Integrity Watch 2016: ~2,879 Mrd. US-Dollar Bestechungsgelder pro Jahr, mehr als die Gesamteinnahmen des Staates
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„Eine 2016 von Integrity Watch Afghanistan (2016, S. 23) durchgeführte Umfrage ergab, dass der geschätzte Gesamtwert der Bestechungsgelder, die einfache afghanische Bürger:innen zahlten, bei etwa 2,879 Milliarden US-Dollar lag und damit die Gesamteinnahmen des Landes für das Jahr überstiegen. … Zahlen aus dem Jahr 2018 zeigen, dass etwa 53 Prozent der Afghan:innen Geld zahlen oder Gefälligkeiten leisten mussten, wenn sie mit Gerichten zu tun hatten, 49 Prozent bei Zollämtern, 48 Prozent bei Beamt:innen der Stadt- oder Kreisverwaltung, 46 Prozent beim Provinzgouverneur und 43 Prozent bei der Bewerbung um einen Arbeitsplatz.“
Integrity Watch Afghanistan schätzte 2016 das Gesamtvolumen alltäglicher Bestechung auf ~2,879 Mrd. US-Dollar pro Jahr, also mehr als die Gesamteinnahmen des Staates. 2018 zahlten 53 % der Afghan:innen bei Gerichten Bestechung, 49 % beim Zoll, 48 % bei Stadt- und Kreisverwaltung, 46 % beim Provinzgouverneur, 43 % bei Bewerbungen. Spanne: 60 US-Dollar für Strom bis 340 US-Dollar für Justiz, im Durchschnitt 112 US-Dollar. Das entspricht ~20 % des Pro-Kopf-BIP. Korruption war auf dem Land stärker verbreitet als in den Städten.
Bonn International Centre for Conflict Studies (BICC) — wissenschaftliches Gutachten im Auftrag des Deutschen Bundestags / der Enquete-Kommission „Lehren aus Afghanistan für das künftige vernetzte Engagement Deutschlands”
Afghanistan sei stets unter den zehn korruptesten Staaten weltweit gelistet gewesen (2015–16 letzte Stelle); 2019 sagten mehr als 90 % der Befragten (Asia Foundation), Korruption sei ein Alltagsproblem, für 68 % ein Hauptproblem; >40 % erlebten Korruption bei Polizei und staatlichem Energiekonzern, knapp 40 % im Gesundheitswesen, >50 % im Justizsektor. Nach der Übergabe in Verantwortung 2014 und der absehbaren Doha-Abzugsvereinbarung sei für viele Beamte ein zusätzlicher Anreiz entstanden, vermehrt in die eigenen Taschen zu wirtschaften.
Korruption, Klientelismus und Patronage (KKP) seien in allen Gesellschaften vorhanden, dominierten aber besonders in fragilen Staaten mit Bürgerkriegserfahrung, ethno-religiösen Konflikten und schwachen Institutionen. Eliten nutzen KKP zur Machtsicherung. Gleichzeitig untergräbt KKP das Vertrauen in den Staat und führt zu weiterer Instabilität.
Der Kriseneinsatz habe es nicht geschafft, KKP-Logiken durch andere Spielregeln (v.a. Gute Regierungsführung) zu ersetzen. Gegenmaßnahmen begrenzten KKP innerhalb internationaler Organisationen, erwirkten aber kaum Verhaltensänderungen im afghanischen Staatsapparat. KKP sei aber eher Symptom als Ursache für das Scheitern des Einsatzes gewesen.
Alle deutschen Organisationen einschließlich der Bundeswehr hätten bestimmte Patronagesysteme in Afghanistan gefördert; dies habe die sozioökonomische Ungleichheit zwischen Interventionsprofiteuren und der restlichen Gesellschaft verstärkt. Innerhalb der Bundesregierung verfolgten die vier Ressorts unterschiedliche Politiken, die von Ausblendung bis Ambivalenz reichten.
Zu viele Finanzressourcen bei zu geringer afghanischer Absorptionskapazität hätten die „große Korruption” v.a. in den Treuhandfonds befördert. Die größten finanziellen Verluste seien jedoch durch Ressourcenineffizienz entstanden: schlecht geplante oder durchgeführte Projekte, Unterauftragsketten, überhöhte Preise, Geldrückflüsse in die Geberländer.
Im Juli 2010 wurde der Betrugsfall der Kabul Bank, der damals größten Privatbank, bekannt: Sie funktionierte wie ein Schneeballsystem, verlieh hunderte Millionen US-Dollar an fiktive Unternehmen politisch einflussreicher Patronagenetzwerke. Über die Bank flossen US-Gelder für ANSF-Gehälter und wurden teilweise für die betrügerischen Kredite abgezweigt. Hauptbegünstigte waren u.a. Mahmoud Karzai (Bruder des Präsidenten) und Haseen Fahim (Bruder des Vizepräsidenten). Schaden: ca. 982 Mio. US-Dollar.