FeststellungTeil 2, Kap. 7, 2.4.1 — BND-BasisszenarioS. 514–516Anfang August 2021
BND-Basisszenario Anfang August 2021: Einnahme Kabuls vor 11.09. „eher unwahrscheinlich“ (20–50 %)
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„Und wir haben daraus gesagt: Es dauert 30 bis 90 Tage. - Und wir haben dann gesagt: Für uns ist es eher unwahrscheinlich, dass die Taliban vor diesem Termin Kabul einnehmen.“
Zeuge O. W. (BND, Sachgebietsleiter): Der BND hielt Anfang August eine Einnahme Kabuls vor dem 11.09.2021 für „eher unwahrscheinlich“ (in BND-Terminologie: 20–50 % Eintrittswahrscheinlichkeit). Grundlage: Taliban-Sprecher Schahin hatte angekündigt, Kabul nicht militärisch einzunehmen, sondern in 30–90 Tagen „friedlich übernehmen“ zu wollen, bestätigt durch ND-Aufkommen Anfang August. US-Präsident Biden hatte den 11.09. als Endabzugsdatum genannt; aus innenpolitischen Gründen sei für die USA ein Talibanflagge-Szenario am 9/11 „fatal“.
Mit dem 29.06.2021 endete die deutsche Truppenpräsenz in Afghanistan. Während die internationalen Truppen abzogen, bauten die Taliban im Rahmen einer „Frühjahrsoffensive“ ihre Raumkontrolle aus.
Am Abend des 03.08.2021 zündete ein Selbstmordattentäter vor dem Haus des afghanischen Verteidigungsministers in unmittelbarer Nähe der Green Zone in Kabul; mindestens acht weitere Menschen wurden getötet. Geschäftsträger van Thiel war über die Reaktion der Staatssekretärin Leendertse, die seinen Bericht zunächst angezweifelt habe, „tief überrascht“; sie habe „unter wahnsinnigem Druck aus dem BMI“ gestanden, einen geplanten Abschiebeflug durchzuführen.
Ab 06.08.2021 fielen in rascher Folge Provinzhauptstädte an die Taliban: Bis 10.08. acht von 34, am 12.08. fiel die strategisch wichtige Stadt Ghazni (~180.000 Einwohner); innerhalb einer Woche waren es insgesamt zehn Provinzhauptstädte.
In einer Ministervorlage des AA-Länderreferats Afghanistan an Außenminister Maas vom 11.08.2021 wurden drei Szenarien skizziert: (1) militärische Machtübernahme der Taliban als „sehr reale Möglichkeit“ (Emirat 2.0); (2) verhandelte Machtübergabe nach Einkesselung Kabuls; (3) Bürgerkrieg oder Verhandlungslösung, als „eher unwahrscheinlich“ eingestuft.
Der damalige Krisenbeauftragte des AA Dr. Diehl warnte in einer Vorlage vom 11.08.2021: Eine Evakuierung sei ohne den Flughafen Kabul (HKIA) nicht möglich; eine andauernde deutsche Präsenz in Kabul sei ohne US-Botschaft nicht möglich; bei Verpassen des Entscheidungspunktes sei eine Evakuierung de facto nicht mehr durchführbar.