SIGAR-Thesen: 6+6 Faktoren für den Zusammenbruch von afghanischer Regierung und ANDSF
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„Für den Zusammenbruch der afghanischen Regierung werden in der Stellungnahme folgende Faktoren genannt: 1. Die afghanische Regierung glaubte nicht, dass die USA tatsächlich abziehen würden … 2. Die afghanische Regierung wurde durch den Ausschluss von den Gesprächen zwischen den USA und den Taliban geschwächt und unterminiert. … Die dargelegten Thesen zum Zusammenbruch der afghanischen Sicherheitskräfte lauten folgendermaßen: 1. Das Abkommen zwischen den USA und den Taliban und der anschließende Abzug der amerikanischen Streitkräfte und Vertragsnehmer zerstörten die Moral der ANDSF. …“
Sopko und Young (SIGAR) fassten in ihrer Stellungnahme jeweils sechs Faktoren zusammen. Regierungszusammenbruch: (1) Regierung glaubte nicht an US-Abzug; (2) Schwächung durch Ausschluss aus US-Taliban-Gesprächen; (3) Beharren auf Taliban-Integration; (4) Taliban nicht kompromissbereit; (5) Ghani regierte mit engem Loyalistenkreis; (6) starke Zentralisierung, Legitimitätsringen, endemische Korruption. ANDSF-Zusammenbruch: (1) Abkommen zerstörte ANDSF-Moral; (2) Streichung US-Luftschläge; (3) ANDSF nie selbsterhaltend; (4) Politisierung und häufiger Austausch der Sicherheitschefs; (5) kein nationaler Sicherheitsplan; (6) Taliban nutzten ANDSF-Schwächen effektiv aus.
Aus 20 Jahren Wiederaufbau identifiziert SIGAR sieben zentrale Lehren: (1) chronische Schwierigkeiten, eine kohärente Strategie zu erarbeiten und umzusetzen; (2) systematische Unterschätzung der Zeit, unrealistische Fristen, schnelle Ausgaben förderten Korruption und reduzierten Effektivität; (3) viele Institutionen und Infrastrukturprojekte waren nicht tragfähig; (4) kontraproduktive zivile und militärische Personalpolitik; (5) anhaltende Unsicherheit untergrub Wiederaufbau; (6) US-Regierung verstand den afghanischen Kontext nicht; (7) Monitoring und Evaluation reichten selten aus, um Wirkungen zu verstehen.
Die Taliban hätten als Freiwilligenarmee aus überwiegend paschtunischen, religiös gleich geschulten Männern für Religion, Land und Familie gekämpft, meist Schulter an Schulter mit Brüdern und Cousins; die ethnische Heterogenität der ANDSF dagegen sei in ihrer Bedeutung für den Einheitszusammenhalt von US-Beamten unterschätzt worden.
Der Ausschuss stellt fest: Mit Doha (29.02.2020) stand für die RSM ein Abzugstermin im Raum, ohne dass die NATO selbst entschieden hatte. Erst am 14.04.2021 beschloss der Nordatlantikrat das Ende der RSM. Der Ausschuss untersucht, wie es dazu kam, welche Rolle die USA spielten und welchen Einfluss die Bundesregierung hatte.
Im Februar 2020 bestand die RSM aus 16.551 Soldat:innen aus 38 NATO-Staaten und Partnern. Größtes Kontingent: USA mit 8.000. Deutschland war zweitstärkster Truppensteller und übernahm als Rahmennation die Gesamtverantwortung für TAAC-North (Masar-i-Scharif); Mandatsobergrenze zuletzt 1.300 Soldat:innen. Chef des Stabes im RSM-Hauptquartier Kabul war ein deutscher Generalleutnant (Marlow, dann Poschwatta).
Der RSM-Operationsplan sah drei Phasen vor (A: Speichenmodell; B: Kabul-zentriert; C: Abzug); bis Doha sei er „konditioniert“ gewesen: Phasenwechsel hingen vom Erfüllen bestimmter Voraussetzungen ab, u. a. Stabilisierung der Lage und Operationsfähigkeit der ANDSF. Mit Doha sei laut Zeugen S. (Ständige Vertretung NATO) ein „fundamentaler Wandel“ eingetreten, weg vom Conditions-based hin zum kalenderbasierten Ansatz.
Unmittelbar nach Doha begann als Phase A light die im Abkommen vereinbarte Truppenreduzierung der ersten 135 Tage (bis 31.07.2020). Das Nabe-Speichen-System blieb erhalten; reduziert wurde innerhalb dieses Modells. Im deutschen Kontingent wurden coronabedingt zunächst 80 besonders gefährdete Soldat:innen zurückverlegt, die nicht mehr wiederkamen; weitere Einsparungen erfolgten u. a. im Stab und bei Force Protection (z. B. Reduzierung des Advisings in Maimana und Kunduz).
Aus einem Vermerk des BKAmt zur Ressortbesprechung vom 04.03.2020 geht hervor: Die NATO sei später als Deutschland informiert worden; der deutsche Afghanistan-Sonderbeauftragte Potzel habe, anders als andere Staatenvertreter, Einblick in die noch nicht versandten Annexe erhalten, weshalb man der Phase A light grundsätzlich zustimmen konnte. Eine DKOR der Ständigen Vertretung bei der NATO vom 26.03.2020 dokumentiert zugleich die Einigkeit unter den Alliierten, dass weitere Schritte über Phase A light hinaus an Bedingungen geknüpft sein sollten.