habe es nicht geschafft, KKP-Logiken durch andere Spielregeln (v.a. Gute Regierungsführung) zu ersetzen. Gegenmaßnahmen begrenzten KKP innerhalb internationaler Organisationen, erwirkten aber kaum Verhaltensänderungen im afghanischen Staatsapparat. KKP sei aber eher Symptom als Ursache für das Scheitern des Einsatzes gewesen.
Alle deutschen Organisationen einschließlich der Bundeswehr hätten bestimmte Patronagesysteme in Afghanistan gefördert; dies habe die sozioökonomische Ungleichheit zwischen Interventionsprofiteuren und der restlichen Gesellschaft verstärkt. Innerhalb der Bundesregierung verfolgten die vier Ressorts unterschiedliche Politiken, die von Ausblendung bis Ambivalenz reichten.
Zu viele Finanzressourcen bei zu geringer afghanischer Absorptionskapazität hätten die „große Korruption” v.a. in den Treuhandfonds befördert. Die größten finanziellen Verluste seien jedoch durch Ressourcenineffizienz entstanden: schlecht geplante oder durchgeführte Projekte, Unterauftragsketten, überhöhte Preise, Geldrückflüsse in die Geberländer.
Im Juli 2010 wurde der Betrugsfall der Kabul Bank, der damals größten Privatbank, bekannt: Sie funktionierte wie ein Schneeballsystem, verlieh hunderte Millionen US-Dollar an fiktive Unternehmen politisch einflussreicher Patronagenetzwerke. Über die Bank flossen US-Gelder für ANSF-Gehälter und wurden teilweise für die betrügerischen Kredite abgezweigt. Hauptbegünstigte waren u.a. Mahmoud Karzai (Bruder des Präsidenten) und Haseen Fahim (Bruder des Vizepräsidenten). Schaden: ca. 982 Mio. US-Dollar.