„Pakistan habe ein starkes Interesse an einer schwachen afghanischen Regierung gehabt und deshalb die Taliban „massiv unterstützt”. Der Iran habe hingegen die schiitische Minderheit, die sog. Hazara, in Afghanistan unterstützt. … Die „pakistanische Armee und der Geheimdienst” hätten die „Talibanbewegung” laut Stellungnahme der Sachverständigen Dr. Mielke „maßgeblich organisatorisch und durch die Kanalisierung internationaler Gelder unterstützt”.“
Die Sachverständigen bestätigten: Pakistan habe ein Interesse an einer schwachen afghanischen Regierung und die Taliban massiv unterstützt (Armee und Geheimdienst, Kanalisierung internationaler Gelder); der Iran habe die schiitische Hazara-Minderheit unterstützt; Petersmann hob hervor, dass auch Indien, China, Russland und die Golfstaaten relevante externe Akteure waren.
Hinweis zur Einordnung: Marty widersprach in seiner Stellungnahme der Mehrheitssicht und nannte Pakistans Einfluss „maßlos übertrieben”; diese abweichende Einordnung ist in `stn-marty-015` dokumentiert.
Pakistanische sunnitische Medresen hatten unter Afghan:innen einen guten Ruf; Pakistan und islamistische Akteure aus den Golfstaaten hätten große Teile der Flüchtlingsbevölkerung radikalisiert. Teile der Talibanbewegung seien das Resultat. Die pakistanische Armee und der Geheimdienst hätten die Taliban maßgeblich organisatorisch und durch die Kanalisierung internationaler Gelder unterstützt (Giustozzi 2019); religiöse und wirtschaftliche Netzwerke erklärten die Resilienz der Bewegung.
Pakistan habe das Wiedererstarken der Taliban relativ unverhohlen unterstützt (Rückzugsräume, Ressourcen); Verbindungen zur afghanischen Zivilgesellschaft bestünden über (a) NGOs, (b) paschtunische Händlerfamilien im Transportsektor und (c) religiöse Netzwerke (Sufi-Gemeinschaften, Wanderprediger, Medresen mit Zentren in Pakistan). Einige (nicht alle) dieser Netzwerke spielten beim Ausgreifen der Taliban eine wichtige Rolle.
Marty argumentiert, dass Pakistans Einfluss auf die Taliban regelmäßig maßlos übertrieben werde. Beispiele: die Taliban unterstützen mit TTP einen Erzfeind des pakistanischen Staates, pakistanisch eingefädelte Murree-Verhandlungen 7/2015 scheiterten, das politische Büro wurde bewusst in Doha eröffnet. Auch der frühere US-NATO-Botschafter Douglas Lute habe konstatiert, dass die meisten Taliban-Kämpfer in „Gehdistanz” ihrer Häuser kämpften; die Mythologie pakistanischer „Horden” sei nie belegt worden.
Hinweis: Marty steht hier deutlich gegen Mielke, Kaim und Schetter, die Pakistans Rolle (ISI-Unterstützung, Haqqani-Netzwerk, Medresen-Pipeline) als zentral darstellen. Beide Sichten gehören in den Datenbestand.
Den externen Einfluss auf Pakistan und Iran zu reduzieren sei falsch, denn auch Indien, China, Russland und die Golfstaaten seien relevant; geografisch sei Afghanistan strategisch für viele Staaten bedeutend, deren Ziele sich diametral widersprächen (Pakistan und Indien), und ohne einen nachhaltigen Friedensprozess Indien–Pakistan bleibe Afghanistan Schauplatz fremder Konflikte.
Das Doha-Abkommen wurde am 29.02.2020 von US-Sondergesandtem Khalilzad und Taliban-Doha-Bürochef Baradar unterzeichnet. Das ist der kalendarische Ausgangspunkt des Untersuchungszeitraums; erstmals stand ein konkreter Abzugstermin der internationalen Truppen (30.04.2021) im Raum.
Zum Zeitpunkt des Doha-Abkommens habe es keine neue afghanische Regierung gegeben, nur eine geschäftsführende. Die Wahlkommission bestätigte erst am 18.02.2020 das vorläufige Ergebnis: Ghani 50,6 %, Abdullah 39,5 %. Abdullah bezeichnete das Verfahren als „Farce” und kündigte eine Parallelregierung an. Zitiert wird der Zeuge Dr. Krebber (BKAmt) sowie eine Merkel-Vorlage vom 26.02.2020.
Aus BMVg-Sicht (Oberstleutnant i. G. G.) habe zum Zeitpunkt von Doha ein „strategisches Patt” bestanden (Taliban ~60.000 Kämpfer, ANSF ~300.000 Soldat:innen). Die Taliban-Raumkontrolle lag laut BND (H. H.) im Februar 2020 bei etwa 40 % der Landesfläche. Bekannt war, dass die ANSF langfristig auf externe Unterstützung (Ausbildung und Finanzierung) angewiesen sein würden.
Hinweis: BND-Wert ~40 % weicht von Mielkes 60 % und Martys <10-%-vollständige-Kontrolle ab. Dokumentiert sind drei unterschiedliche Lagebilder.
Die Taliban hätten konstant auf die Taktik „Fight and Talk” gesetzt: Vor jeder Verhandlungsrunde sei der Kampfdruck erhöht worden, um Stärke zu demonstrieren. Das bestätigten BMVg-Zeugen Oberstleutnant i. G. G. und Generalleutnant Schütt.
Feststellung des Ausschusses: Weder die afghanische Regierung noch die NATO-Alliierten waren an Doha beteiligt; parallel sei am 29.02.2020 eine Joint Declaration USA–Afghanistan unterzeichnet worden, in der die afghanische Regierung die Inhalte bestätigte. Die Bundesregierung erhielt die finale Version laut Vorlage an Außenminister Maas (04.03.2020) erst am Tag vor der Unterzeichnung.