Sachverständige:r5.4 — Internationale Koordinierung vernetzter KriseneinsätzeS. 74–75
Erdmann und Laudi: NATO bleibt zentrale Säule europäischer Sicherheit; die GSVP der EU habe „nicht unerheblichem Verbesserungspotenzial”
Originalstelle
„Da aus der Sicht von Martin Erdmann aufgrund der revisionistischen Ambitionen Russlands die Landes- und Bündnisverteidigung höchste Priorität habe, bleibe die NATO die zentrale Organisation, welche die europäische Sicherheit garantiere. Ohne die militärischen Fähigkeiten der USA sei die Europäische Union „nicht nur politisch nicht handlungsfähig“, sondern „auch materiell nicht verteidigungsbereit, ja nicht einmal abschreckungsfähig“. Florian Laudi stimmte zu, dass die Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit Europas durch das transatlantische Bündnis der NATO gewährleistet werden müsse.“
Aus Sicht Erdmanns bleibe die NATO aufgrund der revisionistischen Ambitionen Russlands die zentrale Organisation, die europäische Sicherheit garantiere. Ohne US-Fähigkeiten sei die EU „nicht nur politisch nicht handlungsfähig”, sondern „auch materiell nicht verteidigungsbereit, ja nicht einmal abschreckungsfähig”. Laudi stimmte zu: Die Gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik (GSVP) der EU könne Beiträge zum Internationalen Krisenmanagement leisten, habe hier aber „nicht unerhebliches Verbesserungspotenzial”. Erdmann nannte als Nachteile der GSVP: keine Führungsnation, zu langsame Entscheidungsfindung. Für Kriseneinsätze in der europäischen Peripherie (Westbalkan) müsse sich die GSVP dennoch bereithalten.
Dokument: Abschlussbericht der Enquete-Kommission „Lehren aus Afghanistan für das künftige vernetzte Engagement Deutschlands”, Kapitel 5 — Die öffentlichen Anhörungen mit externen Sachverständigen
Drucksache: 20/14500
Fundstelle: S. 74–75 (Dokument insgesamt S. 68–82 (PDF-Seiten 70–84))
Art des Belegs: wörtliches Zitat
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Sachverständige:r5.1 — Externe Impulse zur Zukunft des integrierten EngagementsS. 68
Philipp Rotmann (Global Public Policy Institute, Berlin) erklärte in der Anhörung am 19.02.2024: Integrierte Strategien benötigten zwei sich ergänzende Elemente: eine systematische länderspezifische Politik („gezielter Einsatz aller relevanten Mittel zum Erreichen eines konkreten Ziels im Einsatzland”) und einen daraus abgeleiteten Strom kontextspezifischer Analysen. Investitionen in Analyse und Evaluierung würden nur dann Wirkung entfalten, wenn ein strategisches politisches Fundament getragen werde.
Rotmann empfahl, in der Regierung zentrale integrierte Strukturen für das Internationale Krisenmanagement zu schaffen, da die Ressorts diese Aufgabe weder allein noch gemeinsam übernehmen könnten. Aus seiner Sicht wäre das Kanzleramt der „logische Ort für eine integrierte Führungsrolle”. Alternativ käme das Modell einer oder eines hochrangigen Sonderbeauftragten der Bundesregierung mit starkem politischen Mandat, Zugang zu Kanzler/-in und Kabinett sowie integriertem Stab aus den Ressorts infrage.
Auch das Parlament benötige laut Rotmann einen zentralen Ort, „wo die Gesamtverantwortung für Erfolg und Scheitern der deutschen Bemühungen um eine bestimmte Krise inhaltlich bearbeitet wird”. Das Gremium müsse genügend Gewicht haben, um Minister/-innen und Staatssekretär/-innen regelmäßig öffentlich zu befragen und strategische Kernfragen nichtöffentlich beraten zu können. Empfohlen wurden entweder die Einrichtung eines gemeinsamen Ausschusses (mit Doppel-Mitgliedschaft in den relevanten Fachausschüssen) oder die federführende Übernahme durch den Auswärtigen Ausschuss.
Rotmann erkannte an, dass die Ressorts in Wissens- und Fehlerkultur in den vergangenen 10 bis 15 Jahren innovativ gewesen seien, jedoch werde „noch nicht in der praxisrelevanten Geschwindigkeit und Zielgerichtetheit” erforscht, welche Maßnahmen zur Konfliktbewältigung funktionierten. Evaluierungen untersuchten oft nicht die richtigen Fragestellungen, weil sie nicht effektiv an die politische Ebene angebunden seien. Das Parlament solle „mit Nachdruck eine stärkere Wirkungsorientierung und Lernkultur einfordern”; Parlament und Exekutive sollten häufiger Auftragsforschung nutzen.
Robin Schroeder (Stabilisation Platform, Berater AA) betonte, Krisenmanagement müsse künftig unter veränderten Rahmenbedingungen gestaltet werden: heterogene, nicht immer gleich gesinnte Akteure; USA stünden für Stabilisierungs-Führung nicht mehr wie bisher zur Verfügung; Bedeutung der VN drohe zu sinken. Von Deutschland werde durch internationale Partner immer häufiger eine koordinierende oder führende Rolle erwartet. Er sprach sich für die Schaffung eines Nationalen Sicherheitsrates aus und befürwortete die Vorschläge von Rotmann.